Hallo Vince,
wissenschaftliche Untersuchungen über Therapiemethoden sind häufig nicht an psychiatrischen Diagnosen ausgerichtet und stellen, selbst bei einer starken Wirksamkeit der jeweiligen Schule, nicht annähernd eine 100%ige Erfolgschance in Aussicht. Daher kann aus meiner Sicht die Diagnose nicht der Ausgangspunkt für die Wahl einer passenden Therapie sein. Wie es besser funktionieren kann kommt weiter unten. Erstmal möchte ich noch mit meinen Gedanken auf Ihre Ausführungen eingehen.
Depressionen sind die erlebte Leere der Überforderung. Und das Leben ist oft eine Überforderung, mit der man irgendwann doch wieder umgehen kann. Wichtig ist es von daher, diese Überforderung erstmal anzuerkennen und anzunehmen. Wird es von anderen oder einem Selbst klein geredet („du schaffst das schon“, „ist doch eigentlich gar nicht so schlimm“ usw.), fühlen Sie sich nicht ernst genommen und müssen Sie noch mehr Überforderung herstellen (natürlich nicht bewußt oder vorsätzlich). Aus dieser Sicht stellt sich die Frage, welche Aufgaben, Belastungen im Moment nicht so wichtig sind und Sie erstmal streichen können. Außerdem ist es nützlich, wenn Sie andere um Hilfe bitten können, auch bei Kleinkram und alltäglichem, das schafft Entlastung.
Aus einer traumatherapeutischen Perspektive (meine persönliche Grundhaltung) finde ich es wichtig, zu schauen seit wann Sie diese Symptomatik haben und was damals passiert ist. Oft waren es Situationen und Erlebnisse, die sich zu dem Zeitpunkt nicht adäquat verarbeiten ließen und die sich wieder und wieder in Erinnerung bringen mit dem Ziel integriert zu werden. Sie rutschen im Erleben des Damaligen in den Entwicklungsstand und die Gefühlslage der Altersstufe zum entsprechenden Zeitpunkt und können die Problematik auch nur mit Lösungen beheben, die dieser entsprechen. Das heißt konkreter, was braucht der Junge von damals und wie können Sie als Erwachsener es ihm heute liefern. Um diesen, in der Zeit vergangen und im Erleben nicht vergangenen, Situationen auf die Spur zu kommen gibt es zwei Ebenen. Zum einen können Sie versuchen zu erspüren, wie alt Sie sich fühlen, wenn Sie in das Gefühl der Dysthemie gehen. In diesem Alter hat die Geschichte wahrscheinlich ihren Anfang. Zum anderen können Sie nachspüren, wann und wie das Urgefühl zu Ihrer Symptomatik entstanden ist, wie die Urgeschichte dazu lautet.
Zurück zur Therapie- und Therapeutenwahl: Bei der Auswahl der Therapierichtung ist der entscheidende Faktor folgender: Sie haben, nicht absichtlich oder bewußt, mit Ihren Symptomen ein stabiles System erstellt und Sie, als System betrachtet, haben durchaus Angst vor Neuem. An welcher Stelle, auf welcher Ebene hat dieses System sein schwächstes Glied? Konkreter: wo und wie funktionieren bei Ihnen am ehesten Veränderungen? Das ist die Ebene, auf der sie therapeutische Unterstützung suchen sollten. Wo ist Ihr Zugang zu Neuem? Dort wo Ihr Interesse liegt, wo Ihre Ressourcen sind, dort ist am leichtesten Entwicklung zu initiieren.
Die Auswahl eines Therapeuten, sofern man bei unserer Versorgungslage in Deutschland überhaupt eine hat, ist leicht: die Chemie muss stimmen. Sie sollten das Gefühl haben, dass der Therapeut Sie unterstützen kann.
Ich hoffe meine Worte waren nützlich, andernfalls vergessen sie sie einfach wieder. Wenn sie noch weitere Fragen oder Gedanken äußern wollen, bin ich gerne zu einem weiteren Austausch bereit und würde mich darüber freuen.
Viele Grüße
Thomas