Neulich stellte unsere Tochter (14) am Mittagstisch die Frage, ob ein Kind nach der Geburt an der Nabelschnur hängend ohne zu atmen weiterleben könnte, wie es im Mutterleib gelebt hat. Es werde ja via die Nabelschnur mit allem Lebensnotwendigen versorgt. Oder etwa nicht? Spielt es dabei eine Rolle, ob das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt kam oder ob es das Gepresse etc. einer normalen Geburt erlebt hat? Daraus abgeleitete Fragen sind: Warum beginnt ein Neugeborenes überhaupt zu atmen, bzw. was gibt den Anstoss zu seinem ersten Atemzug? Und ist dies abhängig davon, ob die Nabelschnur durchtrennt wird oder nicht?
Vielen Dank für die Leseprobe. Ganz alle Fragen sind damit noch nicht geklärt…
Könnte man also sagen, dass das Kind unmittelbar nach der Geburt im Prinzip noch durch die Nabelschnur versorgt werden kann, aber nur so lange, bis die Plazenta sich auch gelöst hat? Löst sich die Plazenta denn unweigerlich sofort nach der Geburt? Und bei einem Kaiserschnitt?
Die fetale Versorgung erfolgt über die Plazenta.
Wenn das Kind raus will schickt es Cortisol und Androgene zur mütterlichen Seite - dadurch werden Verstärkungskaskaden ausgelöst (Schlagwort Oxytocin), die das Kind herausbefördern sollen, zum normalen Geburtsprozess gehört auch die Ablösung der Plazenta (volskündlich Nachgeburt) nach der Geburt, welche auch durch die Hormone bewirkt wird (Nachwehen).
durch den Funktionsverlust der Plazenta wird kein Sauerstoff (uns sonstige Nährstoffe) mehr zum Kind geleitet - wir Menschen haben einen angeborenen Atemreflex, man kann es selbst an sich testen - wenn man die Luft anhält, wir irgendwann nicht einfach tot umfallen, sondern zum Atmen gezwunden werden - dies ist unwillkürlich vom Gehirn (Atemzentrum) gesteuert.
Somit erübrigt sich die Frage, warum das Kind zum Atmen beginnt.
Wenn das Kind das erste Mail zum Atmen beginnt muss die Lungenschleimhaut von einem Phospholipid-Protein-Komplex beschichtet sein (SurfActAnt), damit eine normale Atmung gegeben sein kann, sie sorgen für einen reibungslosen Diffusionsablauf und für die Stabilität der Alveolen. Wenn dies nicht der Fall ist kollabieren die Lungen und man hat einen typischen IRDS-Fall bvei Nehugeborenen.
Hallo,
eine ausführliche Darstellung.
Die Nach-Fragen hast du dabei aber nicht wirklich beantwortet und die aufgeworfene Frage hat auch bei mir Lücken im Wissen aufgetan.
In der Nachfrage ging es soweit ich das erkenne darum was passieren würde wenn die Plazenta noch funktionstüchtig ist und das Kind nicht abgenabelt würde. Würde es dann trotzdem zu atmen beginnen, oder ist es allein die fehlende Versorgung durch die Plazenta nach der Abnablung bzw. bei Ablösung der Plazenta?
Der Atemreflex eines „geborenen“ Menschen wird ja vor allem über den CO2 Gehalt des Blutes gesteuert. Ist dieser dann bei Versorgung über die Plazenta so viel niedriger, dass der Atemreflex vorgeburtlich unterdrückt ist oder wird durch irgend einen anderen Prozess nach der Geburt, hier etwas im Atemzentrum „umgestellt“?
Das fehlende O2 und der steigende und nicht weggeleitete CO2-Gehalt im Kindeskörper durch das Abtrennen von oder der Plazenta führen zum Atemreflex, der gleiche Reflex mit dem O2 und CO2 ist auch beim erwachsenen Menschen ein Auslöser. In der Schwangerschaft ist mit den Gasen alles in Ordnung, Sie müssen die Geburt als eine Art Schockreaktion des Kindes ansehen - auf einmal wird es nicht mehr urtümlich versorgt und deshalb muss ein anderes System her, welches „geruht“ hat.
Ein Durchtrennen der Nabelschnur führt zum Atemreflex, aber das wichtigste ist die Funktionalität der Plazenta. Sendet diese weniger oder keine O2, CO2 führt dies zu einer Rekation des Kindes, in dem Fall auch wenn die Nabelschnur noch persistiert. Zwar spielt der pH-Wert auch eine Rolle, aber das nehmen wir mal da in dem Beispiel weg.
Die Plazenta ist eine Passage zwischen Mutter und Kind, nimmt man die Plazenta mit dem Kind raus und erhält die Nabelschnur so kommt es vermutlich ebenfalls zu dem Reflex, weil keine Gase getauscht werden.
Die Atemwege der Neugeborenen sind im Mutterleib mit Sekreten gefüllt, diese werden aber in der Regel nach der Geburt im Krankenhaus mit einem Schlauch abgesaugt - manche Ärzte packen auch das Kind an den Füßen und hauen ihnen den Hintern aus - bei uns Erwachsenen gibt es ebenfalls diese Reaktion, nämlich wenn wir erschreckt werden, dass wir sofort einen großen Atemzug machen - somit ein Atemauslöser. Manche machens aber auch generell aus Tradition.
Hallo,
nochmal danke für die ausführliche Antwort, die wiederum viel enthält das der Nach-Frage nicht so recht dient, diese war sinngemäß:
Würde ein Kind außerhalb des Mutterleibes auch anfangen zu atmen, wenn es dort noch durch die Plazenta versorgt würde.
Schlussfolgerung nun:
Theoretisch, nein. (einen möglichen Schmerzreiz mal ausgeschlossen).
Zu den bisherigen Ausführungen muss man aber wohl noch ergänzen, dass bei praktisch allen Geburten beim Durchtritt des Kindes durch den Geburtskanal, die Blutversorgung durch die Nabelschnur eingeschränkt wird, so dass dadurch beim Kind ein Atemreiz entstehen dürfte, selbst wenn die Plazenta die Sauerstoffversorgung noch sicherstellen könnte. Und wenn einmal die Lunge belüftet wurde, stellt sich auch der kindliche Kreislauf um und die Nabelschnur wird gewissermaßen vom Kind aus dicht gemacht.
Allerdings würde die Plazenta das Kind normalerweise auch auf jeden Fall nur noch wenige Minuten weiter versorgen können.
Dazu versuche ich mal den zweiten Teil der Nachfrage zu beantworten:
Löst sich die Plazenta unweigerlich soroft nach der Geburt?
Nein nicht sofort. Dies dauert meist einige Minuten (bis zu einer halben Stunde). Tatsächlich kommt es vor, dass die Plazenta (bzw. der kindliche Teil) sich gar nicht richtig löst und dann „geholt“ werden muss.
Allerdings verliert sie auf jeden Fall kurze Zeit nach der Geburt ihre Funktionalität, weil durch die Kontraktion der dann leeren Gebärmutter und durch Hormonwirkung die Blutversorgung der Gebärmutterschleimhaut vermindert wird und sich die Plazenta mindestens teilweise ablöst.
Die Situation bei einem Kaiserschnitt dürfte anders sein. Dort müsste die Plazenta in der Regel funktionsfähig bleiben, bis die Nabelschnur durchtrennt wird. Aber das ist eine Vermutung/Schlussfolerung von mir.