Hallo Annika,
zwei Bedeutungen muß man unterscheiden, wenn man von „Depression“ spricht. Zum einen versteht man unter „Depression“ im Alltagssinn gewöhnlich ein Stimmungstief, in dem man sich z.B. Sorgen über eine schwierige Situation macht oder Trauer empfindet.
Wenn der Psychiater oder Psychologe von „Depression“ spricht, dann meint er eine psychische Störung, die ebenfalls die Stimmung betrifft, aber schwerer als ein vorübergehendes Stimmungstief ist. Bei einer klinisch relevanten Depression treten mindestens 5 der folgenden Beschwerden für mindestens 2 Wochen auf, wobei mindestens eine der 2 ersten Beschwerden vorhanden sein muß ( Symptomatik ):
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Depressive Verstimmung an fast allen Tagen, für die meiste Zeit des Tages, vom Betroffenen selbst berichtet (z.B. fühlt sich traurig oder leer) oder von anderen beobachtet (z.B. erscheint den Tränen nahe).
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Deutlich vermindertes Interesse oder Freude an allen oder fast allen Aktivitäten, an fast allen Tagen, für die meiste Zeit des Tages (entweder nach subjektivem Ermessen oder von anderen beobachtet).
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Deutlicher Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme (mehr als 5% des Körpergewichts in einem Monat); oder verminderter oder gesteigerter Appetit an fast allen Tagen.
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Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf an fast allen Tagen.
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Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung an fast allen Tagen (durch andere beobachtbar, nicht nur das subjektive Gefühl von Rastlosigkeit oder Verlangsamung).
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Müdigkeit oder Energieverlust an fast allen Tagen.
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Gefühle von Wertlosigkeit oder übermäßige oder unangemessene Schuldgefühle (die auch wahnhaftes Ausmaß annehmen können) an fast allen Tagen (nicht nur Selbstvorwürfe oder Schuldgefühle wegen des Krankseins).
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Verminderte Fähigkeit zu denken oder sich zu konzentrieren oder verringerte Entscheidungsfähigkeit an fast allen Tagen (entweder nach subjektivem Ermessen oder von anderen beobachtet).
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Wiederkehrende Gedanken an Tod (nicht nur Angst vor dem Sterben), wiederkehrende Suizidvorstellungen ohne genauen Plan, tatsächlicher Suizidversuch oder genaue Planung eines Suizids.
Allerdings reichen diese Beschwerden noch nicht aus, damit der Psychiater oder Psychologe von einer klinisch relevanter Depression spricht. Klinisch relevant sind die Beschwerden nur, wenn der Betroffene unter den Beschwerden leidet und durch sie deutliche Schwierigkeiten im Beruf oder im Zusammenleben mit anderen Menschen hat.
Ein besonderes Problem bei der Depression ist das Suizidrisiko , das zwischen 10 und 20% liegt. Das heißt, daß 10-20% der Betroffenen mit einer klinisch relevanten Depression an ihrer Störung sterben! Eine Verharmlosung der Depression als Störung ist deshalb besonders gefährlich.
Wie Du an den Beschwerden 3-5 siehst, werden zur Beschreibung der Depression zum Teil gegensätzliche Beschwerden aufgeführt:
- Gewichtsverlust ohne Diät oder Gewichtszunahme,
- Schlaflosigkeit oder vermehrter Schlaf,
- Psychomotorische Unruhe oder Verlangsamung.
Dies hat seine Begründung darin, daß es verschiedene Arten von Depressionen gibt. Die meisten Depressionen zeichnen sich durch Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit und Verlangsamung aus. Allerdings gibt es auch sogenannte atypische Depressionen , bei denen die Betroffenen an Gewicht zunehmen und vermehrt schlafen. Einige sind auch unruhig. Daneben gibt es noch weitere Arten von Depressionen, bei denen unterschiedliche Kombinationen von Beschwerden wie denen, die ich genannt habe, vorkommen können. Zum Teil hängen diese Depressionsarten mit den vermuteten Ursachen der Beschwerden zusammen:
a) Bei der Melancholie (siehe http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…) nimmt man eine genetische Veranlagung an.
b) Bei der psychotischen Depression treten Wahn und Halluzinationen auf.
c) Bei der Winterdepression (siehe http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv…) handelt es sich um eine Unterart der atypischen Depression, bei der die verminderte Lichteinstrahlung im Herbst/Winter eine auslösende Rolle spielt.
d) Bei der reaktiven Depression werden die depressiven Episoden von schwierigen Lebenssituationen ausgelöst.
e) Bei der Depression mit postpartalem Beginn tritt die Depression in den ersten 14 Tagen nach einer Schwangerschaft auf.
Man kann noch weitere Formen der Depression unterscheiden, bei der die Auftrittszeit (z.B. prämenstruelles Syndrom ) oder hervorstechende Beschwerden (z.B. Zwang bei der anankastischen Depression , hysterische Symptome bei der pseudohysterischen Depression , psychomotorische Unruhe / Agitiertheit bei der agitierten Depression , bizarre Bewegungsformen / Starre bei der katatonen Depression , Gedächtnisprobleme bei der Pseudo-Demenz ) namensgebend sind.
Der Verlauf der Depression findet üblicherweise in Episoden statt, d.h. es gibt Zeitabschnitte, in denen die depressiven Symptome auftreten und nach denen sie wieder verschwinden. Bei 5-10% der Betroffenen gibt es jedoch einen chronisch Verlauf (über Jahre) mit unwesentlicher Besserung. Die Episoden beginnen
- meistens langsam über Wochen oder Monate,
- selten plötzlich über Nacht oder innerhalb einiger Tage.
Die meisten Episoden enden meistens mit einem vollständigen Verschwinden der Beschwerden (sogenannte Vollremission). Bei 20-30% der Betroffenen gehen zwar die typischen Symptome der Depression zurück, es bleiben aber uncharakteristische Beschwerden zurück:
- verminderte Belastbarkeit
- reduzierte Leistungsfähigkeit
- vorschnelle Ermüdbarkeit und Erschöpfbarkeit
- rasche Neigung zu depressiven Reaktionen oder leichteren depressiven Beschwerden, die immer wieder durch vollausgeprägte depressive Episoden unterbrochen werden können.
Die Dauer der einzelnen Episoden ist unterschiedlich und reicht von mindestens 2 Wochen (bei einer Dauer von weniger als 2 Wochen spricht man von einer anderen Störung) bis zu mehreren Jahren. Die meisten depressiven Episoden gehen innerhalb von 6 Monaten oder später zurück:
- innerhalb von 6 Monaten: 40-50%
- innerhalb 1 Jahres: 25-30%
- nach über 1 Jahr: 20-25%.
Der Schweregrad der depressive Episoden fällt unterschiedlich aus:
- leicht
- mittelgradig
- schwer ohne psychotische Symptome
- schwer mit psychotischen Symptomen
Die Einschätzung der Schwere erfolgt über die Anzahl der Beschwerden, ihre Intensität, das empfundene Leiden und die Beeinträchtigung durch die Beschwerden in Beruf und im Zusammenleben mit anderen Menschen. Manche Depressionen sind so schwer, daß die Menschen in ihren Bewegungen erstarren und von außen wie tot wirken (Katalepsie bei der katatonen Depression).
Vom Schweregrad hängt auch die Art der Therapie der Depression ab. Bei mittelschweren und schweren Depressionen sind Medikamente (in erster Linie Antidepressiva) notwendig, nach deren Wirkungsbeginn zusätzlich Psychotherapie angewandt werden sollte. Bei leichten Depressionen reicht oftmals schon Psychotherapie aus.
Von den Psychotherapien sind zwei im allgemeinen besonders erfolgreich bei Depression:
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die kognitive Verhaltenstherapie nach Beck, die v.a. ein Aktivitätsprogramm (u.a. Sport) und eine Analyse und eine Änderung der negativen Gedanken enthält,
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die psychodynamisch-eklektische Interpersonale Therapie (IPT) nach Klerman und Weiss man (siehe http://www.uni-kiel.de/psychiatry/wirueberuns/patien…).
Eine wissenschaftliche Untersuchung der Wirksamkeit dieser beiden Psychotherapien sowie eines Antidepressivums zeigte, daß alle drei Therapieformen (Kognitive VT, IPT und Antidepressivum) bei 50-60% der Betroffenen, welche die Therapie abschlossen, die Beschwerden fast vollständig beseitigten. Unter Placebo waren es nur 29%. Die medikamentöse Behandlung verringerte die Symptome rascher als die Psychotherapien, doch erreichten die Psychotherapien in den letzten 4 Wochen das gleiche Besserungsniveau wie die medikamentöse Therapie.
Die Langzeitwirkung der Psychotherapie ist jedoch besser: Nach 2 Jahren erlitten von den nur psychotherapeutisch behandelten Depressiven 21% einen Rückfall, während es bei einer 2 Jahre langen rein medikamentösen Behandlung 32% waren. Bei einer medikamentösen Behandlung über 12 Wochen, bei der das Medikament nach Rückgang der Symptome abgesetzt wurde, betrug die Rückfallquoute sogar 50%. Am besten schnitt jedoch eine Kombination aus Antidepressivum und Psychotherapie ab: Hier traten nur 15% Rückfälle auf. Deswegen wird heute v.a. diese kombinierte Therapie mit Medikamenten und Psychotherapie bei Depression empfohlen.
Noch viel mehr Informationen zum Thema „Depression“ findest Du auf den Seiten von Dr. med. Karl Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse:
http://www.fortunecity.de/wolkenkratzer/orbit/823/de…
Gruß,
Oliver Walter