hallo,
ich kenne einen menschen, über den ich mir, seit ich ihn kenne, intensive gedanken mache, weil ich so etwas noch nie gesehen habe und mich die ganze zeit frage, was hinter dem verhalten dieses menschen steckt und ob man das therapieren kann/muss.
der mensch, um den es geht, hat als kind sehr wenig wahre liebe der eltern erhalten. das familienleben war geprägt von großer oberflächlichkeit und kälte, jedoch gab es nicht direkt gewalt (weder verbal, noch physisch) - es ging halt nur nicht wirklich liebevoll und herzlich zu, sondern sehr sachlich und ohne emotionen. die eltern wissen kaum etwas übereinader und man scheint sich grundsätzlich nicht wirklich für den anderen zu interessieren. hinzu kam im frühen teenager-alter dieses menschen ein vermutlich traumatisches ereignis bei den gerade erwachsen gewordenen geschwistern, welches wohl kaum ein anderes kind in dem alter miterleben musste. da es von den eltern ein absolutes schweigeverbot darüber gab, konnte dieser mensch niemals mit jemandem darüber sprechen. hin und wieder brach der mensch diesbezüglich in tränen aus, schwieg aber weiterhin. erst viele jahre später erfuhr ich als vertrauensperson von dem ereignis und bin wahrscheinlich neben der eigenen familie auch der einzige, der es je erfahren hat. soviel erstmal zu den umständen in der entwicklung dieser person.
nun zu der mir auffallenden verhaltensform: der mensch scheint, keine wirklichen eignen bedürfnisse zu kennen. er hat kaum selbstvertrauen. vielmehr orientiert er sich an völlig zufällig ausgewählten dingen und scheint diese zu idealisieren, um vermeintlich eigene ziele anstreben zu können. zerstört die realität jedoch die ideale, tritt eine phase absoluter leere ein (keine depressive phase, sondern eher eine unzufriedene und zielsuchende phase ohne größere emotionen). das nächstbeste, was die person dann als impuls empfängt, wird wieder zum ideal, bis auch dieses von der realität entkräftet wird. so geht es nun schon seit jahren. die person kann in keiner form zufrieden über erlebte dinge berichten, sondern hat stets das gefühl, dass etwas fehlt - von anfang an - was sie sucht und noch nicht gefunden hat, was aber in der lage wäre, sie von der leere zu erlösen. sie ist zudem nicht in der lage, emotionale bindungen aufzubauen. eher baut sie zu mitmenschen eine bindung auf basis einer idealisierung auf, die dann von heute auf morgen ohne eine art von trauer oder ähnlichem abgebrochen werden kann.
obwohl der mensch auch heute von der familie nahezu ignoriert wird, verehrt er seine familie überdurchschnittlich. z. b. wird er von der familie ausgenutzt und bekommt in keiner form zuwendung. dennoch ist er nicht einmal annäherungsweise traurig, sondern dankbar. meine vermutung ist, dass der mensch das ideal hat, die familie sei das wichtigste im leben und somit sieht sie ihre familie auch so. aufgrund der fehlenden fähigkeit, etwas zu empfinden, realisiert sie nicht, dass sie gar nicht geliebt oder gebraucht wird. emotionale zuwendung anderer lehnt die person massiv ab und zeigt sich auch in keiner form neidisch, wenn sie mit der liebe und herzlichkeit in anderen familien konfrontiert wird. auch in einer beziehung werden streicheleinheiten (seelisch wie körperlich) nur dann als vermeintlich angenehm empfunden, wenn sie gerade dem ideal entsprechen. tun sie dies nicht, lösen sie in keiner form positive gefühle in dem menschen aus.
nun meine frage: was kann mit diesem menschen los sein? gibt es eine psychische störung, um die es sich hier handeln könnte und wenn ja, kann/sollte man diese behandeln? was wäre der ansatz?
ich habe nicht vor, diese person zu verändern, sondern mich interssiert eigentlich nur, warum diese person so ist und ob es einen zusammenhang zwischen dem verhalten und den umständen während der entwicklung geben könnte.
vielen dank für eure antworten,
martin