Warum ist 'gute' Literatur so

Hallo,

neulich fragte ich mich, warum „gute“ Literatur immer so deprimiert. Es drängt sich der Eindruck auf, dass vorrangig von Kaputtniks in desolaten Situationen geschrieben wird, die scheußliche Sachen machen oder mit denen scheußliche Sachen gemacht werden

Ich lese wenig Belletristik, aber an folgende Bücher aus der „Weltliteratur“ oder der Spiegelbestsellerliste erinnere mich noch - ungut.

  • Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
  • Madame Bovary
  • Elementarteilchen
  • Das Parfüm
  • Das Boot
  • 1984

Auch Fantasy wie Herr der Ringe oder Harry Potter finde ich unerträglich.

Warum ist Literatur, die als mehr oder weniger hochrangig angesehen wird, so traurig, deprimierend, abstoßend? Gibt es in der Literatur auch Produkte, die einfach schön sind und dem Rezipienten wohl tun, so wie in der Musik z. B. die Brandenburgischen Konzerte?

Danke für Kommentare und Hinweise - dalga

Hallo,

irgendein Grieche (ich glaub Aristoteles) hat mal gesagt, dass der Mensch nur an Tragödien wächst.

Wir menschen machen werke wie Madame Bovary oder 1984 zu bestsellern weil wir etwas in ihnen sehen und sie uns berühren. natürlich ist der Madame Bovary traurig (hab geweint wie ein schlosshund als sie starb) und 1984 düster und doch irgendwie wahr. ich glaube es bringt uns menschen nichts wenn wir nur werke lesen bei denen es immer eitelsonnenschein ist, weil wir es eigentlich besser wissen und das leben eben auch traurig, brutal und demprimierend sein kann. an solchen werken erkennen wir einfach unser eigenes leben viel besser als an sonnigen werken. weil z.B. das problem von emma bovary auch heute noch viele frauen & Männer teilen.

gruß
nadine

Hallo Dalga -

zu Nadines sehr treffenden Anmerkungen passt, womit ein Tolstojscher Klassiker beginnt (sinngemäß): Alle glücklichen Familien sind einander gleich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre ganz eigene Weise unglücklich.

So ziemlich jede über das Triviale hinausgehende Romanhandlung entspinnt sich an Konflikt. Das bedeutet nicht: je größer die Katastrophe, desto besser der Roman. Aber es bedeutet, daß fast jeder ‚Klassiker‘ mindestens ein wesentliches dramaturgisches Element enthält, das eine heile Idealwelt bedroht oder zusammenbrechen läßt.

Ein Ausnahmegenre mag m.E. das Genre der ethnographischen Literatur und/oder der Reiseliteratur bieten. Obschon es auch darin oft um Konflikte, Probleme etc. geht, halte ich doch viele Klassiker in diesem Bereich für durchaus positiv gestimmte, teils auch heitere Bücher.

Suzuki, Leben unter dem Schnee
Turi, Erzählungen vom Leben der Lappen
Synge, Die Aran-Inseln
Böll, Irisches Tagebuch
Chatwin, Traumpfade
etc.

Ferner gibt es das Problem, daß sich im Zuge der Intellektualisierung und Akademisierung des Bücherlesens dummerweise eingebürgert hat, sich zu verbieten, hochwertige Literatur als humoristisch zu lesen - selbst wenn sie offenbar so gemeint ist. Denn was ist mir Sternes „Tristram Shandy“? Und Fieldings „Tom Jones“? Und auch Joyce hat sich zu Lebzeiten darüber aufgeregt, daß etwelche Literaturprofessoren darauf bestanden, den „Ulysses“ nicht als das zu lesen, als was es Joyce u.a. gemeint hatte, nämlich als durchaus auch humoristisches Buch.

Ich würde Dir gerne noch andere Romanwerke empfehlen, die sowohl anspruchsvoll, arriviert als auch alles andere als deprimierend zu lesen sind, aber da meine spezielle Vorliebe der Phantastik gilt, wärst Du da evtl. weniger glücklich…

Liebe Grüße

Pengoblin

Medizin muß bitter sein…
…sonst nützt sie nix.

Hai, Dalga,

neulich fragte ich mich, warum „gute“ Literatur immer so
deprimiert. Es drängt sich der Eindruck auf, dass vorrangig

DAS frage ich mich schon lange - schon, seit wir in der Schule begannen, uns „mit Literatur zu beschäftigen“, statt Bücher zu lesen.

Ich hab den Eindruck, es liegt an der „deutschen Seele“ - bei uns scheint Lachen etwas Unseriöses zu haben. Das betrifft nicht nur Bücher, sondern z.B. auch Musik - auch die Brandenburgischen Konzerte müssen „rezipiert“ werden, man darf während eines „ordentlichen“ Konzertes nicht nach den Klängen der Moldau tanzen, oder über den Hummelflug kichern. Kinder dürfen während „Hänsel und Gretel“ nicht laut äußern, daß sie die Hexe blöd finden - alle haben in unbequemer Kleidung andächtig zu verharren, wenn „große Kunst“ dargeboten wird…

Sieh Dir an, was in den Theatern abgeht: Kunst scheint nur zu sein, wenn es weh tut, wird den Zuschauern ein Lächeln entlockt, dann ist es keine Kunst mehr, sondern Boulevard (nur verachtenswerte Unterhaltung).

Dabei haben/hatten wir durchaus Schreiberlinge, die auch ernste Themen in fröhliche Geschichten packen und dabei virtuos mit unserer Sprache umgehen/-gingen, z.B. Kästner - aber sobald eine Geschichte ein Lächeln, oder gar ein Lachen erzeugt, ist es keine Literatur mehr, sondern ein Kinderbuch. Die Briten haben kein Problem damit, den Sommernachtstraum als große Literatur zu bezeichnen - bei uns ist das „nur“ Fantasy- und Märchen-Kram - eben ein Kinderbuch.

Aber so langsam ändert sich das…
gaaanz langsam…
(so eine Volksseele ist doch ein unbeweglich Ding)

Gruß
Sibylle

‚schöne neue Welt‘
Hallo dalga

Erste Antwort auf Deine Frage:
im Buch „schöne neue Welt“ kann der Rebell es sich aussuchen, wohin er in das Exil will. Er wählt eine hässliche Ecke mit schlechtem Wetter. Der Dikator ist verduzt, dass er nicht an einen sonnigen Stand will. Der Rebell meint, dass er sonst vergesse wie mies die Welt sei.

Zweite Antwort auf Deine Fage:
Matrix: Aussage von Mr. Smith: "Die erste virtuelle Welt die wir geschaffen haben war perfekt. Keine Kriege, Krankheiten oder Verbrechen. Die Menschen haben sie nicht angenommen. Es war eine Krise. Wir mussten sie neu erschaffen.

Das Fazit überlasse ich Dir :wink:

Trost können Dir die Worte von Erich Kästner geben:
„Wer nicht hören will, muss lesen“

Literatur von hohem Range und mit diversen Spielarten von Humor:
„Gottfried Keller“ - diverse Komödien
„Erich Kästner“ - diverse Bücher
„Wilhelm Busch“ - „Max und Mortiz“ sowie weiteres
„Andreas Gryphius“ - z.B. zu finden bei Gutenberg:
http://gutenberg.spiegel.de/index.php
„Hugo von Hofmannsthal“ - „Der Schwierige“
„Heinrich von Kleist“ - „der zerbrochene Krug“
„Jean-Baptiste Molière“ - diverse Komödien
„Max Frisch“ - „Biedermann und die Brandstifter“ (Burleske)
„Ephraim Kishon“ - alle Geschichten rund um Jossele
Anonymus - „Till Eulenspiegel“
Shakespeare - diverse Komödien
„Voltaire“ - u.a. Candite
Jonathan Swift - Gullivers Reisen
Charles Dickens - diverse

Grüsse
C4e

PS: allerdings bin ich ganz persönlich der Meinung, dass jemand der Harry Potter traurig findet ein elendiger Miesepeter ist. Bzw. ein gänzlich humorloses Wesen.
Vermutlich bist Du ein Vulkanier oder hast die stofflich - sinnliche Komponente Deines Seins noch nicht entdeckt :sunglasses:

Die Schachspielerin…

Gibt es
in der Literatur auch Produkte, die einfach schön sind und dem
Rezipienten wohl tun?

… fällt mir spontan ein, ist zwar nicht „Weltlititeratur“ aber ein schönes und wenig deprimierendes Buch, das bestimmt nicht in die Sparte „Trivialliteratur“ fällt, und wo wir gerade beim Thema sind, die Schachnovelle von Stefan Zweig ist auch nicht deprimierend.

Viele Kinderbücher könnte ich Dir empfehlen, die Oettinger Auslese fand ich immer klasse, aber natürlich auch Lindgren und viele andere (sie hat nicht nur Kinderbücher geschrieben).

Versuch es doch auch mal mit (gutgeschriebenen) Biografien von Persönlichkeiten, die Du gerne magst?

Und hier neben mir habe ich liegen: Bollywood, von Shashi Tharoor, erst angefangen, klingt aber auch nicht deprimierend.

Und es gibt auch jede Menge erheiternder Krimis, Martin Suter schreibt zum Beispiel ziemlich speziell, Ingrid Noll fertigt schwarzen Humor am Fließband, ach und kennst Du „Glennkill“, den Schafskrimi?

Du hast schon recht, die „hohe Literatur“ ist meistens was für schöngeistige Deprimatiker und wenn es Dir darum geht, auf der Weltbühne mithalten zu können, wirst Du um die ganzen extra-unverständlich verpackten Dramen nicht herumkommen. Wenn es Dir aber um gute und intelligent rübergebrachte Unterhaltung geht, dann gibt es sicherlich genug! Frag doch die Buchhändlerin Deines Vertrauens, (wenn sie mal einen Moment Zeit hat)!