Hallo Rolf!
wenn ich als Textkritiker fungiere(d.h.nichtalsGLAUBENS-
KRITIKER, was oft verwechselt wird) ist Voraussetzung,
dass ich die antiken Sprachen beherrsche. Denn jede Textkritik
fußt auf der sog. UR-FASSUNG eines Textes.
Nun, das Problem ist, dass wir den Urtext heute leider nicht mehr besitzen, sondern nur noch Abschriften davon. Die bibeltreuen Christen gehen in der Regel davon aus, dass der Urtext fehler- und widerspruchsfrei war. Der ein oder andere Abschreibfehler findet sich in den heute noch erhaltenen Grundtexten schon, v.a. was bestimmte Zahlenangaben angeht. Hier ist es aber oft gut erklärbar, wie es zu dem Fehler kam. Allerdings bin ich der Meinung, dass die von dir aufgeführten Widersprüche, bei denen es ja um inhaltliche Dinge geht, keine sind.
- A - DIE „DOPPEL-SELBSTTÖTUNG“ DES JUDAS
[…]
denn:
ER GING HIN UND ERHÄNGTE SICH (und wir nehmen an, dass die
meisten dabei danach tot sind)
oder:
PRENES GENOMENOS = hat sich(selbst) kopfübergestürzt; ELAKESEN
MESOS = (ist dann) mitten entzweigerissen worden, und EXECHUTE
PANTA TA STLAGCHNA AUTOU = alle seine Eingeweiden waren in der
(ganzen Umgebung) verstreut/herausgeschüttet.
Summa Sumarum: hier hat sich einer (nach heutigem Ermessen)
vom Hochhaus gestürzt.
Ein vorher sich selbst Erhängter konnte nachher zur Sicherheit
nicht noch solch einen Akt vollbringen !!!
Du gehst davon aus, dass es sich bei dem Sturz um ein aktives Hinunterstürzen handelt. Viele andere Exegeten, die des Altgriechischen bzw. Koine-Griechisch ebenfalls mächtig sind und bei Ihrer Auslegung vom Grundtext ausgehen, sehen mit den unterschiedlichen Darstellungen des Judas-Selbstmordes dagegen kein Problem. So schreibt der namhafte Griechisch-Experte Robertson in „Robertson’s NT Word Pictures“:
„Falling headlong (prenes genomenos). Attic form usually pranhv. The word means, not „headlong,“ but „flat on the face“ as opposed to uptios on the back (Hackett). Hackett observes that the place suits admirably the idea that Judas hung himself (Matthew 27:5) and, the rope breaking, fell flat on his face …“.
Prof. William Arndt hebt in seinem Buch „Bible Difficulties & Seeming Contradictions“ hervor: „It should be noted, however, before we harmonize the two passages, that the phrase in Acts for „falling headlong“ is a hapax legomenon, that is, the phrase occurs only in the Scriptures in Acts 1:18. … The literal meaning of the Greek word that the New King James Version translates as „falling“ is „becoming“. The word translates as „headlong“ has two possible meanings: (1) prone, face downward, headfirst, or headlong; or (2) swollen. The former meaning usually is associated with verbs of falling or lying; … The phrase, therefore, may be „having become prone or headlong“ or „falling headlong“ (stretching the meaning of „become“) …“
Ebenso haben zahlreiche andere Exegeten auch auf Basis des Grundtextes kein Problem damit, dass es sich hier nicht unebdingt um ein selbst hinunterstürzen handelt.
Wer hat nun recht?
Nachdem heute kein Koine-Griechisch mehr gesprochen wird, sind wir auf Wörter- und Grammatikbücher angewiesen bzw. auf Dozenten, die einem diese Sprache beibringen. Die Leute, die die Wörter- und Grammatikbücher schreiben, sind sich dabei keineswegs immer einig, unter welchen Voraussetzungen ein Wort oder Ausdruck wie zu übersetzen ist. Erst kürzlich hatte ich im Fremdsprachenforum hier nach der korrekten Übersetzung von „dia“ gefragt, wenn es mit Genitiv steht wie in Hebr. 1,2. Auf einer engl. Website hieß es, dass dia mit Akkusativ mit „für“ oder „wegen“ (kausale Bedeutung) übersetzt werden kann, aber dass dia mit Genitiv in Hebr 1,2 zwingend mit „durch“ übersetzt werden muss. Der Autor verwies auf 5 oder 6 engl. Grammatik-bzw. Wörterbücher, die das bestätigen. Dennoch steht z.B. in Walter Bauers Wörterbuch zum Neuen Testament, dass dia auch mit Genitiv hin und wieder kausale Bedeutung haben und mit „wegen“ übersetzt werden kann. Das fand ich ebenfalls in Kohlhammers Exegetischem Wörterbuch zum Neuen Testament bestätigt.
Mit Aussagen, dass etwas zwangsläufig dies oder jenes bedeuten MUSS, wäre ich daher sehr vorsichtig. Keine Regel ohne Ausnahme. Selbst über die Gültigkeit einer so fundamentalen Regel wie der Granville Sharp-Regel habe ich schon interessante Auseinandersetzungen gelesen.
Wenn du nun unbedingt auf ein sich selbst herunterstürzen von Judas bestehst, was spricht denn dann dagegen, dass er die Schlinge an einem Baum am Rande des Abgrunds festgemacht hat und sich dann erhängte, indem es sich in den Abgrund stürzte? Dabei wurde sein Leib von einem Felsen oder einer Felskante aufgerissen. Oder er ist auf den Baum geklettert und hat sich von dort mit dem Seil um den Hals heruntergestürzt und das Seil hat nachgegeben oder ist gerissen, so dass er auf einen Felsen aufschlug.
Weiterhin erkennen wir, dass der Widerspruch in sich noch
klarer wird, wenn wir die anderen Ereignisse drumherum
beachten
-
Gab es die Währung (dt.Silberlinge) in dieser Zeit schon
lange nicht mehr, sondern es wurde dadurch versucht eine
sog. AT Prophentenstelle zu untermauern
-
Zur weiteren Sicherheit zerrt man dann noch den Propheten
Jeremia bei, um es von dieser Seite her auch zu untermauern.
Aber der Evangelien-Endredakteur irrte hier wiederum, denn es
war Sacharja, der dies berichtete (prophezeite).
(Bem.: der Titel der Prophenrolle ist ungeklärt)
Traditionell werden zwar zu dem Zitat in Mt als Parallelstellen Sach 11,12-13 und Jer 32,9 angegeben, aber wenn man sich die Sacharja-Stelle durchliest, scheint es hier um etwas ganz anderes zu gehen. Matthäus erwähnt Sacharja wohl deshalb nicht, weil diese Stelle eben mit dem Tod des Judas nichts zu tun hat.
Auch die Jeremia-Stelle überzeugt als Prophetie auf Judas’ Ackerkauf nicht unbedingt.
In Mt 27,9 heißt es: „Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: …“
Matthäus sagt also gar nicht, dass es hier um eine Prophetie geht, die im Buch (in der Schriftrolle) Jeremia geschrieben steht, sondern berichtet lediglich, dass Jeremia das GESAGT hat. Die Prophetie war wohl überliefert und bekannt, aber sie hat nichts mit den beiden angeblichen Parallelstellen zu tun. Insofern machte Matthäus auch keinen Fehler, wenn er Sacharja nicht erwähnt hat.
Selbst wenn man die beiden o.g. Parallelstellen unbedingt als Prophetie auf Judas’ Ende sehen will, so war es wohl damals nicht unüblich, wenn man nur den bedeutenderen Propheten erwähnte und das war in diesem Fall dann eindeutig Jeremia. Die selbe Praxis finden wir auch in Mk 1,2-3, wo Markus lediglich Jesaja erwähnt, obwohl das Zitat zum Teil von Jesaja und zum Teil von Maleachi stammt.
- Kauften bei (Mt) die Hohepriester den Acker des Töpfers
von dem (von Judas) in den Tempel geworfenen „Blutgelt“.
Obwohl bei Lukas der Acker von Judas selbst gekauft wurde,
und zwar von dem Geld, das er NICHT in den Tempel geworfen
hatte.
Judas hatte das Geld für den Kauf des Ackers durch die Hohepriester geliefert, indem er es in den Tempel warf. Wenn Lukas schreibt, dass Judas den Acker erworben hat, so handelt es sich hier lediglich um eine Kurzfassung der genauen Ereignisse, die ja ohnehin schon bekannt waren (Apg 1,19). Es handelt sich ganz einfach um eine Redefigur, wie wir sie auch heute noch verwenden. Wenn es heißt König XYZ erbaute ein Schloss, so bedeutet das nicht, dass er es mit eigenen Händen erbaut hat. Andere Leute haben es erbaut und wir schreiben die Erbauung in einer Redefigur (im übertragenen Sinne) dem König selbst zu.
Jesus m u s s sich lt. gr. Urschrift auf ZWEI ESEL gesetzt
haben und unter den Hilferufen des jüdischen Volkes: HOSCHIA-
NA MI ROMAIM (Rette uns doch von den Römern) nach Jerusalem
geritten sein (egal wie ???)
denn:
nachdem die Leute auf die Eselin (ONON) und auf ihr Junges
(POLON) die Kleider niederlegten … KAI EPEKATHISEN EPANO
A U T O N = setze er sich auf sie (d.h.beide)
Auch wieder einer der Fälle, wo zahlreiche Exegeten durchaus eine andere Auffassung vertreten. In Brinks Matthew Comenatry heißt es z.B.:
„They… placed their cloaks on them, and Jesus sat on them. In the first instance both animals were saddled with clothing by the disciples (‚on them‘). The second ‚on them‘ does not refer to the donkeys but to the clothes, so that the meaning is not that Jesus sat on two animals at the same time, but that He sat on the clothes (which lay on the foal, cf. Mark 11:7).“
Ebenso Robertson: „(And he sat thereon) (kai epeyhkan epanw autwn), Mark (#Mr 11:7) and Luke (#Lu 19:35) show that Jesus rode the colt. Matthew does not contradict that, referring to the garments (ta imatia) put on the colt by „them“ (autwn) not to the two asses. The construction is somewhat loose, but intelligible. The garments thrown on the animals were the outer garments (imatia), Jesus „took his seat“ (epekayisen, ingressive aorist active) upon the garments.“
- C - HÖREN ODER NICHT SEHEN
Zum Schluß das Pauluserlebnis:
-
AKOUNTES MEN TES FONES MEDENA DE THEORAUNTES
hörend zwar die Stimme, niemand aber sehend
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TOMEN FOS ETHEASANTO TEN DEFONEN OUK HEKOUSAN
sahen zwar das Licht, aber die Stimmen hörten sie nicht
Auch dieser Widerspruch sollte für einen Gläubigen kein Pro-
blem sein; denn einmal wurde es von „Lukas“ erzählt und beim
zweiten Mal im hohen Eifer von Schaul(Paulus)selbst
Dazu habe ich ja bereits geschrieben, dass es einmal um die Stimme als Geräusch geht und einmal um die genauen Worte bzw. das, was die Stimme inhaltlich genau sagte. Auch hier kein Widerspruch.
So, es ist spät und das Posting schon lang. Daher nehme ich mir deine neuen drei vermeintlichen Widersprüche heute nicht mehr vor. 
Gruß
Michael