Hi Tom!
Das ist dieses „Das Glas ist nicht halbleer, sondern
halbvoll“-Denken. Du unterstellst mir quasi, ich sei ein
„halbleer“-Denker, was aber nicht so ist.
Das sollte keine Unterstellung sein. Aber auf jeden Fall ist
dies ein Denken, das in weiten Teilen der Bevölkerung
verbreitet ist. Die Menschen kapieren einfach nicht, wofür
ihre Steuern ausgegeben werden, das ihnen das selbst zugute
kommt. Der Polizist auf der Straße, die Straße selbst, der
Rettungshubschrauber der zum Unfallort fliegt, die Klinik und
die darin arbeitenden Ärzte: Alles vom Staat finanziert. Aber
dieser Sachverhalt wird nicht zur Kenntniss genommen. Ich
stehe einfach auf dem Standpunkt, daß mir sehr viel von meinen
Steuern zugute kommt und das ich mich deswegen hüten werde zu
jammern.
Dein kategorisches „das Glas ist ganz voll“-Denken ehrt Dich. Wirklich.
Auch ich bin mir dessen bewußt, daß auch viel sinnvolles mit meinen Steuergeldern gemacht wird. Nur ist mir der Anteil dieser sinnvollen Maßnahmen an den Gesamtausgaben zu gering.
Und deshalb meckere ich.
Man könnte die Belastungen der Bürger ohne weiteres um 20% senken, wenn man die Sache hier etwas straffer führen würde.
Und das halte ich für sehr erstrebenswert.
Es geht nicht um eine subjektive Einschätzung der persönlichen
gehaltssituation, sondern darum, daß in D objektiv (nach
Vergleich mit anderen Industrienationen) die Abzüge zu hoch
sind und deshalb kaum noch ein ausländisches Unternehmen hier
investieren will.
Mag ja sein, aber davon werden auch Errungenschaften
finanziert (extrem gutes Sozialversicherungssystem) die ich
nie und nimmer missen möchte.
Wer soll das denn noch bezahlen?
Die Frage muß man sich stellen.
Ganz sicher ist, daß es so wie im Moment ohnehin nicht weiter geht.
Dier Frage ist nur, ob wir in 25 Jahren einen radikalen Schnitt mit zahllosen sozialen Härtefällen wollen oder bereits jetzt an einer moderaten Lösung arbeiten sollten.
Das ist ja wohl auch nicht die Realität. Ich habe mein Studium
teils durch Maloche finanziert. Da mußte ich erleben, daß der
Lohn eines Industriearbeiters nicht zur Finanzierung seiner
Familie ausreicht. Die machen am Tag 2 Überstunden um
einigermaßen über die Runden zu kommen.
da weiß man wenigstens, wofür man studiert.
Warum kommt denn der Arbeiter nicht über die Runden?
Weil er zuwenig Beihilfe bekommt oder weil die Abgaben zu hoch
sind?
Na weil das arme Schwein einfach nicht genug verdient. Ein 40
Jähriger Malocher konnte dort froh sein wenn er 2500,- im
Monat rausbekommen hat. Das muß für Frau und Kind reichen.
Nicht nur die Steuern, sondern vor allem der Niedriglohn
lassen ihn darben. Wenn er sich beschwert wird mit Kündigung
gedroht. Gibt ja genügend die den Job für noch weniger machen
würden. In der Produktion herrscht teilweise eine
Beschäftigungspolitik wie im 19.Jh. vor. Friß oder stirb.
Ich weiß. Auch ich habe mein Studium auf diese Weise finanziert.
Allerdings ist es recht realitätsfremd anzunehmen, daß es mehr als 2% der AN ihre Familie mit 2.500DM ernähren müssen.
Was den Malocher trifft ist nicht sein niedriges Gehalt, sondern in erster Linie die Steuern und Abgaben. Lohnsteuer ist in einem solchen Fall vernachlässigbar, aber Mehrwert-, Tabak, Branntwein und Mineralölsteuer treffen ihn. Hier muß man ansetzten, denn viel höhere Löhne wird es nicht geben.
Ein Akademiker hat durchschnittlich 3 mal mehr netto zur
Verfügung als ein Facharbeiter. Wer soll denn Deiner Meinung
nach den Staat finanzieren? Deine Einstellung führt jedenfalls
zu einer Vergrößerung der sozialen Kluft und dies birgt
Sprengkraft!
Ist mir ziemlich egal.
Der Unterschied, den Du da nennst, ist falsch.
Ein Facharbeiter mit 30 verdient in den allermeisten Fällen
mehr als ein Akademiker mit 30.
es ist immer eine Frage der Perspektive. Wer sich durch 20
Jahre Ausbildung quält, soll später auch was davon haben. Und
das ist der Grund, warum ein Akademiker mit 40 natürlich mehr
verdient als der Facharbeiter mit 40.
Aber sieh Dir mal die Situation mit 20 an.
Der Akademiker nimmt sein Studium auf und der Facharbeiter
holt mit seinem BMW die Freundin des Akademikers ab…
Im Prinzip haßt Du natürlich recht, auch wenn ich die
Altersgrenze herabsetzen würde. Bei einem FH-Studium hat man
gute Chancen mit 25 - 26 fertig zu werden ud dann winken
75000DM Anfangsgehalt!
Das wäre schön gewesen…
Naja, die Größenordnung stimmt. Meine Kollegen Facharbeiter verdienen in diesem Alter ca. 70.000 DM, die Kollegen Techniker 80.000.
Wie gesagt: vergiß das mit der Gleichmacherei um jeden Preis.
Initiative stirbt nur vordergründig. Eigentlich wandert sie.
Ins Ausland.
Die Mehrheit in meiner Branche denkt so.
Ich sehe hier ein kleines Defizit in der Sozialkompetenz bei
manchen Dot-Com-Managern. Aber das Thema löst sich momentan
von selbst.
Ich sehe eine mangelnde Sozialkompetenz in vielen Chefetagen.
Als ich in Erlangen bei Siemens gearbeitet habe sind im
Unternehmensbereich KWU 800 Stellen abgebaut worden alleine
aufgrund der Tatsache, daß die Banken mit der shareholdervalue
nicht zufrieden waren. Etwas verkürzt dargestellt, aber im
Prinzip lief es darauf hinaus. Viele großen Konzerne haben
sich aus der sozialen Verantwortung komplett zurückgezogen.
Gewinnmaximierung ist oberstes Gebot. Neue Arbeitsplätze trotz
verbesserter Konjunktur? Fehlanzeige! Lieber die Mitarbeiter
60 Stunden schwitzen lassen. Die Menschen die vor die Tür
gesetzt werden, werden ja vom Sozialsystem aufgefangen.
…in welches die Großindustrie kaum einbezahlt. Wie gesagt, Siemens erhielt 1998 und 1999 mehr Subventionen, als der Konzern Steuern bezahlt hat.
Allerdings sind 98% der Arbeitgeber KMUs. Die Großindustrie interessiert mich bei dieser Diskussion also nicht sonderlich.
Viel spannender ist es zu berachten, wie erfolgreiche Mittelständler sich für die Zukunft wappnen. Wie hier Mitarbeiterbeteiligungen entstehen und bei sehr hohen Arbeitszahlen noch höhere Gehälter bezahlt werden. Wie die Leute teilnehmen am Erfolg ihrer Firma.
Das macht Spaß. Und dann kommt die Steuervorauszahlung nach dem Börsengang und das ind liegt im Brunnen.
Verständlicherweise machen es also viele Kleine den Großen nach und verpissen sich über eine Holding in die Schweiz.
Und daran ist eben in einem nicht unmaßgeblichen Teil auch unser Tarif- und Arbeitsrecht beteiligt.
Es ist ein simpler Fakt, daß der „normale Malocher“ ausgedient
hat.
Es wird immer Arbeiten geben, selbst hier in Deutschland, wo
der normale Malocher gefragt ist.
Immer weniger.
Selbst der wachsende DFienstleistungssektor erfordert in den meisten Fällen gewisse Basisqualifikationen.
Dieser Entwicklung muß jeder einzelne bei der Wahl seines
Berufes Rechnung tragen. Wenn sich heute noch einer zum
Kohlenkumpel umschulen läßt (was 1998 noch passiert ist!), ist
ihm auch nicht mehr zu helfen. Und für den will ich einfach
nicht bezahlen! Das sehe ich nicht ein.
Solche Fälle kannst Du doch im Promillebereich ansiedeln.
Egal. Das ist bezeichnend für die Situation hier.
Die geistigen Anforderungen werden in jedem Job immer höher.
Auch in meinem.
Richtig!
Sieh es mal so: übernimmt der von Dir angeführte Malocher im
Job irgendwelche Verantwortung?
Nein, deswegen verdient er ja auch weniger, das ist ja auch
vollkommen in Ordnung so. Es gibt halt leider aber auch
Menschen die nicht mit den kognitiven Fähigkeiten ausgestattet
sind die es ihnen ermöglichen würde verantwortungsvolle Jobs
zu übernehmen. Kann nicht jeder Betriebswirt, Arzt, Ingenieur
oder Webdesigner werden.
Ganz klar. Erwarte ich auch nicht.
Aber ich erwarte, daß jeder seine Position sieht und nicht jeder Keuler vom Staat leben aber BMW fahren will.
Sorry, ist polemisch, aber ich kenne 3 Fälle, wo das so läuft.
Mindestlohn plus Wohnungsbeihilfe plus BMW.
Toll.
Wenn er nüchtern den Firmenlaster an den Baum fährt, passiert
ihm gar nichts. Vom Unternehmer wird dann erwartet, daß er
schleunigst einen neuen Laster kauft, um dem Mann das Arbeiten
weiter zu ermöglichen. Schließlich haben wir ein Recht auf
Beschäftigung.
Wie der Chef die Kiste bezahlt, interessiert keinen. Er hat ja
die Kohle!
Richtig! Außerdem stimmt dieses Beispiel nur, wenn der Fahrer
nicht fahrlässig gehandelt hat. Wenn er also nichts dafür
kann, warum sollte er dann den Laster bezahlen? Wenn
fahrlässig gehandelt hat, dann fliegt er raus.
In keinster Weise möchte ich den Mann den Laster bezahlen lassen. Ich möchte hier nur exemplarisch darstellen, wo ich das Problem der Einstellung der Leute in diesem Land sehe.
Gruß,
Mathias