Salut Benoit,
Ist das also typisch norddeutsch?
in gewisser Hinsicht: Ja.
Einmal, weil es eine sehr moderne Sache ist - in meinem Jahrgang 1961 wirst Du zumindest südlich der Mainlinie niemanden finden, dem das schon von Jugend auf eine Gewohnheit oder persönliche Tradition war. Wenn man jetzt den deutschen Kulturkreis in einen „konservativen“ und einen „progressiven“ Teil tranchieren will, wird man auf eine Nord-Süd-Teilung kommen, das hat auch mit den vorherrschenden Konfessionen zu tun: Der katholische, barocke, danubische Süden (incl. dem Gebiet von Vorderösterreich, aus der ich stamme - seit dem 19. Jahrhundert zu Württemberg gehörig) träumt immer noch von einer Revanche für 1866 (gewaltsame deutsche Einigung, vulgo Unterwerfung durch das Königreich Preuszen) und wälzt sich in angenehm feucht-warmen Erinnerungen an die Donaumonarchie, an das schwäbisch-sizilianische Stauferreich, auch daran, wie Prinz Eugen vor Belgrad die Türken verdroschen hat und dergleichen. Der lutherische, rhenanische Norden kümmert sich um Industrie, Handel und Seefahrt, schert sich wenig um Wein, Weib und Gesang, sinniert dafür umso fleißiger, wie man die Reichweite der Dicken Berta noch vergrößern könnte und ob man damit nicht auch Nukleargeschosse lancieren könnte etc. Seine Freude heißt Pflicht, und sein Blick geht nach vorne.
Dementsprechend sind viele modischen Amerika-Importe im Norden Deutschlands schneller und eher zu Hause als im Süden: Muttertag, Valentinstag, Halloween und dergleichen Unfug hatten für mich subjektiv immer das Konnotat von „Norddeutschem“…
– Zum sprachlichen Aspekt gibts auch eine Nord-/Süd-Trennung: Die eigentlich aus dem germanisch-skandinavischen Kreis stammenden Wichtelmännchen heißen im Süden Heinzelmännchen und haben auch eine etwas andere Funktion - sie sind stille, freundliche Helfer, ungefähr vergleichbar mit Jean-qui-Passe aus der Ardèche.
Das führt jetzt ins Spekulative, aber beim Vergleich der Volkssagen und -legenden kommt die Idee auf, daß im deutschen Süden, der sich schon seit etwa fünfzehnhundert Jahren (Unterwerfung der Alemannen durch die Franken unter Clovis, später Christianisierung) an mehr oder weniger ständige Niederlagen gewöhnt hat, vieles Neue und Ungewohnte als „irgendwie von Norden her kommend“ empfunden wird.
Beiläufig: Ich weiß überhaupt nicht, wie man wichtelt, und das interessiert mich auch nicht. Aber zur „alten Fasnet“ um den Funkenring würfeln kann ich gut, und zu Weihnachten geh ich immer noch in den Garten, um zu schauen, daß da keine Klinge offen herumliegt, damit sie in den Rauhnächten Muetes Heer nicht in die Finger kriegt. Und wenn ich bei den Nachbarn im alemannischen Elsass bin, kann ich zu Epiphanias mit dem Gâteau des Rois umgehen.
Moden und Mödelein wechseln, der Süden bleibt…
Schöne Grüße
MM (Redneck)