Was ist mit mir passiert?

Hallo!

Normalerweise stelle ich solche Fragen nicht, aber da mich Folgendes doch schon einige Zeit beschaeftigt, bin ich um jeden Kommentar froh.

Ich habe im 2006 meine Gymnasialzeit in der Schweiz erfolgreich beendet. Danach habe ich mir eine Arbeit gesucht weil ich nicht genau wusste was ich tun wollte… seit Ende 2009 bin ich an einer Hochschule und studiere (das Studium gefaellt mir gut und ich bin erfolgreich). Seit ich mit dem Studium begonnen habe verfolgt mich aber der Gedanke, dass ich geistig nicht mehr auf der Hoehe meiner Gymnasialzeit bin… Haengt das damit zusammen, dass ich mein letztes Jahr am Gymansium einfach als eine schoene Zeit in Erinnerung habe oder faehrt das Hirn seine Leistung mit der Zeit tatsaechlich zurueck? Ich finde auch generell, dass ich mich in letzter Zeit zu viel mit mir selbst beschaeftige… ich bin im Vergleich zu frueher (subjektive Meinung) empfindlicher, langsamer und traeger… obwohl ich eigentlich gluecklich bin, werde ich den Gedanken nicht los, dass frueher einfach alles schoener war… zudem habe ich den Eindruck, dass die Zeit so schnell vergeht/vergangen ist seit dem Gymnasium…

Was ist da mit mir los und weshalb ist es zu dieser „Verlangsamung“ gekommen??

Uebrigens: Ich nehme keine Drogen/Medikamente, trinke nur gelegentlich, mache Sport und bin generell ein gesunder Mann.

Ich freue mich auf eure Hilfe. Jede Meinung ist willkommen.

Vielen Dank im Voraus.

Auch Hallo!
vielleicht eine verfrühte Midlife Crisis?
Aber Spass beiseite

…, dass ich
geistig nicht mehr auf der Hoehe meiner Gymnasialzeit bin…

Na ja, das wäre zu hoffen. Wenn ich richtig liege ist 1987 dein Geburtsjahr und du bist ca. 23? Schule beendet mit rund 20? In drei Jahren sollte sich etwas verändern.

…oder faehrt das Hirn seine Leistung mit der Zeit tatsaechlich
zurueck?

Es ‚fährt‘ seine Leistung mit zunehmendem Alter auch ‚zurück‘. Obwohl ich
bevorzuge es als ‚arbeitet anders‘ zu sehen. Mit zunehmender Erfahrung werden mehr Abwägungen getroffen, eine gewisse ‚Unbekümmertheit‘ nimmt ab - auf einmal ist man ja zunehmend für sich selbst verantwortlich.

Bei dir spielt vielleicht all das ein Rolle was du selber vermutest. Ausserdem kann es sein, dass eine gewisse ‚Unausgeglichenheit‘ in deinem Lebensalter von letzten ‚Myelinisierungs-Arbeiten‘ im Gehirn hervorgerufen werden. Denn erst mit Anfang 20 ist unsere Gehirnentwicklung abgeschlossen.

…, dass frueher einfach alles
schoener war… zudem habe ich den Eindruck, dass die Zeit so
schnell vergeht/vergangen ist seit dem Gymnasium…

Ja, Menschen neigen zu der Annahme, dass früher alles schöner war. Und, dass die Zeit schneller vergeht wenn man älter wird … :smile: willkommen im Erwachsenenalter. (Douwe Draaisma: Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird, 3492244920)

Was ist da mit mir los und weshalb ist es zu dieser
„Verlangsamung“ gekommen??

Wenn es dich beruhigt, lass dich mal vom Hausarzt durchchecken und Blut abnehmen, auch die Schilddrüse und wenn da alles in Ordnung ist, kannst du vielleicht mal danach suchen was die ‚Verlangsamung‘ für positive Seiten für dich haben könnte. (Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit 3492107001)
Erfolg…lux

Selbstfindung?
Hallo Pras,

kenne ich ziemlich gut das Gefühl, welches Du beschreibst. Schulzeit war toll mit vielen Freunden. Einige oder sogar alle verliert man wenn man an das Gymnasium (kommt darauf an, welches) wechselt. Dann neue Leute und wieder eine tolle Zeit bis zum Abi. Dann verlieren sich diese Freunde wieder in alle 4 Himmelsrichtungen. Tja und dann kommt das Studium. Alles wird immer ernster und härter. Wieder neue Gesichter. Und irgendwann ist auch das Studium beendet und man wird endgültig erwachsen ins Leben entlassen und muss Leisten und Funktionieren.

Das geschieht nicht nur Dir, sondern jedem von uns. Man muss sich orientieren und zusehen, dass man klarkommt. Aber Du hast ja Spass und Erfolg beim Studium, wie Du schreibst. Das ist doch viel wert! Lese ich da trotzdem eine kleine Lebensangst und unterschwellige Überforderungstendenz heraus? Verlust von Vertrautem? Hast Du denn gute Freunde unter Deinen Kommilitonen? Oder besser: Hast Du gute Freunde in Deinem Leben, die Dich unabhängig begleiten auch wenn eine Zeit (z.B. am Gymnasium) abgeschlossen ist? Hast Du Eltern, die Dir Rückhalt und Unterstützung geben? Und hast Du eine feste Partnerin?

Ich meine latent herausgelesen zu haben, dass Dir trotz Deines bis dato erfolgreichen Weges etwas heimlich tief innen drin zu fehlen scheint. Ist das so? Kannst Du beschreiben was das sein könnte? Es ist ja nicht unbedingt einfach erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Nachdem Kindheit und Jugend so angenehm und unbeschwert waren. Es ist nicht immer leicht, man selbst zu werden bzw. zu sein. Lies mal hier bei WerWeissWas 2-3 Beiträge weiter unten, den Thread „Befangen in der Vergangenheit“ von mir, - und insbesondere die Antwort von VIKTOR dazu. Die könnte Dir auch ein wenig helfen…

Beste Grüße,
Yedi386

Hallo Yedi386,

Vielen Dank fuer deine ausfuehrliche Antwort. Du hast schon recht; es faellt mir in letzter Zeit etwas schwer die Vergaenglichkeit der Dinge zu akzeptieren. Rueckblickend stelle ich fest, dass ich eigentlich sehr zufrieden bin mit meinem bisherigen (noch kurzen) Lebensweg, die Gegenwart jedoch empfinde ich nie so positiv wie sie dann als Erinnerung im Gedaechtnis gespeichert wird. Trotz diesen zeitraubenden Gedanken kann ich mich noch gut aufs Studium konzentrieren, verschwende aber meine restliche Zeit z.B. auf YouTube mit der Suche nach irgendwelchen Videos, die schoene Erinnerungen hervorrufen… Ich verstehe nicht, was diese ganze Beschaeftigung mit Befindlichkeiten in mir ausgeloest hat… meine Familie hat mich immer unterstuetzt und ich habe gute Freunde… nur eine Partnerin fehlt mir noch :wink:

Zur Zeit fehlt mir wirklich etwas tief im Inneren, ich kann aber nicht genau sagen was es ist. Weshalb aber sollte es einfach das Verlangen nach jugendlicher Unbeschwertheit sein? Was ist der beste Ratschlag, den Du mir geben kannst um als Person weiter zu „wachsen“ und dieses zeitraubende Gedankenmuster zu durchbrechen?

Ich moechte hier kurz anfuegen, dass ich mich auf neues Terrain begebe… normalerweise rede ich nicht viel ueber Befindlichkeiten, da sie mich bisher nicht gross beschaeftigt haben.

Nochmals vielen Dank fuer Deinen Beitrag! Er hat mir viele weitere Denkanstoesse gegeben.

Beste Gruesse

Pras1987

Empfehlung
Hallo Pras,

guten Morgen/ gute Nacht um 03:48 Uhr? Tja, also eine konkrete Empfehlung ist da nicht so einfach (per Ferndiagnose). Du meinst also, dass es Deinem Empfinden nach auch unschönes Gegenwarts-Erleben gibt, das später in Deinen Erinnerungen als schön gespeichert wurde? Das ist etwas widersprüchlich, könnte aber u.a. narzisstische Ursachen haben.

Dein beschriebenes Verhalten auf YouTube zeugt doch eher davon, dass Du mit der Gegenwart (und ihren Anforderungen) unzufrieden und möglicherweise sogar etwas überfordert bist. Irgendetwas in Deinen Erinnerungen bzw. in Deiner Vergangenheit ist nicht befriedigend abgeschlossen worden. Irgendetwas durfte sich vielleicht nicht ausreichend entwickeln, ausleben und sein. Also gibt es hier einen Nachholbedarf. Hhhhhmmmm… einerseits schreibst Du, Du hast Freunde und andererseits schreibst Du, dass Du jetzt erst anfängst über Befindlichkeiten zu sprechen. Also entnehme ich daraus mal, dass Du mit Deinen Freunden da nicht so viel (gar nicht) drüber gesprochen hast. Na ja, ist ja unter Jungs auch oft unüblich. Was mir mehr Sorge macht, ist, dass Du offenbar bei Deinen Eltern auch nicht so viel (gar nichts) von Deinen Befindlichkeiten preisgegeben hast. Sind Deine Eltern da nicht so offen? Haben Sie kein Ohr für so etwas? Zeigen und leben sie so etwas nicht so offen aus? Das können natürlich Gründe sein, weshalb Du dann Deine Gefühle eben auch lieber verborgen hältst.

Auf jeden Fall ist es gut, dass Du damit jetzt beginnst sie zu zeigen und zuzulassen!!! Eine Freundin wäre da genau richtig. Mit ihr kannst Du über so etwas gut reden. Du musst ihr nichts bieten können. Mach Dir da keinen Druck! Gefühle sind da die Basis überhaupt!!!

Na ja, also letztlich musst Du Dir auch keine großen Sorgen/Gedanken machen. Viele Millionen Menschen verlieren sich täglich mehr oder minder stark immer wieder in Erinnerungen, Träumereien und Vergänglichkeiten. Das kann schon schmerzhaft und zeitraubend sein. Aber häufig ist das auch nur eine vorübergehende Phase. Und dann geht es wieder weiter im Leben. Aufpassen musst Du nur, dass es nicht Überhand nimmt, Dich isoliert und zunehmend einschränkt. Denn dann wären evtl. doch mal ein paar Sitzungen beim Psychologen angebracht.

Ein bisschen Individuationsarbeit liegt vor Dir (da muss aber jeder durch)…
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Zur Zeit fehlt mir wirklich etwas tief im Inneren, ich kann
aber nicht genau sagen was es ist. Weshalb aber sollte es
einfach das Verlangen nach jugendlicher Unbeschwertheit sein?
Was ist der beste Ratschlag, den Du mir geben kannst um als
Person weiter zu „wachsen“ und dieses zeitraubende
Gedankenmuster zu durchbrechen?

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Nein. Es ist nicht das Verlangen nach jugendlicher Unbeschwertheit, sondern es ist der Zugang zu Dir selbst, der bei Dir etwas zu kurz zu kommen scheint. Also: Wenn es schon niemanden oder nur wenige Personen außen gibt, die Dir Aufmerksamkeit, Zuwendung usw. schenken, dann solltest Du Dir als erstes einmal selber Aufmerksamkeit, Zuwendung usw. schenken. Du musst lernen, Dich mit Deinen Bedürfnissen ernst zu nehmen. Also zu lernen, ein Bewusstsein für Dich selbst zu entfalten (Selbstbewusstsein).

Um so leichter wird es Dir nach und nach fallen, für Dich selbst zu sorgen und einzustehen (auch soz. Kompetenzen), gerade auch in der Gegenwart! Zu sagen, was Du willst und was nicht. Ebenso was Du brauchst und was nicht. Das ist sehr wichtig! Wenn Du offen und klar für Dich selbst sorgen kannst, indem Du sagt was gut für Dich ist und was nicht, dann fühlst Du Stimmigkeit, Wertigkeit und Stärke in jeder Situation.

Einen Filmtipp habe ich für Dich: „Good Will Hunting“ mit Matt Damon und Robin Williams. Schaue Dir den Film mehrmals, in Zeitabständen immer wieder an. Da kannst Du Einiges raus ziehen…

Beste Grüße,
Yedi386