Siebzehn, sechzehn, achtzehn, das ist ein unruhiges Alter, man wechselt hinüber
zur großen Formation der Erwachsenen, die Rechte sind ja ganz annehmbar, aber
an die Pflichten gewöhnt man sich nur ganz langsam.
Es ist etwa der Zustand, wie wenn es einem hinten auf dem Rücken juckt und man
kommt mit der Hand nicht dran.
Die Industrie tut alles, euch noch hübscher, noch beschwingter zu machen. Eure
Mütter haben keine eigene
Teenagermode gehabt, keine Schuhe aus Italien, keine Pullover aus Paris, nicht so
viele glitzernde Schaufenster, so bunte Illustrierte und so betörende Schallplatten
oder CDs. Vielleicht ist das manchmal fast ein wenig zu viel, denn man kann
den Zauber auch überzaubern, dann wird er trocken.
Wenn man alles kriegt, was man sich wünscht, ist die Sehnsucht weg, so wie wir
den Regen brauchen oder den Kummer.
Durch Kummer lernt man denken, und denken heißt, sich verfeinern. Der Kummer
prägt das Gesicht um, vom Puppengesicht in ein eigenes Gesicht. Nicht an
der Freude reift man hoch, sondern am Schmerz. Wer Angst hat vor Kummer und
Schmerz, der kommt nicht weit. Das Leben ist herrlich aber es ist nicht nur herrlich,
es wird dich auch zerschleißen, und der Marzipanblick einer Schönheitskönigin hält nicht lange.
Du lebst in einem romantischen Alter. Romantik ist etwas Schönes. Sie ist heute
etwas anders als früher, aber der erste Kuss besteht noch immer aus Herzklopfen,
die Flügel fallen ab, und du kannst vorläufig nicht mehr zurück ins Paradies.
Die Tränen sind noch immer die alten Tränen und wenn jemand mit hautengen
Jeans die Hauptstrasse entlanggeht, ist das noch kein neuer Realismus, höchstens
eine Masche. Man will auf sich aufmerksam machen, in der Hoffnung, man sei
ein besonderer Typ. Romantik ist, wenn du vor dich hinträumst, wenn du verliebt
bist, in eine Stimme, in eine Melodie, in hundert Melodien. Jeder Cha Cha Cha
ist Romantik, die Rumbakugeln sind Romantik, die Perlen im Sekt sind romantisch,
alles was schmeichelt und kitzelt ist Romantik.
Suche das Schöne, aber suche nicht nur die leicht Schönheit der Schlager und der zuckrigen
Komplimente, sondern suche auch die ernste Schönheit. Das Gesicht einer alten Frau ist schön, es stecken Kriege drin, und trotzdem lacht es wieder, drum ist es schön.
Die Kraft, die das Unglück überwindet, ist schön. Und die klassische Musik ist schön. Weil die Leute um ihre Musik gelitten haben. Mozart war ein armer Teufel mit einer ewigen Sehnsucht nach Ruhe und nach einer Frau, die ihn erfüllt. Und die ewige Sehnsucht, das ist seine Musik.
Van Gogh war ein Mann mit qualvollen seelischen Strudeln, in einer entsetzlichen Einsamkeit.
Er malte Blumen, Zugbrücken, Kornfelder, Torfgräber und Netzflicker, je mehr er an seinem Schicksal verbrannte, desto strahlender wurden seine Bilder.
Ein Schlagerkomponist leidet nicht Was er fabriziert, reicht bestenfalls zum Flirten.
Wenn dein Kind später im Bett liegt und vierzig Grad Fieber hat, hilft keine Schlabberserenade
Von einem Schnulzensänger.
Bleib mal nicht nur vor einem Parfümladen stehen, bleib auch mal vor einem Blumengeschäft stehen. Hol dir eine Rose, riech mal dran und schenk sie deiner Mutter. Hast du dir einmal vorgestellt, wie deine Eltern mit siebzehn ausgesehen haben, nicht nur aus Spaß, sondern aus einer echten Zuneigung heraus. Denk dir das alberne Drumherum auf ihren Jugendfotos weg, dann siehst du dein Gesicht. Die Hälfte der Falten, die sie jetzt haben, stammen von dir. Wieviele Rosen, wie viel Zuneigung ist das wert?
Du lebst in einem Entdeckungsalter. Die Freunde erkennt man daran, dass sie nicht nehmen, sondern geben wollen, dass sie auch in bitterer Kälte auf dich warten, dass sie nach einem Krach wiederkommen uns um Verzeihung bitten und dass sie nicht nur turteln und tanzen können. Aus der Summe vieler kleiner Erlebnisse, heiterer und langweiliger, trister und ängstlicher Erlebnisse, entsteht die Freundschaft. Dann habt ihr beide dasselbe Paket Bilder im Kopf, habt eure Scheu voreinander verloren, eure Eitelkeit überwunden und vielleicht wird daraus die Liebe. Freundschaft braucht Zeit und Liebe noch viel mehr. Schnell leben, schnell heiraten, schnell reich werden, das ist kein gutes Rezept, und viel Geld scheffeln ist ein ebenso zweifelhaftes Vergnügen, wie Autogramme sammeln. Du entdeckst die Lüge, die Hoffnung, den Neid, und den manchmal mörderischen Unterschied zwischen dem, was er nach außen hin tut… Und du entdeckst die Enttäuschung.
ES ist schön umschwärmt zu werden, es ist schön auch mal wütend die Haare aus der Stirn zu pusten, es ist schön, spontan zu sein, aber es ist nicht schön, stolz wie ein Pfau durch die Strassen zu gehen und niemanden anzusehen, denn die Menschen, die dir begegnen, sind die Stadt in der du lebst. Du lebst mit ihnen, mit den Glücklichen, und den Verbitterten, den Leichtfertigen und den Bemühten, den Hässlichen und den Armen. Mach was du willst, du kommst aus diesem Kreis nicht heraus. Schau sie dir an und lerne sie verstehen, oder übe dich in der Barmherzigkeit. Wer Wärme hat, ist nie allein, wer keine Wärme hat, empfängt auch keine.
Hermann Freudenberger – Nordsee Zeitung Bremerhaven
