Warum kleine USA-Hauptstädte?

Hallo allerseits,
Weiter unten kam ja die Frage nach Landeshauptstädten. Da ist mir eine Frage zu den USA eingefallen, die ich schon immer mal stellen wollte. Und zwar, warum sind in den USA sehr viele Hauptstädte von den einzelnen Bundesstaaten geradezu winzig (bevölkerungsmäßig)?
Ein paar Beispiele (sind jetzt veraltete Zahlen, aber egal):
Maine, Hauptstadt Augusta 23000 Einwohner
Pennsylvanien, Hauptstadt Harrisburg 70000 Einwohner
Missouri, Hauptstadt Jefferson City 33000 Einwohner
Nevada, Hauptstadt Carson City 16000 Einwohner
usw.
Das sind ja Einwonerzahlen, bei denen in Deutschland eine Stadt Probleme hat, überhaupt als Stadt erklärt zu werden (um mal gewaltig zu übertreiben :wink:

Viele Grüße
Klaus Bernstein

Hallo,

ich nehme an, das hat einfach auch historische Gründe.
Hauptstädte, so sie einmal welche sind, werden ja selten verlegt. Und da Städte ja verschieden schnell wachsen, können schon im Laufe der Zeit große Unterschiede auftreten. Besonders in Staaten wie den USA - die waren ja anfangs wirklich nur sehr dünn besiedelt, da war mit 3.000 Einwohnern ein Kaff schon eine großstadt. Denk doch nur mal an die ganzen alten Western - was da als Stadt zu sehen ist, geht hierzulande höchstens als drittrangiger ortsteil einer kleinen Gemeinde durch.
Und nun stell Dir dann Entwicklungen vor, die die ursprünglichen Gründer ja nicht mal erahnen konnten: Anlage von Fernstraßen oder Eisenbahnlinie, Entdeckung von Bodenschätzen oder auch nur Ansiedlung von Industrie. Da kann eine einstmals als Handeslstützpunkt zur Zeit der Pferdefuhrwerke und Reiter recht wichtige Stadt schnell ins Abseits geraten.

Im Übrigen gibt es auch hierzulande Beispiele: Die ehemals kleinste Stadt der DDR mit 800 Einwohnern (Teichel) hat ein Rathaus, wie es selbst manche Kreisstadt nicht hat - muß also mal recht bedeutend gewesen sein. Aber fern von Bahnstrecken und Industrie ist sie irgendwann total ins Abseits geraten. Oder Sachsen: Die Hauptstadt Sachsens war und ist schon ewig Dresden - aber Leipzig ist doppelt so groß, weil es als Messe- und Handelsstadt in den vergangenen Jahrhunderten schneller gewachsen ist.
Und als Gag am Rande: Bis vor kurzer Zeit war Bonn Hauptstadt - und als solche größenmäßig echt nur ein Witz. Einfach, weil es die Politioker 1949 mehrheitlich so wollten…

Gernot Geyer

Hallo Gernot,
zuerst mal vielen Dank für die ausführliche Antwort.

Hauptstädte, so sie einmal welche sind, werden ja selten
verlegt. Und da Städte ja verschieden schnell wachsen, können
schon im Laufe der Zeit große Unterschiede auftreten.

Das leuchtet mir schon ziemlich ein, allerdings bleibt ein kleiner Rest von Verwunderung. Das Hauptstädte, oder hier Bundeshauptstädte (oder wie man die nun genau nennt) nicht immer die grössten sein müssen ist ja klar. Das hast Du ja weiter unten auch schon gut erklärt (Leipzig - Dresden z.B.) Aber trotzdem hätte ich doch angenommen, dass der Status als Bundeshauptstadt auch einen gewissen wirtschaftlichen Status nach sich zieht, so dass die betreffende Stadt nicht gar so klein bleibt.

Im Übrigen gibt es auch hierzulande Beispiele: Die ehemals
kleinste Stadt der DDR mit 800 Einwohnern (Teichel) hat ein
Rathaus, wie es selbst manche Kreisstadt nicht hat - muß also
mal recht bedeutend gewesen sein.

Ich gebe zu, noch nie von Teichel gehört zu haben, aber das kann man wahrscheinlich nicht vergleichen. Mag sein, daß Teichel mal bedeutend war (wodurch geht selbst aus dem Wikipedia-Artikel
http://de.wikipedia.org/wiki/Teichel
nicht hervor), aber wahrscheinlich war es nie „Hauptstadt“ eines Fürstentums oder Bischofssitz oder so.

Und als Gag am Rande: Bis vor kurzer Zeit war Bonn Hauptstadt

  • und als solche größenmäßig echt nur ein Witz. Einfach, weil
    es die Politioker 1949 mehrheitlich so wollten…

Naja, ich denke, wenn nicht gerade Adenauer Bundeskanzler geworden wäre, dann wäre sicher für längere Zeit Frankfurt die Hauptstadt…
Aber um nochmal kurz aufs Thema zurückzukommen, ich habe mir anschliessend mal die Liste der französischen Departements-Hauptstädte angesehen, da ist fast jede Hauptstadt größer als die amerikanischen. Vielleicht ist das doch eine amerikanische Spezialität, oder gibt es vergleichbares in anderen Ländern?

Viele Grüße
Klaus Bernstein

Hallo,

ja sicher - üblicherweise bringt ja schon der Status als Hauptstadt ein gewisses Bevölkerungswachstum mit sich. Die ganzen Beamten und die Angestellten für die notwendige Infrastruktur schaffen da schon Einiges.

Ich würde das Problem nicht als speziell amerikanisch definieren wollen - obwohl es schon mit geschichtlichen Unterschieden zusammenhängt.
Viele Fürstentümer in Europa enstanden ja erst, als es schon beachtliche mittelalterliche Städte gab. Manchmal würden da auch Hauptsstädte verlegt. Und meist erst noch später entstanden dann Verwaltungsstrukturen darunter, wie Departments und so.
Da wurden meist dann die größten Städte als Hauptstadt gewählt, oft erfolgte die Festlegung innerstaatlicher Verwaltungsstrukturen sogar den gewachsenen wirtschaftlichen Strukturen. Diese Städte hatten in der regel schon ein paar Jahrhunderte hinter sich - es gab also auch schon ein enstprechendes Straßennetz z.T,. auch Wasserstraßennetz, daß sie zu Mittelpunkten machte, oft auch schon eine gewerbliche Trdition. Damit war auch ein weiterer wirtschaftlicher Aufschwung gesichert - andere Städte hatten es schwer, das aufzuholen.

In den USA begann die Entwicklung oft am Punkt Null. Das ganze Land wurde ja völlig neu besiedelt - und diese Besiedlung blieb am Anfang sehr dünn. Die Orte waren also wirklich sehr klein und kaum mehr als lokale Handelszentren. Zudem gab es auch kein ausgebautes Straßennetz und dergleichen. Aber mal abgesehen von den Gründungsstaaten (die bestanden ja vorher schon als Kolonie) beantragten die meisten Bundesstaaten so sehr früh ihren Eintritt in den Staatenbund. Da konnte beim besten Willen keiner vorhersagen, welche der Kleinstädte sich später wie entwickeln würde. Und es ist ja wohl tatsächlich auch so, daß in den ehemaligen Kolonien (die ja zeitlich etwas Vorlauf hatten) die Hauptstädte fast alle auch größenmäßig ihren Namen verdienen, auch wenn sie eventuell nicht die allergrößten Städte sind - die krassesten Unterschiede gibt es weiter westwärts.
Das gilt allerdings nicht für die Hauptstadt der USA an sich - Waehington ist erst recht spät direkt als Hauptstadt gegründet und festgelegt worden. Das gibt es halt auch - man stampft gelegendlich so was einfach aus dem Boden.

Gernot Geyer

Hallo Gernot,

In den USA begann die Entwicklung oft am Punkt Null.

Das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein (die anderen Bemerkungen sind natürlich auch richtig). Wäre interessant, das mal an ähnlich „jungen“ Staaten in Lateinamerika oder z.B. an Australien zu verifizieren.

Auf jeden Fall nochmals vielen Dank für die sehr ausführliche Antwort.

Viele Grüße
Klaus Bernstein

Oder Sachsen: Die Hauptstadt Sachsens war und ist schon ewig
Dresden - aber Leipzig ist doppelt so groß, weil es als Messe-
und Handelsstadt in den vergangenen Jahrhunderten schneller
gewachsen ist.

Leipzig: ca 500 000 Ew.
Dresden: ca 490 000 Ew.

Ist das die doppelte Größe?

Hallo,

okay - meine Zahlen sind nicht ganz aktuell. Offenbar hat Dresen in den letzten Jahren feste eingemeindet, was kriegen war und damit die Einwohnerzahl nach oben gepuscht - früher waren es mal um die 300.000.

Gernot Geyer

Hallo,

kann es sein, dass zum einen Deine Annahme generell nicht ganz korrekt ist? Die Hauptstadt von Missouri heißt jedenfalls Kansas City mit > 1 Mio Einwohnern (aus dem Gedächtnis). Alles andere überprüfe ich jetzt nicht aus Zeitgründen…

Zum anderen sind die USA ja ohnehin größtenteils am Reißbrett entworfen worden, siehe auch die mit dem Lineal gezogenen Grenzen zw. den Bundesstaaten (speziell im mittleren Westen + Co.).

Grüße, M

Hallo MASCH,

kann es sein, dass zum einen Deine Annahme generell nicht ganz
korrekt ist? Die Hauptstadt von Missouri heißt jedenfalls
Kansas City mit > 1 Mio Einwohnern (aus dem Gedächtnis).

Die Zahlen sind sicher etwas älter (Lexikonartikel aus den 90-er Jahren und ich will jetzt nicht ausschliessen, dass ich bei der einen oder anderen Hauptstadt um eine Zeile verrutscht bin (was ich aber nicht glaube), aber das Prinzip ist schon richtig. Leider kann ich die Tabelle im Moment nicht einscannen und im Netz habe ich eine solche Zusammenstellung noch nicht gefunden. Aber wenn man die Einwohnerzahlen auf einen Haufen sieht, fällt es wirklich auf.
Aber um auf Missouri zurückzukommen, da bleibe ich bei der Hauptstadt Jefferson City: 39.635 Einwohner im Jahr 2000, sagt die Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Jefferson_City
Dementsprechend taucht Jefferson City auch nicht in der Liste der 14 größten Städte von Missouri auf :frowning:
http://de.wikipedia.org/wiki/Missouri#Gr.C3.B6.C3.9F…

Zum anderen sind die USA ja ohnehin größtenteils am Reißbrett
entworfen worden, siehe auch die mit dem Lineal gezogenen
Grenzen zw. den Bundesstaaten (speziell im mittleren Westen +
Co.).

Das ist natürlich wahr.

Viele Grüße
Klaus Bernstein

Hallo,

kann es sein, dass zum einen Deine Annahme generell nicht ganz
korrekt ist? Die Hauptstadt von Missouri heißt jedenfalls
Kansas City mit > 1 Mio Einwohnern (aus dem Gedächtnis).
Alles andere überprüfe ich jetzt nicht aus Zeitgründen…

Ist aber falsch. Die Hauptstadt von Missouri ist Jefferson City,
(die von Kansas übrigens Topeka). Kansas City ist „nur“ die größte Stadt von Missouri mit weniger als einer halben Mio. Einwohner.

Gruß
Elke