ich beschäftige mich gerade mit psychischen Störungen. Dabei begegnen mir immer wieder die Formulierungen „mit Krankheitswert“ und „ohne Krankheitswert“.
Zum Beispiel sollen Psychosen „mit“ sein und Neurosen „ohne“. Aber was bedeutet das? Es gibt doch auch neurotische Störungen, die ganz klar krankhaft sind, also alle Angst- und Zwangsstörungen können doch auch so extrem heftig sein, dass der Mensch Heilung braucht?
Woanders habe ich es so verstanden, dass alle, die in der ICD-10 stehen, automatisch „mit Krankheitswert“ sind. Aber was ist dann „ohne“?
Wo ist die Grenze zwischen beiden? Und sehe ich das richtig, dass diese Unterscheidung nur für die Krankhenkassen von Bedeutung ist?
ich denke, daß Deinen Beispielen (Psychosen/Neurosen, ICD, Krankenkasse) unterschiedliche Definitionen von Krankheit zugrundeliegen und daß sie daher etwas verwirrend sind. Ich möchte daher versuchen, die unterschiedlichen Definitionen aufzudröseln:
Psychosen „mit“, Neurosen „ohne“ Krankheitswert, weil - nach dieser (!) Auffassung - für die Psychosen entweder körperliche Ursachen in Form von Gehirnverletzungen, -veränderung bekannt oder begründet angenommen werden können, für die Neurosen aber nicht.
ICD-10: Krankheit bzw. Störung, weil eine psychische Funktionsstörung vorliegt, die zu Leiden oder sonstigen erheblichen Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen führt.
Krankenkassen - Krankheitsbegriff des Bundessozialgerichts: Krankheit ist ein regelwidriger körperlicher, geistiger oder seelischer Zustand, der Arbeitsunfähigkeit oder Behandlung oder beides nötig macht (Urteil des BSG vom 16.05.1972, 9RV 556/71).
Ob ein bestimmter Gesundheitszustand als krankheitswertig oder nicht aufgefaßt wird, hängt also davon ab, welche Definition von Krankheit man heranzieht.
eine entscheidender faktor ist dabei das individuelle leiden des menschen. krankheitswert entsteht also durch leiden des betroffenen, das individuell verschieden ist. es gibt ja auch in der erkältungszeit starke unterschiede: einige menschen leiden subjektiv sehr stark unter den symptomen von erkältung und gehen zum arzt, weil sie krank sind, andere gehen anders, nämlich mit weniger subjetivem leid damit um -deren erkältung hat keinen krankheitswert. dieser ist subjektiv.
auch sigmund freud und alfred adler haben stets ihre begriffe von persönlichkeitsfaktoren gegenüber neurosen fliessend gemeint und auch entsprechendes darüber geschrieben. sie betonten, dass der übergang zwischen persönlichkeit und psychischer störung vor allem auch psychosozialen und kulturellen faktoren und bewertungen unterliegt. freud beschrieb z.b. sehr schön die „kreative kraft“ des schizoiden persönlichkeitstypus, dessen „feine antennen“ sehr ausgeprägt seien u. a.
nehmen wir mal das beispiel des politikers möllemannn. sehr wahrscheinlich war das ein narzisstisch gestörter mensch und angesichts des selbstmords nach dem rauswurf aus der partei kann angenommen werden, dass dies eine schwere narzisstische krise mit erheblichem krankheitswert war. jahrelang vorher war aber dessen geltungsstreben und überzeugungskraft sehr wichtiges potenzial für eine große bundespartei -wo war da ein krankheitswert? krankheitswert entstand erst durch sein leid nach dem politschen/beruflichen ausgeschlossenwerden.
ich danke dir für die Antwort! Gefällt mir gut und ich sehe das genauso, dass eine Eigenschaft nicht grundsätzlich krank oder schlecht ist. Dass das von den sonstigen Umständen abhängt, wie man sie bewertet. Da fällt mir auch das „Reframing“ aus dem NLP dazu ein. Ich liebe das: Man findet einen Grund, warum eine vermeintlich schlechte Eigenschaft auch genausogut als eine besoners positive und hilfreiche Eigenschaft verstanden werden kann.
Bloß habe ich das so bisher nicht in den Büchern entdeckt, mit denen ich gelernt habe. Aber ich werde diese Sichtweise in Zukunft deutlich vertreten!