Hi Judy,
Das klingt erstmal beruhigend, aber das rationelle Erfassen,
dass man ja irgendwo doch normal, bzw. Strukturen normal
gewesen waren, hilft (zumindest mir) überhaupt nicht weiter,
da man ja doch am eigenen Körper erfahren hat, dass man eben
nicht „normal“ war.
Aus der Schulzeit bzw. Spätkindheit kenne ich diese Mobbingstrukturen auch.
Wir mussten mal, ich bin in der „DDR“ aufgewachsen, mit 15 Jahren in ein mehrwöchiges Wehrerziehungslager. 1000 Leute auf einen Haufen, kaserniert, alle in Uniform zum Krieg spielen und Sturmbahnlaufen… (vielleich kommt daher meine Abneigung gegen alle Uniform- und Waffenträger, das geht schon bei Feuerwehr und Schützenverein los, bis hin zu Karnevalsvereinen. Und dass ich mich sehr erfolgreich um den Wehrdienst gebracht habe. Durch geschicktes Taktieren. Aber das ist eine andere Geschichte.)
Sehr schnell stellte sich in dem Lager eine Hackordnung auf. Die Ausbilder, Offiziersschüler der NVA, irgendwo um die 20, hatten große Freude daran, uns zu schleifen. Im Grunde waren das ja selbst noch Kinder. Die Alphatiere unter den Schülern waren ganz oben und traten nach unten, ich war irgendwo dazwischen und ich gab die Tritte wiederum auf andere runter, und zwar massiv verstärkt. Kerle aufeinander in der beklemmenden Atmosphäre, Morgenappell und Frühsport, ohne jeden Ausgang, ohne Ventil. Alkohol trinken und Rauchen war verboten. Die negative Seite eines jeden kehrte sich auf drastische Weise nach außen. Zurückblickend erschrecke ich über meine unnachgiebige, hartherzige und niederträchtige Gemeinheit, über das komplett ausgeschaltete Mitfühlungsvermögen…
Einer, ich nenne ihn mal Horst, der war ganz unten, ich glaube, dem haben wir im Kollektiv beinahe einen Dauerschaden beigefügt. Klein und schwächlich, blass, krank, verschüchtert, still.
Er musste unter aller Augen in eine Pfütze pinkeln, unter entsprechenden höhnischen Kommentaren, sich dann in Socken da hineinstellen, bekam einen Besen in die Hand, auf dem er Gitarre spielte und dann musste er singen „Der Horst ist doof, der Horst ist schwul…“ und ähnliches.
Ein anderer, ich nenne ihn Franz, war aus meiner Schule. Den habe ich auch schikaniert, aber vielleicht nicht ganz so schlimm.
Einige Jahre später war ich auf einem Open Air Fest, ging nichts ahnend in die Toilette und traf auf einen Hünen. Fast wie Arnold Schwarzenegger, nur nicht ganz so schwächlich. Über zwei Meter groß, Oberarme wie meine Schenkel, durchtrainiert… „Den kenn ich doch…“… Er dachte: „Den kenn ich doch…!“ Da fiel es mir ein: Horst!
Ich dachte daran, dass ich mit 19 noch gar nicht an mein Testament gedacht habe. Jetzt ist mein Ende gekommen…
Anstatt mich an Ort und Stelle zu Brei und Mus zu verarbeiten, schleppte er mich an die Bude, und gab mir ein Bier aus.
„Weißt du,“ sagte er, „dir habe ich verziehen. Du hast selber gelitten. Mach dir nichts draus. Schwamm drüber. Aber sag mal, der Heinz [der oberste Rädelsführer], der ist doch aus deinem Ort gewesen. Richte ihm aus, er soll sich auf etwas gefasst machen, sollte er mir mal über den Weg laufen. Schau mich an, ich muss dir bestimmt nicht genauer erklären, was ihm blüht…“
Das hat mir ganz schön zum Denken gegeben. Er hatte die Stärke, mir zu verzeihen, obwohl ich es auch arg schlimm mit ihm getrieben habe.
(Ich habe die Lieder gereimt, die er singen musste…)
Der andere, Franz, hat mir auch verziehen. Er hat das zwar so nicht gesagt, aber ich spüre das, wenn wir aufeinander treffen.
Den Rädelsführer Heinz, er wohnt per Zufall seit ein paar Jahren ein paar Straßen weiter, habe ich noch nicht verzeihen können. Hier habe ich noch immer Rachegelüste, und den Wunsch, ihm eine reinzuwürgen.
Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch ihm verzeihen können.
Normal ist, was die Norm ist. Das muss nicht gut oder schlecht
sein, aber es ist so. Man ist umso „normaler“, je mehr man
„wie die anderen“ ist. Und eben das war unsereins damals
nicht, und das kann man auch mit viel Zeitabstand nicht
einfach wegreden.
Das stimmt. Wer abwich, und war es nur der Dresscode, war draußen.
Es ist wirklich wichtig, dahinterzukommen, WAS einen damals
unnormal gemacht hat. Ein bisschen Eigenheit ist ja bei den
anderen in der Klasse durchaus vorgekommen, ohne dass die
gleich Außenseiter waren, warum und in welcher Hinsicht war
man selbst offenbar so anders, dass das nicht akzeptiert
geschweige denn gut gefunden wurde? Diese Frage wird einen nie
wirklich loslassen, denke ich.
Umgekehrt: Kann diese Frage überhaupt beantwortet werden, ohne die „Anderen“ von damals zum Thema zu explorieren?
Ich war nicht sehr draußen, nur so ein bisschen. Grund: Keine Ahnung von Fußball. Kein Interesse daran. Ich konnte nicht mitreden. Von früh bis Mittag gab es nur ein Thema: HSV gegen Werder Bremen, der Abstieg Eintracht Frankfurts und wie die Affen alle heißen. Ja, und die Sesamstraße haben die angeguckt. Diese wiederum war mir schier zu blöd, hab ich nie angesehen…
Anscheinend hast du damals aber auch wenig Unterstützung von
deinen Lehrern oder deinen Eltern bekommen.
Was bitte sollten Eltern in diesem Fall tun? In die Schule
kommen und sich über die ach so bösen Mitschüler beschweren?
Das wäre mir mit 14 extremst peinlich gewesen, wie eben auch,
dass sich ein Lehrer einmischt.
Ja, um Gottes Willen, das ist der sichere Tod.
Vorwürfe helfen aber keinem.
Das ist in der Tat wahr. Im Gegenteil, Vorwürfe halten die
Distanz aufrecht, die zwischen dem Außenseiter und „den
anderen“ besteht. Indem ich den bösen Mädels heute noch
Vorwürfe mache, haben sie heute noch Macht über mein
Wohlbefinden, genauso wie sie es damals hatten.
Wenn du die Kraft hast, ihnen zu verzeihen, gewinnst du, im Gegenzug, Macht über sie und auch über dich selbst.
Stell dir vor, wie schwach sie sind, wie sie nicht sie selbst sein können, und statt dessen dem Herdentrieb unterliegen.
Verzeihen, wie Tokei-ihto unten schrieb, tue ich nicht, um dem
anderen zu sagen, es sei ja alles nicht schlimm gewesen,
sondern ich tue es für mich, aus dem Bewusstsein heraus, dass
der andere heute keine Macht mehr über mich hat.
Genau so ist es!
T.