Hallo Andreas,
Vermutlich klebt Ihr alle zu sehr an der NS-Interpretation von
Lebensraum, der ja irgendwo im weiten Osten gesehen wurde.
aber auch nur, weil man als Voraussetzung annahm, das damalige
Deutsche Reich sei zu klein.
es ist mir unverständlich, wie Du als Historiker zu einer derart naiven Einschätzung kommst. Der Begriff ‚Lebensraum‘ mag vielleicht in einem anderen Kontext unverfänglich sein - nicht jedoch, wenn in Bezug auf eine Nation vom „sittlichen Recht“ gesprochen wird, sich „Lebensraum zu erkämpfen“. Gleich, ob der nun ‚im Osten‘ liegt oder ob man die Lokalisation dieses Lebensraumes im Nebulösen belässt.
Fasse jetzt noch die Begriffsgeschichte ins Auge (vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/wegbereiter/leben…) und dann erkläre mir, wie man eine Äußerung wie die von Dibelius im Jahre 1961, also doch für ein Publikum, dem die „NS-Interpretation“ (wie Du es zu nennen beliebst) dieses Begriffs noch sehr gegenwärtig war, denn bitteschön zu interpretieren hat.
Wenn man nun einfach die gängige völkerrechtliche Definition
eines Staates annimmt, dann verliert der Begriff Lebensraum
einiges seines Schreckens; denn danach definiert sich ein
Staat aus Staatsvolk, Staatsgewalt und - eben - Staatsgebiet.
Ein Staatsgebiet ist also der „Lebensraum“, den zu „erkämpfen“ ein Staat (die Staatsgewalt) das „sittliche Recht“ hat, wenn die Nation, also das Staatsvolk, in einer Ordnung (einer ‚aufgerichteten‘, also nicht notwendig selbstgewählten) lebt, „in der die Menschen die Freiheit haben, dem christlichen Evangelium gemäß zu leben“.
Merkst Du etwas? Ganz offensichtlich versteht Dibelius unter ‚Lebensraum‘ eben nicht einfach ‚Staatsgebiet‘ - er spricht von einem existierenden, ‚ausgerichteten‘ Staat und einer Nation mit einer ‚aufgerichteten Ordnung‘. Natürlich hat solch ein Staat als konstitutives Element auch ein Staatsgebiet. Ein von diesem Staat erst zu erkämpfender Lebensraum kann folglich mit diesem Staatsgebiet nicht identisch sein.
Das ist freilich keine „NS-Ideologie“, das ist eine sich als christlich ausgebende Ideologie. Im Klartext: der Zweck heiligt das Mittel. Die Erkämpfung von Lebensraum ist dann sittlich gerechtfertigt, wenn die Nation (das klingt bei Dibelius freilich unverfänglicher als ‚Volk‘) nach den Vorstellungen des Herrn Dibelius „ausgerichtet“ ist - nicht aber, wenn die Ausrichtung den Vorstellungen eines Herrn Hitler folgt. Das ändert jedoch nichts daran, dass es sich um eine Rechtfertigung von Eroberungskriegen handelt.
Das wirft natürlich auch ein Licht darauf, was denn die ‚Bekennende Kirche‘ eigentlich war - nämlich keine Fundamentalopposition gegen den Faschismus, sondern eine speziell gegen die Gleichschaltung der Kirchen gerichtete. Dass Hitler nicht für eine gleichberechtigte Partnerschaft mit den Kirchen zu haben war, dass sein religiöses Programm auf ein ‚Neuheidentum‘ hinauslief, wurde Vielen allerdings erst im November 1933 klar. Möglicherweise auch Dibelius.
Freundliche Grüße,
Ralf