Au weh! Au weh!
Liebe Ann
So sehr ich bisher dein Wissen aus der Verlagsbranche
geschätzt habe (teilweise sogar herrauskopiert und
weggespeichert!) – so sehr enttäuscht mich, dass du zur
Schriftenfrage groben Unsinn als Expertenrat
verkaufst!
1.) die schrift sollte nicht unter 12 punkt groß
sein und der zeilenabstand 1 1/2-zeilig.
Mit Schriftgestaltung, Typografie oder auch nur mit
etwas Gespür für die Sache hat das NICHTS zu tun!
Man kann Lyrik auch in 8 Punkt setzen – wenn man sein
Metier beherrscht.
Von «1 1/2-zeilig» würde eine Fachkraft sowieso nicht
reden – das war Schreibmaschinen-Terminologie und damit
so überholt wie deplaziert (selbst wenn die
Programmierer von «Word» es auch nicht besser wissen).
2.) am besten lesbar für kürzere texte ist arial,
Du wirbst im Ernst für eine der grässlichsten
Missgeburten des letzten Jahrhunderts? Auch wenn sie
dank Microsoft-Monopol «die Welt erobert» hat: si ist
und bleibt ein Graus in JEDER Hinsicht.
Da es Arial nur in einem klobigen «Normalschnitt» gibt
(kein magerer Schnitt), passt das sowieso nie zu einem
feinsinnigen lyrischen Text.
für mehr text eine serifenschrift - am besten
times new roman.
Auch hier wohl nach dem Motto «Millionen Fliegen können
nicht irren»! Oder einfach weil diese Times auf einem
PC das Bequemste und daher Naheliegenste ist?
auch wenn dir das etwas nüchtern erscheinen mag -
es hat sich bewährt.
Fataler Irrtum: man hat sich bloss daran gewöhnt. Was
absolut nichts über die Qualität aussagt!
alle anderen schriftarten, auch fett und kursive
schreibweise nerven nur
Aha. Hunderte, ja Tausende von qualifizierten
Schriftgestaltern geben sich also diesem EINEN
überflüssigen Anliegen hin: die Leser zu nerven …
(Bodoni: ein armer Narr. Baskerville: ein Blender.
Walbaum: ein Idiot. Frutiger: hats immer noch nicht
kapiert …)
Also Ann, ich bitte dich!
und behindern die aufnahmefähigkeit für den text.
Das kann man so einfach nicht sagen.
Selbst die Meinung, Serifenschrift liesse sich besser
lesen als Grotesk, ist eine moderne Legende und hält
der Überprüfung in ernsthaften Versuchen nicht stand.
Auch wenn es für die Fragestellerin Ingrid das Leben
wieder komplizierter macht: Schriftgestaltung ist ein
Handwerk, eine Kunst sogar (wenn auch eine DIENENDE
Kunst).
Ingrid: Wenn du willst, dass dein Werk aussieht wie
tausend andere laienhaft zusammengestiefelte – dann
folge den Tipps. Wenn dir die Texte mehr wert sind,
dann suche jemanden, derdich wirklich beraten kann.
Freundliche Grüsse
Rolf