Schussenried: Hülle ohne Kern
Servus Adam,
betreffend die Klosterbibliothek in Schussenried, in deren Nachbarschaft ich etwa 18 Jahre lang gelebt habe, kann ich Dir versichern:
Es befindet sich kein einziges Buch mehr in den Schränken.
Insofern ist dieser Bibliothekssaal, der zusammen mit seinen Schwestern Wiblingen und St. Gallen sicher bauhistorisch zu den wichtigen aus dem 18. Jahrhundert gehört, für den Fragesteller, der sich ja für die Bibliotheken in ihrer eigentlichen Funktion interessiert, weitgehend wertlos.
Als das säkularisierte Prämonstratenserkloster Schussenried, vorübergehend als Entschädigung für verlorene linksrheinische Gebiete von der Familie von Sternberg-Manderscheid besessen, schließlich an das Königreich Württemberg fiel, wurde der Bestand der Bibliothek teils versteigert, teils befindet er sich zerstreut heute in Stuttgart und Tübingen, vieles ist auf den Transporten irgendwo auf der Alb verschütt gegangen, einige wenige Bände sind dann im XX. Jahrhundert wieder nach Schussenried gelangt.
Ende des XIX. Jahrhunderts und während des XX. diente der Saal nicht nur als Gottesdienstraum für die Patienten der in dem ehemaligen Kloster untergebrachten Psychiatrie und auch für die kleine evangelische Gemeinde in Schussenried, sondern es war dort auch eine kleine Bibliothek für die Patienten untergebracht. Die hat aber mit dem Bestand des Prämonstratenserklosters nichts weiter zu tun.
Für Wiblingen - das dortige Kloster wurde bis zum Ende des II. Weltkriegs als Kaserne, dann als Flüchtlingsunterkunft, seither für allerlei öffentliche Aufgaben genutzt, gilt ähnliches. Dort scheinen kleine Reste des früheren Bestandes wieder untergebracht zu sein.
Vergleichbares geschah mit allen Beständen der Bibliotheken säkularisierter Klöster. Selbst die heute wohl wichtigste Klosterbibliothek in Deutschland, die des Benediktinerklosters Beuron, hat heute in ihrem Bestand von wohl 400.000 Bänden grad einmal 200 Bände, die sich zum Zeitpunkt der Säkularisation dort befunden haben.
- Für Einzelheiten betreffend die Bibliothessäle in Schussenried und Wiblingen empfehle ich die antiquarisch erhältlichen Büchlein, die mein Vater Johannes May dazu geschrieben hat.
Schöne Grüße
MM