Hallo,
in New York wurde die Broken-Window Theorie in die Praxis umgesetzt. D.h. Kontrollen wurden erhoeht, kleine Vergehen wurden hart bestraft und Dinge welche einen schlechten Eindruck machen (z.B. zerstoerte Gegenstaende oder Grafitti) schnell ersetzt bzw. gereinigt.
Laut Statistik war das Ergebnis dass die Kriminalitaetsrate (auch bei schweren Vergehen) ruecklaeufig ist.
(Statistiken ueber ruecklaeufige Kriminalitaetsraten sind nicht unbedingt verlaesslich da diese meist von diversen Behoerden erhoben werden die direkt oder indirekt unter Politikern stehen die dieses Konzept implementiert haben und auch wenn Kriminalitaetsraten ruecklaeufig sind kann dies andere Gruende haben (z.B. wirtschaftlicher Aufschwung, mehr soziale Leistungen, Umsiedlung von sozial schwachen Familien…). aber fuer diese Diskussion nehme ich einmal an das die Statistiken stimmen.)
Die psychologische Erklaerung warum die Broken-Window Theorie hilft ist dass Menschen die den Eindruck haben dass sich alle anderen an die Regeln halten dies auch eher tun und auch eher zu groesseren Regelverstoessen (wie Mord…) neigen wenn kleinere Regelverstoesse die Norm sind da sie dann zwar ein wenig aber nicht so sehr von der Norm abweichen.
Mein Einwand waere der folgende:
Wenn kleine Vergehen streng kontrolliert und hart bestraft werden wird der Taeter frustriert da er die Strafe als unproportional erachtet aber nichts dagegen tun kann. Gleichzeitig nimmt er die strafende Instanz (Staat, Polizei) als ungerecht war und sieht diese als seinen Feind.
Auch bekommt das Individuum das Gefuehl dass die Gesellschaft ihn persoenlich terrorisieren will indem sie kleine Regelverstoesse aufbauscht und hart bestraft (z.B. Rauchen ausserhalb des gekennzeichneten Bereiches) was wiederum zu Hass auf die herrschende Klasse fuehrt.
In der Kindererziehung gibt es Studien die beweisen dass Kinder die staendig fuer schlechtes Verhalten bestraft werden dazu neigen genau dieses schlechte Verhalten zu zeigen wenn sie wissen dass sie nicht dafuer bestraft werden koennen.
Auf die Broken-Window-Thoery uebertragen bedeutet dies dass sich Menschen zwar weniger „schlecht“ verhalten solange sie kontrolliert werden und Strafe droht aber aufgrund der erhoehten Frustration und des resultierenden Hasses und Aggression erhoehtes „schlechtes“ Verhalten zeigen wenn keine Kontrolle stattfindet und sie keine Bestrafung zu befuerchten haben.
Demnach duerfte in New York mit dem Rueckgang der statistisch erfassten Kriminalitaet das statistisch nicht erfasste und schlecht kontrollierbare negative Verhalten gestiegen sein (wie z.B. Mobbing, haeusliche Gewalt…).
Was denkt ihr darueber?
Gruss
Desperado
Hallo Desperado,
ich denke über diese Theorie, dass sie vielleicht für einen kurzfristigen Zeitraum funktioniert, dass sich aber die Mehrheit der Leute sehr bald gegängelt und terrorisiert fühlt. Es kommt meiner Ansicht nach irgendwann zu dem Ventil-effekt. Aufgestauter Frust, Haß, Aggression… und dann explodiert es unverhältnismäßig. Grüße, go
Hallo Desperado,
in deiner Vita steht: „Antisozialer Verzweifelter aus dem Land der Ungerechtigkeit, versucht gerade, die Welt besser zu verstehen.“.
Ich versuche es mal.
Wenn kleine Vergehen streng kontrolliert und hart bestraft
werden wird der Taeter frustriert da er die Strafe als
unproportional erachtet aber nichts dagegen tun kann.
Die Strafen sind ja nicht unproportional. Es geht darum, dass möglichst jedes Vergehen erkannt un direkt bestraft wird. Die Höhe der Strafe ist dabei nicht entscheidend. Sie muss nur so hoch sein, dass es weh tut.
Hier kann man als Vergleich Geschwindigkeitskontrollen nehmen. Jeder schimpft darauf, jeder hat ein eine Ausrede, warum die Strafe, die er wegen einer Geschwindigkeitsübertretung bekommen hat, ungerechtfertigt ist. Schizophrenerweise ist die Mehrheit nicht gegen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Nur wenn es gerade mal einen selber trifft, ist es verkehrt.
Dennoch lösen Geschwindigkeitskontrollen keine Aufstände aus.
Was passiert, wenn das Netz der Geschwindigkeitskontrollen dichter wird? Die Leuter werden nicht wütender oder frustierter. Stattdessen akzeptieren sie, dass es sinnlos ist zu schnell zu fahren.
Weiterhin gilt, dass Menschen Gemeinschaftswesen sind, und sich der Gruppe anpassen. Wenn in deiner Gruppe alle weiße Hemden mit Krawatte tragen, wirst du auch Krawatte tragen. Wenn alle in deiner Gruppe Jeans mit Löchern tragen, dann trägst du auch Jeans mit Löchern.
Wenn in einer Umgebung kriminelles Verhalten sehr häufig ist, werden Viele es auch für normal halten. Wenn sie dann dafür bestraft werden, empfinden sie es als ungerecht. Wird kriminelles Verhalten dagegen im sozialen Umfeld scharf verurteilt, werden Weniger gewillt sein entgegen der sozialen Normen zu handeln.
Das nennt sich soziale Kontrolle
Gruß
Carlos
Die Strafen sind ja nicht unproportional. Es geht darum, dass
Hier kann man als Vergleich Geschwindigkeitskontrollen nehmen.
Jeder schimpft darauf, jeder hat ein eine Ausrede, warum die
Strafe, die er wegen einer Geschwindigkeitsübertretung
bekommen hat, ungerechtfertigt ist. Schizophrenerweise ist die
Mehrheit nicht gegen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Nur wenn
es gerade mal einen selber trifft, ist es verkehrt.
Stimmt. Wie oft habe ich es schon gehört „… Kontrolle muss sein, aber warum denn gerade ich…?“ (Betrifft nicht nur die Geschwindigkeit)
Gruss
Iru
Hallo Carlos,
Die Strafen sind ja nicht unproportional. Es geht darum, dass
möglichst jedes Vergehen erkannt un direkt bestraft wird. Die
Höhe der Strafe ist dabei nicht entscheidend. Sie muss nur so
hoch sein, dass es weh tut.
Das ist oft der Punkt: In den meisten Laendern (ausser m.E. in Skandinavien) werden kleine Vergehen mit Geldstrafen belegt welche natuerlich fuer Arme viel schlimmer sind als fuer Reiche. Ich habe die Beobachtung gemacht dass besonders Luxusautos oft im Halteverbot stehen da dem Besitzer die paar Euro Strafe eben egal sind.
Durch diese Ungerechtigkeit wirken Strafen fuer den einen nicht abschrekend und fuer den anderen ungerecht.
Diese Ungleichheit findet nicht nur bei Geldbussen sondern auch bei drohendem Fahrverbot, Gefaengnisaufenthalt usw. statt.
Dennoch lösen Geschwindigkeitskontrollen keine Aufstände aus.
Da kleine Delikte in D eben nicht ueberproportional hart bestraft werden. Deshalb habe ich auch New York und nicht D als Beispiel angefuehrt. Aufstaende unterliegen vielen anderen psychologischen Faktoren und wie man in Paris gesehen hat kann das Chaosprinzip schnell ein Fass zum ueberlaufen bringen.
Wenn in einer Umgebung kriminelles Verhalten sehr häufig ist,
werden Viele es auch für normal halten. Wenn sie dann dafür
bestraft werden, empfinden sie es als ungerecht. Wird
kriminelles Verhalten dagegen im sozialen Umfeld scharf
verurteilt, werden Weniger gewillt sein entgegen der sozialen
Normen zu handeln.
Das nennt sich soziale Kontrolle
Stimmt - aber wenn in einer Gruppe die Mehrheit frustriert ueber ungerechte Strafen ist wird auch eine resentimente Einstellung gegenueber dem Staat zur Gruppennorm und diese kann sich irgendwann entladen…
Gruss
Desperado
Hallo Desperado,
Das ist oft der Punkt: In den meisten Laendern (ausser m.E. in
Skandinavien) werden kleine Vergehen mit Geldstrafen belegt
welche natuerlich fuer Arme viel schlimmer sind als fuer
Reiche.
Was ist die Alternative? Wie macht man es in Skandinavien?
Bei Geldstrafen vor Gericht, gibt es Tagessätze. Die Geldstrafen für Ordnungswidrigkeiten sind ein Verwaltungsakt. Auf den „Täter“ einzugehen, ist wegen der Masse nicht möglich. Auch andere Strafen, wie Fahrverbot oder Arbeitsdienst treffen die Menschen unterschiedlich und sind wiederum bei Ordnungswidrigkeiten zumeist überzogen.
Aber es gibt eine Möglichkeit Geldstrafen zu entgehen…
Man begeht einfach keine Ordnungswidrigkeit und hält sich brav an die Gesetze.
Das ist noch nicht mal schwer.
Wenn man das Geld für ein Auto hat, dann hat man auch das Geld für einen Parkplatz. Es besteht keine Notwendigkeit die Telefonzelle zu zertrümmern. Wenn man sehr arm ist, mag der Diebstahl von Brot aus Hunger verständlich erscheinen, aber eine CD oder Lippenstift?
Stimmt - aber wenn in einer Gruppe die Mehrheit frustriert
ueber ungerechte Strafen ist wird auch eine resentimente
Einstellung gegenueber dem Staat zur Gruppennorm und diese
kann sich irgendwann entladen…
Wenn man sich in der Weltgeschichte für die Gründe von Aufständen und Unruhen umschaut, dann waren das nicht übermäßige Strafen für kleine Vergehen, sondern tiefgreifende Not oder Unterdrückung.
Gruß
Carlos
In diesem Sinne auch: http://www.german-bash.org/214266
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