Hallo,
habe in Wikipedia im Arikel der Rätedemokratie ( http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4tedemokratie ) folgenden Abschnitt gelesen:
Zitat:
Bereits im Dezember 1918 beschlossen die Räte aus ganz Deutschland im Reichsrätekongress jedoch, Wahlen zu einer verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung abzuhalten und entschieden sich somit mehrheitlich für eine parlamentarische Demokratie und gegen ein Rätesystem.
Zitat Ende
Jetzt verstehe ich nur nicht: Warum sollten die Räte ihre eigene Macht abwählen? Schließlich könnten sie die Rätedemokratie wählen und säßen somit an der Spitze Deutschlands!
Könnt ihr mir das erklären? Viele Grüße, Badudel
Ich denke, dass die meisten eine Haltung ähnlich wie ebert vertreten haben: Die meisten wollten eine parlamentarische Demokratie. Die Räte hatten sich in den Revolutionswirren aber nun mal gebildet, also ließen sich auch diejenigen in die Räte wählen, die dieses system eigentlich ablehnten, um es zu steuern und bald wieder in parlamentarische Bahnen zurückzulenken. und genau das taten sie dann auch.
Hallo,
also ich nehme mal an, es kann sich gar keiner so richtig vorstellen, wie ein Rätesystem als gegenentwurf zu einer parlamentarischen Demokratie aussehen sollte. Denn außer in unmittelbaren Revolutionszeiten hat es so was ja gar nicht real gegeben und da eigentlich nur auf der unteren Ebene.
Auch die Diktaturen im Ostblock liefen ja dem äußeren Anschein nach nicht anders, wie jede parlamentarische Demeokratie: Die Parteien stellten kandidaten auf und die wurden gewählt. Inwieweit das eine freie Wahl war, tut dabei ja erst mal nichts zur Sache - aber der Oberste Sowjet der UdSSR und die Volkskammer der DDR enstanden letztlich aus Wahlen heraus, die rein äußerlich nicht viel anders aussahen als heute.
Und natürlich hatten auch die Arbeiter- und Soldatenräte letztlich nichts anderes im Blick. Der Kampf um freie demolraische Wahlen war ein uralter Kampf der Arbeiterbewegung gewesen. Dafür und für nichts anders hatten diese Leute schon vor dem Kriege gerungen. Egal, ob sie nun 1918/1919 zur SDP, zur USPD oder zur KPD gehörten - sie hatten doch alle die gleichen Wurzeln: die SPD. USPD und KPD waren doch erst im bzw. nach dem Krieg entstanden.
Und letztlich: Eine Demokratie mit frei gewählter oberster Volksvertretung ist doch nun einmal das Demolratischste was es gibt. Das und nichts anderes war ihr Ziel gewesen. Das preußische Dreiklassenwahlrecht sollte weg und natürlich der Kaiser und die übrigen Landesfürsten mit ihren ganzen Vorrechten und Einspruchsmöglichkeiten - weil das ja Reste der alten Feudalaristokratie waren. Und das war ja gegeben.
Gernot Geyer
Hallo!
Man darf sich von der radikalen Agitation der USPD und der Spartakisten nicht täuschen lassen: Gerade weil die extremen Linken in den Arbeiter- und Soldatenräten (AUSR) kaum Sitze gewonnen hatten, betrieben sie ihre (wie die Revolutionären Obleute in Berlin spotteten:smile: „Revolutionäre Gymnastik“ mit Demonstrationen und Straßenaktionen. Denn nicht nur die Bürgerlichen wollten nicht, dass die Revolution noch weiterging (mit Umsturz der ganzen Gesellschaftsornung), auch die MSPD sah das Ziel ihrer Vorstellung von Revolution bereits erreicht.
Je mehr aber durch die Radikalen der Eindruck entstand, über Deutschland könnte die bolschewistische Räteanarchie kommen, desto stärker wurde der Widerstand dagegen; auch in den AUSR, die ja in der Mehrzahl eben nicht von den Linksextremen, sondern von der MSPD und gemäßigten USPD-Leuten gelenkt wurden.
[Wo lenkten denn die radikalen Linken tatsächlich die lokalen Räte? Im Ruhrgebiet und in einem Teil Mitteldeutschlands, vielleicht noch in einzelnen Städten (wie Bremen und Braunschweig)!]
Bezeichnend - und jetzt komme ich zur genaueren Antwort auf deine Frage - sind die Mehrheitsverhältnisse auf dem Berliner „1. Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte“ vom Dezember, auf den du dich beziehst: Insgesamt 515 Delegierte, davon ca. 300 MSDP, ca. 100 USPD, der Rest parteilos oder bürgerlich; typischerweise waren gerade K. Liebknecht und R. Luxemburg nicht hineingewählt worden. Für die Abhaltung der Nationalversammlung (sie sollte Übergangsparlament und zugleich Verfassunggebende Versammlung sein) stimmten 400, dagegen 50.
Weitere, und wirklich sozialistische, Forderungen (z. B. Verstaatlichung des Bergbaus und anderer Industrien, disziplinarische Gewalt im Heer bei den Soldatenräten), wurden auch beschlossen, aber für die Durchführung war der Rat der Volksbeauftragten als Revolutionsregierung zuständig, und da hatte wieder die MSPD das Übergewicht.
Um den bolschewistischen Umsturz zu vermeiden, war die MSPD schon im November Bündnisse mit den sog. alten Gewalten eingegangen:
Ebert-Groener-Bündnis zur Gewinnung der Reichswehr,
Stinnes-Legien-Abkommen mit Zugeständnissen der Unternehmer (z. B. 8-Stundentag bei vollem Lohnausgleich, kollektive Tarifverträge), um die Sozialisierung der Betriebe zu vermeiden.
So konnte dann beim letzten großen Aufbäumen der Revolutionäre im Spartakusaufstand im Januar 1919 die Regierung Reichswehrtruppen und die Freikorps zur Niederschlagung einsetzen - und die parlamentarische Demokratie war gerettet.
Gruß!
Hannes
OK, ich glaube, ich habs jetzt verstanden. Vielen, vielen Dank für eure Hilfe!!!
Viele Grüße, Badudel