Hallo
Ich lese (auch in einem posting weiter unten) und höre immer wieder, wie verteuert und wie „ersetzbar“ der Kinobesuch angeblich geworden ist. „Kinos sind blöd“. Irgendwie habe ich aber noch nie gelesen, dass jemand so was schreibt, wie „Ok, da muß ich als Kunde mir auch den Schuh anziehen…“
Das Preisargument treibt mich immer wieder auf die Palme, denn eine Medaille hat eben auch zwei Seiten. Vor Jahren begann das Multiplexbauen. Kein Zentimeter wurde ausgelassen. Wirtschaftlichkeit war ein Fremdwort und ist es bis heute vielerorts geblieben. Daher ging damit eine völlig überzogene Personalpräsenz einher. Vor jedem Saal mußte ein Einlaß stehen, am besten noch ein Vorführer pro Maschine. Die Kunden wurden an diese „Makellosigkeit“ gewöhnt. Kein Fitzel Popcorn durfte auf dem Boden liegen (die Teppichdackel sausten nur so um einen herum…), eine Kasse pro zehn Besucher war besetzt, hinter der Concessiontheke standen manchmal mehr Leute als davor, usw usw usw. Das ganze gemixt mit den neuesten Maschinen und den teuersten Sitzen hat nicht zuletzt wegen der „Überbauung“ des Marktes zwangsläufig in die wirtschaftliche Krise des Kinos führen müssen. Meines Erachtens wird es Jahre dauern, bis sich diese besuchereinbrüche und Fehlinvestitionen wieder hinbiegen lassen. Die Branche ist definitiv am Boden. Nun denn, hilft ja nix. Den Kinobetreibern, die noch existierten, blieb (und bleibt) also nichts anderes, als umzudenken. Weniger Personal war eine notwendige Folge. Um dies aber zur Zufriedenheit der Kunden auch durchzuführen, benötigt es auch der Einsicht der Kunden. Wir müssen uns eben etwas verabschieden von dieser Übermutterung. Wo liegt denn das Problem, wenn ich im Kinosaal mal 5 Minuten auf den Hauptfilm warte, weil in diesem Falle keine Automatik für einen nahtlosen Übergang sorgt? Was ist schlimm daran, wenn ein wenig Popcorn rumfliegt? Brauche ich hundert Angestellte im Foyer? Warum konzentriert man sich nicht einfach auf den Film und zeigt in eher belanglosen Nebenaspekten mal ein wenig Lockerheit?
Klar, zuhause bleiben kann man immer, wenn man will. Dann besorgt man sich die DVD oder (noch „besser“) die gebrannten CDs… Oder man zahlt eben nur noch die Karte und bringt sich wegen der hohen Preise seine Verpflegung selber mit und verteilt sie dann auch demonstrativ im kompletten Saal. Ach ja, wenn man dann in der Zeitung liest, daß der Kinobetreiber pleite ist, muß man sich nur noch selber oft genug einreden, daß man selber dafür nicht verantwortlich ist.
Der DVD-Markt ist inzwischen eh für die Verleiher der wichtigere Markt. Das ist auch im Kinoangebot deutlich zu spüren. Insofern vergessen die Verleiher genau so wie die Kunden, daß wenn wir alle die Kinos boykottieren, wir damit auch den vermeintlichen Goldesel namens DVD vielleicht nicht unbedingt ermorden aber zumindest stark anschlagen.
Letztendlich hat jeder zu der heutigen Situation beigetragen. Produzenten, die mit belangloser Sequel-Sch… das schnelle Geld suchen, Verleiher, die über höhere Prozente und kurzsichtiger Belieferung des Marktes abkassieren, Kinobetreiber, die Höhenflüge starten und die „Kuh Kunde“ wie Hühner in einer Legebatterie emotionslos durch die Kinos jagen, und aber auch die Kunden, die Ihre Erwartungen immer höher schraubten und den Bau-Boom bejubelten, kleinere Kinos wie Pestopfer mieden und verurteilten und jetzt die Welt nicht mehr verstehen. Nicht verstehen, warum ein Film nach drei Wochen ausgewertet ist, warum Preise erhöht und Personal reduziert werden muß, warum alles nicht mehr so ist, wie es das Schlaraffenland versprach?
Versteht mich nicht falsch. Ich freue mich schon, dass die Branche am Boden liegt, denn es gibt ihr die Chance, sich zu reorganisieren. Der Kunde wird wieder zum Kunden werden müssen. Der Größenwahn musste mal gestoppt werden. Es muß schnell umgedacht wedren aber eben beidseitig.
Jetzt mache ich erst einmal Schluß, bevor es ein ganzes Buch wird. Bin aber gerne bereit auf Einzelheiten noch mal einzugehen.
Gruß,
LeoLo

