Was ist Moral?

Hai, Ihr Ethiker,

im LuL-Brett hab ich vor Kurzem eine Frage gelesen, die ungefähr mit „Ist es moralisch von dem-und-dem, wenn…“ begann.
Erst war ich ja etwas irritiert, daß mich diese Frage so lange beschäftigt, so langsam komm ich aber dahinter, wo mein Problem liegt, nämlich hier: was ist eigentlich „Moral“? Wer macht die? Ist sie allgemeingültig? Oder eher eine sehr persönliche Sache?

Könnt ihr mal ein paar Gedanken beitragen?

Gruß
Sibylle

Hallo,

Wirklich Ahnung hab ich keine, aber du fragtest ja nach Gedanken. Die hab ich:

IMHO ist Moral eine Handlungsanweisung, die aus einem Wertesystem(=Ethik) folgt. Ethik ist eigentlich ein Gemeingut einer Gesellschaft, wobei es Elemente gibt, die allen Menschen gleich sind, und andere, die in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich sein können. Zudem ist die Ethik etwas dynamisches, sie ändert sich in Abhängigkeit von den Lebensbedingungen auch langsam in der Zeit. Weil aber Ethik nun weder statisch noch gleich ist für die gesamte Menschheit, haben wohl keine zwei Menschen auf der Welt identische Wertevorstellungen. Je enger die Menschen zusammen leben (zeitlich, räumlich und sozial), je „kompakter“ das gesellschaftliche System (Familie, Dorf, Land, Verein, Staat, Firma,…) desto ähnlicher sind die Wertevorstellungen. Ein Zusammenleben, vielleicht auch eine friedliche Koexistenz, ist aber nur dann möglich, wenn sich Werte der verschiedenen Menschen nicht widersprechen bzw. ausschließen. Dazu einigen sich die Menschen auf ein gemeinsames System, an welches sie sich unbedingt binden. Daraus folgen die gesellschaftlichen Handlungsanweisungen meist in Form von Gesetzen.

Da Menschen in kleinen Bereichen durchaus abweichende Wertevorstellungen haben, ergeben sich daraus in Detailfragen auch unterschiedliche Handlungsanweisungen, die nicht immer auch durch ein Gesetz vordefiniert sind. Entsteht aus den Unstimmigkeiten ein Schaden für die Allgemeinheit, muß ein Konsens gefunden werden und das gesetzlich geregelt werden.

So, jetzt bin ich gespannt, wie die Experten das sehen.

Grüße,
Jochen

moral sind konkrete ethische handlungsanweisungen, bzw. ethik ist die threorie der moral. das war die lexikondefinition.

VIEL interessanter ist aber:

im LuL-Brett …

warum verwechseln so viele moral mit keuschheit bzw. sexueller zurückhaltung? das wort „unmoralisch“ wird fast immer in der bedeutung „sexuell anstößig, obszön, unkeusch“ verwendet. deutlich auch bei dem deutschen filmtitel von undecent proposal: „ein UNMORALISCHES angebot“. warum? unmoralisch ist diebstahl, unehrlichkeit, verrat, das verbreiten von gerüchten - eben, wenn man ein schlechter mensch ist. jemandem für sexuelle dienste geld anzubieten ist AUCH unmoralisch, weil eine ehrenbeleidigung, aber in erster linie ist es „undecent“ - sexuell anstößig.

einen ähnlichen bedeutungswandel hat das wort „sittlichkeit“ bzw. „unsittlich“ bzw. „sittenwidrig“ durchgemacht.

die begriffe scheinen aus einer gesellschaft bzw. kultur zu stammen, in der moralische verfehlung schlechthin die sexuelle ist.

das ist doch eine diskussion wert.

LG
datafox

Genau, datafox. Wie der alte Freud schon wußte, läßt sich insbesondere die Sexualität „wunderbar“ von einer bigotten, pseudomoralischen bzw. moralistischen und letztlich patriarchalischen Gesellschaft manipulieren und unterdrücken und daher für „Moral“ thematisieren.
Gruss, Branden

Hallo Sibylle,

nimm es doch ganz einfach von der Wortbedeutung her: lat. mos (Genitiv: moris) ist die Sitte, also das, was von den Vorfahren übernommen wurde. Daher auch das römisch-staatsrechtliche Schlagwort von den „mos maiorum“, was Lateinlehrer gerne zum Kalauer verleitet, es ginge nicht um das Geld der Vorfahren.

Das griechische Wort ethos meint übrigens dasselbe, so dass man Ethik/Moral als die Werte definieren kann, auf die sich eine Gruppe (Gesellschaft/Volk…) als gemeingültig geeinigt hat, nach dem Motto „das macht man so“ oder „das tut man nicht“.

Andreas

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hi,

VIEL interessanter ist aber:
warum verwechseln so viele moral mit keuschheit bzw. sexueller
zurückhaltung? das wort „unmoralisch“ wird fast immer in der
bedeutung „sexuell anstößig, obszön, unkeusch“ verwendet.

Christentum. Die Verunglimpfung von Lust und
Freude über Jahrtausende hinweg. Der Asket als
absolutes Leitbild (Priester).

2000 Jahre davon fordern einen entsprechenden Zoll.
Siehe auch die Zustände im christlichsten Land der
Erde, den USA :wink:

Euer CMБ

Hi Semjon,

Christentum. Die Verunglimpfung von Lust und
Freude über Jahrtausende hinweg. Der Asket als
absolutes Leitbild (Priester).

im Prinzip hast Du schon Recht, aber …

… der Begriff Christentum ist hier zu einseitig.

Es gibt im Christentum unterschiedliche Meinungen zur Sexualität (je nach Glaubensrichtung).
Der Priester als Asket ist aber nur wenigen Richtungen eigen.

Und ein asketischer Priester wird weder von Jesus noch von Paulus gepredigt.

Gruss Harald

hi,

Es gibt im Christentum unterschiedliche Meinungen zur
Sexualität (je nach Glaubensrichtung).
Der Priester als Asket ist aber nur wenigen Richtungen eigen.

stimmt. bis auf katholische haben alle christlichen priester eine familie (man korrigiere mich).

dennoch ist die bedeutungsverschiebung von „unsittlich“ und „unmoralisch“ aber dem gesamten deutschen sprachraum eigen und nicht eine regionale besonderheit südlich des weißwursthorizontes. auch kann ich keinen besonderen unterschied in der „sexualmoral“ (wasn schönes wort) zwischen beiden „kulturkreisen“ (boah böse) feststellen.

gruß
datafox

Hallo Harald,

Christentum.

im Prinzip hast Du schon Recht, aber …

… der Begriff Christentum ist hier zu einseitig.
Es gibt im Christentum unterschiedliche Meinungen zur
Sexualität (je nach Glaubensrichtung).
Der Priester als Asket ist aber nur wenigen Richtungen eigen.
Und ein asketischer Priester wird weder von Jesus noch von
Paulus gepredigt.

Schon klar, ich meinte das auch „historisch“. Ich mache
das an zwei Punkten fest:

  1. „anti-römisches Element“ des frühen Christentums,
    „die Römer“ mit ihren vielseitigen Sexualspielereien
    als „sündig“ abgelehnt, z.B. von Paulus (imho).

  2. „barbarisches Element“ der Germanen, die ihre „Zucht“
    später mit ins Christentum hinübernehmen. Schon Tacitus bemerkte
    (sinng.):

    "Frauen leben in Zucht und Keuschheit
    eine Frau, die ihre Keuschheit preisgegeben hat, findet
    kein Erbarmen in Germanien lacht niemand über Laster.

Ausserdem wurden bei den Germanen afaik „Ehebrecherinnen“ getötet.

Nun verbinde 1) und 2). Das mag immer noch zu flach
erscheinen, fängt aber an, etwas Sinn zu zeigen :wink:

Euer CMБ

Hallo Semjon,

Ausserdem wurden bei den Germanen afaik „Ehebrecherinnen“
getötet.

Ehebrecherinnen wurden auch im Judentum gesteinigt.
Das ist ein Punkt, den wohl die meisten Männer ernst nehmen.

Nun verbinde 1) und 2). Das mag immer noch zu flach
erscheinen, fängt aber an, etwas Sinn zu zeigen :wink:

Man fällt also von einem Extrem ins andere ;-(

Gruss Harald

hi,

dennoch ist die bedeutungsverschiebung von „unsittlich“ und
„unmoralisch“ aber dem gesamten deutschen sprachraum eigen und
nicht eine regionale besonderheit südlich des
weißwursthorizontes. auch kann ich keinen besonderen
unterschied in der „sexualmoral“ (wasn schönes wort) zwischen
beiden „kulturkreisen“ (boah böse) feststellen.

das liegt wohl daran, dass das katholische über 1000 Jahre Zeit hatte, den Begriff zu belegen. Luther ist dann nicht mehr dazu gekommen, das auch noch zu reformieren :wink:

Gruss Harald

Nun verbinde 1) und 2). Das mag immer noch zu flach
erscheinen, fängt aber an, etwas Sinn zu zeigen :wink:

eine interessante argumentation. das ergibt durchaus sinn. deine idee oder wo gelesen?

cu
datafox

hier scheint mir mal wieder die etymologie nützlich: mein duden (bd. 7, 2. aufl.) spricht bei moral von: „der zur regel gewordene wille“. die inhalte der moral wurden/werden demnach von willensstarken, mutigen festgelegt.
nicht mehr und nicht weniger.
soso.

Hi,

hier mal eine Definition des Begriffes „Moral“
http://www.net-lexikon.de/Moral.html

Aus meiner Erfahrung runterscheidet sich die Moral südlich (wo ich wohne) und nördlich (wo ich arbeite) des Weißwurstäquator nicht :wink:

A.

Hallo Axel

duden (bd. 7, 2. aufl.) spricht bei moral von:
„der zur regel gewordene wille“.

Damit ist aber eine „Verinnerlichung“ eines externen
Zwanges gemeint, dessen Ursache nicht unmittelbar
selbst erfahren worden sein muss.

die inhalte der moral wurden/werden demnach
von willensstarken, mutigen festgelegt.
nicht mehr und nicht weniger.

Nein, das halte ich für falsch. Die „Inhalte“
der „Moral“ werden niemals von „Willensstarken“
festgelegt. Man könnte sogar deine Argumentation
umdrehen und sagen „Moral ist der schmale Pfad,
auf dem der Schwache überleben konnte“ und
würde eine plausiblere Hypothese haben :wink:

Man könnte eher den Vorgang des „unbedingten Gehorsams“
gegenüber dem „Willensstarken“ selbst als eine „Moral“
betrachten - „Obrigkeitsgläubigkeit“.

Den „Willensstarken“ gibt es schon lange nicht mehr,
an seine Stelle ist die Institution getreten. Der
„Willensstarke“ kennt Gnade gegenüber dem Schicksal
der Durchschnittsexistenz, die Institution nicht.

Eine vorherrschende „Moral“ ist also nur, wie vielfach
in diesem Thread schon angeführt, die zufällige
Zusammensetzung von geglaubten Erhaltungsbedingungen
einer Gemeinschaft, egal ob „richtig“ oder nicht.

Die Unfähigkeit der menschlichen Psyche, die
Komplexität und Bedeutung seines Umfeldes und des
menschlichen Wesens selbst völlig zu erfassen;
könnte daher ein „Moral-Motor“ sein: "Wir haben
es immer schon so und so gemacht und wir haben
bis heute durchgehalten
" könnte eine Trieb-
feder lauten.

Dann könnte man noch Fragen, ob Moral etwas anderes
sein kann, als das, was ein Kind/Jugendlicher in
seiner Entwicklung (sprich: bei der „Verdrahtung“
seines Gehirns) an Rezepten über das Funktionieren
seiner sozialen Beziehungen mitbekommt.

Hypothese: „Moral“ wird in der Kindheit „verdrahtet“
oder sie ist keine „Moral“.

Euer CMБ

Nun verbinde 1) und 2). Das mag immer noch zu flach
erscheinen, fängt aber an, etwas Sinn zu zeigen :wink:

eine interessante argumentation.
das ergibt durchaus sinn.

Na ja, wenn ich das „irgendwo gelesen“ hätte,
würde ich wahrscheinlich erstmal darüber gelacht haben …

deine idee oder wo gelesen?

Also das mit den Germanen bei Tacitus und das
mit den Sünden der Römer bei Paulus?

Nein, mal ehrlich: Solche Synthesen sind beinahe
immer ziemlich nichtssagend und haben ausser
einem interessanten Anschein wenig Substanz.

Zumal die „Germanen“ heute vorwiegend die
weisse Bevölkerung der USA und Englands
dominieren (die wenigen Kelten sind schon
ent-mendelt). Dann wären noch die „weissen“
Spanier, die von den Goten abstammen :wink:

Aber vielleicht hast Du recht - vielleicht
steckt doch mehr drin, als ich vermutet hätte …

Danke für den Tipp

Euer CMБ

DANKE @ alle
Ich denke, Datafox hat mich drauf gebracht, was mich so irritiert hat: den starken Bezug zur Sexualität, den der Begriff „Moral“ inzwischen bei uns bekommen hat - zumal das ja auch ein wenig mit der Definition hakt: „…von den Vorvätern übernommen…“; wer weiß denn schon wirklich, wie unsere Eltern, deren Eltern, usw., ihr Sexualleben gestalteten?

Gruß
Sibylle

jedenfalls erfolgreich :wink:

wer weiß denn schon wirklich, wie unsere
Eltern, deren Eltern, usw., ihr Sexualleben gestalteten?

Kleiner Scherz von
Andreas