Hallo.
Ich wundere mich immer wieder über die Worte „Migrant“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“.
Früher hießen solche Menschen Ein- bzw. Auswanderer. Warum benutzt man heutzutage diese lateinischen Vokabeln?
Ich gehe davon aus, daß die meisten, die mit diesen Worten benannt werden, nicht Latein können. Aber vielleicht Deutsch.
Besonders das Wort Migranten (auf Deutsch Wanderer) ist doch in solchen Zusammenhängen nichtssagend und sinnlos.
Mit gleichem Recht könnte man ja unsere heimischen Wandervereine in „Migrantenvereine“ umbenennen.
Ein Einwanderungsland wäre demzufoge ein Migrantionsland!
Welch ein sprachlicher Unsinn!
Denkt doch mal darüber nach.
Gruß
Jochen
Hi,
das ist eine Zusammenfassung aus Emigranten und Immigranten, gemeinsamer Stamm: Migranten. Das ist sozusagen der Oberbegriff.
Habe gerade in meinen beiden Duden (ein aktueller und ein ca. 25 Jahre alter aus der DDR) nachgeschlagen. Die definieren Migration als biologische und soziologische Wanderung. Man beachte die Adjektive - es geht um Fachausdrücke, spezifische Bezeichnungen, neue / andere Bedeutungen - eine spezielle Art von Wanderung. Es ist ja eine neue erfindung, dass wir uns nicht zu Fuß fortbewegen, wenn wir umziehen. Deswegen kann ich Immigranten Einwanderer nennen, und Emigranten Auswanderer. Aber jemand, der seinen Lebensmittelpunkt nach Jamaika verlewgt, um eine Strandbar aufzumachen und dort alt zu werden, ist kein Wanderer, und jemand, der zu Fuß auf die Zugspitze oder durch die Lüneburger Heide marschiert, ist kein Migrant. Auch die Bayern nennen einen Bayern, der einen ausgedehnten Spaziergang in den Thüringer Walds unternimmt, nicht Emigrant 
Ob nun Migrationshintergrund so ein glücklich gewählter Begriff ist, nun ja. Aber sie migrieren, sie wandern nicht. Wenn du dann einen konkreten Menschen hast, kannst du dich entscheiden, je nachdem, was du mitteilen möchtest: Er ist nach Deutschland immigriert. Er ist aus XY emigriert. Alles eine Frage der Perspektive.
Und Deutschland ist ein Migrationsland. Wie die USA und Großbritannien.
Die Franzi
Moin Jochen,
das ist m.E. ein Ausdruck, der der „political correctness“ zuzurechnen ist.
Es fallen ja nicht nur die Einwanderer darunter, die aus der Türkei, aus Italien, Spanien, anderen EU-Ländern zu uns kommen und sich hier ansässig machen.
Vor allem sind damit ja jene gemeint, die aus politischen, wirtschaftlichen, religiösen oder anderen sozialen Gründen ihr Land verlassen haben und möglicherweise wieder dorthin zurückkehren werden.
„Fremdarbeiter“ ist pfui, „Gastarbeiter“ ist bäh, „Ausländische Mitbürger“ ist falsch, denn Bürger und Mitbürger kann nur sein, wer Deutscher und eben nicht Ausländer ist.
Und da hat dann irgendein Beamtenhirn (Ich schätze mal Besoldungsgruppe A 16) einen Ausdruck gefunden, der jeden emotionalen Gehaltes bar ist. Dass dies schlechtes Deutsch ist, muss ihn nicht bekümmern, denn seine Aufgabe ist nicht, gutes Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Seine Aufgabe ist, menschliche Schicksale in bürokratisch unanfechtbare Termini zu pressen.
Dieser Ausdruck ist nun mal in der Welt, und wir werden ihn nicht wieder hinausbefördern können. Wir können uns allenfalls weigern, ihn zu benutzen und auf diese Weise beginnen, Mauern gegen die Unmenschlichkeit aufzurichten.
Gruß - Rolf
Hi,
das ist m.E. ein Ausdruck, der der „political correctness“
zuzurechnen ist.
Ist es m.E. nicht. Leute, die auf der Suche nach Arbeit herkommen, oder ihrem Ehepartner hierher folgen, oder vor politischer Verfolgung nach Deutschland flüchten - alle sind aus der Perspektive Deutschlands Immigranten, weil sie sich nach Deutschland herein (im-) bewegen (-migrieren). Aus der Sicht ihres Heimatlandes sind diese Leute aber Personen, die sich aus (ex-, also e-) bewegen, also emigrieren. Welcher Begriff ist nun richtiger? Um Verwirrung vorzubeugen, die Zusammenfassung. Man spart 1-2 Buchstaben beim Schreiben und eine Silbe beim Sprechen.
Gastarbeiter gibt es heute ja auch keine mehr in dem Sinne, wie das in den 40er 50er und 60er Jahren der Fall war. Und Ausländer trifft ja auch auf Touristen zu, die sind aber weder E- noch Immigranten, zumindest nicht in Bezug auf Deutschland.
Die Franzi
Hallo, ich bin’s nochmal
Die beiden Wörter Einwanderer und Auswanderer sind doch aussagekräftig genug.
Und statt den verquasten Ausdruck „Menschen mit Migrationshintergrund“ zu benutzen, könnte man doch auch sagen: „Kinder von Einwanderern“.
Gruß
Jochen
Hallo,
Noch eine Anmerkung zum Thema „Deutsche Sprache“ :
„Migrant“ ist ja Partizip Präsens (migrans - wandernd).
Sobald er dann zu wandern aufhört und sich irgendwo niederlässt, ist er doch eigentlich ein „Migrat“ (Partizip Perfect - migratus - gewandert").
MfG
Klaus
Hi,
ich bin ja eigentlich auch nicht so der Fan von Wortneuschöpfungen, die möglichst lateinisch klingen und / oder politisch korrekt sind oder was auch immer.
Hier aber ist wohl die Sprachökonomie der Hauptgrund. Ein Russe z.B. der, sagen wir im Alter von 21 hier herkommt und arbeitet - ist das eher jemand, der sein Land verlassen hat (ein Emigrant bzw. Auswanderer), oder jemand, der zu uns gekommen ist (ein Immigrant bzw Einwanderer)? Stellen wir uns mal vor, aus beiden Gruppen gibt es welche in Deutschland, die eindeutig zu dieser oder jener gruppe gehören. „Die Einwanderer und Auswanderer“ oder „Die Ein- und Auswanderer“ ist umständlich, „Wanderer“ sind sie nicht (außer vielleicht gelegentlich in der Freizeit), „Migranten“ geht aber sehr wohl. Viel platz- und zeitsparender!
Dann bekommt er mit seiner Frau ein Kind, das wird hier in Deutschland geboren und wächst hier auf. Klar, das Kind ist nirgendwo ein- oder ausgewandert, aber es unterscheidet sich doch von Kindern deutscher Eltern, es macht andere Erfahrungen (wie gut sprechen seine Eltern deutsch, welche Lebenserfahrungen haben sie gemacht, wie gut kennen sie sich in Deutschland aus … ok, separate Diskussion das alles, aber nur um es mal anzureißen). Sind sie nun Kinder von Einwanderern, oder Kinder von Auswanderern? Und wann hören wir auf, jemanden als Ein- (Aus-)wanderer wahrzunehmen? Nach 10 Jahren? Gar nicht? Oder sind es eher fließende Übergänge? Wenn jemand im Alter von 1 Jahr mit seinen Eltern nach Deutschland kommt, wäre er nach deiner DEfinition ein „Ein- oder Auswanderer“ und seine Kinder, die er in 30 Jahren hat, sind Einwandererkinder. Genauso wie die kinder von jemandem, der mit 21 einwandert und zwei jahre später hier eine Familie gründet. Das werden mit großer Wahrscheinlichkeit zwei extrem verschiedene familiäre Situationen und Lebensgeschichten, warum nicht ein präziseres Wort nehmen, anstatt alle mit einem gleichen Label zu versehen? „Migrationshintergrund“ läßt ja viel mehr spielraum zu als „Einwanderer“ und „Einwandererkind“.
Warum sagen wir Computer und nicht Rechner? „to compute“ heißt auch nichts anderes als „berechnen“. Warum haben wir wireless LAN statt eines kabellosen Netzwerks? Babys statt Säuglingen? … Da kann man mal diskutieren. Oder eben auch nicht 
Die Franzi
Mahlzeit,
„Migrant“ ist ja Partizip Präsens (migrans - wandernd).
Sobald er dann zu wandern aufhört und sich irgendwo
niederlässt, ist er doch eigentlich ein „Migrat“ (Partizip
Perfect - migratus - gewandert").
genau. Vielleicht möchte man nicht sehen, daß sich die Migranten niedergelassen haben, und lebt in der Hoffnung, daß sie weiter migrieren werden?
Gruß
Sancho
Migrant seit 24 Jahren
Genau
Vielleicht möchte man nicht sehen, daß sich die
Migranten niedergelassen haben, und lebt in der Hoffnung, daß
sie weiter migrieren werden?
Eben. Bei ‚Migranten‘ handelte es sich (bevor der Begriff via Medien in die Umgangssprache eingesickert ist) um eine offizielle Sprachregelung, deren Zweck es vor allem war, den Begriff ‚Einwanderer‘ sorgfältig zu vermeiden.
Das stammt noch aus der Zeit (falls sie denn tatsächlich vorbei sein sollte), als ein Großteil unserer politischen Kaste zäh an der Fiktion festhielt, Deutschland sei kein Einwanderungsland; die ‚Migranten‘ säßen hier praktisch auf gepackten Koffern und wenn nicht, müsse man ihnen beim Packen helfen.
Freundliche Grüße,
Ralf
Hi,
hübsche Idee. Warum gibt es dann aber in GB und vor allem den USA nur immigrants? Die verwenden auch das gleiche lateinische Wort mit dem gleichen grammatischen Problem, die haben gar keine Alternative (außer foreigner … oder tourist … die aber mehr oder weniger ungeeignet sind). Und vor allem die USA würden ja ohne Einwanderer gar nicht existieren.
Die Franzi
Hi Franzi,
Warum gibt es dann aber in GB und vor allem den
USA nur immigrants?
es gibt dort sowohl ‚immigrants‘ wie auch ‚emigrants‘. Und ‚migrants‘ ebenfalls und wenn das noch nicht reicht auch ‚remigrants‘. Bei Zweifeln bitte im Fremdsprachenbrett nachfragen.
Freundliche Grüße,
Ralf
Hi,
ich wußte ich würde es wieder bereuen … -.-
Die Ursprungsfrage war ja (und die hab ich frecherweise als bekannt vorausgesetzt), warum man im Deutschen ein lateinstämmiges wort benutzt (Migrant, Migrationshintergrund, Immigrant, Emigrant und die jeweiligen Pluralformen) statt der deutschen Begriffe Einwanderer und Auswanderer samt Ableitungen.
Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es im englischsprachigen Raum nur die lateinischstämmigen Begriffe gibt - immigrant(s), emigrant(s), immigration, emigration, und selbstverständlich remigrant(s).
die Franzi
Hi
Die Ursprungsfrage war ja (und die hab ich frecherweise als
bekannt vorausgesetzt), warum man im Deutschen ein
lateinstämmiges wort benutzt (Migrant, Migrationshintergrund,
Immigrant, Emigrant und die jeweiligen Pluralformen) statt der
deutschen Begriffe Einwanderer und Auswanderer samt
Ableitungen.
warum man den Begriff ‚Migrant‘ statt ‚Einwanderer‘ benutzt (um soche handelt es sich ja in der Regel) habe ich ja versucht, zu erklären. Warum man als Oberbegriff für Ein- und Auswanderer das Fremdwort ‚Migrant‘ benutzt, wurde hier im Verlauf der Diskussion ja auch schon angesprochen - weil kein adäquater deutscher Oberbegriff existiert bzw. ‚Wanderer‘ im Deutschen bereits mit einer sehr spezifischen Bedeutung besetzt ist und somit missverständlich wäre.
Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es im
englischsprachigen Raum nur die lateinischstämmigen Begriffe
gibt - immigrant(s), emigrant(s), immigration, emigration, und
selbstverständlich remigrant(s).
Das kam in dieser verkürzten Formulierung
Warum gibt es dann aber in GB und vor allem den USA nur immigrants?
aber irgendwie nicht so recht rüber. Zumal mir nicht ganz klar ist, was die Frage, warum Engländer und Amerikaner für Ein- und Auswanderer lediglich Lehnwörter haben, mit diesem Thread im allgemeinen und meiner Einlassung im speziellen zu tun hat. Mea culpa?
Freundliche Grüße,
Ralf