Wie entstehen Sprachstrukturen?

Hi!

Gestern abend beim Bier kamen wir irgendwie auf die Rede, ob die deutsche Sprache besser oder schlechter ist als andere Sprachen (ich weiß, eine unsägliche Diskussion, aber trotzdem…)

Bekanntermaßen gilt Deutsch als grammatikalisch höchst schwierig (der Punkt, der vielen Ausländern das Erlernen der deutschen Sprache verleidet). So wurde im fröhlichen Kreis darüber gestritten, warum es im Deutschen drei Geschlechter (und entsprechende Artikel) gibt: Der, Die, Das (im Englischen gibt es nur „The“ trotz „he, she, it“, im Französischen „Le“ und „La“). Das alleine verwirrt schon ausländische Sprachstudenten. Noch schlimmer wird es, wenn durch Deklination dem geschlechtseindeutigen deutschen Artikel das Geschlecht geraubt bzw. gewandelt wird.
etwa im Singular: „Die Frau - der Frau - der Frau - die Frau“

Der Artikel „die“ als feminin wird zum „der“, was ansonsten ein Erkennungsmerkmal des Maskulinen ist (im Englischen ist es immer „The“).

Andere Beispiele, die für die Komplexität der deutschen Sprache herhalten mußten, waren Zahlen: „Einundzwanzig“= Einerstelle vor Zehnerstelle (im Englischen umgekehrt: „Twenty-One“, ist z.B. von Vorteil beim Schreiben der Zahl nach Ansage; besonders schlimm schnitt hier das Französische ab: 80 ist „vier mal zwanzig“, die Zahl 92 heißt dort sogar „vier mal zwanzig plus zwölf“;das belgische Französisch hat sich dabei vom französischen Französisch gelöst, in Belgien hat 80 eine eigene Bezeichnung). Eine weitere Eigenart der deutschen Sprache, die diskutiert wurde, ist die Satzstellung des Verbes, insbesondere das auseinandergerissene Verb:
Verb = „zusammenbrechen“
Satz = „Ich breche zusammen“
Extrembeispiel: „Ich breche, wenn ich …, nachdem er …, als du …, zusammen.“ Auch hier wurde Englisch als deutlich statischere, strukturiertere Sprache dagegengehalten (Englisch wurde als grammatikalisch einfachere Sprache eingestuft, jedoch mit einem enorm umfangreichen Vokabular, so die Aussage eines Berufsübersetzers für Englisch in unserem Kreis)

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich möchte nicht wissen, ob Deutsch mit seinen Konstruktionsmöglichkeiten besser oder schlechter ist als andere Sprachen. Vielmehr interessiert mich die Frage, woher diese komplexe Grammatik, Wortbildung usw. kommt. Wie entsteht Grammatik? Wie kommt es zu so eklatanten Unterschieden in benachbarten Sprachen wie Deutsch, Englisch, Französisch?

Vielleicht hat ja auch jemand einen Link zu entsprechenden Quellen.

Danke!
Heinrich

Hi!

Selber Hei, -nrich *konnt ich mir nicht verkneifen*
Das Deutsch so komplex ist, könnte daran liegen, daß es eigentlich ein Sprachengemisch ist - erst sind hier alle möglichen germanischen, gotischen und was weiß ich was noch für Stämme durchgezogen und haben sich und ihre Sprache munter gemixt. Dann kamen die Römer und wir haben wieder feste eigentlich fremde Sprachelemente assimiliert. Der olle Fritz hat u.a. Niederländer und Hugenotten in seinem Reich angesiedelt - und auch die haben ihre Sprache mitgebracht. Und inzwischen verleiben wir uns haufenweise englische Begriffe ein, die im Deutschen zu neuen grammatikalischen Verrenkungen, und damit zu lauter neuen Sonderfällen, führen. Weniger zentral gelegene Sprachräume hatten das Problem nicht. Heute weitet sich dieser Effekt aber auch auf bisher relativ einheitliche Sprachen aus - einige Nationen versuchen, das mit Verboten der „fremden“ Begriffe zu verhindern (Frankreich) - aber ob das wirklich hilft, wird man in 50 Jahren wissen…

Hoffe, etwas geholfen zu haben

mfG

Sibylle

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich möchte nicht wissen, ob
Deutsch mit seinen Konstruktionsmöglichkeiten besser oder
schlechter ist als andere Sprachen. Vielmehr interessiert mich
die Frage, woher diese komplexe Grammatik, Wortbildung usw.
kommt. Wie entsteht Grammatik? Wie kommt es zu so eklatanten
Unterschieden in benachbarten Sprachen wie Deutsch, Englisch,
Französisch?

Hi Heinrich,

Englisch und Französisch sind enger an den romanischen Sprachraum angelehnt. Deutsch gehört mehr zum germanisch/slavischen.
Aber zu erklären, wie die Grammatik einer Sprache entsteht, übersteigt meine Fähigkeiten und Kenntnisse bei weitem (huhu Fritz)

Gandalf

P.S.
Deutsch ist aber bei weitem nicht die Sprache mit der kompliziertesten Grammatik, dsa Finnische hat z.B. 13 (mit Sonderregelungen sogar 15) Fälle; dann deklinier mal schön.

alte Sprachstrukturen
Hi Heinrich

die Komplexität der Kasus- und Numerusendungen ist ein Merkmal, das bereits die indogermanischen Sprachen vor allen anderen Sprachen auszeichnete. Latein und Altgriechisch haben sie auch. Allgemein in der Verwendung von Präfixen und Suffixen dagegen sind andere Sprachstämme besser gewesen: die sog. agglutinierenden Sprachen wie die Turksprachen, das Finno-Ugrische und einige amerikanische Sprachen (auch das Chinesische bzw. der ganze Tibetosinesische Sprachstamm hatten vormals eine komplexe Suffixkomposition).

Vermutlich ist auch der Artikelgebrauch (die bestimmten sind aus Demonstrativa enstanden, die unbestimmten aus Zahlwörtern), wie er sich z.B. in germanischen Sprachen und ebenfalls im Altgriechischen findet, bereits im Indogermanischen vorhanden gewesen.

Fast alle Sprachen haben im Lauf ihrer Geschichte eine Vereinfachung der Lautlehre, der Konjugation, Deklination und der Syntax durchgemacht. Im Deutschen sind von den ursprünglichen Strukturen halt mehr übriggeblieben.

Im Gebrauch der Artikel hat das Deutsche etwas mit dem Altgriechischen gemeinsam, weshalb auch beide Sprachen von Vielen (auch von Anderssprachigen) für die Philosophie für besonders geeignet gehalten werden: Man kann Kompklexe von Substantiven und sogar ganze Sätze durch Vorsatz eines Artikels zu einem Substativ zusammenfassen und dadurch zu einem Begriff machen:

Das Über-die-komplizierte-Deklination-im-Deutschen-Diskutieren -
ist zwar Unsinn, aber grammatisch möglich. Im Englischen kann man das z.B. nicht nachahmen.

Wir haben in der Philosophie diesem Umstand ein interessantes Phänomen zu verdanken, dessen sich bereits die Griechen in der Parmenideszeit bewußt gewesen sein müssen: Nämlich die Substantivierung von Infinitiven - „das Denken“, „das Sein“ usw. ist eine künstliche (also in der damaligen Umgangssprache nicht gebräuchliche) Wortbildung, die sich bei Parmeides findet „το νοειν“, „το ειναι“.

Auch Aristoteles, der auch sonst sehr wortschöpferisch war (was ihm die Platoniker arroganterweise übelgenommen haben, weil er nämlich nicht Attisch sondern Mazedonisch sprach), hat die Philosophie mit einem kleinen Problemchen beglückt: Einer seiner Haupttermini „το τι ην ειναι“ (wörtlich: „das was-war-Sein“) ist bis heute in keiner anderen Sprache adäquat darstellbar (obwohl man versteht, was er damit meinte).

Gruß

Metapher

Hallo Gandalf,

Englisch und Französisch sind enger an den romanischen
Sprachraum angelehnt. Deutsch gehört mehr zum
germanisch/slavischen.

Also eigentlich gehören Deutsch und Englisch zum Germanischen und Französisch zum Romanischen Sprachraum. Was Du meinst, ist wohl eher, daß Englisch sehr stark romanisch (insbesondere französisch) beeinflußt wurde und Deutsch mehr slawisch. Deine „Kurzfassung“ kann amn da leicht falsch verstehen.

P.S.
Deutsch ist aber bei weitem nicht die Sprache mit der
kompliziertesten Grammatik, dsa Finnische hat z.B. 13 (mit
Sonderregelungen sogar 15) Fälle; dann deklinier mal schön.

Da ist die Frage, was Komplexität ausmacht: viele Formen oder viele Ausnahmen von den Regeln? Finnisch (und einige andere Sprachen) hat zwar viele „Fälle“, ist aber eher agglutinierend als synthetisch. Soll heißen: die Fälle werden als feststehende Endungen ans Wort angehängt. Es gibt praktisch keine Mehrfachbedeutungen von Endungen, und das ganze System hat nur wenige Ausnahmen. Daher kann Finnisch trotz der vielen „Fälle“ wahrscheinlich einfacher gelernt werden als Deutsch.

Gruß Kubi

Hallo Heinrich,

zur Entstehung der Sprachstrukturen und der Komplexität des alten Indogermanischen hat Metapher ja schon einiges gesagt. Ich wollte noch kurz auf die heutigen Unterschiede des Englischen und Deutschen eingehen:

Englisch ist eine Weltsprache. Die Engländer haben relativ früh angefangen, sich (und ihre Sprache) über die gesamte Welt zu ergießen. Mit der Anzahl ihrer Kolonien, Dominions und wie sie alle hießen, hat sich die Zahl der Englischsprecher rasant erhöht.

Die meisten dieser neuen Sprecher hatten aber nun andere Muttersprachen, oft welche aus völlig anderen Sprachgruppen, die mit Englisch so ziemlich nichts gemein hatten. Aus der Notwendigkeit der gegenseitigen Verständigung und des natürlichen Einflusses der Muttersprachen dieser Sprecher hat sich das Englische sehr schnell gewandelt - und zwar hin zu einfacheren Strukturen.

Deutsch ist einfach sehr viel traditioneller. Wir haben erst spät ngefangen, uns auszubreiten, und sind auch nicht sehr weit gekommen. Zudem waren die meisten Sprachen, mit denen die Deutschen zusammentrafen, mit Deutsch mehr oder weniger verwandt. Daher war der Sprachwandel im Deutschen deutlich langsamer als im Englischen und die Sprache im Vergleich archaischer und somit noch komplexer.

Gruß Kubi

Am Anfang war das Komplexe ??

Fast alle Sprachen haben im Lauf ihrer Geschichte eine
Vereinfachung der Lautlehre, der Konjugation, Deklination und
der Syntax durchgemacht. Im Deutschen sind von den
ursprünglichen Strukturen halt mehr übriggeblieben.

Das verstehe ich nicht. Ich bin bisher eher davon ausgegangen (allerdings sehr unfundiert), daß sich Komplexität in einer Sprache erst ab gewissen Verfeinerungesstufen der Kultur einstellt; und sooo lange wurde bei uns ja noch nicht verfeinert.
Am Anfang, als der erste Deutschsprecher „den Mund aufmachte“, muß doch die Grammatik die einfachste „deutsche“ Grammatik gewesen sein .

Liege ich da falsch ?

eljot

Am Anfang …

Ich bin bisher eher davon ausgegangen … daß sich Komplexität in einer Sprache erst ab gewissen Verfeinerungesstufen der Kultur einstellt

Sicher kann man es nicht so generell sagen, wie ich es im vorigen Posting tat. Aber für die Vielfältigkeit der Konjugationen und Deklination gilt es zumindest für das Indogermanische. Z.B. gab es im Sanskrit 8 unterscheidbare Kasusendungen, im Lat. 6, bei denen aber der Vokativ und Ablativ nicht immer unterschiedbar war, in vielen Sprachen gab es neben den Numeri Singular und Plural den Dualis (Griech.) und sogar den Trialis, neben Aktiv und Passiv noch das Medium (Griech.). Auch eine Vielfalt der Modi ist nicht in allen Sprachen übriggeblieben (wie z.B. im Frz.).

Am Anfang, als der erste Deutschsprecher „den Mund aufmachte“

Naja - den ersten Deutschsprecher gab es ebensowenig wie den ersten Menschen. Über die Unterschiede des Neu-, Mittel- und Althochdeutschen können sicher andere hier mehr sagen. Aber die vielen germanischen Sprachen, das Gotische, das Altnordische usw. waren sicher nicht weniger komplex in der Grammatik als die späteren Formen.

Auch komplexe Satzkonstruktionen mit Nebensatzverschachtelungen (worin Heinr. v. Kleist sicher der ungeschlagene Meister war), finden sich annähernd schon z.B. bei Aristoteles.

Kleines Beispiel für Abschleifungen: Urspünglich konnte mit „trotzdem“ nur ein Hauptsatz eingeleitet werden, ein Nebensatz nur mit „obwohl“. Das beherrschten aber offenbar nicht viele, und inzwischen ist die grauenhafte Unsitte, mit trotzdem auch Nebensätze einzuleiten („trotzdem er da war…“) sogar vom Duden abgesegnet (schon vor der unsinnigen neuen Sprachregelung).

Gruß

Metapher

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Danke an alle! (o.T.)
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