Tach,
Was mich interessiert: Kann an sich an der Uni 90 Minuten lang
auf eine typische Vorlesung konzentrieren (z.B. in einem Fach
wie Physik, aber Mathe, Chemie, etc. ist sicher ähnlich)?
Grundsätzlich ja.
Ist die Physik interessant und „einfach“ genug, um eine so
lange Zeit einem Vortrag folgen zu können, hängt es vom
Vortragenden ab, ob es geht?
Es kommt darauf an, wie der Dozent seine Vorlesung haelt, wobei die Reaktion der Zuhoerer sicher auch subjektiv ist. Ich habe in meinem Studium Vorlesungen aus 3 Studiengängen besucht (Mathe, Informatik, E-Technik) und grundsätzlich auch drei Arten der Vorlesung gesehen:
a) Der Dozent hat den Stoff mehr oder minder grob auf Papier zusammengefasst, macht eine klassische Tafelvorlesung, sprich: er erlaeutert das Thema, vllt. auch den Zusammenhang mit den vorherigen Vorlesungen, fuehrt Beweise an der Tafel, kommentiert sie, steht fuer Fragen zur Verfuegung, befragt auch gelegentlich das Publikum, weist darauf hin, wenn eine Beweisidee oder ein Theorem wichtig fuer Uebungszettel ist, macht auch hin und wieder selbst Fehler. Daran sieht man, wenn auch verkuerzt, wie sich z.B. eine Theorie entwickelt.
Sowas ist fuer mich persoenlich die beste Art der Vorlesung gewesen, vor allem am Anfang des Studiums.
b) Powerpoint-Vorlesung: der Dozent hat Folien vorbereitet, wo alles stichwortartig draufsteht, erläutert aber Einzelheiten an der Tafel. Man sollte sich dabei eben nicht darauf verlassen, dass alles auf den Folien steht und den Rest ignorieren bzw. nicht mitschreiben, den Fehler macht man oefter als man denkt.
c) Der Dozent hält sich an sein Skript, die Vorlesung besteht aus dem sprichwörtlichen Vorlesen aus dem Skript (evtl. werden Teile davon an die Tafel gebracht), jeder hat eine Kopie davon. Das ist IMHO die langweiligste Form der Veranstaltung, was auch die Entwicklung der Hoererzahl und der Zahl der Leute, die waehrend der Vorlesung Videos gucken, World of Warcraft spielen, chatten, Pornos schauen, PC Games lesen, bestaetitigen, meiner Erfahrung nach. So richtig folgen tut der Vorlesung kaum einer und kann es auch gar nicht.
Wie schnell schaltet man ab?
Je nach dem zwischen sofort und gar nicht. Eine gute anspruchsvolle Vorlesung sollte IMHO kein Frontalangriff sein. Es gibt auch langweilige Tafelvorlesungen, wenn der Dozent sich permanent schlecht bis gar nicht vorbereitet und alle 2 Zeilen erstmal eine fuenfminuetige Pause braucht, um die Fehler zu finden. Seit die Professorenstellen gekuerzt bzw. nicht neu besetzt werden, tritt das vor allem in den Anfaengervorlesungen haeufig auf, wenn Profs, die seit 20 Jahren keine Anfaengerveranstaltung mehr gehalten haben ploetzlich dazu verdonnert werden und so ziemlich im Dunkeln herumstochern und die armen Erstsemestler verstehen einfach mal gar nix.
Wieviel Prozent versteht man
ungefähr?
Verstehen, im Sinne von „ich hab’ kapiert wie der Beweis geht“ oder „ich hab mir gemerkt, was ein Differentialoperator ist“ tut man, wenn man aufpasst, ziemlich viel. Um die Sachen aber in den Uebungszetteln anwenden zu koennen bzw. auf Klausur- oder Pruefungsniveau den Stoff draufzuhaben muss man je nach Auffassungsgabe pro Vorlesungsstunde nochmal 1-2 Stunden draufschlagen, moeglichst zeitnah, damit reduziert man allerdings die Vorbereitungszeit auf die Pruefung.
Lernt Ihr eher aus den Vorlesungen oder hinterher in
Arbeitsgruppen oder alleine aus Büchern?
Wie gesagt, in der Vorlesung kann man hoechstens mitbekommen, was wichtig zu wissen ist. Auch der beste Prof wird bei einem laenglichen Beweis nicht jede Zeile hinschreiben, sondern hoechstens den Hinweis geben „das ist so wegen Satz 5.01.2“. Oft genug schaut man sich 5.01.2 an und sieht erstmal ueberhaupt keinen Zusammenhang mit dem Beweis, diesen Zusammenhang herzustellen, womoeglich ueber mehrere Zwischenschritte, ist schon mal Teil 1 der Vorlesungsnachbereitung.
Bei allen Vorlesungen, die aus mehr als Faktenwiedergabe bestehen, war fuer mich ein oder gar mehrere Lehrbuecher sehr hilfreich, vor allem im Grundstudium.
Wann ist eine
Vorlesung gut, wann ist sie schlecht?
Naja… Vorlesung steht und faellt mit dem Dozenten… Es gibt Dinge, die naturgemaess trocken und langweilig sind bei denen man schnell abschaltet und was anderes tut, das ist dann aber genau die Zeit, die man hinterher dreifach investieren muss, um die Abschlussklausur zu bestehen oder die Uebungszettel fertig zu kriegen.
Es gibt ja auch durchaus Leute, die reine Skript-Vorlesungen gut finden, weil man da nichts mitschreiben muss und nebenbei sonstwas tun kann. Letzten Endes zaehlt in einer Vorlesung ja nicht der Unterhaltungswert, sondern wie gut sie einen auf die Pruefung vorbereitet, und da gibt es durchaus Dozenten, die sich Zeit nehmen und auf Fragen eingehen, wie auch welche, die „steht im Skript“ sagen, im letzteren Fall musst Du Dich dann halt um Aufklaerung bemuehen.
Ist der Schock, wenn man von der Schule kommt sehr groß (denn
an der Uni geht ja alles viel schneller)?
Geht so. Wenn man es in der Schule geschafft hat, 90 Minuten zu ueberstehen, schafft man es auch im Studium. Man sollte sich nicht erschrecken, wenn in den ersten Vorlesungen ploetzlich Dinge auftauchen, von denen man nichts gehoert hat, da denke ich gerade an Fourier-Transformationen, Kronecker-Delta-Tensoren und Distributionen in der ersten Vorlesungswoche, brachte ausnahmslos jeden an den Rand der Verzweifelung. Der Prof wollte uns einfach mal zeigen, was es so gibt.
Das Tempo ist schon recht hoch und es wird nicht darauf gewartet, bis auch der letzte alles kapiert hat, das richtige Verstaendnis kommt eh erst bei den Uebungsaufgaben und Pruefungsvorbereitung…
Puh, kurze Frage, lange Antwort
Gruss
Paul