Hallo, vielleicht kann mir einer einen Tipp Richtung „Literatur für Dummies“ empfehlen? Ich bin Naturwissenschaftler, und wie die schreiben (und was sie lesen müssen), weiß man ja.
Es macht mich immer wahnsinnig, dass ich zwar gefühlsmäßig einen Unterschied zwischen einem Romanheftchen und einem guten zeitgenössischen historischen Roman „merke“, es aber nicht auf die Reihe bekomme, die Unterschiede einmal sachlich festzustellen. Woran liegt es, dass ein Unterschied fühlbar ist wie zwischen MacDonald’s und Großmutters Schmorbraten? Sind das gewisse Sprachmuster, oder liegt es daran, welche Inhalte betont werden? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger scheint sich nämlich „Die Päpstin“ oder was auch immer von einem x-beliebigen Historical-Heftchen zu unterscheiden, das man in der Badewanne liest.
Das müsste doch für euch Literaturwissenschaftler so einfach zu erklären sein wie für mich das Molrechnen! Wo könnte ich mich schlaumachen? Jede Info interessiert mich, die Schule ist auch schon so lange her…
Also ein Merkmal kann ich dir nennen, das für den Unterschied sorgt. Das sind die Bezüge/Beziehungen, die ein literarisches Werk herstellt. Damit ist nicht gemeint, worauf explizit Bezug genommen wird, sondern das, was sich im Kopf des Lesers ergibt. Gute unterscheidet sich von schlechter darin, dass erstere meist mehr, meist passendere und meist vertieftere Bezüge (mithin auch Assoziationen) beim Lesen erzeugt. Weil dir mehr dazu einfällt, weil du tiefer in den Sachverhalt hineingeführt wirst (z.B. durch ein gutes Bild und in der Folge ein gutes Attribut im Satz und in der Folge eine passende Assoziation im Buch und …) und weil das, worum es geht, vom Autor genauer gekannt, genauer beschrieben und differenzierter dargestellt ist (letzteres mit vielen verschiedenen Mitteln). Deshalb hast du bei einem Groschenroman keinen so bleibenden und vertieften Eindruck wie bei einem Werk der guten/hohen Literatur. Hinzu kommt, dass deine Denk- und Assoziationsleistung bei einem guten Buch viel höher ist (aus den oben genannten Gründen), so dass es einen intensiveren Eindruck hinterlässt. Natürlich hängt das auch von deiner eigenen Begreifensfähigkeit und deinem geistigen Formenreichtum ab.
Man merkt auch einfach, ob sich jemand über das Gewebe Buch und die Wörter und Sachverhalte viele oder nur wenige Gedanken gemacht hat. Während bei einem Groschenkrimi die oberflächliche Handlung geschlossen und logisch sein muss, damit sie glaubt und Personenkonstellationen und andere Details der Beliebigkeit unterliegen, muss ein Roman mit Tiefgang auf allen befragbaren Ebenen geschlossen und konsistent sein. Ein gutes Beispiel dafür wäre (kein Krimi) „Der Golem“ von Meyrinck. Der fußt einerseits auf genauerer Kenntnis der Kabalistik (ist also philosophisch motiviert) und stellt andererseits auf surreale, montagehafte Weise Aspekte der Selbstfindung und „Bewusstseinswanderung“ dar. Damit klar wird, in welcher Welt der Protagonist lebt, muss die historische Situation in den Gassen eines Ghettos genausogut dargestellt werden, wie die Handlungsführung interessant aber nachvollziehbar sein muss, wie auch die Gegebenheiten der jüdischen Überlieferung beachtet werden müssen, wie auch die darstellerische Brillanz M.s einfließen muss, wie auch …
eine ähnliche Anfrage gab’s vor einigen Wochen im Brett „deutsche Sprache“ (?).
Ich fand Lohengrins Antwort damals recht brauchbar, hier der Link dorthin:
(ogott, ich hoffe, der Link passt, es schaut so seltsam aus, so lang… wenn nicht: Geh in die Archivsuche und gib als Suchbegriff „Trivialliteratur“ ein, dann findest du es gleich)
Vielleicht magst du da einmal reinschauen?
Ansonsten schließe ich mich dem an, was schon gesagt wurde…
zusätzlich zu meinen Vorrednern: Da Du gerade historische Romane ansprichst, sind zwei Dinge in diesem Genre entscheidend.
Von einem guten historischen Roman erwarte ich, daß er sauber recherchierte Fakten über die geschichtlichen Ereignisse (so relevant), Lebensweise und Gepflogenheiten der jeweiligen Epoche enthält. Da Du das Beispiel „Die Päpstin“ genannt hast: Allein schon zu erfahren, an welchen Tagen der eheliche Verkehr nicht gestattet war, würde das Buch lesenswert machen. Groschenromane fahren meist nur auf der Schiene „gute alte Zeit“.
Groschenromane haben fast immer ein Muster, das schon nach zwei Seiten den Leser befähigt, den Roman selbst fertig zu schreiben. Beispiel: Junge Dame aus guten, verarmten Haus wird gezwungen, den erfahrenen hochadligen Lebemann zu heiraten, um materielle Unbill (Gut der Eltern) zu sichern. Er zeigt ihr die Schönheit fleischlicher Genüsse, sie bringt ihn dazu, dem Rest der Damenwelt zu entsagen. Meist ist noch eine schöne, aber mittlerweile verlebte Ex-Geliebte als Störfaktor vorhanden. Na, kommt das bekannt vor? Ein guter Roman hat da doch noch etwas mehr an Handlung zu bieten!
Hallo Claudia,
da ich viele historische Romane lese, kann ich nur sagen: eine Menge.
Die Groschenromane werden in einer kürzeren Zeit geschrieben als die (meist) gut recherchierten Bücher. Man bekommt mehr Hintergrundinformationen über die Zeit. Das erfordert dann natürlich Recherchearbeit, sodaß viel mehr Zeit vergeht, bis dieser Autor ein neues Buch präsentiert.
Ich hatte auch schon den Fall, daß ich ein Buch von einem Autoren gelesen habe und dann zwei Bücher später eins von einem anderen. Und es gab Paralellen die fast übereinstimmten (Titel kann ich leider nicht nennen, da ich zuviel lese :o))
Wie ein Vorgänger schon geschrieben hat: bei den Groschenromanen geht es meisten um Liebe, Betrug usw. Hübsch ausgeschmückt spielt es dann in der Vergangenheit um einen Hauch von Historie mit hineinzubekommen, damit es auch passt (weil wer würde heutzutage jemanden heiraten, den man nicht leiden kann…-zumindest in Westeuropa)
Gruß Eyeseen
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Vielen Dank an alle für die netten Tipps. Irgendwie habe ich immer geglaubt, die Germanisten würden Adjektive zählen (mein Schultrauma)… wieder was dazugelernt. Ich kehre also zurück zu Georgette Heyer und Judith Merkle-Riley.
ist ja nett, was Du für eine Vorstellung von der germanistischen Zunft hast )
Aber im Ernst, es ist ja die sprachliche Realisierung ein wesentliches Kriterium, wenn man zwischen Trivialliteratur und kunstfertigeren Texten unterscheidet. Und mir wird bei sogenannter hoher Literatur immer ganz warm ums Herz, wenn jemand es beherrscht, richtig toll knapp zu schreiben. Je weniger Adjektive in einem Text nötig sind, um eine Stimmung zu erzeugen, umso besser. Mit dem Zählen wär ich also bald fertig in meinen Lieblingsbüchern…
Der Text sollte das können, auch ohne dass immer beschrieben werden muss, dass etwas so oder so, oder noch schlimmer, wie irgendetwas anderes ist. *schüttel*
Ich hab mich mit Trivialliteratur noch nicht viel beschäftigt, aber Knappheit in der Sprache, nein, das würde mir dazu glaube ich nicht einfallen…
Lieben Gruß, und schönes Weiterlesen,
Elisabeth
(im Endeffekt ist es m.E. wichtig, dass überhaupt gelesen wird…)