Hallo!
Diese Frage beschäftigt mich schon seitdem ich das Buch gelesen habe. Ich dachte bisher immer, dass es Tell wirklich gegeben hat, aber das ist ja nicht der Fall. Aber wie kommt er dann dazu so etwas zu schreiben?
Ich hoffe mir kann da jemand weiterhelfen =)
Danke schon einmal!
Ginny
Hallo, Ginny,
der Tell mit dem Apfelschuss ist vermutlich skandinavischer Herkunft. Doch gibt es keinen wirklichen Beweis dafür.
Erst im 15. Jhdt taucht der Tell in Schweizer Chroniken auf.
Schiller hat den Stoff von Goethe bekommen, der ihn in der Schweiz kennenlernte; vielleicht von Lavater.
Goethe hatte ursprünglich vor, den Stoff selber zu verwurschteln, kam aber wegen anderen Projekten nicht dazu. Da kam Schiller und sagte: Mensch, Wolfi, hoscht mr ned a bissle Stoff? I brauch Geld, om meine Schulda zahla zum kennen. I muas obedengt an Schtick rausbrenga. Dr Cotta will koin Vorschuss meh gebba, wenn I ned a nuia Drageede anfang.
Und Goethea sagte: Ei horsch amôl, Fritz, ich hann do den Tell. Dees isch a fächterlisch guuda Stoff für a Schtick. Drama, Sex and Crime, Freiheitskämpfer, Tirannenmord, Volksheld, Revolution, Ardischdik, Kunschdschitz.
Und dann hat Schiller den Schweizern ihr Nationalepos geschrieben.
Gruß fritz
Bei solchen Fragen muß ich immer daran denken, wie eine Verehrerin einmal zu Brahms sagte: „Meister, wie gelingt es Ihnen nur, diese herrlichen Adagios zu schreiben?“ Brahms meinte darauf: „Wissen Sie, gnädige Frau, mein Verleger bestellt die so bei mir!“ Ob die Dichter, bei denen man immer einen hehren Idealismus vermutet, nicht oft genug vor allem daran gedacht haben, wieviele Gulden oder Taler das neue Werk ihnen einbringt…?
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Hallo Ginny!
Diese Frage beschäftigt mich schon seitdem ich das Buch
gelesen habe. Ich dachte bisher immer, dass es Tell wirklich
gegeben hat, aber das ist ja nicht der Fall.
es gibt aber den historischen Grund für den Tell. Nämlich die Entwicklung die zur Entstehung der Ur-Eidgenossenschaft führte.
Aber wie kommt er
dann dazu so etwas zu schreiben?
das wiederum ist eine Frage, die sich in zwei Teile teilt:
Nummer Eins - den schlichten wirtschaftlichen Grund (jeder Mensch muss mit irgend etwas Geld verdienen, um seine Ausgaben bezahlen zu können) hast Du schon genannt bekommen
Den eigentlichen Grund, warum man so etwas macht, kann Dir kein Schriftsteller und auch kein sonstiger irgendwie künstlerisch Tätiger rational begründen.
Solche Dinge kommen aus einem inneren Drang heraus. Wer schreibt, musiziert, malt, töpfert, strickt, Marmelade kocht oder junge Hunde erzieht, kann schlicht nicht die Finger davon lassen, diese Dinge zu tun. Das ist eine Form von Sucht.
Andere Menschen würden sich bestenfalls an den Kopf greifen. Denn man muss bedenken, Schreiben (Fall Schiller und Wilhelm Tell) verschlingt einen großen Teil des Tages, an dem Du sonst vielleicht sinnvoller den Acker gepflügt, ein paar Schwerter geschmiedet oder sonstwie der Menschheit nützlich gewesen wärst ;
Es ist der pure Luxus, und man zahlt böse dafür; nämlich mit wirtschaftlicher Not (frage mal Frau Schiller, wie sie die Familie über die Runden brachte, mit so wenig Haushaltsgeld = es gibt Anzeichen, dass Schillers SchiMu da immer mal half. Auch hat Goethes Christiane in einer Phase, als Frau Schiller nach einer Geburt sehr krank war, mal die Kinder von Schiller betreut)
… und wenn man Pech hat (hatte Schiller zum Glück nicht) wird man für Unternehmungen wie einen Tell zu schreiben, auch noch ausgelacht oder für verrückt erklärt.
Ich hoffe mir kann da jemand weiterhelfen =)
sehr viel hilft es wohl nicht.
viele Grüße
Geli
Weil Goethe keine Zeit hatte
Hallo, Ginny
Goethe hatte die Tell-Sage gründlich recherchiert, kam aber nicht dazu, daraus ein Drama zu machen. Es
überliess das gesamte Material Schiller, der sich eifrig an die Arbeit machte.
Gruss
Adam
Tell ist nicht eine historische Person
Hallo
Diese Frage beschäftigt mich schon seitdem ich das Buch
gelesen habe. Ich dachte bisher immer, dass es Tell wirklich
gegeben hat, aber das ist ja nicht der Fall.es gibt aber den historischen Grund für den Tell. Nämlich die
Entwicklung die zur Entstehung der Ur-Eidgenossenschaft
führte.
Tell ist nicht eine historische Person, sondern eine mythische. Das Werk Schillers mit dem literarischen
Tell hat aber zur inneren Festigung der Eidgenossenschaft im 19. Jahrhundert geführt und schliesslich
1848 zur Gründung der Schweiz beigetragen.
Gruss
Adam
Danke ^^
Vielen Dank! =)
Hallo Tanja,
ich bin erst gestern abend dazu gekommen, mich mit Deiner Frage etwas zu befassen. Dies erschien mir notwendig, nach dem ich gelesen habe, was hier so alles […] geschrieben wurde.
Zunächst - ob die Tell-Sage nun einen historischen Hintergrund hat oder nicht, ist in diesem Zusammenhang völlig unerheblich. Einmal davon abgesehen, dass Schiller und seine Zeitgenossen davon ausgingen, dass dies ist der Fall ist, ist Schillers ‚Tell‘ ein Drama , keine historische Abhandlung. Das heutige Publikum ist von den unsäglichen TV-Dokudramen á la Guido Knopp anscheinend so verdorben, dass man übersieht, dass es in Dramen wie dem ‚Don Karlos‘, der ‚Maria Stuart‘ oder eben dem ‚Wilhelm Tell‘ nicht darum geht, Geschichte auf unterhaltsame Weise zu vermitteln (das tun trotz dieses völlig anderen Anspruchs nebenbei gesagt auch die erwähnten Doku-Dramen deutlich mehr schlecht als recht), sondern dass die Geschichte hier eben nur den Stoff bietet, der frei und nach künstlerischen (nicht wissenschaftlichen) Gesichtspunkten gestaltet wird. Will man Schiller als Historiker kennenlernen, muss man seine ‚Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande‘ oder die ‚Geschichte des Dreissigjährigen Krieges‘ lesen, nicht seine Dramen.
Schiller lernte den Stoff zum Tell nicht erst durch Goethe kennen, sondern zunächst durch seine spätere Frau Charlotte von Lengefeld. 1789 (im Jahr ihrer Verlobung) hatte sie die ‚Geschichte Schweizerischer Eidgenossenschaft‘ von Johannes von Müller (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_M%C3%BCller) gelesen (durchaus nicht zufällig erscheint im 5. Akt des ‚Tell‘ ein ‚Johannes Müller‘, „… ein glaubenwerther Mann, Johannes Müller bracht’ es von Schaffhausen“) und Schiller davon berichtet (Briefwechsel vom März 1789). Es ist allerdings richtig, dass sich Schiller mit dem Stoff erst ab 1797 intensiv befasste, als ihm Goethe (Brief vom 14.10.1797) davon und von seiner Schweizer Reise berichtete. Ab diesem Zeitpunkt war der Stoff Gegenstand häufiger Erörterungen zwischen Schiller und Goethe. Um die Jahreswende 1801/1802 überließ Goethe den Stoff Schiller (Goethe zu Eckermann am 06.05.1827, „… da ich andere Dinge zu tun hatte und die Ausführung meines Vorsatzes sich immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegenstand Schillern völlig ab, der dann darauf sein bewundernswürdiges Gedicht schrieb“). Meiner persönlichen Ansicht nach in erster Linie deswegen, weil Goethe klug genug war zu erkennen, dass Schiller eher der Mann war, aus diesem Stoff etwas zu machen, als er selbst.
Um den Februar 1802 jedenfalls begann Schiller mit der Arbeit am ‚Tell‘. Am 16.03.1802 schrieb Schiller seinem Verleger Cotta von dem Projekt und erwähnte, dass er zu diesem Zweck Aegidius Tschudis ‚Chronicon Helveticum‘ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Aegidius_Tschudi) studiere, also die wesentliche Quelle für die Tellsage, auf der auch Johannes von Müllers Darstellung im Wesentlichen basiert.
Kommen wir zur Frage, warum Schiller den ‚Tell‘ schrieb. Natürlich lebt ein Schriftsteller nicht von Luft und Liebe - aber die Antwort „um Geld damit zu verdienen“ ist albern und war wohl auch nicht ganz ernst gemeint. 1802 litten die Schillers längst nicht mehr unter wirtschaftlicher Not; im April ziehen sie in das neu gekaufte Haus an der Esplanade ein, wenige Schritte von Goethes Haus entfernt, und im Juni kann Schiller das Gartenhaus, in dem die Familie in Jena gelebt hatte, verkaufen. Hätte er unter finanziellem Druck gestanden, hätte er wohl kaum für den ‚Tell‘ die Arbeiten an der Fertigstellung der ‚Braut von Messina‘ unterbrochen. Davon abgesehen, spielten kommerzielle Erwägungen für Schiller keine sonderliche Rolle. Sein wohl lukrativstes und kommerziell vielversprechendstes Projekt, den Fortsetzungsroman ‚Der Geisterseher‘, hatte er unvollendet gelassen, weil es ihn künstlerisch nicht befriedigte - und das in Zeiten wirklicher Geldsorgen.
Eine Antwort auf das ‚Warum‘ für den ‚Tell‘ drängt sich auf, wenn man sich zum einen die Zeitumstände vergegenwärtigt und sich zum anderen das Thema des ‚Tell‘ anschaut. Der Sturm auf die Bastille war gerade etwas über 10 Jahre her; die Revolution zeigte ihre Auswirkungen in der Geisteswelt ganz Europas. Die französische Republik hatte sich in die bonapartistische Militärdiktatur gewandelt - die z.B. 1799 die Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz beseitigt hatte (freilich auch patrizische Privilegien). Die großen Themen der Zeit waren Freiheit und Widerstand - und eben diese Themen behandelt Schiller im Tell auf doppelte Weise. Da ist zum einen das Thema individuellen Widerstandes, verkörpert durch die Person Wilhelm Tells, und zum anderen das Thema kollektiven Widerstandes, verkörpert durch den Aufstand der Eidgenossenschaft. Es war eine geniale Konzeption Schillers, trotz vieler gegenseitiger Bezüge Tell unabhängig von der eidgenössischen Freiheitsbewegung handeln zu lassen („Der Starke ist am mächtigsten allein“), ihn nicht zum Teil dieses Kollektivs zu machen sondern ihn parallel dazu agieren zu lassen und so das Thema Freiheit und Widerstand auf unterschiedliche Art zu beleuchten. Der ‚Tell‘ ist ein Revolutionsdrama - eines, das ganz besondere Brisanz durch die explizite Behandlung der Frage des Tyrannenmordes und seiner Rechtfertigung (Tell/Gessler und Parricida/Albrecht) erhielt.
Damit hatte der führende Dramatiker und Historiker Deutschlands, einer der einflussreichsten Intellektuellen Europas, zu den wohl wichtigsten Fragen des zeitgenössischen öffentlichen Diskurses Stellung bezogen. Das ist das ‚warum‘ des Wilhelm Tell. Den Zeitgenossen und auch den folgenden Generationen war dies sehr bewusst - kein Drama Schillers wurde so zensiert und gekürzt wie der Tell. Es sollte über 50 Jahre dauern und eine deutsche Revolution - die von 1848 - erfordern, bis der Wilhelm Tell auf einer deutschen Bühne ungekürzt und unzensiert aufgeführt werden konnte. Es ist bezeichnend, dass der ‚Wilhelm Tell‘ während der Hitlerdiktatur auf keiner deutschen Bühne gespielt wurde.
Freundliche Grüße,
Ralf