Was bedeutet (positive) Fehlerkultur ?

Liebe/-r Experte/-in,

Ich verzweifele an den Begriffen „Fehlerkultur“ und „positve Fehlerkultur“.
Maria Spychiger et al. erläutern in ihrem Aufsatz „Entwicklung einer Fehlerkultur in der Schule“ die Merkmale einer positiven Fehlerkultur. Jedoch reden sie auch einfach mal nur von einer Fehlerkultur. Irgendwie wird mir die Unterscheidung zwischen Fehlerkultur und positiver Fehlerkultur nicht deutlich.

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!

Vielen Dank!
Minze19

Hallo Minze,
Die Wikipedia-Definition wirst Du kennen. Ich habe mich ehrlich gesagt selbst noch nicht intensiv mit diesem begriff auseinandergesetzt.
Ich würde sagen, dass es da gar keinen Unterschied gibt. Der Begriff „positive Fehlerkultur“ betont einfach das positive und hilfreiche an Fehlern, wenn sie reflektiert und bearbeitet werden. Dass man gut aus Fehlern lernen kann, scheint ja leider noch nicht überall angekommen zu sein. daher eine - wie ich finde - wichtige Betonung.
Es wird auch von „konstruktiven Fehlerkuluren“ gesprochen. geht in die gleiche Richtung: fehler nutzbar machen.
Hoffe, das hat ein bisschen gehilfen.
Grüße Meli

Liebe ‚Minze19‘
ich bin in Bezug auf Ihre Frage evtl. nicht voll kompetent, möchte Ihnen aber doch ein paar Hinweise geben:
Der Begriff ‚Fehlerkultur‘ ist nur sinnvoll, wenn man einen produktiven, konstruktiven Umgang mit Fehlern meint; insofern scheint mir auf Anhieb die Bezeichnung ‚positive Fehlerkultur‘ tautologisch (‚doppelt gemoppelt‘).
Kann es sein, dass Sie genauer hinschauen als die Autorin? In Texten, die sich mit Fragen der Schulpraxis beschäftigen, kommt gedankliche Unschärfe schon mal vor.
Zu Fehler und Fehlerkultur. Es geht ja zunächst mal darum, zu klären, was ein Fehler ist. Wenn er als Abweichung von einer Regel oder Norm, als Nicht-Erfüllung einer Anforderung (Wikipedia - Fehler) bestimmt wird, dann rückt als nächstes die Anforderung ins Blickfeld. Wenn diese nicht unumstritten ist, gibt es keine Fehler.
Es besteht Konsens, darüber, dass 2 plus 2 gleich 4 ist. 2 +2 =5 wird als Fehler angesehen, weil die Norm/ Regel/ Anforderung unstrittig ist.
Anders sieht es aus, bei einer Gedichtinterpretation, der Beurteilung der Gefahren der Kernenergie oder bei Aussagen zu den Ursachen des ersten Weltkrieges. Hier ist es viel schwieriger, von Fehlern zu sprechen, weil man dies nur dann kann, wenn das Richtige unstrittig ist.
Dies ist die erste aus meiner Sicht wsesentliche Überlegung in Bezug auf Fehler im Zusammenhang Lehren-Lernen, nämlich: Keineswegs alles, nicht einmal vieles, was der Lernende im Lernprozess produziert, kann überhaupt mit dem Etikett fehlerlos/ fehlerhaft beklebt werden.
Die zweite Überlegung ist lehr-lerntheoretischer Art und bezieht sich auf die Forschungen darüber, wie Lernen überhaupt stattfindet. Wenn man Lernen nicht nur als Verhaltensänderung ansieht (wie dies der Behaviorismus tut), sondern kognitivistisch drangeht, dann wird (etwa mit Bezug auf Piaget, Aebli und die Folgeforschung) deutlich, dass Lernen als Änderung kognitiver Strukturen gar nicht anders funktioniert als so, dass vorhandene geistige Schemata, kognitive Strukturen so lange verwendet werden, bis sie zu Konflikten führen = Fehler! Das Lebewesen versucht nun diesen Konfliktzustand zwischen zwei nicht vereinbaren Kognitionen zu heilen und baut eine neue, besser passende kognitive Struktur auf. Der Fehler ist also notwendige Bedingung für kognitiven Strukturaufbau! Das wird oft in der Schule nicht berücksichtigt.
Man sieht den Vorgang sehr oft bei Kindern. Als mein ältester Sohn etwa 3 Jahre alt war, verwendete er für alle großen lauten Fahrzeuge mit großen Rädern den Ausdruck ‚Lasta‘. Dann waren wir das erste mal mit ihm in Freiburg, wo es Straßenbahnen gibt. Das Ding war groß, aber nicht sehr laut und hatte keine großen Räder. Er sagte ‚Lasta‘ - das war ein Fehler! und unser Hinweis auf Straßenbahn führte über den Fehler zum Neuaufbau eines kognitiven Schemas: Es gibt große und etwas laute Dinge, mit Drähten oben dran, die kleine Räder haben und auf Schienen fahren und keine Lastas sind.
Keine Ahnung, ob Sie von meiner Antwort profitiert haben. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen schönen Tag und viel Erfolg.
Viele Grüße
Wilfried Schlagenhauf
(Pädagogische Hochschule Freiburg)

Hallo Minze19,

leider kenne ich den Artikel nicht. Auch habe ich mich mit dem Thema an sich noch nicht befaßt. Jedoch mit einem kurzen Blick auf den Terminus „positive Fehlerkultur“ bei Google erscheinen ca. 9.400 Ergebnisse. Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Fehlerkultur
wird unter dem Absatz „Unterschiedliche Fehlerstrategie“ ordentlich erläutert. Der Transfer von einer „konstruktiven Fehlerkultur“ zur „positiven Fehlerkultur“ ist erlaubt.

cu
nirak27

Hallo Minze19,
vorab: Den speziellen Artikel kenne ich nicht und kann daher nur auf Basis meines Begriffsverständnisses und einer kurzen Internetrecherche antworten.
Der Begriff Fehlerkultur wäre meines Erachtens zunächst eigentlich wertfrei zu verstehen und umschreibt lediglich die jeweilige Art und Weise, in welcher im konkreten Kontext (Schule, Betrieb,…) mit Fehlern umgegangen wird. Das kann halt produktiv sein oder eben auch nicht.
Von daher ist der Titel des Artikels möglicherweise etwas irreführend. IRGENDEINE Fehlerkultur herrscht wohl in jeder Schule/Klasse.
Die Autoren möchten aber die Entwicklung einer „neuen“ Fehlerkultur anstoßen, die ihrem Verständnis nach (vor dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbildes und fußend auf Erkenntnissen der experimentellen Psychologie) positiv zu bewerten wäre. Daher der Begriff der positiven Fehlerkultur.
Sie zeichnet sich wohl dadurch aus, dass Fehlern Raum gegeben, ihr Erkenntnispotenzial genutzt und letztendlich auch die fehlerhafte Leistung als ein Ergebnis aktiver Denkarbeit (quasi eines schöpferischen Aktes) begriffen wird. Daher sollte dem jeweils Betroffenen mit persönlicher Wertschätzung und Vertrauen (in seine Erkennnisfähigkeit) begegnet werden.
Ich vermute, dass die beiden Begriffe im Text einfach synonym zu verstehen sind, wenn sie durch die Autoren nicht weiter voneinander abgegrenzt werden.

Ich hoffe, das hat etwas weitergeholfen. Und: Das alles ist bestimmt kein Grund zum Verzweifeln :wink:

Gruß

Fehlerkultur: Die Suche nach einem besseren Umgang mit der menschlichen Unvollkommenheit
„Fehlerkultur“ und die Forderung danach ist in fast jeder Organisation/Institution und in jedem Unternehmen zu finden. Wieso das so populär ist und warum sich die Frage zugleich nach meiner Erfahrung kaum realisieren lässt, hängt wohl insbesondere mit der „Trägheit des menschlichen Herzens“ zusammen. Es scheint jedoch trotzdem immer wieder ein beliebtes Thema zu sein. Wenn jedoch Jemand – wie Sie z. B. - nachfragt, was mit der gewünschten Fehlerkultur gemeint ist, „kann kaum jemand erklären, was dadurch erreicht werden soll und an welchen Merkmalen er die geforderte Fehlerkultur denn erkennen würde.“ …. usw …
da hilft auch googeln nicht wirklich weiter, trotz umfangreicher textbeiträge

QUELLE 1
http://www.umsetzungsberatung.de/unternehmenskultur/…

QUELLE 2
http://www.stil.de/themenschwerpunkt/mit-fehlern-umg…
Stehen Sie zu Ihren Schwächen: 7 Säulen einer gesunden Fehlerkultur

mfg linus dietz

Hallo Minze 19,
Positive Fehlerkultur bedeutet eine Umkehr von der bisherigen Denkweise. Der Fehler war früher etwas Schlechtes. Fehler darf man nicht machen, sonst bekommt man eine schlechte Note. Das ist nun anders. Fehler können mich in meiner Entwicklung weiterbringen, wenn ich frage: Warum habe ich den Fehler gemacht? Wie ist dein Denkansatz? Wie gehst du an das Problem heran. Was habe ich nicht verstanden? Wo muss ich einen Schritt zurückgehen und nicht verstandene Inhalte nachlernen? Wenn man so fragt, bringt mich mein Fehler voran. Ich lerne aus dem Fehler mehr als aus einer Musterlösung, die mir auf dem Silbertablett serviert wird. Ich tausche mich mit anderen aus, Teamgeist entsteht. Dazu bedarf es aber einer Einstellungsveränderung in unserer Gesellschaft. Leider ist die Notengebung an unseren Schulen immer noch im alten Fehlerdenken verhaftet. So lange sich an der Notengebung in unseren Schulen nichts ändert, wird dem Fehler immer etwas Negatives und nicht etwas Konstruktives anhaften.
Bitte entschuldige, dass ich nicht gleich geantwortet habe. Hatte viel zu tun. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich eine Anfrage hatte. Hat mich sehr gefreut.
LG Glocke