Was passiert bei Segnungen der Kirchen?

Hallo, was geht bei Segnungen aus psychologischer Sicht vor?
Sind Segnungen der Kirche etwas anderes oder ist der Vorgang gleichbedeutend mit einem „Alles Gute“ eines „normalen Menschen“.
Sicherlich haben positive Gedanken eine Auswirkung auf die Psyche des Menschen.
Paradox ist es aber doch m. E. wenn Autos, Waffen, u. ä. gesegnet werden. Oder meint man mit Segnungen der Technik die Fahrer, Soldaten, o. a.?

Danke für die Antworten im Voraus
Zorro

Hi Zorro,

ich wollte Dich gerade schon bitten, doch im Brett Religion zu posten, aber als ich dann genauer las, sah ich, daß Dich wirklich die psychologische Sicht interessiert. Also gut. :smile:

Es ist für uns Menschen in vielen Dingen so, daß etwas uns erst dann real erscheint, wenn wir es ausprechen bzw. ausgesprochen hören. Darum wollen manche Menschen von ihrem Partner hören , daß er sie liebt, es reicht ihnen nicht, es zu wissen. Dadurch, daß wir etwas aussprechen, fühlt es sich realer an.

So ist es m.E. auch mit dem Aussprechen des Segens in der Kirche.

Ich gehe recht regelmäßig in die Kirche. Und ich muß sagen: Obwohl ich sicher bin, daß Gott auch auf mich acht gäbe, wenn ich nie einen Fuß in die Kirche setzte, so ist doch das Segnen am Ende des Gottesdienstes ein schönes und kraftspendendes Ritual. Es ist einfach schön und tröstlich, dieses Ritual regelmäßig zu erleben und mir einfach noch einmal bewußt zu machen , daß ich diesen Segen einfach habe.

So wie ich meinem Sohn jeden Abend beim Gutenacht-Kuß sage: „Schlafe gut, ich habe Dich immer lieb“. Ich habe ihn auch lieb, wenn ich das nicht sage. Aber ich sage es jedes Mal, nur damit er und ich es noch einmal hören. Es ist uns ein wichtiges Ritual.

Unser Sohn ist in der Kirche gesegnet worden - und nicht getauft. Ich wollte ihn nicht taufen lassen, weil ich der Meinung bin, daß er das, wenn er alt genug ist, selbst entscheiden soll. Vielleicht möchte er dann lieber Buddhist werden oder keine Taufe haben. Wer weiß?
Trotzdem war die Feier und das Ritual des Segnens für uns sehr schön, das Aufnehmen in die Gemeinschaft, das Aussprechen des Segens.

Der Segen ist ein Ritual, daß uns an etwas erinnert - nicht eines, daß eine Realität erschafft.

Glaube zumindest ich. :wink:

Liebe Grüße,
Nike

Hi Zorro,

ich gehe davon aus, dass man die kirchliche Segung nicht losgelöst von der kirchlichen „Gemeinde“ betrachten kann. Alleine deshalb ist es kaum möglich die „Gemeinde“ als Gruppe von einem Zugehörigkeitsgefühl zu trennen. Die einzelnen Mitglieder der Gruppe handeln insbsondere im Christentum nach einem festgelegten Wertekodex, der sie als Gruppe eint. Das Gefühl einer Gruppe anzugehören besitzt sinnstiftenden Charakter für sie, auch wenn die Verantwortung für das Selbst ungleich dem Islamismus auf die einzelnen Mitglieder übertragen wird. Der Koran hat autoritäreren Charakter. Das Christentum ist eine Gruppe, die in kultureller Hinsicht speziefische Taxonomien und semiotische Zeichensysteme bereitstellt. Sie in der Bibel abrufen zu können, falls Bedarf besteht, spendet Halt. Die Segung von Gruppen (e.g. Soldaten) besitzt Ähnlichkeit mit der „heiligen Misson“ beim Aufbruch in das gelobte Land. Am Ende aller gemeinsam angestrebten Ziele stehen heilsversprechende Ziele. Das kann man auch sehr abstakt sehen. die Ausprägungen des klerikalen Gedankens sind manigfaltig:

  • Gemeinsam für eine wirtschaftliche Machtstellung „zu kämpfen“ verspricht ein sorgloseres Leben. (Die Personalabteilung birgt u.a. das Recruiting- Dazu später mehr)
  • Die Narrative der abendländischen Kultur besitzen nach einem von Leid geprägten Weg immer ein „Happy End“. (Fern-östliche Narrative enden viel öfter tragisch)
  • etc.

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Mit dem Aufnehmen eines Subjektes oder Objekes in die Gemeinde erhält die Gruppe Macht bei der Erfüllung ihrer „heiligen Mission“, denn gemeinsam ist man stärker. Die Bezeichnung „Hoffnungsträger“ ist sehr christlich. Ein getauftes Kind ist gewissermaßen ein Rekrut für eine anstehende Schlacht. Man könnte aber auch sagen, das dieser besagte Rekrut mit Eintritt in die Gruppe Macht erhält. Er darf „gemeinnützige“ Institutionen nutzen und erhält Hilfestellung seiner „Brüder“ und „Schwestern“. „Der Glaube verleiht den Dingen Macht.“
Das kann am Beispiel der Soldaten beobachten, wenn man sich die amerikanische Armee anschaut. Diese Soldaten dürfen ihre Traumata in Beichten besprechen. Psychologen dürfen nicht konsultiert werden.

Es lassen sich aber bestimmt Analogien für diverse andere Gruppen finden. Signifikant ist primär das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, die ein gemeinsames Ziel anstrebt, das Heil verspricht. Auch ein psychologisches Phänomen, aber eher kulturell gesehen von Gewicht.
Es ist gegeben, dass viele Christen sich mit ihrem Beitritt wohlfühlen, zumal ihre Erzählungen davon oftmals einen „Erleutungscharakter“ innehaben.
O-Ton: „Das Leben war trist, bis ich Gott [-Sinn-] fand.“
Interesanterweise kann auch beobachtet werden, dass das wissenschaftliche Arbeiten von Atheisten den selben positiven Effekt auf das Seelenleben besitzen kann. Einher geht damit das Streben nach Wahrheit.

Viele Grüsse,

Hilmar

Hallo, was geht bei Segnungen aus psychologischer Sicht vor?

Meine Vermutung: Es ist ein Massenphänomen. Eine Menge von Menschen kommt zusammen und erfährt eine tiefere, über sie hinausgehende Bedeutung. Eine gemeinsame Segnung durch eine Kirche oder eine andere religiöse „Autorität“ stärkt die Gemeinschaft. Dadurch fühlt man sich gut. Dasselbe Gefühl gibt es bei: Freiluftkonzerten, Sportveranstaltungen, Sonnenfinsternissen (erst kürzlich erlebt *g*). da ist oft das Gefühl, etwas Großes gemeinsam zu erleben, noch stärker als das Erlebnis selbst.

Dieses ist besonders in Krisenzeiten sehr wichtig, umso wichtiger, wenn es um Leben und Tod geht. Das erklärt auch dieses:

Paradox ist es aber doch m. E. wenn Autos, Waffen, u. ä.
gesegnet werden.

Von Autosegnungen habe ich aber noch nie gehört.

Gruß
dataf0x

Hi Fox,

Meine Vermutung: Es ist ein Massenphänomen.

Glaube ich eigentlich nicht. Ich schilderte ja schon, warum mir die Segnung in der Kirche wichtig ist (weil’s darum in der Frage ging), aber ebenso schön empfinde ich es, wenn jemand mir persönlich sagt „Gott segne Dich“ - auch, wenn diese Worte nur zwischen zwei Menschen gesprochen werden.

Es ist eher diese Invokation, das Aussprechen, das ich dabei als stärkend empfinde (s.u.).

Wobei das Massenphänomen sicher mit reinspielt, aber m.E. nicht der Hauptgrund ist, warum das Segensritual in Kirchen (und anderen religiösen Einrichtungen) praktiziert wird.

Liebe Grüße,
Nike

1 „Gefällt mir“

hallo datafox

bei uns werde nächste woche 2neue rettungsautos gesegnet…:smile:)
viele grüße
gerhard

bei uns werde nächste woche 2neue rettungsautos gesegnet…:smile:)

Finde ich ein schönes Ritual! Mögen sie Leben retten.

Gruß
dataf0x

hallo nike

darf ich dich fragen ,an was erinnert Dich der segen…?
würde mich einfach interessieren…:smile:
viele grüße
gerhard

Hi Fox,

Meine Vermutung: Es ist ein Massenphänomen.

Glaube ich eigentlich nicht. Ich schilderte ja schon, warum
mir die Segnung in der Kirche wichtig ist (weil’s darum in der
Frage ging), aber ebenso schön empfinde ich es, wenn jemand
mir persönlich sagt „Gott segne Dich“ - auch, wenn diese Worte
nur zwischen zwei Menschen gesprochen werden.

Es ist eher diese Invokation, das Aussprechen, das ich dabei
als stärkend empfinde (s.u.).

Hallo

Les ich das, dann denke ich erstmal, dass die Beziehungsfunktion das entscheidende ist…

VG, Stefan

Hi Gerhard,

darf ich dich fragen ,an was erinnert Dich der segen…?

Klar darfst Du. :smile:
Meine Worte waren: „Der Segen ist ein Ritual, daß uns an etwas erinnert - nicht eines, daß eine Realität erschafft.“

Damit wollte ich sagen: Der (in diesem Falle christliche) Segen der Kirche hat eben nicht den Sinn, einen Segnungszustand hervorzurufen, sondern soll uns vielmehr daran erinnern, daß wir unter Gottes Segen gehen.

Genau wie die Worte „Ich liebe Dich“ ja nicht Liebe erschaffen, sondern etwas, das bereits wahr ist, wieder in Erinnerung rufen.

War das verständlicher formuliert? :smile:

Liebe Grüße,
Nike