Welche Elemente der deutschen Gramm. sind fremd?

Hallo

Den Einfluss fremder Sprachen auf die deutsche Lexik haben wir ja schon oft hier diskutiert. Auch wissen wir von neueren grammatikalischen Veränderungen, die sich auf den Einfluss fremder Sprachen zurückführen lassen.
Was mich jetzt interessiert ist: Ist das Partizip Präsens eine dem Deutschen von Gelehrten Leuten aufgesetzte Konstuktion, die meinten, dass die Sprache umso besser werde, je mehr sie dem Lateinischen ähnele? Ich meine damit Formulierungen wie „Singend verschwand er im Wald“.
Kennt ihr noch weitere eigentlich fremde grammatikalische Formen, die irgendwann plötzlich auftauchten und nicht „schon immer“ da waren?
War es vielleicht so, dass Vorgänger unseres modernen Deutsch weniger Zeitformen und Modi des Verbs hatten? Gab es z.B. immer schon einen Konjunktiv? War es immer schon so, dass bestimmte Präpositionen bestimmte Fälle nach sich zogen u.s.w.?

Danke, Tychi

huhu,

Was mich jetzt interessiert ist: Ist das Partizip Präsens eine
dem Deutschen von Gelehrten Leuten aufgesetzte Konstuktion,
die meinten, dass die Sprache umso besser werde, je mehr sie
dem Lateinischen ähnele? Ich meine damit Formulierungen wie
„Singend verschwand er im Wald“.

aber das partizip praesens gibt es doch auch in anderen sprachen:smile:

Kennt ihr noch weitere eigentlich fremde grammatikalische
Formen, die irgendwann plötzlich auftauchten und nicht „schon
immer“ da waren?
War es vielleicht so, dass Vorgänger unseres modernen Deutsch
weniger Zeitformen und Modi des Verbs hatten? Gab es z.B.
immer schon einen Konjunktiv? War es immer schon so, dass
bestimmte Präpositionen bestimmte Fälle nach sich zogen

in anderen sprachen gibt es mehr zeitformen und mehr konjunktive.
nur wendet man sich in anderen, romanischen sprachen den faellen nicht so intensiv zu wie in unserer oder der russischen.

mfg:smile:
rene

Fast alle!
Hallo, Tychi,

da wären zunächst einmal die Buchstaben zu nennen, die eben die Lateinischen sind, egal in welcher Schrift sie geschrieben werden.
Und die 24 lateinischen Buchstaben sind denkbar schlecht geeignet gewesen, um „deutsche“ - man dürfte hier eigentlich nicht von der deutschen Spreche sprechen, sondern von einem germanischen Vordeutsch - Laute wiederzugeben.
Daher die vielen Sonderzeichen.

Da die deutsche Sprache, in der Form, wie wir sie seit althochdeutscher Zeit (2. Hälfte des 8. Jhdts) fassen können, erst in dieser Zeit entstand und zwar in ständiger Vermengung mit dem Lateinischen und außerdem unter der starken Dominanz des Lateinischen, sind nahezu alle Phänomene der deutschen Sprache, zumal die Grammatik der Sprache der damaligen Leute ganz und gar fremd gewesen.

Ein Beispiel, das ich der vierbändigen "Deutschen Sprachgeschichte von Hans Eggers ISBN 2-499-55185-3 Buch anschauen entnehmen - das Buch sei auch als Lektüre empfohlen und vielleicht findet ein Moderator Zeit, das Buch auch in die Literaturliste aufzunehmen - soll veranschaulichen, was ich meine.

Barmherzigkeit ist doch ein Wort, das kaum deutscher klingen könnte, so richtig voll Herz und Bärmde, und doch ist es eine Übersetzung und Neubildung für das lateinische „misericordia“ und es hat einige Zeit gedauert, sagen wir mal 200 Jahre, ehe ein von jedermann akzeptiertes Wort war.
Als Versuche wurden von verschiedenen Übersetzern vorgeschlagen:
miltida, miltissa, ginâda êregrechtî, armherzîn, irbarmherzî, irbarmherzida, irbarmida, gabarmida

Diese Wörter klangen für die damaligen Leute wenigstens so abstrus wie uns heute ünnötige Anglizismen klingen, dafür aber sicher sehr wichtig, so wie Salesaccountartdirectorassistent.

Ganz sicher verdanken wir dem Lateinischen auch das Zeitformensystem mit dem völlig überflüssigen Futur II. Doch das bekamen wir erst später aufs Auge gedrückt.

Ebenso sicher scheint mir, dass auch andere Phänomen dem Lateinischen nachgebildet waren, obwohl man annehmen darf, dass auf Grund der Verwandtschaft des Deutschen mit dem Lateinischen über das Indogermanische eine Reihe dieser Phänomen auch im Deutschen vorhanden oder zumindest angelegt waren, sodass ihrer „offiziellen“ Einführung nichts im Wege stand.

Im Mittelhochdeutschen, das eigentlich erst wirklich deutsche genannt werden kann, hat die deutsche Sprache für das Verb folgende Formen parat.

  • ein Genus: Aktiv (Passiv, Perfekt und Plusquamperfekt werden durch Umschreibungen mit Hilfverben gebildet, wie heute noch);

  • drei Modi: Indikativ, Optativ (wird später Konjunktiv), Imperativ;

  • zwei Tempora (Präsens und Präteritum (das Futur wurde mit soln, wellen, müêzen umschrieben);

  • zwei Numeri: Singular und Plural;

  • drei Personen (ich – wir, du ir, er, siu, ez – sie)

  • drei Verbalnomina: Infinitiv des Präsens, Partizip I, Partizip II

Diese Zusammenstellung entnahm ich der „Mittelhochdeutschen Grammatik“ von Helmut de Boor und Roswitha Wisinewski, ISBN 3-11-015742-X Buch anschauen. Auch wert in die Bücherliste aufgenommen zu werden und natürlich lesenswert, ja studierenswert.

Alles was hier nicht genannt wurde, haben die spätmittelalterlichen und frühneuhochdeutschen Grammatiker hinzugebosselt. Übrigens ganz ohne Kommissionen, Räten für deutsche Sprache und KMK.

So kann man also sagen, dass Deutsch eine ganz und gar undeutsche Sprache war, ehe sie vor tausend Jahren deutsch wurde. Und seither verwenden wir sie und beobachten zu Zeit, wie sie wieder undeutsch wird.

Gruß Fritz

Frage zur Grammatikgeschichte
Hallo Fritz!
Danke für Deinen guten Beitrag.

Ich habe einen Einfall, ungetrübt durch Kenntnisse der Geschichte der deutschen Sprache, wie ich mir die Übertragung der Grammatik vorstelle. Das erste Ziel meiner Überschriften ist nicht, witzig zu sein, sondern uns heute Lebenden den Inhalt anschaulicher zu machen.

[Anfang]
Europas Barbaren
Die Stämme, die vor zwei Jahrtausenden im heutigen West- und Nordeuropa hausten, hatten Sprachen, deren grobe Grammatiken der Höhe ihres damals mündlich überlieferten Geisteslebens entsprachen. Es gab noch keine tiefschürfenden Gedanken, die schriftlich ausgetauscht wurden, und die für eine genaue Ausdrucksweise einer ausgefeilten Grammatik bedurften.
Das galt damals nicht nur für das Vordeutsche, sondern für die Sprachen unserer Nachbarn auch.
Dort hatte noch niemand eine Vorstellung von dem Thema, das wir heute als Grammatik bezeichnen. Wichtig war den Menschen die Übereinkunft über die Bedeutung der Worte.

Forscher im Silicon Valley des Altertums entwickeln eine High-Tech-Sprache
Die Grammatiker im heute ägyptischen Alexandria erfanden vor 2.500 Jahren das Fachgebiet, die Regeln bzw. Systematik einer Sprache zu erfassen und zu beschreiben, und sie beschrieben die Grammatik des Griechischen, der lingua franca ihrer Zeit, weil sie bereits beobachteten, daß ohne Regeln die Einheit der Sprache schwieriger zu wahren ist, so daß sie leichter durch örtliche Entwicklungen geschwächt wird. [So las ich in einem Lehrbuch für das Altgriechische, das ich aber nicht mehr finde. Ich selbst möchte die Quelle wissen. Oder kann mir jemand eine Quelle nennen?]

Erster Technologietransfer ins Ausland
Die Erfindung der Grammatik wurde dann auf das aufstrebende Latein angewandt.

Die bereits hochentwickelten Dichtungen und philosophischen Betrachtungen und ihr reger Austausch in Foren und Schulen, wie es sie bei den Barbaren noch nicht gab, brauchten eine ausgefeilte Sprache.

Verbreitung neuer Technik durch Intellektuelle und die Avantgarde in der dritten Welt des Mittelalters
Der christliche Glaube und die Bibel wurden nach West- und Nordeuropa verbreitet. Für das Studium der Bibel lernten die Geistlichen Latein und Griechisch. [Ich weiß nicht, wie das Alte Testament auf Aramäisch verbreitet wurde und wieviele in Europa Aramäisch lernten.]
So wurden ihnen auch leichter die philosophischen Schriften, zum Beispiel die des damals geschätzten Aristoteles, zugänglich.
Die Intellektuellen Europas hatten also eine Sprache (Latein) oder zwei (Latein und Griechisch), in der oder denen sie sich international verständigen konnten. Und sie waren diejenigen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit als andere neue Schriften verfaßten.
Nun mußten sie ihre Verständigung vor Ort an die jeweiligen örtlichen Verhältnisse anpassen, übersetzen in die Barbarensprachen.
Um soviel wie möglich zu übertragen, benutzten sie Begriffe und Strukturen der entwickelteren Sprachen, wenn die Barbarensprache nicht ausreichte.
So wurden nicht nur die Fremd- und Lehnworte an das Vordeutsche oder Deutsche und die benachbarten Sprachen weitergegeben, sondern auch die Grammatiken strukturiert und erweitert.
[Ende]

Das ist mir jetzt eingefallen. Ist das richtig? Ist das Quatsch? Was war anders?

Ich habe einen Einfall, ungetrübt durch Kenntnisse der Geschichte der deutschen Sprache, wie ich mir die Übertragung der Grammatik vorstelle.

Lieber Christian!

Wie manche solcher „laienhaften“ Nacherzählungen, ist deine so unübel gar nicht. :wink:

Ich denke, man kann das als einen guten Rohentwurf betrachten. An ein paar Stellen würde ich außer mit der Axt auch noch mit dem Beitel und dem Schnitzmesser arbeiten. :wink:

An der Zahlen z. B.

Die Stämme, die vor zwei Jahrtausenden

Man kann da fast ein Jahrtausend draufgeben; wenigstens aber fünfhundert Jahre.

Nordeuropa hausten, hatten Sprachen, deren grobe Grammatiken der Höhe ihres damals mündlich überlieferten Geisteslebens entsprachen. Es gab noch keine tiefschürfenden Gedanken,

Da wir von den religiösen und „philosophisch-weltanschaulichen“ Ideen der Leute so gut wie nichts wissen, kann ich das nur eingeschränkt bestätigen. Was die Druiden und die „Schamanen“ der Germanen so dachten und wussten und spekulierten ist halt nicht überliefert.

Und kein einziges Buch gibt es aus der Zeit! Nicht mal ein Pergament, ein paar Ritzungen allein.

Die Grammatiker im heute ägyptischen Alexandria erfanden vor 2.500 Jahren das Fachgebiet,

Hier würde ich wiederum ein paar hundert Jahre weniger annehmen. Aristoteles gehört ins dritte Jahrhundert. Alexandria wurde erst 331 vuZ von Alexander gegründet.

Erster Technologietransfer ins Ausland
Die Erfindung der Grammatik wurde dann auf das aufstrebende
Latein angewandt.

Das ist schön gesagt!

Der christliche Glaube und die Bibel wurden nach West- und Nordeuropa verbreitet. Für das Studium der Bibel lernten die Geistlichen Latein und Griechisch.

Hier müsste man auf die wichtige Rolle des Frankenreichs und vor allem Karls des Großen hinweisen, der das systematisch organisierte.

Alte Testament auf Aramäisch verbreitet wurde und wieviele in Europa Aramäisch lernten.]

Ohne die Übersetzung ins Griechische wäre das AT ein obskures Sagen- und Märchenbuch eines womöglich noch obskureres Volkes geblieben.

Den Schluss der Entwicklung hast du richtig dargestell.

Gruß Fritz

Danke …
… für Deine aufmerksame Kritik.

Hallo Tlahcuilo

Europas Barbaren
Die Stämme, die vor zwei Jahrtausenden im heutigen West- und
Nordeuropa hausten, hatten Sprachen, deren grobe Grammatiken
der Höhe ihres damals mündlich überlieferten Geisteslebens
entsprachen. Es gab noch keine tiefschürfenden Gedanken, die
schriftlich ausgetauscht wurden, und die für eine genaue
Ausdrucksweise einer ausgefeilten Grammatik bedurften.
Das galt damals nicht nur für das Vordeutsche, sondern für die
Sprachen unserer Nachbarn auch.
Dort hatte noch niemand eine Vorstellung von dem Thema, das
wir heute als Grammatik bezeichnen. Wichtig war den Menschen
die Übereinkunft über die Bedeutung der Worte.

Das ist so wohl nicht richtig. Die modernen Nachfolgesprachen des
Griechischen, Lateinischen und des Sanskrit beispielsweise sind
allesamt grammatikalisch einfacher als ihre Ursprungssprachen. Wir
finden hier also, dass die alten Formen der Sprachen komplizierter
als die modernen sind. Wenn ich das mal extrapoliere in die
Vorgaengersprachen des Lateinischen, Grieschischen und des Sanskrit,
die ja barbarische Sprachen waren, dann waren diese ihrerseits wieder
komplizierter als jene.
Auch wissen wir, dass die Sprachen der Wikinger (z.B. Altnorwegisch)
eine weitaus komplexere Grammatik hatten als die modernen
skandinavischen Sprachen.
Schauen wir auf die Sprachen solcher Voelker, die noch heute oder
zumindest bis vor 100-150 Jahren auf dem Niveau von Steinzeitmenschen
leben bzw. lebten, dann stellen wir fest, dass sie ueberaus komplex
sind. Ich denke da an Groenlaendisch, an viele Indianersprachen, an
die der Aborigines oder auch an urspruengliche Sprachen wie baskisch
und einige kaukasische Sprachen.

Meiner Auffassung zufolge sind die Sprachen der „Barbaren“
strukturell (nicht lexikalisch) komplexer als „zivilisierte“
Sprachen.

Gruss, Tychi

Danke, Fritz

Darf man vielleicht sagen, dass die modernen skandinavischen Sprachen
(ausser Finnisch) germanischer sind als Deutsch?
Im modernen Norwegischen gibt es keinen Konjunktiv und kein Futur.
Das Futur wird mit verschiedenen Hilfsverben umschrieben (ville,
skulle, måtte, komme til å). Wie sieht es mit Islaendisch aus, der
konservativsten germanischen Sprache?

Gruss, Tychi

Hallo, Tychi,

könnte es sein, dass du den Formenreichtum der alten Sprachen mit der Fähigkeit komplizierte Sachen auszudrücken durcheinanderbringst?

Schau, wenn man im Ahd. für das Wort „Tag“ im Plural noch drei verschiedene Endungen hatte:

taga, tago, tagum, taga,

so heißt das nicht, dass sich die damals mehr dabei dachten als wir, wenn wir nur noch zwei haben:

Tage, Tage, Tagen, Tage.

  • Die Mozarts sagten übrigens „Täge“!

Auch wenn wir heut „glauben“ statt „gilobun“ sagen, so bedeutet das nicht, dass man frühere eine kompliziertere Theologie hatte als heute. Das hängt von anderen Faktoren ab.

Gruß Fritz

Hallo Fritz

könnte es sein, dass du den Formenreichtum der alten Sprachen
mit der Fähigkeit komplizierte Sachen auszudrücken
durcheinanderbringst?

Nein. Ich meine wirklich nur die Komplexitaet (genauer
Formenreichtum) der Grammatik. Dass wir heute ueber mehr Dinge
qualifiziert sprechen koennen als Steinzeitmenschen, bezweifele ich
nicht. Aber das hat weniger mit der Grammatik als mit dem Wortschatz
zu tun.

Gruss, Tychi

Ich weiß nicht, wie das
Alte Testament auf Aramäisch verbreitet wurde und wieviele in
Europa Aramäisch lernten.

Hebräisch.

Gruß
dataf0x

Wieso Hebräisch?
Das alte Testament wurde auf Hebräisch begonnen.
Zur Zeit des jüdischen Exils drang Aramäisch nach Palästina.
Zu Jesu Zeit, dem Ende des Alten Testamentes, wurde Aramäisch gesprochen und geschrieben.

http://www.joerg-sieger.de/einleit/allgem/01spra/all…

Das alte Testament wurde auf Hebräisch begonnen.

Und beendet!

Zu Jesu Zeit, dem Ende des Alten Testamentes, wurde Aramäisch gesprochen und geschrieben.

Aber nicht im in dem Buch, das die Juden als ihr Hl. Buch ansehen.

Das ist hebräisch geschrieben; und das wollte Datafox betonen.

Gruß Fritz

> 99 % Hebräisch,
Hallo, ihr drei!

Zu Jesu Zeit (…) wurde Aramäisch gesprochen und geschrieben.

Aber nicht in dem Buch, das die Juden als ihr Hl. Buch ansehen.
Das ist hebräisch geschrieben

Zu 99 % ja. Es gibt dennoch im Tenach ein paar wenige Abschnitte (zwischen einzelnen Wörtern und mehreren Kapiteln lang), die auf Aramäisch geschrieben sind.

Das sind folgende Stellen:

  • Genesis 31 , 47_a β_ (Das sind nur die zwei Worte jegar sahaduta)

  • Jeremia 10 , 11

  • Daniel 2 , 4 b - 7 , 28

  • Esra 4 , 8 - 6 , 18
    und 7 , 12-26

Eduard KÖNIG:
Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament (Leipzig 6 und 71936 [!])
S. 561

Grüße
Michael

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Danke, Tychi, für Deine Mühe.

Ich behauptete nicht, daß die Grammatiken im Laufe der Zeit komplexer werden. Der Anfang des Gesprächsfadens war beim (Vor-)Deutschen und ich erweiterte zu den Sprachen der Nachbarn. Griechisch und Sanskrit gehören gewiß nicht dazu.

Wikinger? Etwa 800 n.Chr.? Wie war die Grammatik komplexer als die des Deutschen und seiner anderen Nachbarsprachen?

Ich zweifele, aber ich weiß es nicht besser. Ich kann Dir nicht widersprechen. Mal sehen, was mein Bücherregal hergibt …
Zur Entwicklung von Sprachen finde ich zwar viele Vergleiche und Beschreibungen des Wandels in den letzten Jahrhunderten, aber im allgemeinen finde ich wenig über Sprachen vor dem 13. Jahrhundert. Die Verfasser gehen der Herkunft von Wortwurzeln nach, aber über die Herkunft grammatikalischer Strukturen finde ich wenig. Ich bin kein Sprachwissenschaftler.

Zur Sprache der Wikinger: Ich las soeben, daß das Isländische seine alte Form am meisten bewahren konnte. Anderswo las ich nach, was es so bietet: das Medium!
Ich suchte nach Auskunft zum Altnordischen. http://www.ling.upenn.edu/~kurisuto/germanic/oi_nore… las ich aber doch nicht durch.

Du weist noch auf andere Sprachen hin. Ich habe den gleichen Eindruck wie Fritz, daß Du an Wortvielfalt denkst – auch wenn Du bereits Fritz widerschrieben hast.
Ich hatte auch zuvor nicht die Wortvielfalt im Sinn.

Dass wir heute ueber mehr Dinge qualifiziert sprechen koennen als Steinzeitmenschen, bezweifele ich nicht. Aber das hat weniger mit der Grammatik als mit dem Wortschatz zu tun.

Dir stimme ich zu. Deine Bemerkung enthält – so scheint mir – den Zweifel am Bedarf einer feineren Grammatik. Wenn das so ist, dann hätten bei der Übertragung der religiösen und philosophischen Gedanken in die Sprachen der West- und Nordeuropäer grammatikalische Formen des Lateinischen nicht weitergegeben werden müssen.
[Ich grübele, wozu man eine feinere Grammatik braucht.]

Zu Jesu Zeit, dem Ende des Alten Testamentes…

„Zum Ende“? Was soll das bedeuten? Die ältesten Schriften (zb. Kumran) sind etliche Jahrhunderte älter als dein vorgeschlagener Zeitraum. „Das Ende“ dagegen kam erst Tausend Jahre später, nämlich als der Urtext fertig editiert war (sgn. Masoretischer Text).

Gruß
dataf0x

Ursprung Hebräisch – dann eine tote Sprache
Ich habe mich wohl von falschen Gedanken leiten lassen und schlecht ausgedrückt.

Keinesfalls bezweifele ich, daß das Alte Testament weitgehend, meinetwegen zu 99 %, auf Hebräisch verfaßt wurde.

Zu Jesu Zeit und danach, als Apostel in die Ferne zogen, war aber nicht Hebräisch die Sprache Palästinas, sondern Aramäisch. Hebräisch war damals antik.
In der von mir zuvor erwähnten Quelle steht: »Von daher ist erklärbar, dass die hebräische Bibel nicht in althebräischen Zeichen, sondern in der aramäischen Quadratschrift überliefert ist.« [Auch eine andere Quelle.]
Das läßt die Frage offen, ob Hebräisch in aramäischen Zeichen geschrieben wurde, oder ob das Alte Testament ins Aramäische übersetzt wurde. Der zweite Fall ist nicht unvernünftig. Warum sollten sich die Menschen damals drei Jahrhunderte lang mit einer veralteten Sprache belasten, warum sollten sie für religiöse Zwecke nicht die Sprache ihrer Gegenwart benutzen?

Ist es unter diesen Umständen nicht möglich, daß in den ersten Jahrhunderten n. Chr. das Alte Testament in aramäischer Schrift , sogar in einer lebenden Verkehrssprache seiner Zeit verbreitet wurde?
Seit wann ist die Fassung im damals toten Hebräisch in Europa erhältlich und eine Grundlage der Bibelforschung? Wurde sie bereits benutzt, als Europa das Christentum verordnet wurde?
Mein Fehler war, daß ich einfach eine Verfügbarkeit des AT in aramäischer Schrift in Europa vermutete.
Klar, heute bezieht man das AT auf Hebräisch. Aber war das damals in den Jahrhunderten, die wir zuvor betrachteten, so?
Spielte Hebräisch in der christlichen Religionskunde eine Rolle, bevor Hebräisch Ende des 19. Jahrhunderts in Palästina wiederbelebt wurde?

Aber nicht in dem Buch, das die Juden als ihr Hl. Buch ansehen.
Das ist hebräisch geschrieben

Zu 99 % ja. Es gibt dennoch im Tenach ein paar wenige
Abschnitte (zwischen einzelnen Wörtern und mehreren Kapiteln
lang), die auf Aramäisch geschrieben sind.

Nein, das „Buch, das die Juden als ihr Hl. Buch ansehen“, ist zu 100% auf Hebräisch geschrieben. Was du meinst sind die Apokryphen, die im Protestantismus nicht als anonisch gelten, im Katholizismus und der orthodoxen Kirche aber schon. Teile DAVON sind auf Aramäisch. Zu sagen „Das alte Testament ist auf Aramäisch“ ist also SO gesagt falsch.

Gruß
dataf0x

In der von mir zuvor erwähnten Quelle steht: »Von daher ist
erklärbar, dass die hebräische Bibel nicht in althebräischen
Zeichen, sondern in der aramäischen Quadratschrift überliefert
ist.«

Aramäisch und Hebräisch werden in derselben Schrift geschrieben. Was ist die althebräisch Schrift? Wie sieht die aus? Nach sämtlichen Quellen, die mir vorliegen, ist die heutige Quadratschrift aus der aramäischen hervorgegangen.

Warum
sollten sich die Menschen damals drei Jahrhunderte lang mit
einer veralteten Sprache belasten, warum sollten sie für
religiöse Zwecke nicht die Sprache ihrer Gegenwart benutzen?

Heilige Texte werden nicht so einfach übersetzt. Die Tora wurde und wird auf Hebräisch studiert und nicht auf Aramäisch. (Die Folgeliteratur ist dagegen auf Aramäisch.)

Ist es unter diesen Umständen nicht möglich, daß in den ersten
Jahrhunderten n. Chr. das Alte Testament in aramäischer
Schrift , sogar in einer lebenden Verkehrssprache seiner Zeit
verbreitet wurde?

Ich glaube es nicht. Der Text wurde strengstens in seiner Urform bewahrt.

Seit wann ist die Fassung im damals toten Hebräisch in Europa
erhältlich und eine Grundlage der Bibelforschung?

Der Masoretische Text ist ca. 1000 Jahre alt.

Klar, heute bezieht man das AT auf Hebräisch. Aber war das
damals in den Jahrhunderten, die wir zuvor betrachteten, so?

Garantiert! Es gibt eine Gruppe, die eine abgespaltene Form des Judentums praktizieren. Trotz Trennung ist ihr Text nahezu identisch mit der gängigen Fassung (Samaritaner).

Spielte Hebräisch in der christlichen Religionskunde eine
Rolle, bevor Hebräisch Ende des 19. Jahrhunderts in Palästina
wiederbelebt wurde?

Sicher. Aber dazu gibt es hier andere Experten.

Übrigens: Das Land, in dem Hebräisch „wiederbelebt“ wurde, heißt heute Israel.

Gruß
dataf0x

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Danke für Deine gute Antwort

Ich glaube es nicht. Der Text wurde strengstens in seiner Urform bewahrt.
Heilige Texte werden nicht so einfach übersetzt.

Stimmt. Heute ist die Wahrung der alten Schriftform ein Teil der Heiligkeit. Diese Tradition hat uralte Wurzeln. Das schließt wohl eine aramäische Ausgabe des AT aus.
[Neue Fragen: Welchen Wert haben dann Übersetzungen der Thora in andere Sprachen? Wie ist jüdischer Glaube ohne Kunde der »gültigen« Sprache seiner heiligen Schrift möglich?]

Klar, heute bezieht man das AT auf Hebräisch. Aber war das damals in den Jahrhunderten, die wir zuvor betrachteten, so?

Garantiert! Es gibt eine Gruppe, die eine abgespaltene Form
des Judentums praktizieren. Trotz Trennung ist ihr Text nahezu
identisch mit der gängigen Fassung (Samaritaner).

Aber nicht in West- und Nordeuropa. Danke für den Hinweis auf die Samaritaner. Ich las in Wikipedia nach. Sehr interessant.

Übrigens: Das Land, in dem Hebräisch „wiederbelebt“ wurde, heißt heute Israel.

Danke. Bist Du besorgt, daß ich das Wort mit I… vermeide?
Du hast recht: Heute heißt das Israel. Palästina hieß es zur Zeit der Wiederbelebung des Hebräischen. Jetzt sind weit von der Anfangsfrage entfernt.