Weil Sätze

Häufig zu hören:

„Ich gehe zum Bahnhof, weil ich will meine Tante besuchen.“
Das ist ja wohl völlig falsch. Leider findet man derartige Satzkonstruktionen mittlerweise sogar in den öffentlich rechtlichen Medien.

Richtig ist es ja wohl so:
„Ich gehe zum Bahnhof, weil ich meine Tante besuchen will.“
Oder:
„Ich gehe zum Bahnhof, denn ich will meine Tante besuchen.“
Meine Frage also: WARUM ist die erste Variante so falsch? Und warum wird sie dennoch so häufig gebraucht?

Soll damit eine „Entschuldigung“ im metaphysischen Sinn transportiert werden? Eine vorweggenommene Entschuldigung für das eigene Tun? Jemand eine Ahnung, wann und in welchem Zshg. derartige Satzkonstruktionen erstmalig auftraten? Ich vermute, daß dies in der 2. Hälfte der 70er Jahre war. Dort insbesondere bei den damals noch revolutionären Grünen und der Emanzipationsbewegung. Richtig? Bloß keinem wehtun, wir haben uns alle lieb und alle sind gleichberechtigt…

Nu’ bin aber mal auf Eure Antworten gespannt!

Faulheit, gesprochene Sprache

Meine Frage also: WARUM ist die erste Variante so falsch? Und
warum wird sie dennoch so häufig gebraucht?

Das rumdrehen der Satzbestandteile für den Korrekten Satz erfordert Denkleistung. Und die kann man im Gespräch, nur sehr schwer dafür freimachen, schließlich muss man ja auch die ganz nonverbale Kommunikation mitverarbeiten.

derartige Satzkonstruktionen erstmalig auftraten? Ich vermute,
daß dies in der 2. Hälfte der 70er Jahre war. Dort
insbesondere bei den damals noch revolutionären Grünen und der
Emanzipationsbewegung.

  1. Faulheit ist politisch neutral (weitestgehend)
  2. gesprochene Sprache ist lebendige Sprache und evoliert immer weiter
  3. und wenn der weil-ich-habe-Auto-geputzt Satzbau „normal“ ist, dann wird das auch so im Duden stehen (und auch im Wahrig).

Gruß

Stefan

derartige Satzkonstruktionen erstmalig auftraten? Ich vermute,
daß dies in der 2. Hälfte der 70er Jahre war. Dort
insbesondere bei den damals noch revolutionären Grünen und der
Emanzipationsbewegung.

  1. gesprochene Sprache ist lebendige Sprache und evoliert
    immer weiter
  2. und wenn der weil-ich-habe-Auto-geputzt Satzbau „normal“
    ist, dann wird das auch so im Duden stehen (und auch im
    Wahrig).

Hallo,

Stefan!

Bei GRIMM (s. v. WEIL III.A) wird die Entstehung der Konjunktion „weil“ aus „zwei selbständigen hauptsätzen“ erklärt: „der meister verliesz eine weile die werkstatt. sie weile arbeitete der gesell lässiger.“ Daraus entwickelte sich dann „weil“ als Subjunktion und nahm immer mehr die kausale Bedeutung an.
In den Mundarten - ich beziehe mich hier vor allem aufs Bairische - hat man aber „weil“ immer schon auch als (gleichordnende) Konjunktion verwendet. Das ist nicht falsch, das ist eben so.*
Kann es nicht sein, dass sich das Beispiel bei GRIMM in zwei Strängen weiterentwickelt hat:
a) im Hochdeutschen (speziell in der Schriftsprache zur Subjunktion
b) in der gesprochenen Sprache, vorzugsweise in Mundarten, zur Konjunktion.
So dass also das - unbestrittene - Vordringen des konjunktionalen „weil“ zwar ein Teil der allgemein zu beobachtenden Nachlässigkeit im Hochdeutschen ist, aber als eine Gepflogenheit, die aus der gesprochenen Sprache kommt, wo sie immer schon vorhanden und richtig war.

* Vgl. Zehetner, Ludwig: Das baierische Dialektbuch. München (Beck) 1985 [ISBN 3 406 30562 8] S. 149: „Die Konjunktion weil kann im Bairischen sowohl unterordnend sein (wie in der Hochsprache) oder aber auch nebenordnend (wie hochdeutsch denn)“.
Schöne Grüße!
Hannes

Jemand eine Ahnung, wann und in welchem Zshg.
derartige Satzkonstruktionen erstmalig auftraten? Ich vermute,
daß dies in der 2. Hälfte der 70er Jahre war.

1970 ist nicht ganz richtig, eher 1000 Jahre früher. Kausale ebenso wie konzessive Angaben konnten schon immer in V2-Stellung stehen. Schon in ganz frühen Schriftstücken sind Konstruktionen belegt, die deinem Beispiel sehr ähnlich sind.

_Ich gehe nach Hause. Weil: ich bin müde.
Ich gehe nach Hause, weil ich bin müde.

Ich gehe nach Hause. Obwohl: ich finde es hier ganz nett.
Ich gehe nach Hause, obwohl ich finde es hier ganz nett._

Lieber Klaus,
Ich muss mir hier mit ansehen, wie du Bastian Sick wieder und wieder nach dem Munde redest, ohne ihn zu zitieren. Dir dürfte doch längst klar sein, dass dieser furchtbarer Grammatikdünkel von wegen „Aber das ist doch falsch!“ und „Wie reden denn die, so ist das aber nicht richtig!“ längst überholt sein müsste. Oder nicht?

Für niemanden hier sind die Sachen, die dir auffielen, bzw. die du bei Sick gelesen hast, noch etwas neues. Dabei irrst du und Bastian Sick an vielen Stellen ganz gewaltig, was die Bewertung von falsch und richtig in der deutschen Grammatik angeht. Auch der Gedanke, die deutsche Sprache ginge vor die Hunde ist nur ein Mythos.

Ich möchte dir deswegen ein sehr interessantes und aufschlussreiches Buch ans Herz legen, dass dich vielleicht von deinem Dünkel abbringen könnte, so du es aufmerksam liest. Es handelt sich dabei um:

Meinunger, André: "Sick of Sick? – Ein Streifzug durch die Sprache als Antwort auf den »Zwiebelfisch« (12,80 €)

Ich denke, das sollte auch den letzten Sickisten eines besseren belehren.

Liebe Grüße,

  • André