Was war vor Luthers Bibelübersetzung?

Hallo zusammen!

Heute halten wir es ja alle für selbstverständlich, dass jeder Priester in der Hl. Messe oder im Gottesdienst das selbe Evangelium verkündet. Aber was war eigentlich vor Luthers Bibelübersetzung? Gut, die meisten Geistlichen beherrschten Latein. Aber da der Buchdruck ja noch nicht erfunden war, dürfte es nur relativ wenige Bibeln gegeben haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in jeder Kirche eine gab. Dazu kam noch, dass die gesamte Messe in lateinischer Sprache abgehalten wurde und 99% der Bevölkerung konnten nicht nur kein Latein, sondern auch nicht lesen und schreiben, also auch nicht in den wenigen Bibeln, die es gab, lesen. Zu allem Überfluss hatte zwar auch damals schon der Papst in Glaubensdingen das Sagen. Er konnte auch eine Bulle, so nannte man seine Verlautbarungen wohl damals, verfassen. Aber erstens ergab sich wieder das Problem der Vervielfältigung und zweitens gab es kein Funk und kein Fernsehen und schon gar kein Internet, sodass die Botschaft beim Eintreffen des berittenen Boten aus Rom sicher oft schon überholt war.

Meine Frage: Wie löste man diese ganzen organisatorischen Probleme? Ist die Vorstellung, die wir heute haben, dass der Glaube der Bevölkerung viel einheitlicher war als heute überhaupt zutreffend? Oder verbreitete jeder Dorfpfarrer (vielleicht auch unter Berücksichtigung seiner eigenen Interessen) seinen eigenen Glauben?

Bei der Gelegenheit: Von welcher Vorlage verfasste Luther eigentlich seine Bibelübersetzung? Aus welchem Kloster stammte sie und wie kam sie auf die Wartburg? Wo kann man sie heute besichtigen? Weiß hier jemand mehr? Für Eure Antworten schon einmal vielen Dank!

Gruß

Christoph

Ist die Vorstellung, die wir heute haben, dass der
Glaube der Bevölkerung viel einheitlicher war als heute
überhaupt zutreffend? Oder verbreitete jeder Dorfpfarrer
(vielleicht auch unter Berücksichtigung seiner eigenen
Interessen) seinen eigenen Glauben?

Jedenfalls wussten die Leute (auch die „Messpfaffen“ - das war damals kein Schimpfwort) ziemlich wenig vom Christentum. Nikolaus von Kues war einer von denen, die sich im Jahrhundert vor der Reformation um eine religiöse Mindestbildung der Leute bemühten. Er ließ die Zehn Gebote (in Reimversion) und das Vaterunser (deutsch) in den Kirchen aufhängen - damit die, die lesen konnten, es sich selbst und denen, die’s nicht konnten, beibrachten… Die Reformation war ganz wesentlich auch eine Bildungsbewegung. Luther sagte: Es genügt nicht, zu glauben, „was die Kirche glaubt“, du musst selber glauben und wissen, was du glaubst. Zum einzigen Prinzip gemacht, löst das allerdings die Kirche als Glaubensgemeinschaft auf…

Bei der Gelegenheit: Von welcher Vorlage verfasste Luther
eigentlich seine Bibelübersetzung? Aus welchem Kloster stammte
sie und wie kam sie auf die Wartburg? Wo kann man sie heute
besichtigen? Weiß hier jemand mehr? Für Eure Antworten schon
einmal vielen Dank!

Luther übersetzte nicht aus einer lateinischen Klosterhandschrift, sondern aus einem hebräischen (AT) und einem griechischen (NT) Text. Sein NT-Text war die Ausgabe, die Erasmus von Rotterdam 1516 hatte drucken lassen.
Die Textüberlieferung der Bibel ist (für Interessierte) ein spannender und höchst verwirrender Krimi - und verlief trotzdem erstaunlich zuverlässig (was der Vergleich der vorwissenschaftlichen handschriftlichen Überlieferungsstränge zeigt).

Gruß,
Quest

Nun ja, die Pfarren werden schon eine Bibel gehabt haben.
Es gab ja Klöster und dort waren zum beispiel im mittelalter ganze Heerscharen von Mönchen damit beschäftigt, alte Schriften von Hand zu kopieren. Die haben wirklich zum beispiel über Tausend lang immer nur wieder voneinander abgeschrieben. Nur so sind schließlich auch die Werke antiker Dichter, der griechischen Philosophen und die Reden der römischen Politiker erhalten geblieben.
In der kirchlichen Theorie der damaligen Zeit gab es ja keine Veränderung. Die ganze Gesellschaft lief ja nur durch überlieberte Traditionenen. Unter diesen Bedingungen war die Abschreiberei eine hohe Kunst, die auch wirklich bis zum letzten Punkt originalgetreu war.
Das Ganze lief natürlich in lateinisch. Auch die offiziellen Dokumente der Königshöfe wurden in dieser Sprache abgefaßt (kein Wunder, die nutzen auch meist die Dienste der Mönche als Schreiber). Und diese Bibeln waren kostbar und teuer, so teuer, daß sie genau wie andere kirchliche Gegenstände auch vererbt wurden.
Die aktuellen Verlautbarungen aus Rom betrafen ja nicht die Religion als solche, sondern meist die Stellung der Kirche in politischen und sonstigen Fragen. Bannung der einen oder anderen Herrschers, Kreuzugsaufrufe, Regeln über Ablaßhandel und so. Davon war ja die Auslegung der heiligen Schrift vom Grundsatz her nicht betroffen. Das blieb recht statisch und ohne veränderungen. Man spricht ja vom mittelalter als der dunkelen zeit, weil Wissenschaft und Technik auf einem wahnsinnig niedrigen Niveau (weit unter dem der Antike) verharrten und stillstanden. Was die Kirche sagte galt immer und ewig, wissenschaftliche Forschungen waren regelrecht verboten. Selbst kirchliche Feiertage wurden theoretisch errechnet, weil die praktische Himmelsbeobachtung ja Sünde war.

Natürlich dürfte das Ltain der meisten Pfarrer schauderhaft gewesen sein. Aber das war ja egal, es verstand ja sowieso keiner. Die agierten also wirklich in einer Sprache, die die Gläubigen gar nicht verstanden…

Gernot geyer

noch zur Ergänzung:

kam noch, dass die gesamte Messe in lateinischer Sprache
abgehalten wurde und 99% der Bevölkerung konnten nicht nur
kein Latein, sondern auch nicht lesen und schreiben, also auch
nicht in den wenigen Bibeln, die es gab, lesen.

Es ist wohl so Sitte gewesen, daß vor der Predigt wenigstens der Evangelientext (auf den sich die - deutschsprachige - Predigt ja bezieht) noch einmal auf Deutsch gebracht wurde. Wer regelmäßig in der Kirche war, hat also wenistens das NT einigermaßen mitbekommen (dazu gab es auch die im Mittelalter beliebten „Evangelienharmonien“, die die Stationen des Lebens Jesu in einer Erzählung zusammenfassen). Vom AT hat der Durchschnittschrist bis ins 20. Jahrhundert wenig bis gar nichts mitbekommen, weil das Judentum ja sowieso als durch das Christentum „überholt“ galt (von Ausnahmen wie den 10 Geboten einmal abgesehen).

B.

Hallo,
sicherlich konnten damals die wenigstens Lesen und SChreiben, geschweige denn Lateinisch. Die Priesterausbildung war aber nun so schlecht auch nicht und durchaus standardisiert.
Kommunikation, gerade mit dem „einfachen Menschen“, lief vor allem über Bilder ab (z.B. die Flugblätter der lutherischen und der katholischen Seite). Diese Bilder können wir uns heute noch in den Kirchen ansehen. Sie beinhalten eine, uns heute nicht mehr immer verständliche, Symbolsprache, so daß die Menschen z.B. an einem Fensterbild an eindeutigen Kennzeichen sehen konnten, wer dort dargestellt ist. Sie haben dann durchaus auf diese Weise etwas über biblische Geschichten und Heilige etc. erfahren. Dazu gabe es die Pilgerzentren, den Reliquienkult gerade im späteren Mittelalter - auch hier wurde kommuniziert. Man darf auch nicht vergessen, daß z.B. der berühmt-berüchtigte Ablaß in allen Kirchen zu verkünden gewesen war.
Übrigens ist sehr wohl anzunehmen, daß jede Kirche ihre Bibel hatte; eine Bibel gehörte einfach zu einer Kirche dazu ´wie ein Altar.

Bei der Gelegenheit: Von welcher Vorlage verfasste Luther
eigentlich seine Bibelübersetzung? Aus welchem Kloster stammte
sie und wie kam sie auf die Wartburg? Wo kann man sie heute
besichtigen? Weiß hier jemand mehr? Für Eure Antworten schon
einmal vielen Dank!

Luther übersetzte nicht aus einer lateinischen
Klosterhandschrift, sondern aus einem hebräischen (AT) und
einem griechischen (NT) Text. Sein NT-Text war die Ausgabe,
die Erasmus von Rotterdam 1516 hatte drucken lassen.
Die Textüberlieferung der Bibel ist (für Interessierte) ein
spannender und höchst verwirrender Krimi - und verlief
trotzdem erstaunlich zuverlässig (was der Vergleich der
vorwissenschaftlichen handschriftlichen Überlieferungsstränge
zeigt).

Kleine Ergänzung: der NT Text des Erasmus von Rotterdam basierte natürlich selbst auf Handschriften, die in mittelalterlichen Klöstern erstellt worden waren. Erasmus, der gute alte Humanist, wollte mit seiner Ausgabe einem spanischen Konkurrenzprodukt zuvorkommen. Während die Spanier in ihrer Ausgabe sogar schon mehrere Handschriften miteinander verglichen haben, um daraus einen sogenannten „kritischen“ Text zu erstellen (die Armen warteten lange auf das Licet des Vatikans…), hatte Erasmus dafür keine Zeit und stümperte schnell was zusammen. Seine handschriften beinhalteten den sogenannten Textus receptus, also den „Mehrheitstext“, den man heute in kritischen Ausgaben nicht mehr als denjenigen ansieht, der dem Ursprung am nächsten kommt. Erasmus hat sich die alten Handschriften genommen, teilweise darin rumgeschmiert und sie dann zum Drucken gegeben. Die Drucker haben dann noch ihre Setzzeichen dort hinein gemacht. Dummerweise gelang es Erasmus nicht, in seiner Eile eine griechische Fassung der Offenbarung zu bekommen, er hat sie dann einfach aus dem LAteinischen rückübersetzt…

Luthers Leistung ist übrigens nicht, als erster die Bibel ins Deutsche übersetzt zu haben. Es gabe andere Übersetzungen vor ihm. Seine Leistung ist, als erster aus den Ursprachen übersetzt zu haben, und, dies vor allem, in einem verständlichen Deutsch geschrieben zu haben. „Man muß dem Volke auf’s Maul schauen“ (Sendbrief zum Dolmetschen, 1530, glaub ich:wink: ). Infolgedessen sprechen wir heute alle Sächsisch…

Gruß,
Taju

Hi Benjamin,
Achtung ich bin absolute Laiin, aber interessiert; mein Herr Papa studiert auf seine „alten Tage“ katholische Theologie und da hab ich bereits einiges mitgekriegt, dass das mit der Messe in Latein factum ist;
ob es eine Predigt gegeben hat, weiß ich jetzt nicht, aber laut der alten (bis Mitte des 20.Jhdt.) gültigen Liturgievorschriften wurde die Messe für Gott abgehalten, nicht für die Menschen; die durften staunend (und meist auch unverstehend) zuhören und dann und wann etwas Singen. Meines Wissens gab es auch nur höchst selten die Kommunionsfeier.
Zumindest in der katholischen Kirche. Das Ergebnis der Reformation war ja eben, dass bei den Protestanten Gottesdienste in der jeweiligen Sprache und auch Predigten abgehalten wurde.
Liebe Grüße#
Birgit

Hi there,

ob es eine Predigt gegeben hat, weiß ich jetzt nicht, aber
laut der alten (bis Mitte des 20.Jhdt.) gültigen
Liturgievorschriften wurde die Messe für Gott abgehalten,
nicht für die Menschen; die durften staunend (und meist auch
unverstehend) zuhören und dann und wann etwas Singen.

Die Predigt war immer Teil der Messe; gesungen wurde eher nicht, aber die Predigt war de facto die einzige Möglichkeit, sich am Messgeschehen zu beteiligen. Meistens war sie wohl dehr schlecht; das führte u.a. zur Entstehung von Orden, die den Schwerpunkt auf die Predigttätigkeit legten (zum Bsp. die Dominikaner, offizielle Bezeichnung „ordo predicatorum“. Diese Predigten fanden dann aber meistens nicht in der Messe statt). Verschiedene Kirchenlehrer haben hauptsächlich durch die (gottesdienstliche) Predigt gewirkt, zB. der Meister Eckart.

Meines

Wissens gab es auch nur höchst selten die Kommunionsfeier.
Zumindest in der katholischen Kirche. Das Ergebnis der
Reformation war ja eben, dass bei den Protestanten
Gottesdienste in der jeweiligen Sprache und auch Predigten
abgehalten wurde.

Also die Eucharistiefeier wurde in jeder Messe begangen, sonst wärs ja keine Messe :smile: Das Problem lag darin, daß die Gläubigen so gut wie nie zur Kommunion gingen/gehen durften; die war praktisch dem Priester vorbehalten (der mußte dafür täglich). Einmal im Jahr, nämlich zu Ostern, wurde als völlig ausreichend angesehen. (Und auch dann nicht in beiderlei Gestalten, der „Laienkelch“ ist ja noch immer eher die Ausnahme). Sonst beschränkte sich die Teilnahme an der Messe auf die körperliche Anwesenheit, inzwischen wurde privat gebetet.

lg
Benjamin

PS. Wo studiert er denn, Dein alter Herr?

Nur kurz ein paar Details nachgetragen:

Den Buchdruck gab es natürlich schon vor Luther. Guttenbergs bahnbrechende Erfindung der beweglichen Lettern und seine erste gedruckte lateinische Bibelausgabe bildeten (rund 100 Jahre vor Luther) erst die Voraussetzung für die spätere rasche Verbreitung der reformatorischen Schriften.
Auch eine gedruckte deutsche Bibelausgabe gab es vor Luther, 1461 von Guttenbergs ehemaligem Gesellen Johann Mentelin verlegt. Allerdings handelt es sich dabei um eine nochmal hundert Jahre ältere Übersetzung eines Anonymus, die sprachlich durchaus keine Meisterleistung war.

Während die älteren deutschen Bibelübersetzungen immer Weiter-Übersetzungen der lateinischen Vulgata waren, war es Luthers Anliegen zu den Quellen zurückzugehen und nur die Originaltexte als Grundlagen zu verwenden. Neben der hier im Forum schon erwähnten NT-Ausgabe Erasmus’ von Rotterdam besaß Luther auch mindestens zwei hebräische Ausgaben des Alten Testaments. Eine befindet sich in Berlin (Staatsbibl. Preuß. Kulturbesitz), die andere ist verschollen.

Luthers Motto „sola scriptura“ (Allein die Schrift) ist ja auch als Kritik an der Praxis der Verkündigung in den katholischen Kirchen zur damaligen Zeit zu verstehen, die das Menschenwort (die Predigt) wichtiger nahm als das Wort Gottes (die Lesungen). Technisch gesehen war es sicher so, dass sich im Mittelalter wohl nur die Klöster tatsächlich Bibelausgaben leisten konnten - erst mit der Guttenberg-Bibel kam da das ganz reiche Bürgertum hinzu. In den normalen Kirchengemeinden war die Schrift wohl höchstens in Form von Lektionaren präsent, also nur in den Ausschnitten, die für den Gottesdienst relevant waren (aber letzteres ist eher Spekulation von mir). Die Tendenz in mittelalterlichen Kirchen biblische Geschichten mit Bildtafeln („biblia pauperum“) zu erzählen, hatte sicher zwei Gründe: das weitgehende Fehlen von Bibeln per se - aber selbst wenn Bibelausgaben weiter verbreitet gewesen wären, hätten sie den einfachen Leuten nicht viel genutzt, dazu war das Analphabetentum zu weit verbreitet.

Schöne Grüße
Wolfgang

Danke!
Hallo zusammen!

Jetzt ist erst einmal ein dickes Dankeschön fällig an alle, die geantwortet haben. Ich muss meine Vorstellung wohl doch in einigen Punkten korrigieren. Es wäre schön, wenn hier irgendjemand noch ein paar hilfreiche Links rund um die Bibelübersetzung kennen würde. Ich bedanke mich schon mal.

Gruß

Christoph

Links zur Bibelübersetzung
Hallo Christoph,

hier ein paar Links zur Bibelübersetzung:

http://www.worldscriptures.org

Die Wycliff-Bibelübersetzer bauen gerade eine Seite zum Thema Bibelübersetzung auf:

http://www.wycliff.de/

Hier gibt es alle wichtigen deutschen Bibelübersetzungen und die Vulgata kostenlos zum Anschauen (nach einer kurzen Registrierung):

http://www.online-bibel.de/

Diese Seite und die Anzahl der Übersetzungen wird ebenfalls ständig erweitert.

Wenn Du die Vulgata gerne im originalen Druck von Gutenberg sehen willst - die gibt es hier komplett online:

http://www.gutenbergdigital.de/

Ansonsten bietet die Deutsche Bibelgesellschaft http://www.bibelgesellschaft.de/ eine interessante Reihe „Wissenswertes zur Bibel“ mit mehreren Heften sowie ein Faksimile-Reprint der Luther-Bibel von 1545 an. Von Wycliff gibt es ein sehr spannendes Buch: A. Holzhausen, Bibel trotz Babel.

Herzliche Grüße

Alex

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Hallo Alexander!

Danke! Ich sehe schon: Es gibt viel zu stöbern!

Gruß

Christoph

noch ein Link
Hallo Christoph,

hab noch einen interessanten Link gefunden
http://ourworld.cs.com/_ht_a/ewe5525202/zeitta.htm

Gruss Harald

Hallo Harald!

Auch Dir Vielen Dank! In dem Link hat man das Wichtigste auf einen Blick.

Gruß

Christoph