Was heißt: immunologisch naiv?

Liebe Experten,
im Zusammenhang mit der Schweinegrippe wird von einem „immunologisch naiven“ Immunsystem gesprochen. Mich würde interessieren: verliert ein Immunsystem diese Naivität nur durch einen ausgewachsenen Infekt, oder einfach dadurch, dass es dem Erreger schon mal begegnet ist, auch wenn keine Krankheit ausgebrochen ist?

Der Hintergrund: an der Schule meiner Tochter hat voriges Jahr die Schweinegrippe grassiert - mehr als die Hälfte der Kinder ihrer Klasse lag innerhalb kürzester Zeit flach; ein Test wurde nur bei einem (privatversicherten) Kind gemacht - und die Schweinegrippe nachgewiesen. Dann kann es doch eigentlich nicht sein, dass meine Tochter dem Virus nicht auch mal begegnet ist - und sie müßte, falls es sie dieses Jahr erwischt und eine Grippe ausbricht, nicht mehr so ganz immunologisch naiv sein?

Wir Eltern sind grundsätzlich Impfbefürworter und standardmäßig grippegeimpft, sind aber unsicher, ob wir unser Kind auch noch gegen Grippe impfen lassen sollen.

Vielen Dank für Ihre Antwort!

Hallo,

ich bin kein Immunologe aber schon vom Fach, deswegen die Aussage nicht mit ganz hundertprozentiger Gewähr (aber schon >95 % sicher): m.E. ist man immunologisch naiv, wenn man noch gar keinen Kontakt mit dem entsprechenden Virus hatte. Bei vielen Keimen bildet der Körper nach Erstkontakt sog. Gedächtniszellen, um dann bei erneutem Kontakt sofort
Antikörper bilden zu können. Dies funktioniert so z.B. bei den
klassischen Kinderkrankheiten, wie Windpocken, die man deshalb
eigentlich nur einmal bekommt. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Keimen, bei denen bildet unser Immunsystem keine bleibende Immunität aus - z.B. viele Erkältungsviren-, oder die Keime verändern sich so schnell, daß früher gebildete Gedächtniszellen auf den veränderten Keim nicht als
„bekannt“ reagieren und das Immunsystem somit quasi wieder naiv ist.
Dies gilt für die klassische Influenza, also die echte Virusgrippe, weshalb der im Herbst verimpfte Stamm immer nur für die kommende Saison sinnvolle Antikörper induziert, die aber im übernächsten Winter schon nicht mehr ausreichend sind. In diesem Winter haben wir bislang keine schwere Influenzaepidemie - sie kann aber theoretisch noch kommen-. Seit kurzem wird aber über ein Neuaufflackern der Schweinegrippe berichtet.
Der dafür verantwortliche H1N1-Stamm ist dieses Jahr in dem normalen Grippeimpfstoff enthalten, so daß man bei der Grippeimpfung gegen die normale Influenza und die Schweinegrippe immunisiert wird. Ob der H1N1
-Virus von letztem Jahr bereits mutiert ist oder noch vergleichbar ist, ist mir nicht bekannt. Da aber der Impfstamm der Gleiche ist, gehe ich davon aus, daß es sich um den identischen Virus handelt, würde aber nicht darauf vertrauen, daß Ihre Tochter nach möglichem Kontakt letztes Jahr immun ist.
Ich würde die konkrete Frage, ob Sie jetzt noch impfen wollen mit Ihrem Kinder- oder Hausarzt besprechen, der weiß, ob in Ihrer Region aktuell Influenza oder H1N1 unterwegs ist. Wenn man z.B. dann erst impft, wenn in der Presse von Erkrankungsfällen berichtet wird, hat man eine Lücke
ohne Impfschutz von ca. 2 Wochen, bis man selbst auch geschützt ist. In Anbetracht der Tatsache, daß die Schweinegrippe im letzten Winter, insbesondere bei Kindern gar nicht so schwer verlief, wie bei Erwachsenen, ein überlegenswertes Risiko. Andererseits gibt es gegen die
Grippeimpfung auch nichts zu sagen, da auch diese von Kindern im Allgemeinen besser vertragen wird, als von Erwachsenen.
Ich hoffe mit meinen Aussagen geholfen und nicht noch mehr verwirrt zu
haben.
LG Benjjoc