Waschzwang

Hallo,

ich hoffe, dass ich hier als medizinischer Laie richtig bin, vielleicht wäre ja auch Medizin-Brett „richtiger“.

Eine Kollegin leidet dermaßen unter Waschzwang, dass sie des öfteren Baumwollhandschuhe anzieht, weil die Hände so kaputt sind.
Lebensmittel kauft sie nicht selber ein, weil ja alles so „unsauber“ ist, sondern lässt sie sich nur von Kolleginnen mitbringen.
Eine vor 3 Jahren gekaufte Eigentumswohnung kann nicht bezogen werden, weil sie nicht weiß, wie „unsauber“ die Vorbesitzer waren.
Soziale Kontakte, außer im Kollegenkreis, sind nicht vorhanden, auch die Eltern sind schon gestorben.

Alle Versuche, sie zu einem Besuch beim Arzt oder Psychologen zu überreden, waren bisher erfolglos.

Was macht man hier?
Kann man irgend jemanden „beauftragen“, sie anzusprechen, der professionelle Hilfe leisten kann?

Wir sind völlig ratlos !

fragt sich

Peter

Hi,
das hört sich sehr nach obsessive compulsive disorder an, und da diese durch nicht weitergeleitete Signale im Gehirn entsteht, kann sie generell mit Neuropharmaka behandelt werden.

(Ich = Laie - man korriegiere mich bitte & gerne!)

Auf jeden Fall braucht diese Dame Hilfe. Aber wie mit allem: Nein, man kann sie dazu nicht zwingen.

Das Problem ist, dass das VON AUSSEN KOMMENDE Angebot von Hilfe deshalb so befremdend wirkt, weil der Aussenstehende das Leben dieser Person gar nicht nachvollziehen kann.

Ich würde vermuten, dass eine ‚Erfolgsstory‘ einer Person, die gelernt hat, mit diesem Problem klarzukommen, was helfen könnte:

Such doch mal im internet nach Seiten und Foren zu obsessive compulsive disorder, und wenn Du willst, auch noch nach nem Neurologen in Eurer Stadt/Gegend, der sich damit auskennt.

Vielleicht kann man sie irgendwie nicht allzu direkt auf so ne Seite oder solch ein Forum ‚stossen‘ lassen.

Auf jeden Fall geh’s langsam an.

Viel Glück,
Isabel

Hallo,

es ist grundsätzlich ein großes Problem bei Zwangserkrankungen, dass die Betroffenen trotz sehr großem Leidensdruck selten oder erst sehr spät Hilfe in Anspruch zu nehmen bereit sind.

Kann man irgend jemanden „beauftragen“, sie anzusprechen, der
professionelle Hilfe leisten kann?

Meines Wissens leider nicht (aber vielleicht weiß jemand anderer hier mehr).

Das einzige was mir einfällt (es läppsch es klingen mag):

Dem Betroffenen ein Buch über Zwänge zu geben, in der Hoffnung, dass er sich verstanden fühlt und Hilfe für möglich hält und dann eventuell aufsucht.
Das Beste über Zwänge in deutscher Sprache hat m.E. Nicolas Hoffmann geschrieben (bei amazon gibt es einige Bücher von ihm).

Als erster Schritt vielleicht auch: http://www.zwang.ch/, das gibt es augenscheinlich online-betratung, vielleicht ist die Hürde ja so geringer.

Ansonsten: Weiter drängen, dass Hilfe gesucht wird.

Sorry, aber besseres fällt mir nicht ein.

Gruss, Paul

Hallo Peter,

ich mache es ganz kurz, da es hier ja nicht um Diagnostellung geht, sondern um einen konkreten Rat:

Wenn die Frau tatsächlich außer Euch Kollegen keinerlei soziale Kontakte pflegt, dann ist es sehr schwer, sie irgendwie unter Druck zu setzen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn die von Bundes- und Landesrecht vorgesehen Möglichkeiten greifen nur bei evidenter Selbst- oder Fremdgefährdung, was bei einer Zwangsstörung ja kaum gegeben sein wird.

Ich würde mich an Deiner Stelle in letzter Instanz (es sei denn, Ihr habt z.B. einen Betriebsarzt, etc.) an den Sozialpsychiatrischen Dienst in Deiner Nähe wenden (dieser ist in den meisten Bundesländern den Gesundheitsämtern angeschlossen).

Diese Dienste bieten Dir kostenlose Beratung und wissen dann -hoffentlich- Möglichkeiten um Deiner Kollegin weiterhelfen zu können.

Ich verlinke Dich einfach mal wahllos mit einem des BRK (da ich ja nicht weiß, wo Du wohnst); dort kannst Du das von mir Genannte nachlesen.

http://www.brk-rottal-inn.de/new/spdi-pan.php

Viel besser wirst Du Deiner Kollegin nicht helfen können, abgesehen natürlich von „gewöhnlicher“ zwischenmenschlicher Hilfe.

Viele Grüße
franz

Bei einer Zwangsstörung geht man heute von einer biologischen Grundlage, aber eben doch ganz erheblichen psychischen Auswirkungen aus. Die Behandlung kann sowohl Medikamente aber auch Verhaltenstherapie einschliessen bzw. kombinieren.

Auch wenn es für Aussenstehende schwer verständlich ist, so werden die Betroffenen aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr lange keine professionelle Hilfe aufsuchen. Erst wenn die Zwänge mehrere Stunden des Tages dauern bzw. wesentliche Bereiche des Alltags und Berufsleben verhindern, wird mehr oder weniger „zwangsweise“ der Druck zur Änderung verstärkt.

Nur Zwingen kann man sicher keine Betroffene, zumal die Behandlung eben auch die aktive Mitwirkung verlangt.

Ich würde einer solchen Patientin jedoch vermitteln, dass eben Zwänge auf eine Funktionsabweichung in einem bestimmten Hirnbereich zurückgehen und bereits die Medikation (mit einem Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) zu einer deutlichen Linderung beitragen kann.

In der Verhaltenstherapie wird dann Störungswissen vermittelt und Umgangsmöglichkeiten bzw. auch konkrete Behandlungsschritte gegen die Zwangssymptomatik eingeleitet. Dies kann bei einer hohen Anzahl der Patienten zu einer nachhaltigen Besserung bis vollständigen Symptomfreiheit führen.

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Hi Paul

Dem Betroffenen ein Buch über Zwänge zu geben, in der
Hoffnung, dass er sich verstanden fühlt und Hilfe für möglich
hält und dann eventuell aufsucht.
Das Beste über Zwänge in deutscher Sprache hat m.E. Nicolas
Hoffmann geschrieben (bei amazon gibt es einige Bücher von
ihm).

Obwohl ich selber eher analytisch ausgerichtet bin, kann ich in diesem speziellen Fall Deine Empfehlung nur voll unterstützen, zumal ich Nico Hoffmann persönlich gut kenne noch aus meiner Zeit am Psychologischen Institut Anfang der 70er Jahre und ihn auch weiterhin ab und an freundschaftlich-kollegial getroffen habe. Er ist ein sehr guter Therapeut und seine Bücher über Zwangserkrankungen sind wirklich zu empfehlen.
Gruß,
Branden

Hallo Peter,

Menschen mit Zwängen konsultieren gewöhnlich seltener als Menschen mit anderen Beschwerden professionelle Helfer. Viele schämen sich nämlich sehr, weil sie ihre Zwänge als absolut unsinnig und bizarr erleben. Auch sind viele über wirkungsvolle Therapien nicht gut informiert und schätzen die Aussichten falsch ein. eshalb möchte ich vorschlagen, Deiner Bekannten Infomaterial zukommen zu lassen, aus dem sie etwas über Zwänge und die Möglichkeiten, etwas gegen sie zu unternehmen, erfahren kann. Ein paar Infos findet ihr schon auf meiner Seite:

http://people.freenet.de/oliverwalter/Psychologie/Ps…

Den Hinweis von Martin Winkler auf die guten Erfolgsaussichten mit bestimmten Antidepressiva (laßt euch nicht vom Namen dieser Medikamente täuschen, sie wirken nachgewiesenermaßen auch bei Zwängen!) und auf kognitive Verhaltenstherapie möchte ich unterstreichen.

Grüße,

Oliver Walter

Eine Kollegin leidet dermaßen unter Waschzwang, dass sie des
öfteren Baumwollhandschuhe anzieht, weil die Hände so kaputt
sind.

Das Problem kenne ich leider von meinem Mann. Er wäscht sich ständig die Hände, und jedesmal mit Seife bis zum Ellenbogen. Es ist zwar bei ihm noch nicht so extrem, wie bei Ihrer Kollegin, aber das nervt mich auch… Er kann, z.B. die Hände nicht mit dem Handtuch abtrocknen, auch wenn ich dieses jeden Tag wechsele. Er nimmt dafür die Papierküchentücher, die sind ja „steriler“… Und wenn er sie nicht hat, dann trocknet er die Hände ab, um sie nach 10 Minuten wieder zu waschen…
Die Bücher über Zwangkrankheiten ahbe ich ihm gegeben, den Psyhologen vorgeschalgen, die Sendung darüber auf Video aufgezeichnet, es hilft NICHTS, wenn er selbst nicht kapiert, dass er krank ist.

Besten Dank
Also, erstmal besten Dank an alle, die hier geantwortet haben !

So wie euch verstehe, muss letztendlich der Anstoss von ihr kommen, wir werden im Kollegenkreis mal langsam darauf hinarbeiten.

Danke und Gruß

Peter