Servus Daniel,
die Gefahr, an ein falsches Buch zu geraten, gibt es nicht, wie ich finde.
Begegnungen mit Büchern haben den Vorteil, dass diese die Klappe halten, wenn man nicht mit ihnen reden will. Und warten, bis der richtige Moment für die richtige Begegnung da ist.
Mit dem ersten Buch von dem Autor, der mir heute einer der liebsten ist, „Goya“ von Lion Feuchtwanger, hatte ich eine sehr fade erste Begegnung, und noch eine, die nicht berauschend war. Dann hat der Goya etwa zwei Jahre lang auf mich gewartet, und dann hab ich ihn am Stück gelesen, bloß ab und zu unterbrochen, wenn ich pinkeln musste oder eine Zigarette rauchen wollte.
Auch vom „literarischen“ Standpunkt „schlechte“ Bücher haben ihre Umgebung, ihre Situation, ihre Zeit: In der Frankfurter S-Bahn habe ich alles Deutschsprachige von Jan Guillou gelesen, gefesselt und begeistert - heute lang ich mir an den Kopf, wie man sich so einen Schmadder antun kann. S-Bahn-Lektüre waren ein anderes Mal zwei der Eifel-Krimis von Jacques Berndorf, die meines Erachtens auch eher Beispiele dafür sind, wie man ein Buch besser nicht machen sollte - bis hin zu einer gnadenlos schlampigen Editierung, offenbar wurde überhaupt nicht Korrektur gelesen. Aber einen Kern von Begeisterung dafür haben mir die Dinger zu ihrer Zeit auch gebracht…
Wenn Du von der Technik her kommst, würde ich nicht unbedingt mit den „Klassikern“ anfangen, sondern eher in der zweiten Hälfte 19. Jahrhundert. Warum nicht Max Eyth, z.B. „Hinter Pflug und Schraubstock“ oder „Der Schneider von Ulm“: Max Eyth war Ingenieur - er versteht es ziemlich gut, innere Bilder entstehen zu lassen, und sein Blickwinkel ist der eines Technikers. Er kann einen Zugang zu Geschriebenem eröffnen, und wenn man dann im Vergleich dazu anderen begegnet, die viel besser innere Bilder malen können als er, und die viel sorgfältiger komponieren, viel subtiler aufbauen usw., wird man sich vielleicht von ihm als eigentlich literarischem Dilettanten verabschieden (so wie auch seine Aquarelle genau genommen nichts Großartiges sind), aber er bleibt dann doch in freundlicher Erinnerung als einer, dessen Beruf vor allem aus Rechnen bestand, dem es aber doch wert war, ordentlich Lesen und Schreiben zu lernen.
Zugang zur Belletristik können Autoren aus der Zeit ca. 1870-1920 eröffnen, die in die Schublade „Naturalismus“ gestopft werden, etwa Gerhart Hauptmann, Emile Zola. Auch der offiziell in eine andre Schublade („Neue Sachlichkeit“) gestopfte Joseph Roth (allein die Beschreibung eines Sonntagmittagessens in einer KuK Offiziersfamilie…!) - Alle Genannten haben zweifellos mit ziemlicher Sorgfalt und bedeutendem „Know How“ an ihren Texten geschraubt, aber man merkt es beim Hineinlesen den Texten nicht an, erst beim Hinterherdenken.
Einen Überblick über Stile der verschiedensten Epochen von ca. 1800 bis ca. 1960 bietet eine wie ich finde hervorragend gut zusammengestellte Anthologie, die Hans Bender 1983 im Insel-Verlag herausgegeben hat: „Deutsche Jugend“ (nur noch antiquarisch zu bekommen). Man kann sich damit anhand eines Themas, das persönlich wohl jedem nahe liegt (es geht um Berichte der Autoren über die jeweilige eigene Jugend), einen Überblick über unterschiedliche Weisen zu Schreiben verschaffen, und dann bei den Autoren weiterlesen, wo einem ein Text persönlich begegnet: Ein möglicher Einstieg, finde ich.
Soweit zwei Cents von mir: Kein Experte, Bücherfän halt.
Schöne Grüße
MM