Hallo,
ich interessiere mich beruflich für das Thema „Weitergabe, ‚Vererbung‘ von Traumata (insbesondere durch Trennungsproblematik, Kriegs- und Gewalterlebnisse, Missbrauch…) von Eltern an ihre Kinder“. Gibt es hierzu Literatur?
Viele Grüße
Jens
Hallo Jens
ich interessiere mich beruflich für das Thema „Weitergabe,
‚Vererbung‘ von Traumata (insbesondere durch
Trennungsproblematik, Kriegs- und Gewalterlebnisse,
Missbrauch…) von Eltern an ihre Kinder“. Gibt es hierzu
Literatur?
Hierzu gibt es ein immenses Ausmaß an Literatur in allen möglichen „Abteilungen“ der Psychologie. Natürlich ist die Psychoanalyse vielleicht die Theorie, die Deiner Fragestellung am nächsten kommt, weil sie nicht nur die Weitergabe von Realerlebnissen
‚Vererbung‘ von Traumata (insbesondere durch
Trennungsproblematik, Kriegs- und Gewalterlebnisse,
Missbrauch…)
thematisiert, sondern die intergenerationelle Weitergabe als solche (Identifizierung, Übertragung, etc.)
Innerhalb der Psychoanalyse gibt es einen „familientherapeutischen Ansatz“, dessen allgemein-bekanntester Vertreter Helm Stierlin ist. Diese Theorie vertritt ein „Delegationskonzept“, welches postuliert, Kinder wären die „Beauftragten“ ihrer Eltern, würden z.B. an Stelle der Mutter deren unbewusste Wünsche „ausführen müssen“ (psychoanalytisch gesprochen: aus-agieren). So führt z.B. Stierlin in seiner Hitler-Analyse dessen Geltungsdrang auf den starken Wunsch nach Ansehen zurück, welchen dessen Mutter nicht selbst aus-agierte, sondern stattdessen stellvertretend durch den Sohn, etc.,etc.,etc.
Sollten also Deine Kenntnisse zur von Dir angefragten Thematik noch nicht sehr groß sein, würde ich dir Stierlin durchaus als ersten Einstieg empfehlen, z.B.:
Stierlin, Adolf Hitler - Familienperspektiven
Dieses Buch stellt die Grundzüge des Delegationsansatzes allgemein-verständlich dar, exemplifiziert sie sehr schön am Fall Hitlers, ist durchaus lustvoll zu lesen und für die Ansprüche des Sozialarbeiters, der ja nicht „psychologische Forschung“ betreiben, sondern seine meist jugendlichen „Klienten“ verstehen möchte, eine Bereicherung (wenn man den Ansatz nicht als Dogma, sondern als „theoretische Brille“ auffasst!)
Viele Grüße
franz
Hallo Jens,
ich antworte als Laie - allerdings mit ein wenig eigener Erfahrung als Betroffener: mir hat der Ansatz des „Familienstellens“ nach Bert Hellinger weitergeholfen (es ging allerdings nicht in erster Linie um Eltern-Kind, sondern mehr um Ursprungsfamilie-Kind [Grosselterngeneration zu Enkel]).
Super! Vielen Dank für den Tip. Werde das Buch mal lesen. Ich habe übrigens als Sozialarbeiter in meinem Arbeitsgebiet (Straffälligenhilfe, Wohnungslosenhilfe) so gut wie nie mit Jugendlichen zu tun, aber Du kannst mir glauben, dass auch Erwachsene bis ins hohe Alter Probleme haben, die ich auf die Ursprungsfamilie zurückführe.
Viele Grüße
Jens
Hallo Jens
ich interessiere mich beruflich für das Thema „Weitergabe,
‚Vererbung‘ von Traumata (insbesondere durch
Trennungsproblematik, Kriegs- und Gewalterlebnisse,
Missbrauch…) von Eltern an ihre Kinder“. Gibt es hierzu
Literatur?
Mir fiel natürlich auch als erstes die sehr in Mode gekommene Methode des „Familienaufstellens“ nach Hellinger ein.
Ich habe das auch mal mitgemacht und bin nicht überzeugt von der Sache. Ich halte dieses „Weiregeben“ oder „Vererben“ von Traumata für eine stark übertriebene und stellenweise gefährlich reaktionäre Sichtweise. Die alten Kisten „Erbsünde“ und „Schuld“ werden da in -wie ich finde- undifferenzierter Weise geöffnet wie die Büchse der Pandora.
Ich halte weit mehr davon, dass der Einzelne in seinem eigenen Leben, im Hier und Jetzt, mal guckt, was da läuft und was er aus seiner Kindheit für unbewußte Schimären und innere Formeln mitgeschleppt hat.
Gruß,
Branden