Hallo, ihr Liebhaber alter, seltener, seltsamer und wenigen bekannter Wörter.
Bei Werfel, in seinem skurrilen Roman „Stern der Ungeborenen“ tauchen immer wieder Wörter auf, die man wohl einem kakanisch-jüdisch-böhmisch-intellektuellen Literatensprachschatz zuordnen muss. Die meisten kann ich verstehen und mit ein wenig Mühe verifizieren.
Bei einigen versagen sowohl Universalwörterbuch als auch die google-Suche.
Ich habe diese hier zusammen gestellt und meine Vermutungen dazu.
s Populace = vielleicht der Pöbel, der heute „Hosianna“, morgen aber „Kruzifixe!“ schreit
s Organdin = etwas Chemisches, ein Medikament vielleicht
ich war gedäftet = vielleicht ein Pedant zum umgangssprachlichen „ich bin geplättet“
r Rollstrecker = könnte ein Rollstuhl sein, oder ein ähnliches Transportmittel für Personen, ein Rollbett, eine fahrbare Sanitätstrage
e Ubikation = hat sicher was mit Wohnung, Unterkunft zu tun, könnte eine Art Einquartierung, Wohnungszuweisung sein
Vielleicht kennen einige unserer österreichischen Freunde diese randständigen Wörter.
evtl. popular (lat.) wird popula´reß gesprochen, könnte es somit auch sein = Mitglied der altrömischen Volkspartei, die in Opposition zu den Optimaten stand.
Hingegen der Popularisator = gemeinverständlich, jemand der etwas verbreitet, in die Öffentlichkeit bringt???
Organdin = Organdy : Seit 1723, aus dem frz. Organdi/Ourgandi, franz. Anpassung der Stadt Ourgandj in Turkistan. Gemustertes glasbatistartiges Gewebe, bei dem durch chemische Veredlung Glanz und Festigkeit der Baumwolle erhöht werden, wodurch das Gewebe eine pergamentartige Steife erhält. Steife und Glanz bleiben erhalten, wenn das Gewebe nach dem Trocknen heiß gebügelt wird.
Populace : aus dem ital. populaccio (seit 1555), abwertend für popolo (niedriges Volk)
Ubikation = öster. für militärische Unterkunft, Kaserne
Organdin = Organdy : Seit 1723, aus dem frz.
Organdi/Ourgandi, franz. Anpassung der Stadt Ourgandj in
Turkistan. Gemustertes glasbatistartiges Gewebe, bei dem durch
chemische Veredlung Glanz und Festigkeit der Baumwolle erhöht
werden, wodurch das Gewebe eine pergamentartige Steife erhält.
Steife und Glanz bleiben erhalten, wenn das Gewebe nach dem
Trocknen heiß gebügelt wird.
Bei Werfel heißt es, dass
„die Dame ihre Canevas (das sind Putzlappen, wie ich inzwischen heraus gefunden habe) aus Organdin mit einen roten Faden bestickt.“
Feiner Luxus, was?!
Populace : aus dem ital. populaccio (seit 1555),
abwertend für popolo (niedriges Volk)
Das hatte ich ja vermutet. Wir auch dies, wenn auch nicht so genau:
Ubikation = öster. für militärische Unterkunft, Kaserne
Canevas (das sind Putzlappen, wie ich inzwischen heraus gefunden habe)
Hm, ich glaube, da unterliegst du einem Irrtum…
Bei Canevas oder zu „Deutsch“ Kanevas handelt es sich um ein bestimmtes Gewebe für Stickereien (damit erklärt sich auch der rote Faden).
Das Wort Canevas besteht im Französischen seit 1509. Es leitet sich von „canevach“ (seit 1281) ab, dieses wiederum vom Altfranzösischen „chenevas“, das aus dem Wort „cheneve“, entstanden ist. „cheneve“ wiederum ist die alte Form von „chanvre“ (Hanf), das sich direkt aus dem Lateinischen „cannabis“ ableitet. Somit: Canevas = Hanfgewebe
Ist doch immer wieder spannend, hinter ein bestimmtes Wort zu schauen ))
Hm, was mich jetzt aber interessiert, ist, wie es zu diesem Bedeutungsübergang (Putzlappen) gekommen ist…
Ich schlage solche Dinge meistens im Petit Robert nach, und da steht:
CANEVAS [kanva; kanva] n. m.
Techn. Grosse toile dont on fabrique des voiles et les torchons, dont on entoile les vêtements. «Manteau de canevas» (Chateaubriand).
(1584). Grosse toile claire et à jour qui sert de fond aux ouvrages de tapisserie à l’aiguille. Gros canevas. Canevas fin. Broderie sur canevas. - Par métonymie. Ouvrage de broderie (sur canevas). Faire du canevas. Dessin de la broderie (sur canevas). Tracer un canevas.
Géod. Canevas trigonométrique : triangulation d’une zone dont on se propose de lever le plan. Canevas de rattachement : levé souterrain. - Ensemble des lignes et points essentiels d’une figure; dessin préparatoire.
(V. 1630; métaphore des sens 2 et 3). Cour. Donnée première (d’un ouvrage). - Ébauche, esquisse, 3. plan, scénario; ossature, schéma. Donner un canevas. Travailler sur un bon canevas. Le canevas d’un discours, d’un poème, d’un article.
Fig. Broder sur un canevas : ajouter à un fait, à un récit, à un texte, des développements, des détails de pure invention.
Spécialt. [a] Mus. Premières paroles qu’on fait sur un air, pour représenter seulement la mesure et le nombre des syllabes que demande la mélodie, et qui servent ensuite de modèle pour faire les paroles définitives. - Monstre (mus.). Faire un canevas sur un air.
[b] Théâtre. Plan détaillé sur lequel les comédiens peuvent improviser. Les canevas de la Commedia dell’Arte. Canevas italiens.
Die Bedeutung Putzlappen kommt in etwa in der ersten Definition vor… Wenn ich mir das nochmal genau anschaue, könnte dein Satz mit dem roten Faden im übertragenen Sinne auch bedeuten, dass in den Gedankengängen der Dame (canevas bedeutet ja auch Schema, Plan, Skizze) immer ein roter Faden vorhanden ist… sprich, dass sie bei ihren Theorien nie den Faden verliert… Ergibt das einen Sinn?
Hallo, Fritz, Renato,
um das Durcheinander ein wenig zu komplettieren:
im (amerik) Englisch hat das Verb „to canvas“ die Bedeutung „Kunden/Wähler anwerben“.
vgl.: http://dict.leo.org/?search=canvassed&p=/fp…
Möglicherweise stammt das aus einer Zeit, wo die Präsidentenkandidaten ihre Werbereden noch von einem Planwagen aus hielten.
Grüße
Eckard.
Wenn ich mir das nochmal genau anschaue,
könnte dein Satz mit dem roten Faden im übertragenen Sinne
auch bedeuten, dass in den Gedankengängen der Dame (canevas
bedeutet ja auch Schema, Plan, Skizze) immer ein roter Faden
vorhanden ist… sprich, dass sie bei ihren Theorien nie den
Faden verliert… Ergibt das einen Sinn?
scheint mir der richtige Weg zu sein. Der Satz bei Werfel heißt:
„Sie“ (die Protoglossa = eine Sprache, die in fernster Zukunft alle menschlichen und hündischen Bewohner der Erde sprechen werden)
„ist der rote Faden, den Altgroßmama auf ihre Canevas von Organdin stickt, ja, von Organdin.“
Es könnten also auch die gestickten Wandbehänge sein, auf denen die sinnigen Sprüchlein wie: Eigner Herd ist Goldes Wert!" steht.
Sag, könntest du den französischen Artikel für mich nur sehr schwach Frankofonen eindeutschen?
Hier die deutsche Übersetzung der wichtigsten Stellen:
CANEVAS [kanva; kanva] n. m.
Techn. Grobes Leinentuch, aus dem Segel und Kleiderhüllen hergestellt werden.
(1584). Grobes helles Tuch, das bei Stickereien als Hintergrund dient. Grobes Canevas. Feines Canevas. Stickerei auf Canevas. - Sinnbildlich für: Stickerei.
Vermessungskunde: trigonometrisches Canevas: Triangulation einer Zone, die in einem Plan erfasst werden soll. - Gesamtheit aller wesentlichen Linien und Punkte einer Figur; Entwurf.
(V. 1630; Metapher der Punkte 2 und 3: Erste Angabe (eines Werks). - Entwurf, Skizze. 3. Plan, Szenario; Skelett, Schema. Aufbau, Gerüst (einer Ansprache, eines Gedichts, eines Artikels).
Redewendung „Broder sur un canevas“: zu einer Tatsache, einer Erzählung, einem Text Argumente und Details hinzufügen, die ganz und gar erfunden sind (deutsch etwa: ausschmücken).
Musik: Erste Worte einer Melodie, um nur den Takt und die Silbenzahl einer Melodie aufzuzeigen und die dann als Muster für die Ausarbeitung des definitiven Textes dienen.
Theater: Detaillierter Plan, nach dem die Schauspieler improvisieren können.
ich bin inzwischen der Überzeugung, dass Werfel eine Mischung aus:
(1584). Grobes helles Tuch, das bei Stickereien als
Hintergrund dient. Grobes Canevas. Feines Canevas. Stickerei
auf Canevas. - Sinnbildlich für: Stickerei.
und:
Theater: Detaillierter Plan, nach dem die Schauspieler
improvisieren können.
im Sinn hat.
„Stern der Ungeborenen“ ist übrigens kein Buch zum Schmökern, sondern eines dieser „Alterswerke eines poeta doctus“ wie Hesses Glasperlenspiel oder Manns Dr. Faustus.
Es gibt Stellen zum Sich-die-Finger-lecken, aber auch biografische Einsprengesel, die echt nerven…
Viel Freude beim Lesen.