Liebe ExpertInnen,
vor ein paar Tagen verbrachte ich einen netten Abend mit guten Freunden, ein paar Flaschen leckerem Wein und der Musik von Bob Dylan. Dabei entspann sich die Diskussion, ob der von mir hoch geschätzte nun auch ein guter Sänger sei.
Von ihm selbst habe ich vor ein paar Jahren, ich glaube es war im Spiegel, die Selbsteinschätzung gelesen, er sei ein guter Sänger, ja er sei gar ein ebenso guter Sänger wie es Enrico Caruso einmal war, weil er wie jener jeden Ton, den er zu treffen beabsichtige auch treffen würde. Ich fand diese Selbsteinschätzung zwar einleuchtend, mir stellt sich jedoch seitdem die Frage, ob sich guter Gesang so einfach definieren lässt.
Um nicht missverstanden zu werden: Mir geht es hier nicht um Geschmacksfragen (wat den eenen sien Uhl, is den annern sien Nachtigal!) und schon gar nicht um eine Diskussion, ob Bob Dylan nun ein guter Sänger ist oder nicht. Meine Frage zielt darauf ab, ob und - wenn ja - wie sich Qualitätskriterien in Bezug auf Gesang eigentlich objektivieren lassen. Ist jemand, der traumwandlerisch sicher die 8 Töne seiner Oktave trifft ein besserer Sänger als der 4-Oktaven-Virtuose, der leider manchmal etwas daneben liegt? Ist Sprechgesang weniger gut gesungen als Melodiegesang? Lässt sich „klassischer Gesang“ leichter beurteilen als z.B. Rockgesang?
Fragen über Fragen, aber das geballte ExpertInnenwissen dieses Forums wird sicher Antworten finden. Oder ist das Fass, das ich hier aufmache, einfach nur bodenlos?
Vielen Dank im Voraus und
viele Grüße
FM
mir stellt sich jedoch
seitdem die Frage, ob sich guter Gesang so einfach definieren
lässt.
Meine Frage zielt
darauf ab, ob und - wenn ja - wie sich Qualitätskriterien in
Bezug auf Gesang eigentlich objektivieren lassen. Ist jemand,
der traumwandlerisch sicher die 8 Töne seiner Oktave trifft
ein besserer Sänger als der 4-Oktaven-Virtuose, der leider
manchmal etwas daneben liegt? Ist Sprechgesang weniger gut
gesungen als Melodiegesang? Lässt sich „klassischer Gesang“
leichter beurteilen als z.B. Rockgesang?
Fragen über Fragen, aber das geballte ExpertInnenwissen dieses
Forums wird sicher Antworten finden. Oder ist das Fass, das
ich hier aufmache, einfach nur bodenlos?
Hallo!
Eins vorweg: Du machst mit dieser Frage tatsächlich ein Fass auf, aber es ist nicht total bodenlos.
Wichtig ist schon mal, wie Du auch angedeutet hast, die Klarstellung, um welche Art Gesang es geht. Je nachdem, in welchem „Genre“ du dich bewegst, sind die Kriterien anders.
Am deutlichsten, meiner Meinung nach jedenfalls, sind die Kriterien bei klassischem Gesang gefaßt. Leicht zu beurteilen sind sie trotzdem nicht, dazu ist das ganze Thema immer noch zu subjektiv. Aber worum geht es? Es werden die stimmlichen Fähigkeiten beurteilt. Ganz einfach also mal: Stimmumfang - Stimmlage (Sopran, Alt, …), Stimmklang (z.B. voll, weich, schrill, dumpf, verhaucht, durchdringend …) bzw. Timbre (= „Stimmfarbe“, z.B. dunkel oder hell, weich oder hart), Beweglichkeit (manche Stimmen sind z.B. besser geeignet für Koloraturen als andere). Wichtig für GUTEN Gesang ist nicht nur das Stimmmaterial, sondern auch eine gute und saubere Stimmtechnik, d.h. der Umgang mit dem eigenen Stimmmaterial. Dazu gehören u.a.:
- Stimmsitz: hängt mit den Resonanzräumen zusammen, ist idealerweise „vorn“
- Registerausgleich: die Fähigkeit eines nahtlosen Übergangs zwischen
Brust-, Mittel- und Kopfstimme (ohne daß der „Bruch“ zwischen Brust- und Kopfstimme zu hören ist) - Beherrschung verschiedener Lautstärkegrade (es gibt nämlich Sänger,
die scheinbar nur Forte können und sonst nichts) - „Modulierbarkeit“: die Fähigkeit, den stimmlichen Ausdruck den
Gegebenheiten eines Stückes anzupassen, also zum Beispiel zwischen
lyrisch und dramatisch wechseln zu können - Fähigkeit zum Legatosingen
- auch so grundlegende Sachen wie Sauberkeit des Tones usw.
Wichtig ist hier zu sehen, daß man auch mit mittelmäßigem Stimmmaterial ein „guter“ Sänger sein kann, wenn die Technik stimmt.
Zur weiteren Beurteilung eines Sängers gehören immer auch Persönlichkeit und Ausdrucksvermögen. Geschaut wird hier z.B. nach Bühnenpräsenz (=die Souveränität im Auftreten) oder Wandlungsfähigkeit im Ausdruck, Musikalität und Stilempfinden.
Ich hoffe, Du konntest einen kleinen Einblick erhalten.
Herzliche Grüße,
Hedwig
Ich hoffe, Du konntest einen kleinen Einblick erhalten.
Herzliche Grüße,
Hedwig
Hallo Hedwig,
ja, das konnte ich! Vielen Dank für Deine prompte und sachverständige Antwort (* von mir dafür!).
Du bestätigst den Verdacht, den ich schon hegte, dass nämlich „klassischer“ Gesang recht genauen Kriterien unterliegt und dass weit mehr Kriterien anzulegen sind als „nur“ Stimmumfang und Sauberkeit. Nun handelt es sich beim „klassischen“ Gesang sicherlich um eine im technischen Sinne sehr artifizielle Gesangsart. Auf andere Genres übertragen wird eine Beurteilung dann aber doch wieder schwieriger, weil wie ich denke, gerade die Absenz zumindest einiger dieser klassischen Fertigkeiten Reiz und Qualität in den populären Genres ausmachen. Es gibt zwar immer wieder recht originelle „klassische“ Interpretationen originärer Jazz-, Pop- oder Rockstücke, im Allgemeinen funktioniert der Heldentenor, der Beatlesklassiker darbietet, jedoch nicht. Ja, ich würde sogar weiter gehen und behaupten, dass „Schönsingerei“ überhaupt in den sog. populären Genres deplatziert sei (Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel). Mir scheint, und das mag auch meiner mangelnden Differenzierungfähigkeit im Bereich klassischer Gesang geschuldet sein, dass die gesanglichen Ausdrucksformen in der populären Musik eher weiter zu fassen sind, dass also die klassischen Qualitätskriterien im Jazz, Rock und Pop so nicht gelten.
Viele Grüße
FM
Hi,
um mal zum Genre Jazz zu kommen:
Gerade im Jazz ist es teilweise kontrovers was die Stimme angeht. Wo in der Klassik das Belcanto, also das Schönsingen mit reinem Klang und Vibrato angestrebt wird, da gelten im Jazz ganz andere Kriterien:
- Die meisten Jazz-Sänger bzw. Sängerinnen streben einen rauhen Ton an, versuchen „bluesy“ zu singen.
- Durch die Wurzeln in der afrikanischen Musik und den dadurch entstandenen „Blue Notes“, die eigentlich nicht in die Tonleiter passen (z.B. kl. Terz über Dur) werden im Jazz viele Töne ABSICHTLICH „falsch“ gesungen, meistens etwas zu tief.
- Ein Kriterium, dass es nur im Jazz auf diese Weise gibt, ist das sogenannte „Scatten“, eine Improvisation auf lautmalerische Silben, ein Meister des Scats war Al Jarreau, der nur allzu oft als „Gesangsakrobat“ bezeichnet wurde.
- Daher ist auch die „Gelenkigkeit“ der Stimme wichtig. Je größer die Intervalle werden, desto schwieriger ist es, die Töne auf Anhieb zu treffen bzw. nicht zu treffen, wenn man das will.
Hoffe ich konnte helfen
Manuel
Rhythmus!
Hallo,
mit allem bin ich d’accord, aber dann sind wir erst nur so weit, einen
schönen (guten, wohlgeformten) Ton aus dem eigenen Körper
zu entlassen.
Nun kommt der wirklich fehlende Boden 
(gestern hat sich der Pfarrer am Ende des Kirchenkonzerts bei den „Sängern und Musikern“ bedankt *frotzel*)
Der schöne Ton ist nett anzuhören, aber zu einem guten Gesang gehört auch, rhythmisch und metrisch korrekt singen zu können.
(Für die Experten: Es ist ein hörbarer Unterschied, ob die eingeschlagene Agogik (Rubato) aus
Unvermögen oder aus absichtlicher Abweichung vom „physikalischen“ Maß herrührt)
Ich stelle mit großer Unlust fest, daß bei Oratorien in dieser
Beziehung viel von den Solosängern geschlampt wird. Die Chöre singen vielleicht nicht so sauber, aber i.d.R. rhythmisch korrekt.
Man achte mal z.B. bei den anstehenden Weihnachtsoratorien darauf:
es gibt einige Arien mit Soloinstrument. Solange der Sänger schweigt,
ist alles gut. Erst wenn der Sänger kontrapunktisch gegen das
Soloinstrument singt, fängt das elende Geklapper an.
Es stimmt nie ganz richtig.
In der Praxis werden die Arien ja auch
nur max. zweimal mit Orchester geprobt.
Hauptsache, man kommt bei der nächsten Eins an.
Man müßte Arien viel genauer proben. Selbst wenn man den Sologesang
durch ein weiteres Instrument ersetzte (Flöte, Geige o.dgl.) und
dadurch quasi ein kleines Konzertstück erhielte, müßte man einige Sitzungen darauf verwenden, um sich in die gerade bei Bach relativ schwierigen Koloraturen (wo sich die Harmonie unterwegs ändert!) einzuhören.
Ich bin mir sicher, ein guter Chorsänger kriegt den Solopart in rhythmischer Hinsicht besser hin (sofern er die Töne überhaupt
trifft). Zu Bachs Zeiten wurden die Solopartien auch von Thomanern
gesungen. Da wurden keine Sängerinnen aus Dresden eingekauft, die noch ihr Kutschgeld ersetzt bekommen wollen. (…jetzt bin ich aber gemein)
(In romantischen Opern mag es angehen,
wenn der Sänger nicht mikrosekundengenau mit dem Orchester
zusammengeht - solche Verschiebungseffekte werden sogar schon in
der romantischen Klaviermusik bewußt eingesetzt [Chopin!] )
Naja, ist halt ein Faß ohne Boden… 
Gruß
Stefan
Hoffe ich konnte helfen
Manuel
Hallo Manuel, vielen Dank für Deine Hilfe!
Was Du zum Jazz ausgeführt hast, gilt mit Sicherheit für artverwandte Stilrichtungen (Blues, Folk, Cajun und Zydeco, Rockabilly, Soul und Rock’n’Roll um ein paar amerikanische Genres zu nenne, aber genauso für den frz. Chanson, die Folklore der Welt mit allen ihren Besonderheiten bis zum Oberton- und Kehlkopfgesang) genauso, vielleicht sogar noch ein bisschen weitgehender. Für alle diese (ich nenne sie mal) nichtakademischen Genres kommen m.E. zwei weitere wichtige, schwer definierbare Kriterien hinzu, Originalität und Authentizität der Stimme. Nehmen wir mal Louis Armstrong: War er ein guter Sänger? Ich meine ja! Aber war er das vorwiegend im technisch akademischen Sinne oder vorwiegend aufgrund seiner Originalität und Authentizität? Und reichen Originalität und Authentizität aus?
Viele Grüße
FM
Lieber Fritz Muetz,
wenn Dich die Frage nach der Qualität eines Musikstückes interesseirt oder des Gesanges schau bitte einmal bei Googel nach und gebe dort ein :
Lebensenergie in der Musik
Dort stößt Du auf Bücher von John Diamond. Er ist Experte in Kinesionogie und der Wirkung von Musik auf die Lebensenergie des Menschen. Es ist sehr lange her das ich ein Buch von ihm gelesen habe, deswegen kann ich hier nicht soviel zitieren.
Aber gerade kommt mir hier noch ein dazu passender Gedanke. Da ja in vielen Kulturen Musik ja auch zu magischen Zeremonien oder zur erlangung höheren Bewusstseins oder von Extase verwendet wird erweitert sich hier der Begriff von Gut oder Gelungenem dahinn ob denn das Ziel der Zeremonie oder das übersteigen des gewöhnlichen Bewusstseins erreicht wird. Oft mit der Absicht die Lebensenergie zu steigern oder Heilung herbeizuführen.
Vielleicht sind das hier zusätzlich für Dich verwertbare Gedanken
herzlich
Cepheus
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