Hai, Kim,
jetzt muss ich doch glatt diesen ganzen Artikel nochmal schreiben 
Also, wir hatten mal für ein Jahr einen genialen Deutsch-Lehrer.
Der hat die Betonung auf die Verwendung von Sprache gelegt. Angefangen hat es damit, daß zwei Schülerinnen sich stritten, was am Ende so aussah, daß sich die beiden gegenüberstanden und sich gegenseitig mit „Blöde Kuh“, „Doofe Ziege“, „Blöde Kuh“, usw. betitelten. Bewusster Lehrer kam dazu und meinte ganz trocken, es wäre an der Zeit, daß wir gepflegtes Beleidigen erlernen würden. Zwei Wochen hat er uns damit beschäftigt, geschliffene und sorgfältig verborgene Beleidigungen auszutauschen (Beispiel aus einem Film: „Mach Dir nicht so viele Gedanken, das schadet dem Teint und Du hast so einen schönen, unberührten.“) - es hat gigantisch Spaß gemacht. So sensibilisiert, haben wir dann angefangen, versteckte (und damit untergeschobene) Äußerungen in Zeitungsschlagzeilen zu finden (Was steckt so alles in „Es gibt auch gute Türken“) und dann haben wir manipulativen Sprachgebrauch in Reden und Umfragen und so durchgenommen („Wollt Ihr den totalen…“, oder „Wählen Sie nächstes Mal CDU, oder etwa SPD“) - da haben wir dann z.B. Fragebögen entwickelt, die zu einem vorgegebenen Ergebnis führten.
Im zweiten Halbjahr hat er uns dan beigebracht, wie man mit Worten Bilder malt. Er kam rein, meinte „Es ist heut’ ein wunderschöner Tag, schreibt doch mal auf, was Euch daran so gefällt.“ und dann hat er uns gezeigt, wie Dichter „Die Sonne scheint, es ist warm, voll cool“ ausdrücken - es hatte schon 'was witziges, wie die „voll coolen“ Teenager durch die Schule tobten und dabei Walther von der Vogelweide zitierten…
Es war einfach ein genialer Lehrer - er hat uns da abgeholt, wo wir waren (selbstverständlich haben uns schöne Beleidigungen interessiert!) und hat uns dann gezeigt, wie wir die Mittel der Sprache zu unseren Gunsten verwenden können.
Das Gegenbeispiel hatten wir aber auch: „Wir lesen dieses Halbjahr ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ - wie verwendet der Autor Objekte in Relation zu den Satzsubsantiven unter Einhaltung der indirekten Rede“ - GÄÄÄÄHHN. Und ich hatte auch noch das Glück, dieses Buch bei dieser Lehrerin für drei Semester durchzukauen - bei der dritten Runde bin ich nur zur ersten Stunde hin, hab dann lieber am parallel stattfindenden Musik-Unterricht teilgenommen und dann nur zur Klausur hoch geflitzt und den gleichen Sch*** geschrieben, wie schon die zwei Semester zuvor (ich wusste ja inzwischen, was sie lesen wollte) - Mann, hat die Frau gekotzt, als sie mir auf die Klausur 15 Punkte geben musste und ich damit den Kurs bestanden habe, obwohl ich am Unterricht gar nicht teilgenommen habe…
Gruß
Sibylle