Was ist Borderline genau?

Hallo

in letzer Zeit scheint mir iregdnwie eine Infaltion des Begriffs " Borderline"
stattzufinden.
Deswegen würd ich gerne mal wissen, was ist Borderline genau?

Danke

Julia

Hallo Julia,

den Begriff „Borderline“ gibt es seit 1938, als der Psychiater Alfred Stern ihn zur Bezeichnung von Störungen einführte, die man nicht in die beiden Gruppen der Neurosen und Psychosen einordnen konnte und die man quasi auf der „Grenzlinie“ (Borderline) zwischen Neurosen und Psychosen liegend ansah. Man ging von einem Kontinuum von psychischer Normalität, Neurosen und Psychosen aus und Borderline markierte eben die Grenze zwischen Neurosen und Psychosen. Der Begriff war allerdings unklar, nebulös und schillernd. Man sprach auch von „pseudoneurotischer Schizophrenie“ oder „präschizophrener Persönlichkeitsstruktur“.

Die Situation änderte sich mit den Arbeiten des Psychoanalytikers Otto F. Kernberg, der 1967 den Begriff „Borderline“ für ein gestörtes Persönlichkeitsmuster prägte. Kernberg sprach sich dafür aus, daß dieser Begriff "nur auf solche Patienten angewendet werden (sollte), bei denen eine chronische Charakterorganisation besteht, die ihrer Art nach weder typisch neurotisch noch typisch psychotisch genannt werden kann und die gekennzeichnet ist durch

  1. bestimmte typische Symptomkomplexe
  2. eine typische Konstellation von Abwehrmechanismen des Ichs
  3. typische Störungen im Bereich der verinnerlichten Objektbeziehungen
    und schließlich
  4. charakteristische genetisch-dynamische Besonderheiten."

Diese Auffassung verdrängte den bisherigen ungenauen Gebrauch des Begriffs „Borderline“ und führte 1980 zur Aufnahme der „Borderline Persönlichkeitsstörung“ in das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen III (DSM-III). Damals definierte die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) so:

„Das Hauptmerkmal ist eine Persönlichkeitsstörung mit Instabilität in vielen Bereichen, einschließlich des zwischenmenschlichen Verhaltens, der Stimmung und des Selbstbildes. Kein einzelnes Merkmal ist immer vorhanden. Zwischenmenschliche Beziehungen sind vielfach intensiv, aber instabil mit erheblichen Schwankungen der Einstellung im Laufe der Zeit. Häufig kommt impulsives und unberechenbares Verhalten vor, das potentiell selbstschädigend ist. Die Stimmung ist oft instabil, mit ausgeprägten Schwankungen von einer normalen zu einer dysphorischen Gestimmtheit mit inadäquaten, heftigem Zorn oder mangelnder Kontrolle über den Zorn. Eine tiefgehende Identitätsstörung kann sich in Unsicherheit in verschiedenen Bereichen zeigen, die mit Selbstbild, Geschlechtszugehörigkeit oder langfristigen Zielen und Werten zusammenhängen. Es kann schwer fallen, das Alleinsein zu ertragen, auch können chronische Gefühle von Leere oder Langeweile bestehen.“

In den darauffolgenden Fassungen des DSM (DSM-III-R, 1987, und DSM-IV, 1994) änderte sich nicht viel an dieser Definition.

Hinsichtlich möglicher Erklärungen des Entstehens der Störung kann man u.a. zwei Ansätze unterscheiden:

Psychodynamischer Ansatz

  • Beziehungsprobleme zwischen Kind und ablehnenden Eltern
  • Diese mangelnde Akzeptanz des Kindes führt zu einem reduziertem Selbstwertgefühl, gesteiger-ter Abhängigkeit von den Eltern und einer verringerte Fähigkeit zur Bewältigung von Trennungen.

Die angenommenen Ereignisse wie Vernachlässigung und Zurückweisung, grob unangemessenes Verhalten sowie eine Mutter- und Vatersubstitute wurden tatsächlich häufiger bei Borderline-Patienten gefunden. Es wurden auch mehr Scheidungen oder Todesfälle, besonders während der frühen Kindheit der Patienten entdeckt. Die Eltern werden als gleichgültig, kontrollierend und manchmal als bösartig beschrieben. Eine Studien fanden auch eine hohe Prävalenz von Kindesmißhandlung- und -mißbrauch einschließlich Inzest, was in Zusammenhang mit der höheren Prävalenz der Störung bei Frauen steht, weil auch Frauen häufiger sexuelle mißbraucht werden als Männer.

Biologischer Ansatz

Auf biologischer Ebene wurde ein Zusammenhang zwischen der Impulsivität (Suizidversuche, Aggressivität) und einer niedrigen Serotoninaktivtät im Gehirn gefunden. Außerdem wurden REM-Schlaf-Veränderungen entdeckt, die denen von Depressiven ähneln (also verminderte REM-Latenz). Die bei Borderline manchmal auftretenden vorübergehenden psychotischen Symptome wurden in Zusammenhang mit einer veränderten Dopaminaktivität gebracht. Die Prävalenz von Borderline-Störungen unter nahen Verwandten eines Borderliners ist um das 5fache gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöht.

Bzgl. der Therapie der Borderline Persönlichkeitsstörung kann man zwischen mehreren Verfahren unterscheiden. Relativ neu und im Vergleich zu anderen Therapieverfahren ziemlich erfolgreich ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie von Marsha Linehan: http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…

Gruß,

Oliver Walter

Hallo Julia,
guck dir mal den Beitrag von gestern von yoyi an!
Da ist es - finde ich - sehr gut erklärt.

Gruß Ann

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In dieses ‚Krankheitsbild‘ passen 98% aller Menschen, ausgenommen ein par Fidschi-Indianer. Wäre es nicht möglich, daß der Herr ‚Border-Liner‘ einen Vogel gehabt hat?

-))

nichts für ungut…

rolf

In dieses ‚Krankheitsbild‘ passen 98% aller Menschen,
ausgenommen ein par Fidschi-Indianer. Wäre es nicht möglich,
daß der Herr ‚Border-Liner‘ einen Vogel gehabt hat?

Schon mal Borderliner erlebt? Nein? Dann zurück unter den Stein…

Malte.

Hallo, Rolf,

zu dem weiter unten von Malte genannten Buch kann ich Dir das Buch überhaupt für Angehörige empfehlen: „Stop walking on eggshells“
(http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/157224108X/qid…).

Eine deutsche Übersetzung scheint es noch nicht zu geben.

Soweit ich weiß, hat die (Co-)Autorin Randi Krieger eine eigene HP und eine Mailing List zu diesem Thema.

Gruß
Scarlet

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Hallo Julia

in letzer Zeit scheint mir iregdnwie eine Infaltion des
Begriffs " Borderline"
stattzufinden.

Die Inflation des Begriffes „borderline“ / „borderliner“ habe ich schon vor 15 Jahren skeptisch registriert.
Gruss, Branden

Habe mich mal Internet über diese ‚Krankheit‘ informiert, hauptsächlich auf dieser Seite:
http://www.gabnet.com/psy/borderline1.htm#Der%20Neid

Ich würde sagen, daß es sehr emotional empfindende Menschen sind, bei denen die Vernunfts und Verstandeskontrolle noch sehr gering ist. Infolgedessen können sie natürlich auch nicht mit verantwortlichen Aufgaben umgehen, inklusive sich selbst.

Aber ob man es unbedingt als Krankheit bezeichnen sollte, denn das verweist sie wieder in eine isolierende Ecke, möchte ich bezweifeln.

Ich berichtige meine statistische Angabe auf na… 50 Prozent :smile:

mfg
rolf

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Therapeutenscherz zu Borderline :smile:
Hi,

das ist wirklich eine Modediagnose geworden. Man sagt ja schon, 2% der Bevölkerung litten an einer behandlungsbedürftigen Borderlinestörung, das erscheint mir übertrieben. Natürlich haben viele Menschen Borderlineanteile, so wie auch viele Menschen histrionische oder dissoziale Anteile haben, aber bis man von einer Persönlichkeitsstörung spricht muss doch schon das ganze Syndrom vorliegen.

Aber mir fällt da mal wieder ein Therapeutenscherz zu ein:

Supervision

Psychotherapeut: Ich komme mit meinem Patienten Müller nicht zurecht, weil er ein Borderliner ist.
Supervisor: Warum glauben sie, dass Herr Müller ein Borderliner ist?
Psychotherapeut: Weil ich nicht mit ihm zurecht komme!

Gruß

Yoyi

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Hallo Yoyi,

guter Witz!

Abgesehen davon erscheint mir dieser Hang zum „Diagnostizieren“ von Persönlichkeitsstörungen auch befremdlich. Ich habe bzgl. einiger Leute schon gehört, daß eine Persönlichkeitsstörung (Borderline, narzißtische PS) „diagnostiziert“ wurde oder im Verdacht stand. Sehr oft schien mir diese „Diagnose“ voreilig und aus der Laune der Zeit heraus geboren zu sein. Ich kann mich noch daran erinnern, daß es schnell unter Studierenden „Borderline! Borderline!“ hieß, kaum daß sich jemand ´mal schneidet. Daß so etwas auch bei anderen Störungen vorkommt und im Kindes- und Jugendalter Borderline sowieso keine mögliche Diagnose ist, störte nicht weiter. Man sprach dann einfach von „Borderline Persönlichkeitszügen“, weil man ja die Endung „-störung“ umgehen mußte. :wink:

Gruß,

Oliver Walter

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Hallo Oliver,
warum eigentlich wird die Diagnostiziererei dann so verfeinert, wird immer umfangreicher? Ich warte noch darauf, dass auch sämtliche Mischformen eigene „Namen“ kriegen.
Kannst/könnt du/ihr das irgendwie erklären?
Danke
Irene

Haben Borderliner Gefühle?
Hallo,

Ich würde sagen, daß es sehr emotional empfindende Menschen
sind, bei denen die Vernunfts und Verstandeskontrolle noch
sehr gering ist. Infolgedessen können sie natürlich auch nicht
mit verantwortlichen Aufgaben umgehen, inklusive sich selbst.

Da ist mein Einsdruck ein anderer. Insbesondere frage ich mich, ob Borderliner überhaupt „echte“ Gefühle haben können. Nun müsste man eigentlich erstmal klären, was „echt“ ist, aber ich gönne mir den Luxus des Laien, das so stehen zu lassen.

Zu der Frage komme ich schlicht deshalb, weil es ja offenbar so ist, daß Borderliner in Beziehungen zu anderen Menschen ihre Persönlichkeit verändern, besser gesagt, das davon, was sichtbar ist. Ich habe noch nie so sehr wie bei Borderlinern erlebt, daß der Gegenüber einen selbst derart schnell und perfekt spiegelt. Dieser Mensch IST auf einmal man selbst bzw. das, was man selbst gerade am meisten braucht.

Nun ist es bekannt, daß das durchaus sehr schnell ins krasse Gegenteil umschlagen kann - dann ist von dieser wunderbaren Zwillingsseele auf einmal nichts mehr da. Und beim nächsten geht das Spiel von vorne los.

Diese maximale Veränderlichkeit kann ich mir nur so erklären, daß das, was da gezeigt wird, eben nicht echt ist, sondern nur Fassade. Inkl. aller Gefühlsregungen und Handlungen.

An das wahre Wesen des Borderliners, seine wahren Gefühle kommt man so gar nicht ran, die bekommt man niemals zu sehen. Insofern schätze ich sie eher als ziemlich gefühlsarm ein.

Aber ob man es unbedingt als Krankheit bezeichnen sollte, denn
das verweist sie wieder in eine isolierende Ecke, möchte ich
bezweifeln.

Nun, man nennt es nicht umsonst „Syndrom“ oder „Persönlichkeitsstörung“ - das ist schon ne andere Nummer als n Schnupfen, den man mit Medikamenten heilen kann. Man „hat“ nicht Borderline, man „IST“ Borderline.

Was sagen denn die akademischen Kollegen hier im Brett dazu?

Gruß,

Malte.

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Hallo, Malte,

meine Definition:

(große) Emotionen, ja - (echte) Gefühle ? Nein - vielleicht für kurze Momente (wenn als nützlich erachtet ?).

Gruß
Scarlet

Hallo Irene
Mit den Diagnosen ist es dehalb etwas kompliziert, weil -zumindest wir psychoanalytisch orientierten Therapeuten- wir einerseits den ICD-10-Kriterien genügen müssen (insbesondere für die Krankenkassen), andererseits bei gutachterpflichtigen Anträgen (für Antrags-Richtlinien-Psychotherapien) die Diagnosen zwei Ebenen haben müssen: a) die Symptomatik und b) die „darunterliegende“ Neurosen- oder Persönlichkeitsstruktur. Wenn wir also meinetwegen ein „Depressives Syndrom (F.23.9)“ auf dem Boden einer „hysterisch akzentuierten Struktur“ haben, dann müssen wir als zweites noch die „histrionische Persönlichkeit F.60.4“ , die weitgehend der hysterisch akzentuierten entspricht, hineinsetzen. Da Kollegen, die die psychoanalytische Dynamik insgesamt nicht gänzlich kennen bzw. verstanden haben, mit den Strukturmodellen nicht wirklich viuel anfangen können, war in der Anfangszeit dieser Codierungen den Mißverständnissen bzw. Streitereien um Kaisers Bart erst einmal Tür und Tor geöffnet.
Mittlerweile gilt die Devise: Leben und Leben lassen.
Gruss, Branden

Ja, der ist hübsch, Yoyi. Fast zu ernst, um darüber richtig laut lachen zu können.
Gruss, Branden

Zu der Frage komme ich schlicht deshalb, weil es ja offenbar
so ist, daß Borderliner in Beziehungen zu anderen Menschen
ihre Persönlichkeit verändern, besser gesagt, das davon, was
sichtbar ist. Ich habe noch nie so sehr wie bei Borderlinern
erlebt, daß der Gegenüber einen selbst derart schnell und
perfekt spiegelt. Dieser Mensch IST auf einmal man selbst bzw.
das, was man selbst gerade am meisten braucht.

Interessant was Du sagst. Leider habe ich keine persönlichen Erfahrungen mit dieser Art von Menschen, aber so wie Du sie beschreibst, könnte man von einer Art Vampirismus sprechen. Diese Menschen sind äußerst gefährlich, denn sie leben von der Lebenskraft anderer. Das kann sogar zum Tode des Betroffenen führen.

Hast Du mit diesen Leuten zu tun? Wirst Du in ihrer Gegenwart extrem müde? Wenn das zutrifft, so sei auf der Hut.

rolf

Hallo Irene,

warum eigentlich wird die Diagnostiziererei dann so
verfeinert, wird immer umfangreicher?

was meinst Du damit genau? Die Verfeinerung der Diagnostik oder die Verfeinerung der Klassifikationssysteme? Die Verfeinerung der Diagnostik ist unproblematisch, die Verfeinerung der Klassifikationssysteme im Sinne der Ausdifferenzierung immer neuer Störungen - gibt es sie überhaupt? Ich meine: - in den letzten Ausgaben von DSM? Wenn ich mir die früheren Begriffe im Zusammenhang z.B. mit „Depression“ ansehe, dann sehe ich einen regelrechten Dschungel:

  • endogene Depression
  • neurotische Depression
  • psychogene Depression
  • reaktive Depression
  • endo-neurotische Depression
  • endo-reaktive Depression
  • somatogene Depression
  • organische Depression
  • agitierte Depression
  • Entlastungsdepression
  • Erschöpfungsdepression
  • Involutionsdepression
  • larvierte oder maskierte Depression

und das waren noch nicht alle. Heute gibt es zwar immer noch ein paar Begriffe zu unterscheiden, aber die Depressionsklassifikation ist deutlich einheitlicher geworden. Viel von dem Wust ist verschwunden, weil sich eine an den Symptomen ausgerichtete Betrachtungsweise durchgesetzt hat und die alte, z.T. psychodynamisch orientierte Nomenklatur ersetzt wurde. Branden brachte ein Beispiel dafür, daß analytisch orientierte Kollegen „hinter“ den Symptomen ja immer etwas vermuten, also ätiologische Überlegungen mit in die Diagnose hineinspielen. Das ist auf dem Gebiet psychischer Störungen aber problematisch, da wir für die meisten Störungen nur mehr oder minder gute Erklärungsversuche haben, aber keine absolute Gewißheit. Die neue symptomorientierte Klassifikation empfinde ich insofern als einen Fortschritt. Dies kann man auch an den deutlich besseren Übereinstimmungen zwischen den Beurteilungen durch Diagnostiker erkennen. Was die Persönlichkeitsstörungen anbelangt: Diese sind oder waren v.a. eine Domäne der Tiefenpsychologen. Sozusagen deren Reservat. :smile:

Beste Grüße,

Oliver Walter

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Hallo Branden

Mit den Diagnosen ist es dehalb etwas kompliziert, weil
-zumindest wir psychoanalytisch orientierten Therapeuten- wir
einerseits den ICD-10-Kriterien genügen müssen (insbesondere
für die Krankenkassen), andererseits bei gutachterpflichtigen
Anträgen (für Antrags-Richtlinien-Psychotherapien) die
Diagnosen zwei Ebenen haben müssen: a) die Symptomatik und b)
die „darunterliegende“ Neurosen- oder Persönlichkeitsstruktur.

Wenn es diese Bedingungen nicht gäbe … meinst du, könnte man auf Diagnosen verzichten?

Oder anders gefragt: Was war zuerst da? Oder noch anders gefragt: Wie ich mitbekommen habe, bist du ja schon seit Urzeiten (sorry) „im Job“. Hast du früher so genau diagnostiziert (in deiner Kartei) wie du es jetzt für die Krankenkassen oder Gutachten tun musst? Hat sich an deiner Arbeit dadurch etwas geändert?
Ist es eine wirklich wissenschaftliche Weiterentwicklung oder eine Formsache?

Dank und Gruß
Irene

Warum das Sprechen von echten Gefühlen sinnlos ist
Hallo Malte,

Da ist mein Einsdruck ein anderer. Insbesondere frage ich
mich, ob Borderliner überhaupt „echte“ Gefühle haben können.
Nun müsste man eigentlich erstmal klären, was „echt“ ist, aber
ich gönne mir den Luxus des Laien, das so stehen zu lassen.

das ist in der Tat ein Luxus, den sich nur Laien mit gutem Gewissen leisten können. Wir Psychologen / Ärzte müssen dazu schon eine Meinung haben, ob das Reden von den „wahren“, den „eigentlichen“ Gefühlen überhaupt Sinn macht.

Zu der Frage komme ich schlicht deshalb, weil es ja offenbar
so ist, daß Borderliner in Beziehungen zu anderen Menschen
ihre Persönlichkeit verändern, besser gesagt, das davon, was
sichtbar ist.

Ja, eine richtige Beobachtung, bloß hast Du die Konsequenz aus ihr noch nicht in Deine Sprache einfließen lassen. Denn Du sprichst noch von Veränderung der Persönlichkeit. Was sich aber verändert, ist das Verhalten! Deshalb schreibst Du wohl auch: „das davon, was sichtbar ist“. Und liegst auf der richtigen Spur. Persönlichkeit ist nämlich ein Konstrukt, auf das wir ausgehend von Verhaltensbeobachtungen schließen. Was wir beobachten, ist aber Verhalten und nur dies ändert sich für uns sichtbar.

Dieser Mensch IST auf einmal man selbst bzw. das, was man selbst
gerade am meisten braucht.

Ich ersetze durch eine Verhaltensbeschreibung: Er verstärkt Dein Verhalten positiv.

Diese maximale Veränderlichkeit kann ich mir nur so erklären,
daß das, was da gezeigt wird, eben nicht echt ist, sondern nur
Fassade. Inkl. aller Gefühlsregungen und Handlungen.

Ich formuliere es anders: Das, was Du siehst, ist „echt“ in dem Sinne, daß es nichts anderes in dem Moment und in der Situation gibt, als das, was Du beobachtet hast. In einem anderen Moment, einer anderen Situationsklasse verhält sich die Person anders und das ist dann „echt“. Du machst bei den Dir bekannten Borderlinern eine zu geringe Stabilität des Verhaltens über Zeit und Situationen hinweg aus (in dem Zusammenhang: Die Borderline-PS wird auch als Subtyp der instabilen Persönlichkeitsstörung bezeichnet). Stabilität ist aber eines der hauptsächlichen Kennzeichen von Persönlichkeit und wenn diese Dir zu gering erscheint, bist Du irritiert und meinst:

An das wahre Wesen des Borderliners, seine wahren Gefühle
kommt man so gar nicht ran, die bekommt man niemals zu sehen.

Hiermit sind wir beim Kern angekommen. Wenn jemand sein Verhalten sehr schnell und anscheinend unberechenbar ändert, dann meinen wir, daß die Gefühle nicht „echt“ seien, weil sich „echte“, „wahre“ Gefühle doch durch Konsistenz, Kontinuität und Stabilität auszeichnen. Das ist unsere implizite und alltäglich angewandte Persönlichkeitstheorie, mit der wir gut leben. Auf Borderliner angewendet sagen wir dann, daß ihre Gefühle nicht „echt“ seien. Nur: Sie haben keine anderen. Das, was wir als „unechte“ Gefühle erleben, sind die einzigen Gefühle, die sie haben. Wie können sie dann „unecht“ sein?

Für behavioristisch orientierte Psychologen gibt es dieses Problem nicht. Verhalten ist Verhalten, gleichgültig, welche Ursachen es hat, gleichgültig, wie es aussieht, wie konsistent und wie situations- und zeitstabil es ist. Verhalten ist das, was vorliegt, was beobachtbar, was beschreibbar, was vorhersagbar und was modifizierbar ist. Wenn sich Verhalten - wie bei Borderlinern - schnell ändert, dann ist das die Tatsache, mit der umgegangen werden muß. Eine lange Diskussion, ob diese Verhaltensweisen, die mit Gefühlen verbunden sind, „echt“ oder nicht „echt“ sind, ist für behavioristisch orientierte Psychologen bedeutungslos. Diese Diskussion ist gänzlich sinnfrei. Denn ändert man die Situation und ändert man die Verstärkungsbedingungen, dann wird sich das Verhalten ändern und dieses veränderte Verhalten ist genauso „echt“ wie das, was zuvor beobachtet wurde. Denn - wie gesagt - es gibt nichts anderes. Daraus folgt für jeden Behavioristen die uneingeschränkte Akzeptanz des Verhaltens und der Gefühle seiner Mitgeschöpfe. Wenn etwas falsch ist, dann ist es die Theorie. Oder um es mit Skinner zu sagen: „The organism is always right.“

Die gegenteilige Auffassung, nach der es „echte“ und „unechte“ Gefühle gibt, ist dagegen immer mit der Gefahr verknüpft, jemanden vorschreiben zu können, was „echte“ Gefühle sind und unter welchen Bedingungen jemand „echte“ Gefühle empfinden kann, denn irgend etwas oder irgend jemand muß als Instanz existieren, die beurteilt, welches Gefühl wann „echt“ und wann „unecht“ ist. Dazu muß es eine Art Theorie der „echten“ Gefühle geben und jede Äußerung, die dieser Theorie widerspricht („Doch das sind aber meine echten Gefühle!“), läuft Gefahr als Äußerung aufgrund „unechter“ Gefühle dargestellt zu werden, damit die Theorie weiterbestehen kann. Die Annahme „echter“ und „unechter“ Gefühle ist also auch aus ethischer Sicht heraus abzulehnen.

Um zu den Borderlinern zurückzukehren: Ihre Gefühle sind sehr intensiv und sie ändern sich schnell. Aber das ist kein Grund für eine Debatte über ihre „Echtheit“ (wobei ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, daß ich verstehe, was Du meinst).

Gruß,

Oliver Walter

2 „Gefällt mir“

Zu der Frage komme ich schlicht deshalb, weil es ja offenbar
so ist, daß Borderliner in Beziehungen zu anderen Menschen
ihre Persönlichkeit verändern, besser gesagt, das davon, was
sichtbar ist. Ich habe noch nie so sehr wie bei Borderlinern
erlebt, daß der Gegenüber einen selbst derart schnell und
perfekt spiegelt. Dieser Mensch IST auf einmal man selbst bzw.
das, was man selbst gerade am meisten braucht.

Interessant was Du sagst. Leider habe ich keine persönlichen
Erfahrungen mit dieser Art von Menschen, aber so wie Du sie
beschreibst, könnte man von einer Art Vampirismus sprechen.
Diese Menschen sind äußerst gefährlich, denn sie leben von der
Lebenskraft anderer.

Das könnte man aus meiner Sicht so sagen.

Hast Du mit diesen Leuten zu tun? Wirst Du in ihrer Gegenwart
extrem müde? Wenn das zutrifft, so sei auf der Hut.

Mir sind ein paar Menschen, auf die solcherlei zutrifft, begegnet.
Ich hab’s ganz gut überlebt.

Gruß,

Malte.