Was war Rudi Dutschkes Weltanschauung?

Hallo und Guten Tag,

Rudi (Rudolf) Dutschke (1940-1979) gilt als die Gallionsfigur der deutschen 68er, aber mir ist bis heute seine Weltanschauung nicht recht klar. Klar, er war „irgendwie links“, aber was wollte er denn? Marxismus, Kommunismus, Sozialismus, Planwirtschaft - oder was genau wollte er, wofür war er eingetreten?

Vielen Dank im Voraus für die Antworten,

Jasper.

Hallo Jasper,

„Dutschke verstand sich seit seiner Jugendzeit als antiautoritärer demokratischer Sozialist. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem überzeugten revolutionären Marxisten, der sich in die weithin vergessenen libertären Traditionen der Arbeiterbewegung stellte und sich sowohl vom Reformismus wie vom Stalinismus abgrenzte.“
Dieses Zitat stammt aus der Seite „Rudi Dutschke“ bei wikipedia, die ich als Lese-Einstieg und Übersicht für deine Frage sehr geeignet finde.- Sieh mal rein, die Seite enthält ausführliche Erläuterungen und weiterführende Links.
http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi_Dutschke

Freundliche Grüße
rotmarder

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

‚libertären Traditionen der …‘ Gerücht!
„libertären Traditionen der Arbeiterbewegung“

Also das halte ich für ein Gerücht! Weltanschauung/ Gesinnung (und danach wurde ja urspr. gefragt) die man als libertär bezeichnen kann, müssen irgendwie mit der Österreichischen Schule (nationalökonomisches und ordnungspolitisches Erkenntnisinteresse) zusammenhängen. Hierfür stehen Vordenker Ludwig van Mieses, Friedrich August von Hayek, Martin van Creveld oder mein Favorit: H.-H. Hoppe. In wieweit man die, zu allem Übel auch die tradierte, Weltanschauung der Arbeiterbewegung (hier sollte man doch an eher Ferdinand Lasall usw. denken) dann noch als libertär bezeichnen kann, ist imho mehr als fraglich.

Die traditionelle Arbeiterbewegung ist wohl (im weitesten Sinne) sozialistisch, mindestens aber sozialdemokratisch. Beides steht der, die absolute Entscheidungsfreiheit (Mit allen Rechten aber auch pflichten) betonenden libertären Gedankenwelt diametral entgegen.

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„libertären Traditionen der Arbeiterbewegung“

Also das halte ich für ein Gerücht! Weltanschauung/ Gesinnung
(und danach wurde ja urspr. gefragt) die man als libertär
bezeichnen kann, müssen irgendwie mit der Österreichischen
Schule (nationalökonomisches und ordnungspolitisches
Erkenntnisinteresse) zusammenhängen.

Einen derartigen Zwang sehe ich nicht. Der Begriff wurde ursprünglich weitgehend gleichbedeutend mit ‚anarchistisch‘ verwendet und zumindest teilweise war der Anarchismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchaus in der Arbeiterbewegung verwurzelt. Deine fixe Einordnug des Begriffs in die Denkweise den Libertarismus ist m. E. deutlich zu eng geschnürt.

Gruss
Schorsch

Gegenfrage
Zunächst: für mich gilt Libertarismus = libertäre Ideen, von libertären Denkern formuliert.

wenn libertär weitgehend deckungsgleich mit anarchistisch gesehen wird, kann man das vielleicht auf der Ebene der Abwesenheit jeglicher staatlicher Einmischung in die (mehr oder minder) freiwilligen Handlungen der einzelnen Individuuen vertreten aber danach scheiden sich doch die Geister

…für Libertäre ist die Situation der „Unordnung/ des Chaos“ aber die Geburtsstunde dafür, dass sich aus freiwilligen Aktionen, Bündnissen und Zusammenschlüssen, motiviert aus Arbeitsteilung und Spezialisierung der einzelnen Individuuen und dem streben nach effizienter Bedürfnisbefriedigung, eine „bessere Welt“ entsteht.

…welchen Weg die Vertreter des Anarchismus aus diesem Ursuppenzustand zeichnen ist mir nicht ganz vertraut, ich vermute aber mal auch deswegen, daß sie sich auf das initialen Chaos beschränkt, oder hat diese Gesellschaftstheorie auch einen normativen Erklärungsanspruch?

Deswegen kann man sich durchaus hinreißen lassen, beides ähnlich zu sehen, sollte man aber nicht!

Zunächst: für mich gilt Libertarismus = libertäre Ideen, von
libertären Denkern formuliert.

Das mag für dich ja durchaus gelten, nur ist das im Zusammenhang herzlich uninteressant. Du schriebest, ‚Libertäre‘ Weltanschauung müsse auf die Österreichische Schule zurückzuführen sein - Nein, muß nicht! Ist gerade im Zusammenhang mit Dutschke (dem seine ‚libertär-sozialistischen‘ Anschauungen übrigens von der SED zum Vorwurf gemacht wurden) offenkundig ein falscher Ansatz.

Gruss
Schorsch

niemand kann ‚libertär-sozialistisch‘ gleichzeitig sein, wer diesen Vorwurf macht, ist ein Opfer unklarer Begriffe!

Das wäre in etwa so, als würde man an der Rezeption das „heiß-kalte“ Wasser monieren…ende und aus!

Hallo

Klar, er war „irgendwie links“, aber was wollte er denn?

Das lässt sich sehr schwer in nur ein paar Zeilen zusammenfassen. Deshalb behelfe ich mir mit einem Zitat von Christian Semmler, der mit Dutschke zusammen im antiautoritären Flügel des Sozialistischen Studentenbund (SDS) aktiv war, und deshalb m. E. am treffendsten wiedergeben kann, was Dutschke wollte.

Für Rudi Dutschkes Denken und politisches Wirksamkeit in Berlin war entscheidend, dass er ein Fenster zur Welt aufstieß. […] Dutschke beharrte darauf, dass nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika und Lateinamerika nationale Befreiungsbewegungen am Werk waren, die sich gegen koloniale und neokoloniale Unterdrückung zur Wehr setzten. […] Es war gerade diese Weitung des Blicks auf die arme Welt hin, auf die Notwendigkeit einer radikal neuen Beziehung der Industrieländer zu den „Verdammten dieser Erde“. […] Dutschke unterstützte alle, auch die bewaffneten Formen des antiimperialistischen Widerstandes. […] Rudi Dutschke war Anhänger einer direkten Basisdemokratie. Die Beliebtheit, deren sich im Milieu der späten 60er-Jahre die Rätedemokratie als Alternative zur parlamentarischen Demokratie erfreute, war nicht nur die Frucht angestrengten Quellenstudiums zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie speiste sich auch aus einer politischen Situation, in der es praktisch keine politisch-parlamentarische Kraft gab, der man sich hätte anschließen können. Es war die Zeit der großen Koalition und der Notstandsgesetze […] Für Dutschke und wie für viele Mitstreiter rutschte die Bonner Republik auf einer schiefen Ebene in Richtung des autoritären Staates. Gegenwehr war geboten, und sie konnte nach Auffassung der Linken nur in gesellschaftlicher Gegenwehr bestehen.

Diese Gegenwehr bestand hauptsächlich darin, jegliche Anpassung abzulehnen, subversiv zu agieren, Zwänge zu zerbrechen, um die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse radikal zu verändern. Das bedeutet also, um wieder konkret auf deine Auflistung zurückzukommen:

Marxismus,

Nein, die antiautoritäre Bewegung des SDS hat sich von den Marxisten abgegrenzt.

Sozialismus,

Ja, aber nicht zu verwechseln mit dem Realsozialismus der Sowjetunion (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunismus)

Wenn du mehr über Dutschke und seine Gedanken erfahren möchtest, lege ich dir die folgenden Aufzeichnungen ans Herz:

  1. Rudi Dutschke: Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979 ISBN: 3442732026 Buch anschauen

  2. taz-Journal: Dutschke und Du: Verändern, kämpfen, leben: Was wir von Rudi Dutschke lernen können (dem das Zitat von Semmler übrigens entnommen ist)
    http://www.taz.de/digitaz/.1/etc/tazshop/tazshop_cddvd

Viel Spaß bei der Lektüre!

Gruß
Murmel