Grammatik für Hochgeistiges · Annahme aus Vernunft
Lieber Fritz, danke für Deine schöne Antwort, die meinem Empfinden entspricht.
Ich habe den Eindruck, daß das Gespräch bei vernunftbeeinflußten Deutungen jenseits wissenschaftlicher abgesicherter Erkenntnis angekommen ist.
Dann kann ich ja wieder mitspielen. Zum anderen wollte ich nicht auf der zehnten Gesprächsebene weiter auf Kleinigkeit herumreiten. Nun will ich doch meine geistige Notdurft ablassen.
Ich hatte die Frage nach dem Zweck einer feineren Grammatik gestellt und mir Gedanken gemacht.
Das Grübeln über Philosophie und Religion benötigt
– Abstrakta,
– eine feine Grammatik und
– Regeln zur Neuschöpfung von Wörtern, die so wenig wie möglich erklärt einem anderen verständlich sind, weil er die gleichen Regeln beherrscht.
Neue Themen (besser Themata?) brauchen neue Wörter. Wenn ein Wort in einer Sprache nicht vorhanden ist (war), dann ist wahrscheinlich, daß sein Inhalt auch kein Thema ist (war). Vor der Kunde von der Guten Botschaft dachte der nordische Recke, der darauf wartete, von der Walstatt an Odins Tafel gerufen zu werden, wahrscheinlich weder an Nächstenliebe noch an Barmherzigkeit.
Bei dieser Gelegenheit beziehe ich mich auf einer frühere Antwort Fritzens: Er schrieb, daß wir über die Gedanken der früheren Barbaren in West- und Nordeuropa nur spekulieren können.
Gewiß, das ist richtig. Aber ich darf vermuten, daß wenn sie tatsächlich hochgeistige Überlegungen wie die alten Griechen erreichten, daß dann dieser Stand der Zivilisation auch dauerhaft sichtbar geworden wäre. Allgemein: Wenn ein Volk eine höhere Erkenntnis erlangt, dann setzt es dem auch ein Denkmal. Zum Beispiel wenn es Muster von Sternbewegungen begriff, dann baute es Pyramiden oder Stonehenges.
Ich meine, daß auch wenn wir nur über die Gedanken unserer Urväter spekulieren können, wir das aber gut tun können.
Dann können wir annehmen, über welchen Wortschatz sie verfügten und über welche Worte nicht.
Im nächsten Schritt können wir raten, welchen Stand einer Grammatik sie dafür brauchten. Dabei unterstelle ich grundsätzlich Faulheit an: Niemand macht sich eine Sache (zum Beispiel eine Grammatik) komplizierter als nötig. Ausnahme: Dichter und Minnesänger, die das Ergebnis als Kunst darstellen.
Außerdem: Wenn unsere Urväter über Philosophie und Religion grübelten, dann hätten ihre Sprache die Begriffe und Strukturen aufweisen müssen. Weniger Fremd- und Lehnwörter und weniger grammatikalische Formen hätten aus dem Latein und dem Griechischen übernommen werden müssen.
Ich vermute, daß die Gelehrten des Mittelalters beim Übersetzen bemerkten, daß der Inhalt Genauigkeit oder Kürze verliert, wenn sie die barbarische Zielsprache nicht erweitern. Meistens ist es einfacher, von einem funktionierenden Vorbild abzukupfern, als Neues zu ersinnen. Das ist ein rationaler Grund.