Was ist Borderline genau?

Hallo Oliver,
ja, ich meinte die Verfeinerung der Klassifikationssysteme, aber bei dem Beispiel der Depression hast du natürlich Recht. Hier ist es einfacher geworden.

Auf meine Frage bin ich aber durch diese deine Aussage gekommen

Abgesehen davon erscheint mir dieser Hang zum „Diagnostizieren“ von Persönlichkeitsstörungen auch befremdlich.

Auf etwas hast du mich allerdings hingewiesen, was ich so noch nicht bedacht habe: Ätiologie und Symptome.
(Wobei ich eher ein Freund der ätiologischen Überlegungen bin.)

Danke und Grüße
Irene

Behaviorismus ist das eine…
Hallo Oliver,

vielen Dank für Deine auführliche Antwort, sie ist sehr interessant für mich.
Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine vielleicht andere Sichtweise aus dem Lager unserer eher analytisch angehauchten Experten zu lesen bekäme, vielleicht ja sogar auch Kommenatre von direkt oder indirekt Betroffenen - aus dem Grund heraus, daß genau diese Frage für mich eine _der_ Fragen in meinem Umgang mit solchen Menschen war.

Da ist mein Einsdruck ein anderer. Insbesondere frage ich
mich, ob Borderliner überhaupt „echte“ Gefühle haben können.
Nun müsste man eigentlich erstmal klären, was „echt“ ist, aber
ich gönne mir den Luxus des Laien, das so stehen zu lassen.

das ist in der Tat ein Luxus, den sich nur Laien mit gutem
Gewissen leisten können. Wir Psychologen / Ärzte müssen dazu
schon eine Meinung haben, ob das Reden von den „wahren“, den
„eigentlichen“ Gefühlen überhaupt Sinn macht.

Ich sehe ein - auch aus Deinen nachfolgenden Erläuterungen - daß man das bei einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise mit Fug und Recht in Frage stellen kann. Aber - es gibt ja nicht nur diese Betrachtungsweise, und gerade in einem Expertenforum ist ja auch der Blick aus anderen Richtungen wichtig.

Zu der Frage komme ich schlicht deshalb, weil es ja offenbar
so ist, daß Borderliner in Beziehungen zu anderen Menschen
ihre Persönlichkeit verändern, besser gesagt, das davon, was
sichtbar ist.

Ja, eine richtige Beobachtung, bloß hast Du die Konsequenz aus
ihr noch nicht in Deine Sprache einfließen lassen. Denn Du
sprichst noch von Veränderung der Persönlichkeit. Was sich
aber verändert, ist das Verhalten! Deshalb schreibst Du
wohl auch: „das davon, was sichtbar ist“. Und liegst auf der
richtigen Spur. Persönlichkeit ist nämlich ein Konstrukt, auf
das wir ausgehend von Verhaltensbeobachtungen schließen. Was
wir beobachten, ist aber Verhalten und nur dies ändert sich
für uns sichtbar.

Persönlichkeit ist sicher etwas, worauf wir aus Verhaltensweisen schliessen, aber zeichnet sich Persönlichkeit nicht auch gerade dadurch aus, daß sie eben ein gewisses Maß an Konstanz mit sich bringt? Ansonsten würde für mein Empfinden keinen Sinn machen, überhaupt von Persönlichkeit zu sprechen.

Dieser Mensch IST auf einmal man selbst bzw. das, was man selbst
gerade am meisten braucht.

Ich ersetze durch eine Verhaltensbeschreibung: Er verstärkt
Dein Verhalten positiv.

Der Knackpunkt ist imho, daß es eben nicht nur das Verhalten ist. Verhalten kann man reflektieren, man kann sein eigenes Verhalten erkennen und bewerten. Das, was ich meine, ist aber etwas, was diesem Menschen in dem Moment immanent ist. Er kann das nicht losgelöst von sich selbst betrachten. Er _tut_ eben nicht, er _ist_. Es fällt mir ein wenig schwer, das adäquat zu beschreiben…

Diese maximale Veränderlichkeit kann ich mir nur so erklären,
daß das, was da gezeigt wird, eben nicht echt ist, sondern nur
Fassade. Inkl. aller Gefühlsregungen und Handlungen.

Ich formuliere es anders: Das, was Du siehst, ist „echt“ in
dem Sinne, daß es nichts anderes in dem Moment und in der
Situation gibt, als das, was Du beobachtet hast. In einem
anderen Moment, einer anderen Situationsklasse verhält sich
die Person anders und das ist dann „echt“. Du machst bei den
Dir bekannten Borderlinern eine zu geringe Stabilität des
Verhaltens über Zeit und Situationen hinweg aus (in dem
Zusammenhang: Die Borderline-PS wird auch als Subtyp der
instabilen Persönlichkeitsstörung bezeichnet). Stabilität ist
aber eines der hauptsächlichen Kennzeichen von Persönlichkeit

Okay, also d’Accord zu meiner obigen Aussage?

und wenn diese Dir zu gering erscheint, bist Du irritiert und
meinst:

An das wahre Wesen des Borderliners, seine wahren Gefühle
kommt man so gar nicht ran, die bekommt man niemals zu sehen.

Hiermit sind wir beim Kern angekommen. Wenn jemand sein
Verhalten sehr schnell und anscheinend unberechenbar ändert,
dann meinen wir, daß die Gefühle nicht „echt“ seien, weil sich
„echte“, „wahre“ Gefühle doch durch Konsistenz, Kontinuität
und Stabilität auszeichnen. Das ist unsere implizite und
alltäglich angewandte Persönlichkeitstheorie, mit der wir gut
leben. Auf Borderliner angewendet sagen wir dann, daß ihre
Gefühle nicht „echt“ seien. Nur: Sie haben keine anderen. Das,
was wir als „unechte“ Gefühle erleben, sind die einzigen
Gefühle, die sie haben. Wie können sie dann „unecht“ sein?

Ganz einfach:

Sie haben keine eigenen. Sie sind mehr oder minder persönlichkeitslos.
Ihre eigene Persönlichkeitsanlage verdorrt tief im dunklen auf einem kindlichen Stand, für immer weggeschlossen.

Das ist für mich schlüssig, da es zu der vermuteten Genese dieser Störung passt - die Unfähigkeit, beobachtete Konflikte von „Gut“ und Böse" in einer Person aufzulösen.
Wer das noch nicht mal bei anderen schafft, kann dazu auch für sich selbst nicht in der Lage sein. Da der Mensch aber stets beides in sich vereint, und das auch im täglichen Verhalten ständig auftaucht, verhindert diese vermeintliche Unstimmigkeit das ausbilden von eigenen Charakterzügen - die einzigen, die akzeptiert werden könnten, sind absolute Züge, und die lassen sich nicht aufrecht erhalten, also lässt derjenige es ganz sein und zieht sich darauf zurück, andere auf eine absolute Art und Weise zu spiegeln. Das funktioniert natürlich nur, solange der Umgang nicht so intensiv ist, daß die Widersprüche darin nicht mehr von der Hand zu weisen sind, und so kommt es bei engeren Beziehungen zu den bekannten Schwierigkeiten.

Verhalten ist Verhalten, gleichgültig, welche
Ursachen es hat, gleichgültig, wie es aussieht, wie konsistent
und wie situations- und zeitstabil es ist.

ob diese Verhaltensweisen, die mit Gefühlen
verbunden sind, „echt“ oder nicht „echt“ sind, ist für
behavioristisch orientierte Psychologen bedeutungslos. Diese
Diskussion ist gänzlich sinnfrei.

Daraus folgt für jeden
Behavioristen die uneingeschränkte Akzeptanz des Verhaltens
und der Gefühle seiner Mitgeschöpfe. Wenn etwas falsch ist,
dann ist es die Theorie. Oder um es mit Skinner zu sagen: „The
organism is always right.“

Damit ist aber den Betroffenen im Umfeld des Patienten nicht geholfen. Der zugrundeliegende Konflikt kann allein auf Grundlage des Verhaltens ja nicht gelöst werden, es bliebe also ein Herumdoktorn an Symptomen ohne Behandlung der Ursache.
Stimmt meine Vermutung, daß in Sachen Borderline ausnahmsweise die tiefenpsychologisch orientierten Kollegen erfolgreicher in der Behandlung sind?

Die gegenteilige Auffassung, nach der es „echte“ und „unechte“
Gefühle gibt, ist dagegen immer mit der Gefahr verknüpft,
jemanden vorschreiben zu können, was „echte“ Gefühle sind.

Die Annahme „echter“ und „unechter“ Gefühle ist also auch aus
ethischer Sicht heraus abzulehnen.

Auch das ist für den Therapeuten und Wissenschaftler womöglich korrekt - den Betroffenen interessiert das nicht. Schliesslich geht diese Varianz des Verhaltens soweit, daß sogar bei seitens des Gegenüber identischen Voraussetzungen völlig unterschiedliche Reaktionen auftreten.

Um zu den Borderlinern zurückzukehren: Ihre Gefühle sind sehr
intensiv und sie ändern sich schnell. Aber das ist kein Grund
für eine Debatte über ihre „Echtheit“ (wobei ich hoffe,
deutlich gemacht zu haben, daß ich verstehe, was Du meinst).

Ja, war deutlich. Hinterlassen hat das den Eindruck, daß konkret dieses Problem womöglich weniger ein psychologisches, sondern mehr eines der Frage von Werten und Weltanschaung, also „persönlicher Moral“, ist.

Gruß,

Malte.

Hallo Irene,

(Wobei ich eher ein Freund der ätiologischen Überlegungen
bin.)

ich auch, aber nur, wenn die Ätiologie sicher ist. Bei psychischen Störungen ist sie nicht sicher genug für eine ätiologische Klassifikation, sprich für eine Diagnose im Sinne des Wortes.

Grüße,

Oliver Walter

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Hallo Malte,

Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine
vielleicht andere Sichtweise aus dem Lager unserer eher
analytisch angehauchten Experten zu lesen bekäme,

ich antwortete, weil Du fragtest:

Was sagen denn die akademischen Kollegen hier im Brett dazu?

und weil ich einer bin. Mag ja sein, daß Dir diese meine Sichtweise nicht zusagt, aber ich meine, daß sie Deine Frage genau beantwortet.

  • aus dem Grund heraus, daß genau diese Frage für mich eine
    _der_ Fragen in meinem Umgang mit solchen Menschen war.

Ja, genau. Die behavioristische Antwort ist so wertvoll, weil sie keinen weiteren Aspekt zum nonvalidierenden Umfeld beiträgt, das für die Betroffenen so schmerzlich ist.

Aber - es gibt ja nicht
nur diese Betrachtungsweise, und gerade in einem Expertenforum
ist ja auch der Blick aus anderen Richtungen wichtig.

Dann frage doch bitte beim nächsten Mal nur nach tiefenpsychologischen Meinungen, damit ich mir die Mühe sparen kann, Dir zu schreiben. Ich wußte ja nicht, daß Du unter „akademischen Kollegen“ nur tiefenpsychologisch orientierte verstehst.

Persönlichkeit ist sicher etwas, worauf wir aus
Verhaltensweisen schliessen, aber zeichnet sich Persönlichkeit
nicht auch gerade dadurch aus, daß sie eben ein gewisses Maß
an Konstanz mit sich bringt?

Das schrieb ich doch hier:

Stabilität ist
aber eines der hauptsächlichen Kennzeichen von Persönlichkeit

Also?

Er _tut_ eben nicht, er _ist_. Es fällt mir ein wenig schwer, das
adäquat zu beschreiben…

Das verstehe ich. Es sind andere Ausdrucksweisen für dasselbe.

Okay, also d’Accord zu meiner obigen Aussage?

Zu welcher? Zu der mit der Fassade? Nein, da ich die Dichotomie „echt“ vs. „unecht“ für sinnentleert halte. Die Frage, ob es dem Borderliner anders vorkommt (meinst Du diese?), ist wiederum eine andere.

Sie haben keine eigenen. Sie sind mehr oder minder
persönlichkeitslos.
Ihre eigene Persönlichkeitsanlage verdorrt tief im dunklen auf
einem kindlichen Stand, für immer weggeschlossen.

Bzgl. dieser Metaphern kann ich Dir - wie Du sicher weißt - nicht helfen. Ich bin mir sicher, daß es für Dich eine angemessene Beschreibung Deiner Erlebnisse mit Borderlinern darstellt. Für mich ist dieses literarische Sprechen in Metaphern schwer zu verstehen: Was meinst Du?

Das ist für mich schlüssig, da es zu der vermuteten Genese
dieser Störung passt - die Unfähigkeit, beobachtete Konflikte
von „Gut“ und Böse" in einer Person aufzulösen.

Du weißt, daß ich kein Analytiker bin und auch diese „Gut“ vs. „Böse“-Geschichte in psychologischem Kontext ist mir wahrlich "seelen"fremd.

Da der Mensch aber stets
beides in sich vereint, und das auch im täglichen Verhalten
ständig auftaucht, verhindert diese vermeintliche
Unstimmigkeit das ausbilden von eigenen Charakterzügen - die
einzigen, die akzeptiert werden könnten, sind absolute Züge,
und die lassen sich nicht aufrecht erhalten, also lässt
derjenige es ganz sein und zieht sich darauf zurück, andere
auf eine absolute Art und Weise zu spiegeln.

Klingt da Kohut an?

Damit ist aber den Betroffenen im Umfeld des Patienten nicht
geholfen. Der zugrundeliegende Konflikt kann allein auf
Grundlage des Verhaltens ja nicht gelöst werden, es bliebe
also ein Herumdoktorn an Symptomen ohne Behandlung der
Ursache.

Na, das ist ein altes Vorurteil. Die Analytiker sprechen ständig von Ursachen, aber das sind nur Potemkinsche Dörfer. Die kurieren keine Ursachen. Wenig erfolgreich sind sie auch.

Stimmt meine Vermutung, daß in Sachen Borderline ausnahmsweise
die tiefenpsychologisch orientierten Kollegen erfolgreicher in
der Behandlung sind?

Nein. Die dialektisch-behaviorale Therapie von Linehan gilt momentan als die erfolgreichste Therapie bei Borderline. Hast Du dafür eine Erklärung?

Die Annahme „echter“ und „unechter“ Gefühle ist also auch aus
ethischer Sicht heraus abzulehnen.

Auch das ist für den Therapeuten und Wissenschaftler womöglich
korrekt - den Betroffenen interessiert das nicht.

Oh, doch! Das interessiert sie sogar sehr. Wer die Dichotomie „echt“ vs. „unecht“ im Kopf hat, kann sich nicht so sehr auf sein Gegenüber einlassen, wie es notwendig wäre.

Schliesslich
geht diese Varianz des Verhaltens soweit, daß sogar bei
seitens des Gegenüber identischen Voraussetzungen völlig
unterschiedliche Reaktionen auftreten.

Ich höre Chomsky aus Dir sprechen, der meinte, daß nach behavioristischer Auffassung ein bestimmter Reiz nur eine bestimmte Reaktion zur Folge haben könnte. Hätte er das, was er kommentierte, doch besser gelesen …

Hinterlassen hat das den Eindruck, daß
konkret dieses Problem womöglich weniger ein psychologisches,
sondern mehr eines der Frage von Werten und Weltanschaung,
also „persönlicher Moral“, ist.

Sprichst Du von Dir?

Gruß,

Oliver Walter

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*seufz* halb offtopic
Hallo Oliver,

Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine
vielleicht andere Sichtweise aus dem Lager unserer eher
analytisch angehauchten Experten zu lesen bekäme,

ich antwortete, weil Du fragtest:

Was sagen denn die akademischen Kollegen hier im Brett dazu?

und weil ich einer bin. Mag ja sein, daß Dir diese meine
Sichtweise nicht zusagt, aber ich meine, daß sie Deine Frage
genau beantwortet.

Ja. Wo siehst da konkret den Widerspruch zu meiner Aussage

Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine
vielleicht andere Sichtweise aus dem Lager unserer eher
analytisch angehauchten Experten zu lesen bekäme,

  • aus dem Grund heraus, daß genau diese Frage für mich eine
    _der_ Fragen in meinem Umgang mit solchen Menschen war.

Ja, genau. Die behavioristische Antwort ist so wertvoll, weil
sie keinen weiteren Aspekt zum nonvalidierenden Umfeld
beiträgt, das für die Betroffenen so schmerzlich ist.

Den Satz hab ich jetzt nicht verstanden.

Aber - es gibt ja nicht
nur diese Betrachtungsweise, und gerade in einem Expertenforum
ist ja auch der Blick aus anderen Richtungen wichtig.

Dann frage doch bitte beim nächsten Mal nur nach
tiefenpsychologischen Meinungen, damit ich mir die Mühe sparen
kann, Dir zu schreiben. Ich wußte ja nicht, daß Du unter
„akademischen Kollegen“ nur tiefenpsychologisch orientierte
verstehst.

Da hast Du gewaltig was in den falschen Hals bekommen. Genau um das zu vermeiden hab - leider erfolglos, wie’s scheint - betont, daß ich Dir sehr dankbar für Deinen Beitrag bin, weil er eben eine Sicht darstellt, die mir eher fremd ist. Das Bild, das ich mir gerne machen möchte in diesem Thread, ist jedoch eines, das weder nur auf Baviorismus noch nur auf Analytik noch nur auf Esoterik noch nur auf meinen eigenen Erfahrungen beruhen soll - ich will sie alle gleichermaßen.

Mit dem Hinweis, auch „die Analytiker“ mögen noch antworten, möchte ich vermeiden, daß sich jemand denkt „Okay, der Oliver hat ausführlich geantwortet, ich seh das zwar ein bischen anders, aber im Prinzip ist das schon richtig, deshalb muß ich ja nix mehr dazu schreiben.“

Persönlichkeit ist sicher etwas, worauf wir aus
Verhaltensweisen schliessen, aber zeichnet sich Persönlichkeit
nicht auch gerade dadurch aus, daß sie eben ein gewisses Maß
an Konstanz mit sich bringt?

Das schrieb ich doch hier:

Stabilität ist
aber eines der hauptsächlichen Kennzeichen von Persönlichkeit

Also?

Okay, also d’Accord zu meiner obigen Aussage?

Zu welcher? Zu der mit der Fassade? Nein, da ich die
Dichotomie „echt“ vs. „unecht“ für sinnentleert halte. Die
Frage, ob es dem Borderliner anders vorkommt (meinst Du
diese?), ist wiederum eine andere.

Zu meiner Frageaussage bzgl. Persönlichkeit und Stabilität/Konstanz.

Sie haben keine eigenen. Sie sind mehr oder minder
persönlichkeitslos.
Ihre eigene Persönlichkeitsanlage verdorrt tief im dunklen auf
einem kindlichen Stand, für immer weggeschlossen.

Bzgl. dieser Metaphern kann ich Dir - wie Du sicher weißt -
nicht helfen. Ich bin mir sicher, daß es für Dich eine
angemessene Beschreibung Deiner Erlebnisse mit Borderlinern
darstellt. Für mich ist dieses literarische Sprechen in
Metaphern schwer zu verstehen: Was meinst Du?

Okay, ich probier’s - ist etwas schwer, weil mir mehr dieses „literarische Sprechen“ im Blut liegt. Ich gehe davon aus, daß Persönlichkeit eine Sammlung von Wesenszügen ist, die sich von Geburt an (womöglich auch vorher schon, aber das ist sekundär) langsam und stetig ausbildet. Soll heissen, ein Neugeborenes ist erstmal persönlichkeitslos. Okay, das eine schreit mehr als das andere, aber das sind Marginalia. In den folgenden Jahren wird also aus dem einheitlichen und nichtssagenden Grau der (Nicht-)Persönlichkeit ein buntes Bild, welches sich zunehmend von dem anderer Menschen unterscheiden lässt, weil es eben stetig konkreter, schärfer wird.

IIRC, geht man davon aus, daß die Weichen in Richtung Borderline-Persönlichkeitsstörung meist im Kindesalter gestellt werden, also in einer Zeit, in der die eigene Persönlicchkeit noch sehr indifferent ist - das Bild ist noch unscharf, und viele Bereiche sind noch einheitlich grau.

Nun nehme ich an, daß in dieser Phase aus dem Stoß in Richtung Borderline die Konsequenz entsteht, daß widersprüchliche Verhaltensweisen (Mama ist lieb zu mir - Mama ist böse mit mir) nicht schlüssig miteinander vereint werden können, in der Fremdwahrnehmung anderer durch den Borderliner.

Das dies aber zwingend notwendig ist, um die eigene Persönlichkeit weiter auszuformen, indem man manches für sich selbst annimmt, anderes aber nicht, entsteht ein nicht auflösbarer Konflikt und die Persönlichkeit kann nicht weiter ausgeformt werden, die Entwicklung bleibt in dieser Hinsicht stehen, und die Strategie wird gewechselt:

Der Borderliner klaut sich einfach das gerade passende Extrembild (Eine Wahrnehmungsstörung, denn dieses Bild ist ja nicht wirklich so extrem!) und ersetzt damit sein eigenes, unscharfes, graues Persönlichkeitsbild. Dies geschieht von da an ständig, je nach Bezugsperson wechselnd und die eigene Persönlichkeit bleibt unausgeprägt. Es wird stets nur die gerade passende, verzerrte Wahrnehmung der Persönlichkeit eines anderen angenommen.

Da der Mensch aber stets
beides in sich vereint, und das auch im täglichen Verhalten
ständig auftaucht, verhindert diese vermeintliche
Unstimmigkeit das ausbilden von eigenen Charakterzügen - die
einzigen, die akzeptiert werden könnten, sind absolute Züge,
und die lassen sich nicht aufrecht erhalten, also lässt
derjenige es ganz sein und zieht sich darauf zurück, andere
auf eine absolute Art und Weise zu spiegeln.

Klingt da Kohut an?

Von dem hatte ich bis eben gerade nichts gehört, also wenn, dann unbeabsichtigt.

Damit ist aber den Betroffenen im Umfeld des Patienten nicht
geholfen. Der zugrundeliegende Konflikt kann allein auf
Grundlage des Verhaltens ja nicht gelöst werden, es bliebe
also ein Herumdoktorn an Symptomen ohne Behandlung der
Ursache.

Na, das ist ein altes Vorurteil. Die Analytiker sprechen
ständig von Ursachen, aber das sind nur Potemkinsche Dörfer.
Die kurieren keine Ursachen. Wenig erfolgreich sind sie auch.

Das liest sich wie ein VT’ler Vorurteil, aber das können, sollen und müssen wir sicher nicht ausdiskutieren. :smile:

Stimmt meine Vermutung, daß in Sachen Borderline ausnahmsweise
die tiefenpsychologisch orientierten Kollegen erfolgreicher in
der Behandlung sind?

Nein. Die dialektisch-behaviorale Therapie von Linehan gilt
momentan als die erfolgreichste Therapie bei Borderline. Hast
Du dafür eine Erklärung?

Nein. Es war auch lediglich eine Frage, gekoppelt mit einer Vermutung. Ich hab keine Ahnung von den Erfolgsstatistiken verschiedener Therapieformen, deshalb frag ich ja.

Die Annahme „echter“ und „unechter“ Gefühle ist also auch aus
ethischer Sicht heraus abzulehnen.

Auch das ist für den Therapeuten und Wissenschaftler womöglich
korrekt - den Betroffenen interessiert das nicht.

Oh, doch! Das interessiert sie sogar sehr. Wer die Dichotomie
„echt“ vs. „unecht“ im Kopf hat, kann sich nicht so sehr auf
sein Gegenüber einlassen, wie es notwendig wäre.

Okay, unsauber von mir formuliert. Die Frage, ob Gefühle echt sind oder nicht, ist vermutlich tatsächlich irrelevant. Interessant ist jedoch, den Anspruch an stabile Verhaltensweisen/Charakterzüge vorausgesetzt, die Frage, inwiefern man das von einem BLer erwarten kann.

Schliesslich
geht diese Varianz des Verhaltens soweit, daß sogar bei
seitens des Gegenüber identischen Voraussetzungen völlig
unterschiedliche Reaktionen auftreten.

Ich höre Chomsky aus Dir sprechen, der meinte, daß nach
behavioristischer Auffassung ein bestimmter Reiz nur eine
bestimmte Reaktion zur Folge haben könnte. Hätte er das, was
er kommentierte, doch besser gelesen …

Auch Chomsky ist mir unbekannt. Siehe auch den vorherigen Absatz von mir.

Hinterlassen hat das den Eindruck, daß
konkret dieses Problem womöglich weniger ein psychologisches,
sondern mehr eines der Frage von Werten und Weltanschaung,
also „persönlicher Moral“, ist.

Sprichst Du von Dir?

Natürlich spreche ich _auch_ von mir. Ich spreche von mir in dem Sinne, daß das der Eindruck ist, der bei _mir_ nach dem Lesen Deines Postings hängengeblieben ist, und ich spreche in dem Sinne von _mir_ daß es mir bei der Beschäftigung mit dem Thema zum einen darum geht, persönliche Erlebnisse besser verstehen zu können und zum anderen, zukünftige eventuelle Erlebnisse besser einschätzen zu können als damals.

Nochmal: Es liegt mir fern, dich hier mit irgendeinem meiner Beiträge oder Sätze in irgendeiner Form nicht ernstzunehmen, herabzuwürdigen, anzugreifen oder sonstwas.

Den einzigen Konfliktpunkt bei uns beiden, den ich sehe, ist der, daß ich im Gegensatz zu Dir unter bestimmten Bedingungen recht große Stücke auf tiefenpsychologische Ansätze gebe, was mich jedoch nicht hindert, Behavioristisches ernst zu nehmen. Außerdem ist das wie gesagt nichts, worum es letztlich in diesem Thread geht. Jeder hat halt seinen eigenen Tellerrand, und ich bemühe mich, über diesen hinauszuschauen. (Ups, das war jetzt wieder metaphorisch :smile:)

Grüße,

Malte.

Hallo Malte,

Wo siehst da konkret den Widerspruch zu meiner Aussage

darin, daß Du Dein Posting mit

vielen Dank für Deine auführliche Antwort, sie ist sehr interessant für mich.

eingeleitet hast und sofort anschließend

Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine vielleicht
andere Sichtweise
aus dem Lager unserer eher analytisch angehauchten Experten zu lesen
bekäme

fortgesetzt hast, was den ersten Satz entwertet.

Ja, genau. Die behavioristische Antwort ist so wertvoll, weil
sie keinen weiteren Aspekt zum nonvalidierenden Umfeld
beiträgt, das für die Betroffenen so schmerzlich ist.

Den Satz hab ich jetzt nicht verstanden.

Der Punkt war derjenige, daß ein Sprechen von „unecht“ in Bezug auf Gefühle diese Gefühle abwertet. Borderliner leiden u.a. unter der Abwertung durch ihr Umfeld (oder besser: Abwertungen trugen zur Entwicklung der Störung bei bzw. halten sie aufrecht) und eine weitere Abwertung durch die Aussage, ihre Gefühle seien nicht „echt“, trägt IMHO zur Gesamt-Abwertung bei. Ich bin mir sicher, daß Du es nicht abwertend meinst, aber der Effekt ist potentiell da, v.a. wenn man sich vor Augen hält, daß Borderliner immer Angst haben, daß sie nicht geliebt werden. Eine Sichtweise, die Gefühle nicht auf der Dimension „echt“ vs. „unecht“ verortet, ist IMHO die behavioristische. Aber das war gar nicht der Hauptpunkt meines ersten Postings.

Deinen Beitrag bin, weil er eben eine Sicht darstellt, die mir eher
fremd ist.

Ich habe wirklich gemerkt, daß meine Sicht Dir fremd ist.

Das Bild, das ich mir gerne machen möchte in diesem Thread, ist
jedoch eines, das weder nur auf :Baviorismus noch nur auf Analytik
noch nur auf Esoterik noch nur auf meinen eigenen
Erfahrungen beruhen soll - ich will sie alle gleichermaßen.

Diese Einstellung ist sehr positiv. Laß mich einfügen, daß ich hier im Forum relativ selten einen behavioristischen Standpunkt vertrete, sondern den der empirischen Psychologie, wie sie an den Universitäten in Deutschland betrieben wird.

Mit dem Hinweis, auch „die Analytiker“ mögen noch antworten, möchte
ich vermeiden, daß sich jemand denkt „Okay, der Oliver hat
ausführlich geantwortet, ich seh das zwar ein bischen anders,
aber im Prinzip ist das schon richtig, deshalb muß ich ja nix mehr
dazu schreiben.“

Hast Du den Eindruck, daß meine Postings diesen Effekt haben?

Okay, also d’Accord zu meiner obigen Aussage?

Zu welcher?

Zu meiner Frageaussage bzgl. Persönlichkeit und Stabilität/Konstanz.

Dazu natürlich. Das ist ein Aspekt der Standarddefinition der Persönlichkeit.

Ich gehe davon aus, daß Persönlichkeit eine Sammlung von Wesenszügen
ist, die sich von Geburt an (womöglich auch vorher schon, aber das
ist sekundär) langsam und stetig ausbildet.

Damit bist Du ziemlich im Einklang mit der traittheoretischen Persönlichkeitsforschung (z.B. Eysenck: Extraversion, Neurotizismus).

Soll heissen, ein Neugeborenes ist erstmal persönlichkeitslos.

Könnte man so sagen.

Okay, das eine schreit mehr als das andere, aber das sind Marginalia.

Na ja … :smile:

In den folgenden Jahren wird also aus dem einheitlichen und
nichtssagenden Grau der (Nicht-)
Persönlichkeit ein buntes Bild, welches sich zunehmend von dem
anderer Menschen unterscheiden lässt, weil es eben stetig konkreter,
schärfer wird.

Weitgehende Zustimmung. (Nur für überkritische Mitleser: zum einheitlichen, nichtssagenden Grau nicht. Ich bin kein Tabula rasa-Behaviorist).

IIRC, geht man davon aus, daß die Weichen in Richtung Borderline-
Persönlichkeitsstörung meist im Kindesalter gestellt werden, also in
einer Zeit, in der die eigene Persönlicchkeit noch sehr
indifferent ist - das Bild ist noch unscharf,

Ja, das würde ich auch so ähnlich formulieren. Ich würde zwar lieber von „Entwicklung“ sprechen, aber das ist vermutlich nur unsere unterschiedliche Sprache, die hier manches unterschiedlich klingen läßt.

Nun nehme ich an, daß in dieser Phase aus dem Stoß in Richtung
Borderline die Konsequenz :entsteht, daß widersprüchliche
Verhaltensweisen (Mama ist lieb zu mir - Mama ist böse mit
mir) nicht schlüssig miteinander vereint werden können, in der
Fremdwahrnehmung anderer durch den :Borderliner.

O.k., das geht in Richtung „double bind“.

Das dies aber zwingend notwendig ist, um die eigene Persönlichkeit
weiter auszuformen,

Aus der psychoanalytischen Forschung gefällt mir der Bindungsaspekt. Man kann vermuten, daß die Kinder, die solche Erlebnisse machen, unsicher gebunden werden, was für ihre spätere Persönlichkeitsentwicklung problematisch ist.

indem man manches für sich selbst annimmt, anderes aber nicht,
entsteht ein nicht auflösbarer :Konflikt und die Persönlichkeit kann
nicht weiter ausgeformt werden, die Entwicklung bleibt in
dieser Hinsicht stehen, und die Strategie wird gewechselt:
Der Borderliner klaut sich einfach das gerade passende Extrembild
(Eine Wahrnehmungsstörung, denn dieses Bild ist ja nicht wirklich so
extrem!) und ersetzt damit sein eigenes, unscharfes,
graues Persönlichkeitsbild. Dies geschieht von da an ständig, je
nach Bezugsperson wechselnd und die :eigene Persönlichkeit bleibt
unausgeprägt. Es wird stets nur die gerade passende, verzerrte
Wahrnehmung der Persönlichkeit eines anderen angenommen.

Von dem, was Du beschreibst, findet sich - soweit ich das überblicke - ziemlich viel in psychoanalytischen Erklärungsversuchen für die Borderline Störung wieder. Ich finde das auch gar nicht schlecht, nur problematisch, weil es so weit vom beobachtbaren Verhalten entfernt und in wenig verhaltensnahen Begriffen formuliert ist. Das erschwert die Überprüfung der Theorie, aber eine solche ist für mich eine wesentliche Bedingung für die Akzeptanz einer Theorie.

Die Analytiker sprechen
ständig von Ursachen, aber das sind nur Potemkinsche Dörfer.
Die kurieren keine Ursachen. Wenig erfolgreich sind sie auch.

Das liest sich wie ein VT’ler Vorurteil,

Das mit den Potemkinschen Dörfern vielleicht. Das mit dem Erfolg: Ich wünschte, daß sie größeren hätten.

aber das können, sollen und müssen wir sicher nicht ausdiskutieren. :smile:

Nein, ich halte mich zurück. :smile:

Nein. Die dialektisch-behaviorale Therapie von Linehan gilt
momentan als die erfolgreichste Therapie bei Borderline. Hast
Du dafür eine Erklärung?

Nein. Es war auch lediglich eine Frage, gekoppelt mit einer Vermutung. Ich hab keine Ahnung von :den Erfolgsstatistiken verschiedener Therapieformen, deshalb frag ich ja.

Ein wesentlicher Punkt bei der DBT ist die Akzepanz der Patientin und ihres Verhaltens:

„Ein wichtiger Baustein der Therapie ist das völlige Verständnis des Therapeuten für die Borderline-Persönlichkeit und ihre Schwierigkeiten. Auf empathische Weise soll dennoch versucht werden, die Ansichten der Betroffenen zurechtzurücken, wobei die dysfunktionalen Verhaltensweisen als Bestandteil der Persönlichkeit der Betroffenen faktorenorientiert hingenommen werden.“

Genau das sehe ich im Zusammenhang mit meiner Ablehnung des Sprechens von „echten“ und „unechten“ Gefühlen. Die Gefühlsschwankungen würde ich als „nicht vorteilhaft“ oder als „veränderungsbedürftig“ (dysfunktional) bezeichnen, nur die Aussage, daß sie nicht „echt“ sind, empfinde ich als sehr problematisch.

Die Frage, ob Gefühle echt sind oder nicht, ist vermutlich
tatsächlich irrelevant. Interessant ist jedoch, den Anspruch an
stabile Verhaltensweisen/Charakterzüge vorausgesetzt, die Frage,
inwiefern man das von einem BLer erwarten kann.

Genau, Malte. Das ist sauber auf den Punkt gebracht. Einen Anspruch auf stabilere Verhaltensweisen im Sinne eines Therapieziel sollte man meiner Meinung nach jedoch formulieren. Nur ohne therapeutische Unterstützung scheint dieses Ziel bei der Borderlinerin nicht erreichbar.

Auch Chomsky ist mir unbekannt. Siehe auch den vorherigen Absatz von
mir.

Du kannst ja trotzdem etwas Ahnliches wie er gemeint haben. Ist aber wurscht.

Natürlich spreche ich _auch_ von mir. Ich spreche von mir in dem
Sinne, daß das der Eindruck ist, :der bei _mir_ nach dem Lesen
Deines Postings hängengeblieben ist, und ich spreche in dem Sinne
von _mir_ daß es mir bei der Beschäftigung mit dem Thema zum einen
darum geht, persönliche :Erlebnisse besser verstehen zu können und
zum anderen, zukünftige eventuelle Erlebnisse besser einschätzen zu
können als damals.

Ah, gut. Mir ging es nämlich nur um die Frage, ob ein Sprechen von „echten“ oder „unechten“ Gefühlen sinnvoll oder nicht ist. Aus einer eher verhaltensnahen Perspektive ist es das IMHO nicht. Das war mein Punkt. Ob Dir diese - andere - Perspektive beim Verständnis weiterhilft, weiß ich nicht. Wahrscheinlich müßte man sich erst tiefer mit der gesamten Perspektive auseinandersetzen, bevor man den kleinen Punkt, um den es mir ging, richtig verorten kann. In Bezug auf Deine tiefenpsychologisch geprägte Sichtweise ist es IMHO in Ordnung von „echt“ vs. „unecht“ zu sprechen. Auch den von Dir beschriebenen möglichen Ursachen der Borderline PS kann man viel Interessantes entnehmen. Ein Hauptunterschied zwischen Tiefenpsychologie und verhaltensorientierter Psychologie ist derjenige, daß die verhaltensorientierte Psychologie nicht so schmucke, aber ungenaue Begriffe hat, mit der sie ihre Ansichten garniert. Oder um es mit Yoyi salopp zu sagen: „VT ist nicht sexy.“

Nochmal: Es liegt mir fern, dich hier mit irgendeinem meiner
Beiträge oder Sätze in irgendeiner Form nicht ernstzunehmen,
herabzuwürdigen, anzugreifen oder sonstwas.

O.k.

Den einzigen Konfliktpunkt bei uns beiden, den ich sehe, ist der,
daß ich im Gegensatz zu Dir unter :bestimmten Bedingungen recht
große Stücke auf tiefenpsychologische Ansätze gebe,

Das las ich deutlich heraus. Ich wollte sie Dir auch nicht madig machen, denn ich konnte die Faszination, die von der Tiefenpsychologie ausgehen kann, früher nachvollziehen. Es ging mir nur um diesen kleinen Punkt, weswegen ich auch darauf verzichtete, Tiefenpsychologisches zu erwähnen.

Jeder hat halt seinen eigenen Tellerrand, und ich bemühe mich, über
diesen hinauszuschauen. (Ups, :das war jetzt wieder metaphorisch :smile:)

Viel Spaß dabei.

Nächtliche Grüße,

Oliver Walter

PS: Falls sich irgendwelche Ungereimtheiten finden, so liegt es an der späten Stunde, zu der ich schrieb.

1 „Gefällt mir“

d’Accord - schwere Geburt :smile:
Hi,

Wo siehst da konkret den Widerspruch zu meiner Aussage

darin, daß Du Dein Posting mit

vielen Dank für Deine auführliche Antwort, sie ist sehr interessant für mich.

eingeleitet hast und sofort anschließend

Ich würde mich jedoch freuen, wenn ich auch noch eine vielleicht
andere Sichtweise aus dem Lager unserer eher analytisch angehauchten Experten zu
lesen bekäme

fortgesetzt hast, was den ersten Satz entwertet.

Das empfinde ich ganz anders. Echt jetzt. Naja, egal.

Ja, genau. Die behavioristische Antwort ist so wertvoll, weil
sie keinen weiteren Aspekt zum nonvalidierenden Umfeld
beiträgt, das für die Betroffenen so schmerzlich ist.

Den Satz hab ich jetzt nicht verstanden.

Der Punkt war derjenige, daß ein Sprechen von „unecht“ in
Bezug auf Gefühle diese Gefühle abwertet.

Natürlich tut es das.

Borderliner leiden
u.a. unter der Abwertung durch ihr Umfeld (oder besser:
Abwertungen trugen zur Entwicklung der Störung bei bzw. halten
sie aufrecht) und eine weitere Abwertung durch die Aussage,
ihre Gefühle seien nicht „echt“, trägt IMHO zur
Gesamt-Abwertung bei. Ich bin mir sicher, daß Du es nicht
abwertend meinst, aber der Effekt ist potentiell da, v.a. wenn
man sich vor Augen hält, daß Borderliner immer Angst haben,
daß sie nicht geliebt werden.

Das liest sich wie ein Teufelskreis - in dem Moment, wo die fehlende emotionale Stabilität des Borderliners erkannt wird - CAVE: Ich schreibe die ganze Zeit mit Blick auf die Beziehung BLerUmfeld, nicht die TherapeutPatient-Beziehung! - geht tatsächlich etwas von der Liebe zu ihm flöten, ja schon fast zwangsweise, wenn man herkömmliche Maßstäbe ansetzt, und egal, ob das nun die „Liebe“ zu einem Partner, Freund oder sonstwem ist. Das macht den BLer vermutlich nicht gerade stabiler…

Laß mich einfügen, daß ich
hier im Forum relativ selten einen behavioristischen
Standpunkt vertrete, sondern den der empirischen Psychologie,
wie sie an den Universitäten in Deutschland betrieben wird.

Der Unterschied ist mir jetzt nicht geläufig - ich werd mal googlen :smile:

Mit dem Hinweis, auch „die Analytiker“ mögen noch antworten, möchte
ich vermeiden, daß sich jemand denkt „Okay, der Oliver hat
ausführlich geantwortet, ich seh das zwar ein bischen anders,
aber im Prinzip ist das schon richtig, deshalb muß ich ja nix mehr
dazu schreiben.“

Hast Du den Eindruck, daß meine Postings diesen Effekt haben?

Ich habe den Eindruck, daß jedes Posting, welches eine umfangreiche und inhaltlich korrekte Antwort darstellt, diesen Effekt hat, in jedem Fachgebiet. Gerade in den nicht-digitalen Wissenschaften bleiben da mitunter manche Perspektiven auf der Strecke.

Okay, also d’Accord zu meiner obigen Aussage?

Zu welcher?

Zu meiner Frageaussage bzgl. Persönlichkeit und Stabilität/Konstanz.

Dazu natürlich. Das ist ein Aspekt der Standarddefinition der
Persönlichkeit.

Das weiß ich ja nicht! Lieber einmal zuviel definiert als einmal zu wenig. Ich bin kein Fachmann in diesem Bereich.

indem man manches für sich selbst annimmt, anderes aber nicht,
entsteht ein nicht auflösbarer :Konflikt und die Persönlichkeit kann
nicht weiter ausgeformt werden, die Entwicklung bleibt in
dieser Hinsicht stehen, und die Strategie wird gewechselt:
Der Borderliner klaut sich einfach das gerade passende Extrembild
(Eine Wahrnehmungsstörung, denn dieses Bild ist ja nicht wirklich so
extrem!) und ersetzt damit sein eigenes, unscharfes,
graues Persönlichkeitsbild. Dies geschieht von da an ständig, je
nach Bezugsperson wechselnd und die :eigene Persönlichkeit bleibt
unausgeprägt. Es wird stets nur die gerade passende, verzerrte
Wahrnehmung der Persönlichkeit eines anderen angenommen.

Von dem, was Du beschreibst, findet sich - soweit ich das
überblicke - ziemlich viel in psychoanalytischen
Erklärungsversuchen für die Borderline Störung wieder.

Gibt es andere Erklärungsversuche? Ich habe da meine Kenntnisse nur aus dem hier an anderer Stelle verlinkten Buch und aus dem Netz. Stichworte würden mir reichen.

Nein. Die dialektisch-behaviorale Therapie von Linehan gilt
momentan als die erfolgreichste Therapie bei Borderline. Hast
Du dafür eine Erklärung?

Nein. Es war auch lediglich eine Frage, gekoppelt mit einer Vermutung. Ich hab keine
Ahnung von :den Erfolgsstatistiken verschiedener Therapieformen, deshalb frag ich ja.

Ein wesentlicher Punkt bei der DBT ist die Akzepanz der
Patientin und ihres Verhaltens:

„Ein wichtiger Baustein der Therapie ist das völlige
Verständnis des Therapeuten für die Borderline-Persönlichkeit
und ihre Schwierigkeiten. Auf empathische Weise soll dennoch
versucht werden, die Ansichten der Betroffenen
zurechtzurücken, wobei die dysfunktionalen Verhaltensweisen
als Bestandteil der Persönlichkeit der Betroffenen
faktorenorientiert hingenommen werden.“

Genau das sehe ich im Zusammenhang mit meiner Ablehnung des
Sprechens von „echten“ und „unechten“ Gefühlen. Die
Gefühlsschwankungen würde ich als „nicht vorteilhaft“ oder als
„veränderungsbedürftig“ (dysfunktional) bezeichnen, nur die
Aussage, daß sie nicht „echt“ sind, empfinde ich als sehr
problematisch.

OK, in der Therapie kann ich das gut nachvollziehen - anders wird kaum ein wirksames arbeiten mit dem Patienten möglich sein - erstmal. In der Beziehung des BLers zu seinem Umfeld funktioniert das aber erstmal nicht, weil es die üblichen Strukturen und Mechansimen des sozialen Miteinanders total auf den Kopf stellt. Ich hab soweit da keine Erfahrung mit, aber in BL-Foren im Netz ne Menge Geschichten gelesen - das für ein halbwegs erträgliches Miteinander notwendige Umdenken beinhaltet Entscheidungen, die sich nur schwer mit meiner Einstellung zu eben diesem Miteinander verinbaren lassen.

Die Frage, ob Gefühle echt sind oder nicht, ist vermutlich
tatsächlich irrelevant. Interessant ist jedoch, den Anspruch an
stabile Verhaltensweisen/Charakterzüge vorausgesetzt, die Frage,
inwiefern man das von einem BLer erwarten kann.

Genau, Malte. Das ist sauber auf den Punkt gebracht. Einen
Anspruch auf stabilere Verhaltensweisen im Sinne eines
Therapieziel sollte man meiner Meinung nach jedoch
formulieren. Nur ohne therapeutische Unterstützung scheint
dieses Ziel bei der Borderlinerin nicht erreichbar.

Das ist eine ziemlich harte Erkenntnis, finde ich, wenn man bedenkt, daß BLer zunächst mal gar nicht so gestört erscheinen. Sie sind eben nicht wie die Schizophrenen, die zwei Radios einschalten und dann ganz still sind, damit die beiden Radiomoderatoren sich ungestört miteinander unterhalten können. Sie reagieren nur mitunter unangemessen, auf den ersten Blick betrachtet, und man ist versucht, zu glauben, daß müsse sich auch so irgendwie regeln lassen, z.B. indem man den Wutausbrüchen durch besondere Sorgfalt und Genauigkeit in der Wortwahl vorbeugt - vorzubeugen glaubt. Es ist schwer, zu verstehen, daß die Wortwahl schietegal ist, weil die Ursache(!) für diese Ausbrüche ganz woanders liegt.

Natürlich spreche ich _auch_ von mir. Ich spreche von mir in dem
Sinne, daß das der Eindruck ist, :der bei _mir_ nach dem Lesen
Deines Postings hängengeblieben ist, und ich spreche in dem Sinne
von _mir_ daß es mir bei der Beschäftigung mit dem Thema zum einen
darum geht, persönliche :Erlebnisse besser verstehen zu können und
zum anderen, zukünftige eventuelle Erlebnisse besser einschätzen zu
können als damals.

Ah, gut. Mir ging es nämlich nur um die Frage, ob ein Sprechen
von „echten“ oder „unechten“ Gefühlen sinnvoll oder nicht ist.
Aus einer eher verhaltensnahen Perspektive ist es das IMHO
nicht. Das war mein Punkt. Ob Dir diese - andere - Perspektive
beim Verständnis weiterhilft, weiß ich nicht. Wahrscheinlich
müßte man sich erst tiefer mit der gesamten Perspektive
auseinandersetzen, bevor man den kleinen Punkt, um den es mir
ging, richtig verorten kann. In Bezug auf Deine
tiefenpsychologisch geprägte Sichtweise ist es IMHO in Ordnung
von „echt“ vs. „unecht“ zu sprechen. Auch den von Dir
beschriebenen möglichen Ursachen der Borderline PS kann man
viel Interessantes entnehmen.

Deine Erläuterungen haben mir insofern geholfen, als daß sie meinen eigenen Anteil bei der Betrachtung etwas ausgeblendet haben. Das finde ich schon sinnvoll, und das ist etwas, bei dem Dritte immer hilfreich sind.

Ein Hauptunterschied
zwischen Tiefenpsychologie und verhaltensorientierter
Psychologie ist derjenige, daß die verhaltensorientierte
Psychologie nicht so schmucke, aber ungenaue Begriffe hat, mit
der sie ihre Ansichten garniert. Oder um es mit Yoyi salopp zu
sagen: „VT ist nicht sexy.“

Stimmt :smile: Das gilt btw. auch definitiv für das „therapeutische Setting“ :smile:

Gruß,

Malte.

Tja, liebe Irene, das ist wirklich eine interessante Frage, die Du da anschneidest bzw. weiterführst.
Die bis zur „Perfektion“ betriebene Diagnostiziererei ohne therapeutische Konsequenz, wie sie die Psychiater zum Teil vor hundert Jahren betrieben, war ja schon dem alten Freud ein Dorn im Auge. Er sagt etwa sinngemäßt: Die Psychiater können alles bis ins kleinste etikettieren, aber es gibt kein tieferes Nachdenken über die Psychodynamik, die inneren Zusammenhänge usw.
Das ist m.E. bei den psychoanalytisch begründeten Diagnosen anders. Sie erhellen oft das Ganze, die Gesamtpersönlichkeit des Patienten / Klienten wird deutlicher, und man kann dann ihm gemäßer vorgehen bzw. zusammmenarbeiten.
Eine zwei-Ebenen-Diagnose hat also da ihre Vorteile. Man bleibt nicht nur starren Auges an den Symptomen kleben, sondern versucht, zu erkennen, warum dieselben in bestimmten Situationen verschärft auftreten usw.
So gesehen, hat eine psychodynamische Diagnostik doch einen Sinn und ichkann Dir Deine Frage also positiv beantworten.
Es grüßt Dich Branden

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Ergänzung
Um Deine zweite Frage zu beantworten: Aus meinem eben Ausgeführten ergibt sich, dass sich spätestens nach Abschluß meiner psychoanalytischen Weiterbildung meine (durch Psychotherapie-Antrags-Gutachten erforderte) Art der Diagnose-Beschreibung geändert hat. Natürlich wurde es etwas aufwendiger, hat aber an Differenziertheit gewonnen. Ich „sehe“ also die zwei Ebenen, auch wenn ich nicht explizit ein Gutachten anfertigen muss.
Gruss, Branden

Danke, Branden, sehr interessant und aufschlussreich.
Grüße
Irene

Hallo Malte,

Das liest sich wie ein Teufelskreis - in dem Moment, wo die fehlende
emotionale Stabilität des :Borderliners erkannt wird - CAVE: Ich
schreibe die ganze Zeit mit Blick auf die Beziehung BLer
Umfeld, nicht die TherapeutPatient-Beziehung! - geht tatsächlich
etwas von der Liebe zu ihm :flöten, ja schon fast zwangsweise, wenn
man herkömmliche Maßstäbe ansetzt, und egal, ob das nun die „Liebe“
zu einem Partner, Freund oder sonstwem ist.

ja, das tut es. Allerdings ist dieses „Phänomen“ nicht auf die Beziehung zwischen Gesunden und Borderlinern beschränkt, sondern tritt auch in Beziehungen zu anderen psychisch Gestörten auf bzw. kann auch zwischen zwei Gesunden auftreten. Immer dann nämlich, wenn der eine auf Basis einer Reflexion der zwischenmenschlichen Situation - auf der Metaebene - reagiert, der andere diese Reflexion aber nicht aufzubringen vermag und v.a. emotional reagiert. Man könnte in diesem Fall sogar die Dichotomie „echt“ vs. „unecht“ umkehren und sagen, daß der emotional Reagierende die „echten“ Gefühle zeigt, der auf Basis der Reflexion Reagierende jedoch die über Meta-Kognitionen vermittelten. Das letztere machen Therapeuten bzw. Psychologen im professionellen Kontext. Sie müssen immer auch darüber reflektieren, welche Bedeutung das in der Therapeut-Patient-Situation stattfindende Verhalten in Bezug auf die Therapieziele hat.

Das macht den BLer vermutlich nicht gerade stabiler…

Wenn die Borderlinerin „herausbekommt“, daß die Emotionen (z.B. Zuneigung) des anderen auf bestimmten Kognitionen („sie ist ja Borderlinerin und deshalb …“) beruhen und der andere dies vor ihr verbergen wollte, dann ja. Denn das ist etwas wie Betrug und nicht nur Borderlinerinnen reagieren (berechtigterweise) empört, weil sie dies als „etwas vorspielen“ auffassen. In der VT gilt daher das Prinzip der Transparenz, d.h. man sagt dem anderen vorher offen, was Sache ist, und schiebt es nicht hinterher. Dadurch signalisiert man, daß man den anderen ernstnimmt. In einer nichtprofessionellen Beziehung ist die Sache natürlich sehr schwierig und es gibt für dieses Problem meiner Erfahrung nach keinen „one best way“ zur Lösung.

[Empirische Psychologie vs. Behaviorismus]

Der Unterschied ist mir jetzt nicht geläufig - ich werd mal
googlen :smile:

Die heute an den Universitäten betriebene Psychologie ist v.a. kognitionspsychologisch ausgerichtet.

Ich habe den Eindruck, daß jedes Posting, welches eine umfangreiche
und inhaltlich korrekte :Antwort darstellt, diesen Effekt hat, in
jedem Fachgebiet. Gerade in den nicht-digitalen Wissenschaften
bleiben da mitunter manche Perspektiven auf der Strecke.

Vielleicht ist es auch ein Problem speziell dieses Boards, in dem die Unterschiede zwischen Laien und Experten sehr groß sind und z.T. unüberbrückbar scheinen.

Gibt es andere [tiefenpsychologische] Erklärungsversuche? Ich habe
da meine Kenntnisse nur aus dem hier an anderer Stelle verlinkten
Buch und aus dem Netz. Stichworte würden mir reichen.

Ja, es gibt eine Reihe psychoanalytischer und tiefenpsychologischer Erklärungsversuche. Es ist durchaus kein einheitliches Feld. Zwei bedeutende psychoanalytische Theoretiker auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen sind Heinz Kohut und Otto Kernberg. Nach Kohut soll Borderline auf eine gestörte Entwicklung des Selbst und der Selbstobjekte zurückzuführen sein, während Kernberg Störungen der Identität, der Abwehrvorgänge und der Realitätsprüfung in den Vordergrund hebt. Bindungstheoretische Überlegungen (Bowlby, Ainsworth) spielen bei der Erklärung der Borderline-PS stark hinein. Es gibt so viele psychoanalytische Autoren, die sich über Borderline Gedanken gemacht haben, daß ich sie nicht alle aufzählen kann.

In der Beziehung des BLers zu seinem Umfeld funktioniert das aber
erstmal nicht, weil es die üblichen Strukturen und Mechansimen des
sozialen Miteinanders total auf den Kopf stellt.

Ist das soziale Miteinander, in das Borderlinerinnen einbezogen sind, nicht allein schon dadurch total auf den Kopf gestellt, daß man mit Borderlinerinnen zu tun hat? Erfordert das gegenseitige Miteinander mit Borderlinerinnen nicht eine Abkehr von dem üblichen Prozedere hin zu einem auf die besonderen Eigenschaften der Borderlinerinnen abgestimmten Miteinander? Zum eigenen und zum Wohl der Borderlinerin?

in BL-Foren im Netz ne Menge Geschichten gelesen - das für ein
halbwegs erträgliches Miteinander :notwendige Umdenken beinhaltet
Entscheidungen,

Genau das meine ich.

die sich nur schwer mit meiner Einstellung zu eben diesem
Miteinander verinbaren lassen.

Das glaube ich Dir. Deshalb sprach ich auch davon, daß therapeutische Hilfe notwendig ist, nämlich u.a. dazu, daß Borderlinerinnen ihr Verhalten verändern, um besser mit anderen Menschen auskommen zu können. In ihrem und der anderen Interesse. Umgekehrt halte ich - wie oben beschrieben - bei den anderen eine Abkehr vom „üblichen“ Miteinander für notwendig, wenn man mit Borderlinerinnen zu tun hat. Platt gesagt: Ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen.

Das ist eine ziemlich harte Erkenntnis, finde ich, wenn man bedenkt,
daß BLer zunächst mal gar :nicht so gestört erscheinen.

Ich denke, daß Borderlinerinnen ziemliche Schwierigkeiten haben: die ständigen intensiven Gefühle gegenüber anderen, die sehr schnell von Bewunderung in völlige Entwertung umschlagen können, die parasuizidalen Handlungen, die ständige Unsicherheit bzgl. der eigenen Identität, das alltägliche Erleben von intensiven persönlichen Krisen, das gelegentliche Auftreten von psychoseähnlichen Erlebnissen, um nur ein paar Dinge zu nennen. Gerade Borderlinerinnen gelten als sehr anstrengend und ich hörte Psychiater sagen, daß man mit ihnen früher ungern zu tun haben wollte, u.a. weil gerade dann, wenn Fortschritte zu verzeichnen sind, die Borderlinerinnen persönliche Krisen entwickeln, die die Fortschritte zumindest in Frage stellen. Durch DBT soll sich das geändert haben.

Ich führe einmal die DBT-„Grundannahmen“ auf, damit Du Dir ein Bild machen kannst, wie die Dinge in der DBT gesehen werden:

  1. Patienten versuchen das Beste aus ihrer verheerenden Situation zu machen.
  2. Patienten wollen sich verändern.
  3. Patienten müssen sich stärker anstrengen, härter arbeiten, stärker motiviert sein, um sich zu verändern.
  4. Patienten haben die Probleme nicht alle selbst verursacht, aber sie müssen sie selbst lösen.
  5. Das Leben der suizidalen Patienten ist gegenwärtig nicht auszuhalten.
  6. Patienten müssen neues Verhalten in allen relevanten Dimensionen erlernen.
  7. Patienten können in DBT nicht versagen.
  8. Therapeuten brauchen Unterstützung.

Mit „Patienten“ sind Borderlinerinnen gemeint.

Sie reagieren nur mitunter unangemessen, auf den ersten Blick
betrachtet, und man ist versucht, zu :glauben, daß müsse sich auch
so irgendwie regeln lassen, z.B. indem man den Wutausbrüchen durch
besondere Sorgfalt und Genauigkeit in der Wortwahl vorbeugt -
vorzubeugen glaubt.

Ja, genau, man glaubt, daß es doch auch anders ginge. Das glaubt man bei vielen von psychischen Störungen Betroffenen. Bei Depressionen zum Beispiel auch. Bei Alkoholabhängigen auch.

Es ist schwer, zu verstehen, daß die Wortwahl schietegal ist, weil
die Ursache(!) für diese Ausbrüche :ganz woanders liegt.

Die Wortwahl ist m.E. nicht egal. Sie kann ein Auslöser sein. Trotzdem ist man ja nicht verantwortlich dafür, daß bei Kleinigkeiten für Borderlinerinnen die Welt zusammenbrechen kann. DBT geht gerade davon aus, daß Krisen für Borderlinerinnen alltäglich sind und sich ihr Auftreten nicht ad hoc verhindern läßt. So wie sich die Grübeleinen von Depressiven auch nicht ohne Anstrengungen verhindern lassen.

Stimmt :smile: Das gilt btw. auch definitiv für das „therapeutische
Setting“ :smile:

Ja, das psychoanalytische Setting wirkt definitiv stark anziehend auf viele. Es kommt der alltäglichen Vorstellung von „Psychotherapie“ und der „Tiefe der Seele“ entgegen bzw. hat diese Vorstellungen stark mitgeprägt.

Gruß,

Oliver Walter

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