Warum verstehen kleine Kinder kein 'ich'?

Hallo!

Fast immer, wenn ich Erwachsene mit kleinen Kindern oder Babys sprechen höre, fällt mir auf, dass sie das Wort „ich“ meiden und es dadurch ersetzen, dass sie sich selbst in der dritten Person nennen. Kinder (außer meine) scheinen kein „ich“ verstehen zu können.

Warum?

Und warum wundern sich Erwachsene, wenn Kinder sich ebenfalls in der dritten Person nennen, anstatt „ich“ zu sagen, wo sie es doch nicht anders gelernt haben?

Grüße

Andreas

Hallo,
Soweit ich weiß, hat das damit zu tun, dass für kleine Kinder es viel leichter ist, bestimmten Personen und Gegenständen einfache Worte zuzuordnen, also z.B. „Mama“, „Papa“ und später dann der eigene Name. „Ich“ und „du“ sind Konzepte, die sehr viel mehr Rechenaufwand benötigen, da mit diesen Pronomen ständig jemand anders bezeichnet wird, mal ist „ich“ die Mutti, mal der Papa, „du“ wird mal fürs Baby selbst verwendet, mal für die Mutti, mal für den Papa… auch fremde benutzen diese Worte — sehr verwirrend.

Hinzu kommt wohl, dass Babys erst ab einem bestimmten Alter verstehen, dass andere Leute um sie herum auch Menschen mit eigenen Bedürfnissen und eigenen Persönlichkeiten sind. In den ersten Monaten ist das Baby noch absolut ich-bezogen und kann quasi noch nicht zwischen sich und anderen Menschen unterscheiden.
Das war jetzt etwas verwirrend ausgedrückt, aber so in etwa dürfte’s sein.

Grüße,

  • André

P.S.: Auch bei altersdebilen Menschen werden sehr viel mehr Namen als Pronomen benutzt, da diese eher verstanden werden (dazu habe ich mal eine linguistische Studie gehört, die sehr interessant war). Deswegen heißt es da ständig „Ja, Frau Schmidt, wir machen jetzt mal das und das, Frau Schmidt… so, Frau Schmidt, und jetzt den anderen Arm…“

Hallo!

Das, was Du beschreibst, hängt mit der Entwicklung des „Ichbewusstseins“ zusammen.
Das Kind lernt erst (groß ab 2 Jahren, manchmal eher,oft später), dass es etwas anderes ist als die anderen.
(Hier wird auch verstärkt der eigene Wille erprobt -> „Trotzalter“!)

Ein lustiges Experiment ist, wenn man ein Baby/ Kleinstkind vor einen Spiegel setzt. Es wird sich selbst nicht erkennen und die Person hinter dem Spiegel suchen…

Die Begriffe „Du“ und „Ich“ sind also für Kleinkinder noch nicht in dem Maße differenzierbar, zusamenhängend mit der Entwicklung des (Ich-) Bewusstseins.

Bei Interesse- frag mal Google, darüber gibt es schier endlose (und teils auch widersprüchliche) Abhandlungen!

Gruß, Dani

Hallo,

ich weiß leider auch nicht, wieso das so ist, wollte aber kurz unsere Erfahrung dazu beitragen.

Als unser Jüngster klein war, hab ich jedenfalls gedacht: Nein, diese Baby-Sprache machen WIR nicht… bei uns heißt es nicht „möchte Karl-Heinz noch einen Keks… Karl-Heinz muss jetzt ins Bett usw.“.
Deshalb haben wir von Anfang an „du“ gesagt.

War keine so gute Idee: Unser Sohn dachte nämlich eine ganze Zeit lang, er hieße du… *seufz*

Dabei dachte ich, wir seien voll pädagogisch-wertvoll *gg*.

Gruß
Shannon

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Hallo
Die bisher gegebenen Antworten sind einleuchtend und ungefähr das, was ich vermutet habe.

TROTZDEM:
Manche Eltern scheinen sich schwer damit zu tun, rechtzeitig umzuschalten. Im Extremfall nennen sie sich im Greisenalter noch gegenseitig Mami und Papi.

Für heranwachsende Kinder ist es oberpeinlich, mit Babysprache angesprochen zu werden.
Und Eltern sollten sich vor Augen halten, dass Kinder bis ca. 4 Jahre eine Sprache lernen sollten, nicht ein Sprächelein.

Rolf

Hallo!

Da fällt mir zwei Begebenheiten ein, über die ich heute noch lachen/ staunen muss:

Ein 4jähriger malt einen Bagger, sehr detailliert und voller Hingabe.
Ich lobe: „Mensch, Du hast ja sogar an die Kabel an der Schaufel gedacht!“

Der 4jährige schaut mich an, voller Entsetzen, quasi als ob ich vom Mars käme, und belehrt mich:
„Nee du, das ist doch die Hydraulik!“

Und dann war da noch der 15monatige Knirps, der mich aus dem Kinderwagen anstrahlt und mir voller Stolz berichtet:
„Mein Papa hat einen Staubsauger mit einer Teppichbürste!“
Da war ich zur Abwechslung mal sprachlos!

Schönen Sonntag,
Gruß Dani