für und für
Hi Tino,
Was für eine interessante Frage!
Wie mir scheint, greift sie tief in die Geschichte bzw. die Etymologie des Wortes „für“ und „vor“ ein. Ein lohnendes Objekt, um mal etwas weiter auszuholen:
Dazu sollte man zunächst einmal klären, daß die Frage „was für ein X?“ nach der Art von Gegenständen fragt, unter der X ein Einzelding ist. Im Unterschied zu der Frage „welches X?“, die nach dem Einzelding als einer Auswahl unter mehreren vorhandenen Einzeldingen derselben Art fragt.
Beispiel:
„Was für ein Hemd paßt zu der Hose?“
Unabhängig vom Vorhandensein von Hemdem, kann die Antwort sein:
" Ein blaues".
Aber:
„Welches Hemd paßt zu der Hose?“
Hier ist eine Anzahl von Hemden als vorhanden vorausgesetzt und die Auswahl ist befragt. Also lautet die Antwort:
" Das blaue" oder " Dieses hier".
Deutlich wird das in der englischen Version von „was für ein X?“:
„What a kind of X?“
Die Frage geht also auf die zweite Stufe in der Abstraktionshierarchie: Die Art (species, „Hemden“), die zwischen Einzelding („dieses hier“) und Genus („Kleidungstücke“) steht. Diese Hierarchie geht auf die arbor porphyrii (der Abstraktions-„Baum“) zurück, nach Porphyrius, der die Kategorien des Aristoteles kommentiert. Aristoteles hat nur diese drei o.g. Stufen benannt, aber P. sah, das das erweitert werden muß, da über den Genus hinaus immer noch weitere Abstraktionstufen zu bilden sind.
Stufe 0 enthält demnach alle realen Einzeldinge, die unter die Stufe 1 (Art) zählen, und Stufe 2 (Gattung) enthält alle Arten der Stufe 1 usw. Und die „Definition“ eines Gegenstandes, einer Art oder Gattung usw. erfolgt dann nach dem Modell des Aristoteles durch die Angabe einer „differentia specifica“ (allgemeiner die Differenz auf derselben Stufe: z.B. Stühle, und nicht Tische; Möbelstücke und nicht Werkzeuge) und eines „genus proximum“ (Einbettung der Art in die nächsthöhere Stufe).
Es ergibt sich dann z.B. „dieses Ding (0) ist ein Stuhl (1), weil es ein Möbelstück (2) ist, auf dem man im Unterschied zu Tischen (1) sitzen kann“.
In der Klassifikationstheorie der Biologie kam das dann zum Tragen, indem man die über „Spezies“ Einbettung" in die nächsthöhere Abstraktionstufe gefragt.
Nun kommt endlich der Zusammenhang mit deiner Frage, was für eine Rolle in der Frage „Was für ein …?“ das „für“ spielt:
Die indogermanische Stammsilbe *pro- bezieht sich, wie man aus altindisch, lateinisch, griechisch u.s.w. entnehmen kann, auf eine Ausganssituation außerhalb eines Gegenstandes, und zwar entweder mit Blick auf ihn , oder mit Bewegung auf ihn hin bzw. zu ihm hin, und das räumlich oder zeitlich oder im Sinne eines Zieles oder Zweckes(!). Die von *pro- abgeleiteten Wörter für , vor , vorher , fern(!!) zeigen das deutlich, ebenso wie Fürbitte (nicht für mich, sondern für einen anderen) und „tu etwas für dich“ (von außen auf dich selbst hin gerichtet.
Die enge Beziehung zwischen vor und für (bzw. ihre identische etymologische Herkunft) erkennt man noch im englischen for.
Und nun ist, wie der Zusammenhang mit den Abstraktionstufen zeigt, ein Hinweis gegeben, wie sich der seltsame Gebrauch des für in „was für ein(e Art von) X?“ aufhellt:
Man fragt ja nach der „Einbettung“ des X in die nächsthöhere Abstraktionsstufe, und die wird erst bestimmbar durch die Benennung der Differenz auf der gleichen Abstraktionsstufe. Und die Differenz sieht man nur von außerhalb des X, von einem Standpunkt also, auf dem man vor X steht (und Aufmerksam für X hat) und andere Gegenstände der gleichen Abstraktionsstufe neben ihm sieht.
Einige englischsprachige Beispiele zeigen ähnliche gedankliche Imlikationen: Immer von außen auf das Objekt gerichtet und im Nebeneinader zu anderen betrachtet:
horses for riding
to come for diner
to wait for an answer
books for presents
d.h. alles ist aus einem allgemeineren Blickwinkel gesehen neben anderen Zielen und Zwecken „spezifiziert“.
Ein anschauliches Beispiel im Deutschen bietet Luthers Übersetzung des Psalm 90. Eigentlich wäre eher zu übersetzen:
„… Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht“, aber er macht daraus:
„… Zuflucht für und für“. Interpretation:
"es gibt keine noch so verallgemeinerten Standpunkte, Blickwinkel, Situationen, von denen aus betrachtet es nicht so sein könnte.
Die Antrwort auf deine frage liegt also in der semantischen Nähe zwischen „für“ und „vor“ und „zu (hin)“.
Die Deutung von:
1.Was für ein Tag ist heute?
2.Was für ein Mensch ist das?
ist also erhellt, nämlich:
- ein Tag aus der „Klasse“ der Samstage
- ein Exemplar aus der „Klasse“ der Vertrauenswürdigen
Allerdings wäre im Unterschied dazu zu der Variante:
- Was für ein schöner Tag!
- Was für ein Mensch!
noch einiges zu sagen …
Gruß
Metapher