Was ist philosophischer: Fragen oder Antworten?

Ein Fernsehsender, der „mithalten“ will, kommt derzeit nicht um ein möglichst gewinnträchtiges Frage-und-Antwort-Spiel herum: Das Quiz-Fieber ist ausgebrochen.

Gegen den Wissensdurst ist nichts zu sagen. „Wissensdurst“ ist fast die wörtliche Übersetzung von „Philosophie“. Nur die Vorstellung, als wäre dieser Durst zu stillen, als gäbe es für jedes Frage-Töpfchen ein Antwort-Deckelchen, halte ich für höchst irreführend.

Und derart irreführend finde ich nicht etwa nur die trendigen Quiz-Master, sondern auch manche vorgeblich philosophischen, eigentlich aber nur oberlehrerhaften „Meisterdenker“.

Das philosophische Fragen geht in erster Linie nicht AUF, sondern VON Antworten aus, die sich allesamt als voreilig herausstellen. Vorbildlich hat das Platon in seinen Sokratischen Dialogen demonstriert. Hier winkt dem am eifrigsten Antwortenden nicht etwa ein Siegespreis (eine „Million“ oder so was). Vielmehr läuft ein solcher „Kandidat“ Gefahr, sich abgrundtief lächerlich zu machen. Denn die unbarmherzigen Nach-Fragen eines Sokrates (nicht zu verwechseln also mit einem Günther Jauch!) treiben den weniger Nachdenklichen mehr und mehr in die Enge, führen seinen sich „wissend“ gebenden Schnellschuss ad absurdum.

Antworten auf philosophische Fragen sind immer besonders „gewagt“. Genau dies sollte spürbar bleiben, gerade auch dort, wo wir als „Experten“ und „Berater“ etwas in einem „Wissens-Service“ oder „Forum“ zum Besten geben.

Ich hoffe, das ist mir hier einigermaßen geglückt.

Leo

Hallo Leo,

Vorbildlich hat das Platon in seinen
Sokratischen Dialogen demonstriert. Hier winkt dem am
eifrigsten Antwortenden nicht etwa ein Siegespreis (eine
„Million“ oder so was).

Ich denke nicht, dass man, wenn man nachdenkt um eine Antwort auf eine bestimmte Frage zu bekommen, auch nur irgendeinen Preis haben will.
Philosophen denken nicht desshalb irgendeinen Preis für ihre Leistungen zu erhalten, sondern weil sie ein Stück näher zur Erkenntnis gelangen wollen.

Und derart irreführend finde ich nicht etwa nur die trendigen
Vielmehr läuft ein solcher „Kandidat“
Gefahr, sich abgrundtief lächerlich zu machen. Denn die
unbarmherzigen Nach-Fragen eines Sokrates (nicht zu
verwechseln also mit einem Günther Jauch!) treiben den weniger
Nachdenklichen mehr und mehr in die Enge, führen seinen sich
„wissend“ gebenden Schnellschuss ad absurdum.

Diese Leute, die sich lächerlich machen, sind alleine nur die, die vorgeben oder sich selbst vormachen, etwas zu wissen. Sokrates hat mit seiner Fragestellung (Elenktik und Mäeuktik
-Danke Thomas und Cordula :smile: -) nicht etwa versucht, den Leuten seine Meinung aufzuzwängen, sondern er hat „nur“ versucht, die Leute auf ihre Denkfehler hinzuweisen(Beispiel Platon, Politeia
Buch 1 Gerchtigkeit). Lächerlich waren, wie man sich denken kann, nur diese Leute, die wirklich auf ihrer Meinung bestanden haben und die Sokrates dann widerlegen konnte. Sokrates wollte die Leute auch nur auf ihre Denkfehler hinweisen, nicht sich als
schlausten über alle anderen stellen!!!

Alles Gute
Philipp

Ergänzung
Hallo nochmal,

Ich würde sagen, dass zuerst das Fragen philosophischer ist als das Antworten. Erstens mal, weil ohne Frage gar keine Antwort möglich ist und zweitens muss die Antwort auf die Frage abgestimmt sein bzw. passen.
Philosophisch gesehen steht am Anfang ja ersteinmal das sich wundern worauf auch das Fragen kommt. Meistens kommen dann ersteinmal verschiedene Antworten darauf, die aber nicht immer oder fast nie richtig sind.
(Beispiel Sokrates: Frage am Anfang: Was ist Gerechtigkeit, Antwort: den Freunden zu Nutzen und den Feinden zu schaden. Dann meint Sokrates, dass aber manche Menschen gut erscheinen, jedoch schlecht sind, also in Wirklichkeit Feinde, und die in Wirklichkeit Schlechten gut erscheinen. Also schadet man denen, die gar nichts getan haben-
weil sie in Wirklichkeit gut sind und dem, der schadet nur schlecht erscheinen- und die, die schlechtes getan haben, verschont man).

Viele Grüße
Philipp

Zustimmung mit Fußnote
Hallo Philipp!

All Deinen Anmerkungen kann ich nur zustimmen. Hattest Du denn den Eindruck, ich würde das anders sehen?

Es ist allerdings ein bisschen schwierig, das Selbstwertgefühl des Sokrates richtig einzuschätzen. Wer so wie er die anderen auf Denkfehler aufmerksam machen kann, ist schon ein philosophischer Crack, der sich seiner denkerischen Spitzenstellung auch durchaus bewusst sein dürfte. Sokrates hat diesen Stolz auf die eigene geistige Überlegenheit mit seiner berühmten Ironie überspielt.

Trotzdem gebe ich Dir recht: Ein wirklicher Philosoph denkt viel zu sachbezogen, um seine Person dauernd herauszustellen. Und das mit der Lächerlichkeit bezieht sich ja auch nicht auf die Person der anderen, sondern auf die fehlerhaften Denkmuster, denen sie aufgesessen, die sie aber doch jederzeit in der Lage sind zu korrigieren.

Schöne Grüße von

Leo

Alles klar :wink:

wirklich alles klar?
Mir ist nach Diskussion. Deswegen werfe ich selbige einfach noch mal an. :smile:

Ist die Frag philosophischer oder die Antwort? Das setzt die Frage (oder die Antwort zu selbiger) voraus: Was ist philosophisch? Das Nomen hat Metapher ja shön erklärt, was ist mit dem Adjektiv?

Ich glaube, daß Philosophie immer Fragen voraussetzt. Alle Denkansätze, alle Veränderung, alles, was in die Tiefe geht, fängt mit einer intelligenten Frage an. Ist also die Frage philosophischer? Bedingt.

Gibt es denn „Antworten“ (außer natürlich 42)? Ich denke, die logsche Folge einer philosphischen Frage ist keine klare Antwort, sondern ein Diskurs, ein Austausch, ein Für und Wider. Je weiter das geht, je tiefer, je länger, desto mehr kommen wir der Philosophie nahe - imho. Je näher man sich kommt, ohne sich zu treffen, desto philosophischer wirds.

Für mich ist die Antwort auf Deine Frage: Wenn ich mich zwischen Fragen und Antworten entscheiden muß, ist das Fragen philosophischer. Wenn ich eine dritte Möglichkeit habe, dann ist meine Antwort: Der Diskurs.

So weit, so gut. :smile:
Liebe Grüße, Nike

Hallo,

Ist die Frag philosophischer oder die Antwort? Das setzt die
Frage (oder die Antwort zu selbiger) voraus: Was ist
philosophisch? Das Nomen hat Metapher ja shön erklärt, was ist
mit dem Adjektiv?

sehr kluge Frage. Es ist so, dass es verschiedene Ansätze in der Philosophie gegeben hat, bei denen immer entweder das eine oder das andere bestimmend war.

Erstes Beispiel: Sokrates stellte vor allem Fragen, Platon hatte in seiner Spätzeit vor allem Antworten.
Zweites Beispiel: Wittgensteins philosophischer Ansatz besteht zu einem Großteil aus Infragestellen. Die meisten seiner Schüler (auf besonders schlechte Weise meiner Meinung nach Weismann und Ayer) machten daraus Dogmen.
Aus meiner Bewertung geht auch schon hervor, dass ich mehr dazu neige, die Fragen zu betonen, aber auch die Antworten sind wichtig. Man muss sich bei den Antworten nur immer im Klaren sein, dass es prinzipiell vorläufig sind - jedenfalls wenn sie die Erfahrung betreffen. Letztendlich sind sogar logische Konzepte bloß Konzepte auf Zeit, nur ganz wenige Sätze sind notwendig wahr. Welche das sind, darüber streitet man sich. Aber da Philosophie ja auch die Suche nach der Wahrheit ist, muss man - notgedrungen - irgendwann Antworten wenigstens versuchen (immer mit dem Bewusstsein, dass man sich irren kann).

Ich glaube, daß Philosophie immer Fragen voraussetzt. Alle
Denkansätze, alle Veränderung, alles, was in die Tiefe geht,
fängt mit einer intelligenten Frage an. Ist also die Frage
philosophischer? Bedingt.
Gibt es denn „Antworten“ (außer natürlich 42)? Ich denke, die
logsche Folge einer philosphischen Frage ist keine klare
Antwort, sondern ein Diskurs, ein Austausch, ein Für und
Wider. Je weiter das geht, je tiefer, je länger, desto mehr
kommen wir der Philosophie nahe - imho. Je näher man sich
kommt, ohne sich zu treffen, desto philosophischer wirds.

Der philosophische Ansatz, gar nicht mehr nach der Wahrheit zu suchen, sondern sie im Diskurs zu ermitteln, ist ziemlich modern (wenn man einmal von Sophisten und Skeptikern mit eigener Problematik absieht).

Für mich ist die Antwort auf Deine Frage: Wenn ich mich
zwischen Fragen und Antworten entscheiden muß, ist das Fragen
philosophischer. Wenn ich eine dritte Möglichkeit habe, dann
ist meine Antwort: Der Diskurs.

Die Diskurstheorie der Wahrheit wurde besonders klar von Jürgen Habermas formuliert (Literatur: J. Habermas, Wahrheitstheorien, als Aufsatz zuerst 1973 in der Festschrift für Walter Schulz).
Demnach ist die Wahrheit von vier Geltungsansprüchen abhängig:

  1. Verständlichkeit (Kommunikativa: Was meinst du?)
  2. Wahrheit (Konstativa: Stimmt das?)
  3. Wahrhaftigkeit (Expressiva: Ist das ehrlich gemeint?) und
  4. Richtigkeit (Regulativa: Ich unterbreche kurz.).
    Das ist die sogenannte „Konsenstheorie der Wahrheit“. Die Wahrheit eines Satzes wird dadurch ermittelt, dass man ihn diskutiert und zu einem alle überzeugenden Urteil kommt.

Kritiker dieses Ansatzes werfen dieser Theorie natürlich vor, für Irrtümer einer besonders großen Anzahl von Menschen verantwortlich sein zu können.

Wichtig für die Frage, was denn philosophischer sei, die Frage oder die Antwort, ist, dass hier nichts von beidem wichtiger ist, sondern es auf einen Austausch untereinander ankommt, wie Nike schon sagt.

Es gibt aber auch philosophische Antworten, die sich einem Diskurs als solchem nicht unbedingt aussetzen müssen. Diese werden mit Notwendigkeit behauptet (aber trotzdem natürlich immer wieder in Frage gestellt).

Beispiele:
Ich denke, also bin ich. (Descartes)
Raum, Zeit und Kausalität sind Formen des menschlichen Erkennens. (Kant)
Gedankenentwicklung vollzieht sich in den drei Schritten der These, der Antithese und der Synthese. (Hegel)
Das Prinzip des Willens ist unzerstörbar. (Schopenhauer)
Empirische Behauptungen sind niemals verifizierbar, sondern immer nur falsifizierbar. (Popper)

Fazit: Fragen ist - als Methode - philosophischer, aber man kommt nicht umhin, gelegentlich Antworten zu geben, die dann im Diskurs wieder befragt werden können.

Alles klar?

Gruß

Thomas Miller

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so klar, wie es geht…
… oder gut ist. :smile:

Ich habe hier mal unabhängig von Wissen und Richtungen diskutiert, allein aus persönlichem Empfinden heraus.

Aber da Philosophie ja auch die Suche nach der
Wahrheit ist, muss man - notgedrungen - irgendwann Antworten
wenigstens versuchen (immer mit dem Bewusstsein, dass man sich
irren kann).

Ja, das meinte ich. Antworten versuchen ist etwas völlig anderes, als Antworten zu haben. Was m.E. auch nur heißt, daß man meint, welche zu haben.
Die Suche nach der Wahrheit - das hängt ganz eng mit den Antworten zusammen. Wenn es wirkliche Antworten (allgemeingültige) gäbe, so hieße das ja, daß es die Wahrheit gäbe. Und das glaube ich eben nicht.
Trotzdem, und da hast Du sehr recht, läuft es schon darauf hinaus, daß man Antworten immer wieder versuchen muß…

Der philosophische Ansatz, gar nicht mehr nach der Wahrheit zu
suchen, sondern sie im Diskurs zu ermitteln, ist ziemlich
modern (wenn man einmal von Sophisten und Skeptikern mit
eigener Problematik absieht).

Oh, aber ich meine nicht, daß man gar nicht nach der Wahrheit suchen soll. Ich sehe „Diskurs“ auch nicht so, daß er die Suche ausschließen sollte. Wechselseitiges Anregen, Weiterbringe, Wachsen… das ist für mich der Weg, der uns der Wahrheit näherbringt. Näher - obwohl wir sie, imho, nicht erreichen können.

Es gibt aber auch philosophische Antworten, die sich einem
Diskurs als solchem nicht unbedingt aussetzen müssen. Diese
werden mit Notwendigkeit behauptet (aber trotzdem natürlich
immer wieder in Frage gestellt).

Ist gerade nicht das hochphilosophisch (was immer das Adjektiv nun wirklich heißen mag)? Gerade das anzuzweifeln, was unanzweifelbar und / oder notwendig erscheint. Zumindest muß ich feststellen: Das ist es, was Spaß macht. :smile:

Fazit: Fragen ist - als Methode - philosophischer, aber man
kommt nicht umhin, gelegentlich Antworten zu geben, die dann
im Diskurs wieder befragt werden können.

Ja. Da gebe ich Dir recht. Im Grunde meinte ich das auch - nur Du hast es strukturierter beschreiben können.

Ergänzend stelle ich jetzt mal die These in den Raum: Philosophie erfordert Mut.

Liebe Grüße, Nike

P.S.: Vielen Dank für die Hintergrundinformationen zum Thema, Thomas, die waren überaus interessant.

Mut
Hallo nochmal,

Ergänzend stelle ich jetzt mal die These in den Raum:
Philosophie erfordert Mut.

das steht bei Schopenhauer:
„Philosophie ist der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten.“

Übersetzt: „Philosophieren“ bedeutet, auch da zu fragen, wo es scheinbar unnütz oder unbequem oder vielleicht sogar gefährlich erscheint.

Gruß

Thomas Miller

toll!

das steht bei Schopenhauer:
„Philosophie ist der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu
behalten.“

da habe ich doch, ohne es zu wissen, eine Schopenhauersche These neu erfunden. :smile:
Das zeigt mal wieder: Nichts kann wirklich neu erdacht werden… aber ich versuche es weiterhin. :smile:

Es ist wirklich beeindruckend, was Du alles im Kopf hast, Thomas. Oder schlägst Du zwischendurch noch mal nach? Das würde mich ungemein beruhigen… :wink:

Liebe Grüße, Nike

Liebe Nike,

schlägst Du zwischendurch noch mal nach?

das kommt ganz darauf an. Wenn du mich zum Beispiel fragen würdest, wo genau dieser Satz bei Schopenhauer steht, müsste ich wirklich ans Regal gehen.

Tipp: Wir hatten jahrelang keinen Fernseher (allerdings auch keinen Kühlschrank …) - da ist man zum Lesen geradezu gezwungen. (Bis heute haben wir allerdings weder Auto noch Führerschein - und kommen doch immer da hin, wo wir wollen).

Es ist alles eine Frage der Prioritäten.

Gruß

Thomas Miller