Wie entstand das Dehnungs-E im ''IE''?

Hallo.

Wer weiß, wie (wann, warum, …) das Dehnungs-E im Deutschen entstand?

Im Deutschen gibt es ja prinzipiell drei Dehnungs-Methoden bei Vokalen (a, e, i, o, u):

  1. Man verdoppelt den Vokal: ‚aa‘, ‚ee‘, ‚oo‘
    (Warum eigentlich nicht bei ‚ii‘ und ‚uu‘?)

  2. Man dehnt mit einem ‚H‘, das selbst kaum eine Aussprache hat: ‚ah‘, ‚eh‘, ‚ih‘, ‚oh‘, ‚uh‘
    (Warum eigentlich das ‚ih‘ so selten, nämlich nur bei ‚ihn‘ + Verwandte?)

  3. Mit dem so genannten Dehnung-‚E‘: hauptsächlich ‚ie‘

Warum beschränkt sich aber dieses Dehnungs-‚E‘ hauptsächlich (-- Ich weiß, es gibt auch Ausnahmen! --) auf die ‚I‘-Dehnung?
Warum ausgerechnet ein ‚E‘, das selbst eine Aussprache hat?
Wie kam es dazu?

☼ Markuss ☼

Vermutungen
Hallo, Markuss.

  1. Man verdoppelt den Vokal: ‚aa‘, ‚ee‘, ‚oo‘
    (Warum eigentlich nicht bei ‚ii‘ und ‚uu‘?)

Ein doppeltes i (in mittelalterlichen Schriften noch ohne i-Punkt) könnte man sehr leicht mit einem u verwechseln. Ein doppeltes u wiederum steht im Mittelalter (und auch später noch) für w. Also Verwechslungsgefahr bzw. andere Belegung der Buchstabenkombination.
In einer schönen gotischen Handschrift kann man bei einem Wort wie „dominum“ nach dem „do-“ oft kaum erkennen, was das für Buchstaben sein sollen, man sieht nur eine Folge von 11 gleichen Haken hintereinander. Da ist man froh über jede vermiedene Komplikation

Warum beschränkt sich aber dieses Dehnungs-‚E‘ hauptsächlich
(-- Ich weiß, es gibt auch Ausnahmen! --) auf die ‚I‘-Dehnung?
Warum ausgerechnet ein ‚E‘, das selbst eine Aussprache hat?

Ich tippe auf eine Herkunft vom mittelhochdeutschen ie-Diphthong, der eben i-e (i-ä) gesprochen wurde und sich erst später zu einem einheitlichen Langvokal geglättet hat. Die mittelhochdeutsche Orthographie richtete sich stärker nach der Aussprache unsere heutige. So sprach man von 800 Jahren von „Liäbe“ wie heut noch die Schweizer und andere Allemannen. Die Schreibweise blieb. (Parallelentwicklung uo --> u [muot --> Mut])

Das sind meine Vermutungen, da ich mich gerade mal wieder mit den Carmina Burana und dem Mittelhochdeutschen beschäftige. Wer etwas Konkretes weiß, wird mich sicher ergänzen oder korrigieren.

Grüße
Michael

Ergänzungen
Hallo!

Ein doppeltes i (in mittelalterlichen Schriften noch ohne
i-Punkt) könnte man sehr leicht mit einem u verwechseln. Ein
doppeltes u wiederum steht im Mittelalter (und auch später
noch) für w. Also Verwechslungsgefahr bzw. andere Belegung der
Buchstabenkombination.

Das klingt plausibel. Ich kannte bislang nur die Erklärung, dass bestimmte Buchstabenfolgen im Deutschen einfach unästhetisch aussähen und deshalb i, u, w, ch, sch, ß und ng prinzipiell nicht verdoppelt würden. Der Wortlaut aus Bussmanns Lexikon der Sprachwissenschaft ist: „Aus ästhetisch-ideographischen Gründen sind bestimmte Buchstabenfolgen unverträglich“…
Naja, aber wieso „oo“ ästhetischer sein soll als „uu“ - deine Erklärung gefällt mir irgendwie besser.

Warum beschränkt sich aber dieses Dehnungs-‚E‘ hauptsächlich
(-- Ich weiß, es gibt auch Ausnahmen! --) auf die ‚I‘-Dehnung?
Warum ausgerechnet ein ‚E‘, das selbst eine Aussprache hat?

Ich tippe auf eine Herkunft vom mittelhochdeutschen
ie-Diphthong, der eben i-e (i-ä) gesprochen wurde und sich
erst später zu einem einheitlichen Langvokal geglättet hat.
Die mittelhochdeutsche Orthographie richtete sich stärker nach
der Aussprache unsere heutige. So sprach man von 800 Jahren
von „Liäbe“ wie heut noch die Schweizer und andere Allemannen.
Die Schreibweise blieb. (Parallelentwicklung uo --> u [muot
–> Mut])

Das stimmt auch, soweit ich weiß. Bussmann nennts das „historische Prinzip“: für langes i ist ein „orthographisches Relikt“, „aus der Monophthongierung von mittelhochdeutsch /ie/ zu /i:/ entstanden.“
Bekanntes Beispiel: Mittelhochdeutsch heißt es „liebe guote brüeder“ und im Frühneuhochdeutschen bloß noch „liebe gute Brüder“, wobei das in Liebe im mhd getrennt und im Fnhd zusammen gesprochen wird. Die Dehnungsbuchstaben der anderen Vokale sind verloren gegangen; das hinter dem _aus irgendeinem Grund weitergeschleppt worden.

li-ebe Grüße
Sonja_

Hallo, Michail,
im Lande NRW hat sich in etlichen Ortsnamen ein Dehnungs-I (z.B. Grevenbroich gesprochen Grevenbrooch) und auch ein Dehnungs-E (z.B. Buer gesprochen Buhr) erhalten.

Gruß
Eckard

Bei Troisdorf, Soest und Itzehoe …
… da ist die Sache ebenso!

Also bis hoch nach Schleswig-Holstein.

Bei Buer is dat wat anderes, weil ob däa Westfale Buhr oder Bu-er sacht, höat sich beides wie Bua an. :wink:

Abgesehen davon gibt es doch auch ae als Langvokal, oder irre ich mich?, mir fällt auch grad kein Beispiel ein.

Jedenfalls könnte oe Analogiebildung zu ie sein, die sich nicht weiter durchgesetzt hat. Vielleicht haben sich da auch bestimmte regionale Ausspracheeigenarten konserviert… oi ist ja noch kurioser. Aber (beides) doch eher eine Randerscheinung, oder?

Grüße
Michael

Moin, moin Michael,

Abgesehen davon gibt es doch auch ae als Langvokal,
oder irre ich mich?, mir fällt auch grad kein Beispiel ein.

dieses „ae“ findest Du z. B. in Bochum-Laer oder in Baerl - das liegt am rechten Niederrhein, gegenüber von Duisburg-Homberg.

Gruß - Rolf

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Hallo,

im Lande NRW hat sich in etlichen Ortsnamen ein Dehnungs-I
(z.B. Grevenbroich gesprochen Grevenbrooch) und auch ein
Dehnungs-E (z.B. Buer gesprochen Buhr) erhalten.

Ein weiteres Beispiel ist das Kaff schöne Örtchen Kerpen-Buir (gesprochen „Bühr“), in dem zu wohnen ich eine Weile lang das Pech hatte. Allerdings nicht ganz ein Dehnungs-i, mehr ein Diphtong.

Gruß,

Myriam

Hallo,

am Anfang meines Studiums mußte ich das alles mal lernen, ich hab dazu auch eine Klausur geschrieben und sogar bestanden. Als ich eben deine Frage gelesen habe wurde mir bewußt, daß ich schon wieder fast alles vergessen habe. Aber ich hab ja alte Hefter. :smile:

Die Vokale haben im deutschen einige Wandlungen durchgemacht mit Monophtongierungen, Diphtongierungen, Rundungen usw. Zeitlich verschob sich das in Deutschland auch alles. Langsam breitete es sich aus und ist an den heutigen Dialekten teilweise immer noch erkennbar, bis wo welche Lautverschiebung wirkte.

Ich krieg das jetzt alles nicht mehr in 5 min. auf die Reihe, aber was ich hier auf den ersten Blick in meinen Unterlagen zu dem Thema noch so sehe, ist, die Monophtongierung von ai>e: vor r,h,w und ou>o: vor Dentalen d,t,s,z,n,r,l und germanisch h. Dadurch entstand ein zweites e: und o: deshalb:
Diphtongierungvon germanisch e:>ie und o>uo

Dann hab ich hier noch was gefunden: Frühneuhochdeutsch 1350-2650, die Prozesse begannen aber schon im Mittelhochdeutschen
Monophtongierung: von ie>i: d.h. ie wurde vorher einzeln ausgesprochen.(liäber>lieber)
üe>ü süezer>süßer und uo>u bruoder>Bruder

Naja, vielleicht ist es ein wenig durcheinander, ich muß mich eben auch erst wieder in die Materie einarbeiten und wenn ich jetzt etwas ausführlicher werden würde, müßte ich ganz ausführlich werden um auch die ganzen Fachbegriffe zu erklären. Das will, glaub ich, keiner lesen, meine vielen ungeordneten Gedanken, daher hab ich hier noch ein Internetverweis. Ich denke doch die Seite existiert noch, da hab ich mir damals auch was ausgedruckt zum lernen.

www.linguist.de/Deutsch/gds1.htm
„Allgemeiner Längsschnitt vom Indogermanischen zum Neuhochdeutschen“ so heißt der Artikel.

Dann hoffe ich mal, daß ich weiterhelfen konnte und deine Frage jetzt oder wenigstens nach dem Aufsatz vollständig beantwortet ist.

Liebe Grüße Ramona

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Danke Ramona,

du hast mier weitergehuolfen! :wink:
*Sternchen*

☼ Markuss ☼