Welche Instinkte hat der Mensch ?

Hallo Leute,

Eine grundsätzliche Frage der Psychologie ist es, angeborene von erlernten Verhaltensweisen zu unterscheiden. Erstere müssten rein genetisch weitergegeben werden, und zwar unverändert seit den über 100000 Jahren, die es den Homo Sapiens gibt (die Gene werden ja nicht durch erlernte Verhaltensweisen verändert, sondern jeder Mensch bekommt sie von Neuem mit).

Was mich interessiert, ist die Frage nach den „Basis“-Instinkten.

Z.B. wird an anderer Stelle dieser Site die Frage diskutiert, ob Schamgefühl (bei Nacktheit) angeboren ist. Vermutlich gibt kein Gen, das eine solche Verhaltensweise programmiert; ich denke, dass hier eher ein Instinkt zu gesellschaftkonformen Verhalten uns daran hindert, nackt durch die Stadt zu laufen (aber Nacktheit am FKK-Strand zulässt). Aber ist das schon der Basis-Instinkt ? Oder liegt diesem ein elementarer(er) Instinkt zu Grunde, etwa der, sich einer Gruppenzugehörigkeit zu versichern, um nicht zu verhungern ?

Ich könnte mir vorstellen, dass man bei genauerer Analyse bei nur einigen wenigen Basis-Instinkten landet.

Sind diese bekannt ?
Welche sind es ?

mfg
Klaus

Hallo Klaus

Dem Menschen, wie allen ungestoerten Dingen, eigen ist der
Selbsterhaltungstrieb. Daraus leiten sich fuer ihn ab:
Streben nach Nahrung und Waerme und das Vermeiden von Gefahren.
Hinzu kommt der Trieb sich fortzupflanzen, den wir von unseren
fortpflanzungswilligen Vorfahren geerbt haben (waeren sie dies
nicht gewesen, gaebe es uns nicht).
Aus diesen 4 Grundlagen leiten sich die komplexen Verhaltensweisen
von Mensch und Tier ab. Im Zuge der Sozialisation kann die Negierung
dieser Basis erstrebenswert erscheinen, z.B. zu hungern, Gefahren
zu suchen oder sich ein Zoelibat aufzuerlegen.

Gruss, Tychi

Z.B. wird an anderer Stelle dieser Site die Frage diskutiert,
ob Schamgefühl (bei Nacktheit) angeboren ist. Vermutlich gibt
kein Gen, das eine solche Verhaltensweise programmiert; ich
denke, dass hier eher ein Instinkt zu gesellschaftkonformen
Verhalten uns daran hindert, nackt durch die Stadt zu laufen
(aber Nacktheit am FKK-Strand zulässt).

ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einzelnes gen für die existenz von angeborenen instinkten verantwortlich gemacht werden kann. viel mehr müssen es komplexe zusammenwirkungen verschiedener gene sein die unser wesen und unter anderem unsere instinkte festlegen. das ganze ist wahrscheinlich so komplex, dass sich aus den erbinformationen für die basisinstinkte (überlebenswille und fortpflanzungstrieb) auch gezwungener maßen andere instinkte ergeben die bei jedem menschen (oder tier) anders sind. so kann ich mir vorstellen, dass schamgefühl bei nacktheit doch angeboren sein kann. zumal es ja im wesen der gene liegt dass sie sich von den vorfahren nicht zu 100% auf die nachkommen übertragen und da das zusammenspiel der auswirkungen einzelner gene sehr komplex ist, kann ich mir vorstellen, dass bei manchen menschen manche instinke stärker ausgeprägt sind als bei anderen.

Ich kann Dir eine mehr philosophische Darstellung von Sri Aurobindo geben, die aber auch ein psychologisches Verstehen beinhaltet.

„Denn die mittleren Begriffe von Leben sind (1)Tod und gegenseitiges Sichverzehren, Hunger und bewußtes Verlangen, (2)das Empfinden von begrenztem Raum und beschränkter Begabung, (3)sowie das Bemühen, zu wachsen, sich auszudehnen, zu erobern und zu besitzen. Diese drei Begriffe bilden die Grundlage für diese Stufe der Evolution die zuerst die Theorie Darwins der menschlichen Erkenntnis erschlossen hat.“

Man könnte dies die Urinstinkte oder besser die Urimpulse des Lebens nennen.

mfg
rolf

Streben nach Nahrung und Waerme und das Vermeiden von

Gefahren.
Hinzu kommt der Trieb sich fortzupflanzen

Hallo Tychi,

Herzlichen Dank für Deine Antwort.
Beim 4. Punkt zeigt sich genau die Intention meiner Frage : Haben wir wirklich einen „Fortpflanzungstrieb“ oder nicht eher einen Sexualtrieb ? Feldbeobachtungen lassen mich eher an zweiteres glauben. Offenbar ist es uns Menschen also gelungen, die Instinkte von deren „Zweck“ zu entkoppeln (natürlich gibt es einen „Zweck“ nur dann, wenn man an Schöpfung glaubt; wenn man von Evolution spricht, sollte man eher von „Wirkung, die sich im Nachhinein als Art-erhaltend herausgestellt hat“ sprechen).

Wie ist dann mit dem Vermeiden von Gefahren ? Vermeiden wir wirklich die echten Gefahren (warum gibt es dann Raucher und Autofahrer ?) oder meiden wir das, was uns die jeweils herrschende pädagogische Mode als gefährlich anerzogen hat ?

Worauf ich also hinaus will, sind Fragen wie :
Warum wird heute jedes Grundstück eingezäunt ? (-> Angst vor’m bösen Wolf ?) Warum müssen wir Feuchtgebiete trockenlegen ? (-> Angst vor der Pest ?) Warum dürfen Kinder nicht draußen spielen ? (Angst vor dem Säbelzahntiger ?) Sind die anderen Gefahren - die es ja tatsächlich gibt, wie z.B. Sittenstrolche - doch nur eine nachträgliche pseudo-Rationalisierung von instinktiver Angst ?

Es bleibt schwierig

mfg
Klaus

Streben nach Nahrung und Waerme und das Vermeiden von

Gefahren.
Hinzu kommt der Trieb sich fortzupflanzen

Hallo Tychi,

Herzlichen Dank für Deine Antwort.
Beim 4. Punkt zeigt sich genau die Intention meiner Frage :
Haben wir wirklich einen „Fortpflanzungstrieb“ oder nicht eher
einen Sexualtrieb ? Feldbeobachtungen lassen mich eher an
zweiteres glauben. Offenbar ist es uns Menschen also gelungen,
die Instinkte von deren „Zweck“ zu entkoppeln (natürlich gibt
es einen „Zweck“ nur dann, wenn man an Schöpfung glaubt; wenn
man von Evolution spricht, sollte man eher von „Wirkung, die
sich im Nachhinein als Art-erhaltend herausgestellt hat“
sprechen).

Alles voellig richtig. Der Mensch hat den Instinkt (Trieb) sich
fortzupflanzen. Bewusst wird ihm dieser Trieb aber als Sexualtrieb,
denn die Instinkte interpretiert er ja vor dem Hintergrund seiner
gesellschaftlichen Praegung. Und diese sagt ihm gegenwaertig, dass
Sex etwas sehr Gutes sei. Die Fortpflanzung hingegen wird eher als
nachteilig angesehen. Nach Freud waere dies eine Sublimation, in
diesem Fall eine dem unerlaubten Trieb sehr verwandte: Naemlich Sex
statt Fortpflanzung.

Wie ist dann mit dem Vermeiden von Gefahren ? Vermeiden wir
wirklich die echten Gefahren (warum gibt es dann Raucher und
Autofahrer ?) oder meiden wir das, was uns die jeweils
herrschende pädagogische Mode als gefährlich anerzogen hat ?

Rauchen und Autofahren sind abstrakte Gefahren, die man nur
anhand von Statistiken oder anhand des Schicksals anderer sieht.
Sie wirken nicht auf die Gefuehle, wie z.B. das Knurren eines boesen
Hundes. Zudem sind Raucher suechtig und ohne das Auto lebt es sich
schwer in unserer Gesellschaft, es ist also eine Notwendigkeit.
Am Beispiel des Rauchens sieht man, dass wir uns gerade nicht
kuemmern um die Gefahren, die die paedagogische Mode lehrt, denn sie
warnt ja vor dem Rauchen und viele tun es trotzdem.

Worauf ich also hinaus will, sind Fragen wie :
Warum wird heute jedes Grundstück eingezäunt ? (-> Angst
vor’m bösen Wolf ?) Warum müssen wir Feuchtgebiete
trockenlegen ? (-> Angst vor der Pest ?) Warum dürfen
Kinder nicht draußen spielen ? (Angst vor dem Säbelzahntiger
?) Sind die anderen Gefahren - die es ja tatsächlich gibt, wie
z.B. Sittenstrolche - doch nur eine nachträgliche
pseudo-Rationalisierung von instinktiver Angst ?

Teilweise. Der Mensch hat grosse Muehe, Risiken richtig
einzuschaetzen. Es gibt viele Beispiele, in denen jemand aus Angst
bestimmte Aktivitaeten vermeidet, sich anderen aber gerne hingibt,
obwohl sie viel gefaehrlicher sind.
All deine Beispiele koennen nicht mit Basisinstinkten erklaert
werden, da sie alle kultur- und umweltabhaengig sind. Es gibt auch
Gesellschaften, in denen niemand etwas einzaeunt, die Kinder draussen
spielen duerfen u.s.w. Die Sache mit den Feuchtgebieten ist sehr
speziell und ich glaube nicht, dass sie in Deutschland einfach so
trockengelegt werden, wenn es nicht wirklich gute Gruende dafuer
gibt, die also mehr sind, als nur Rationalisierungen von Uraengsten.

Es bleibt schwierig

Ja.

Gruss, Tychi