Was bedeutete 'Freiheit' im Mittelalter?

Liebe Historiker/innen

Wie wurden die Begriffe ‚frei‘ und ‚Freiheit‘ im Mittelalter verwendet?
In welcher Weise unterlagen die Menschen des Mittelalters der
Unfreiheit? Welche Formen der Unfreiheit bestanden? Gab es Wege, sich
aus der Unfreiheit zu befreien? In welchen sozialen Milieux genossen
die Menschen (eine beschränkte) Freiheit? Kurz: Was bedeutete
‚Freiheit‘ im Mittelalter?

Mit Gruss & Dank
Rolf

Ich bin zwar kein Historiker, aber guggst du mal hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Feudalismus

der hinterwäldler

Wikipedia beantwortet leider meine Frage nicht.
Danke, Hinterwäldler. Wikipedia beantwortet leider meine Frage nicht.

Gruss
SANCTUS ROLFUS

Servus Rolf,

als Nichthistoriker, aber „studierter Bauer“ halte ich in diesem Zusammenhang für eine gute Annäherung die zwölf Artikel, die 1525 in der frühen Neuzeit durch die aufständischen Bauern (Bauern stellten im Mittelalter annähernd die gesamte Bevölkerung) verfasst und ihren Herren vorgelegt worden sind - sie nehmen Bezug auf das, was die zu diesem Zeitpunkt immer noch mündliches germanisches Recht erinnernden und auf diese Weise ein paar hundert Jahre zurück reichenden Bauern als ihre alten Freiheiten betrachtet und formuliert haben:

Die Zwölf Artikel

  1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn zu entsetzen [abzusetzen], wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.
  2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan [aufgegeben] werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.
  3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute [Leibeigene] gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.
  4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.
  5. Haben sich die Herrschaften die Hölzer [Wälder] alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle Hölzer, die nicht erkauft sind [gemeint sind ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten] der Gemeinde wieder heimfallen [zurückgegeben werden], damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.
  6. Soll man der Dienste [Frondienste] wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben [sie ziemlich reduzieren], wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.
  7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. [Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war nicht unüblich.]
  8. Können viele Güter die Gült [Pachtabgabe] nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Gült nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.
  9. Werden der große Frevel (Gerichtsbußen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben [Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich]. Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.
  10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören [Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand], angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.
  11. Soll der Todfall [eine Art Erbschaftssteuer] ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.
  12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.

Man sieht darinnen, meine ich, verschiedene Dinge exemplarisch:

(1) Freiheit eines Menschen stets eine durch einen „zuständigen“ Herren (und sei es Gott selber) explizit zugesprochene, niemals die (vgl. die amerikanische Unabhängigkeitserklärung) qua Geburt selbstverständlich gegebene. Daher die Unfreiheit (jetzt ohne Wertung) als der naturgegebene Zustand eines Menschen.
(2) Der Zustand der Freiheit nicht etwas zu Erwerbendes oder irgendwie zu Erkämpfendes, sondern etwas von alters her (und auch bloß in dem überkommenen Rahmen, den überkommenen Grenzen) Vorhandenes (und daher auch nur in dem Umfang Erlaubtes, den es von alters her hat - Die Schillersche Auffassung aus dem Rütlischwur ist wohl in diesem Punkt ziemlich authentisch): Ein dezidiert konservativer Begriff von Freiheit, der gleichzeitig sein Gegenteil einschließt: Dass nämlich etwas, was nicht so gegeben und vorgesehen ist, jemandem auch nicht zustehen kann.
(3) Freiheit etwas, was niemandem per se zusteht, sondern was begründet werden muss (vgl. Artikel 12)
(4) Freiheit, wie in den Artikeln 6-11 beschrieben, eine eher technische als ideale Angelegenheit, vgl. z.B. städtische Marktfreiheit.

Schöne Grüße

MM

Freiheit: 12 Forderungen zu Beginn der Neuzeit
Das ist wirklich ein interessanter Ansatz, Martin.

Mit Gruss & Dank
Rolf

Ich danke euch

Ich danke euch für eure Beiträge.

Freundlich grüsst

Rolf: