Hallo,
mich würde mal interessieren, welche Voraussetzungen vorhanden
sein müssen, damit eine neue Sprache entsteht.
es wurden ja schon einige Kriterien genannt, allen voran die Geschichte mit der Isolation. Faktisch ist aber auch diese Erklärung, wie Dein Beispiel von American vs. British English (analog hierzu: kanadisches vs. europäisches Französisch) gezeigt hat, kein absolutes Ausschlusskriterium.
Ein wichtiger Punkt, der bisher noch nicht genannt wurde, ist eine Art „Willenserklärung“ der Sprecher. Sprich: Amerikaner, Australier, Neuseeländer usw. mögen bisweilen (aus britischer Sicht) so „komische“ Varietäten des Englischen sprechen, wie sie wollen; solange sie aber selbst sagen, dass das, was sie sprechen, Englisch ist, bleibt es Englisch. Natürlich gibt es dann unterschiedliche Varietäten und mitunder auch Grammatik-/Orthographie-Standards, aber vermutlich werden Dir dennoch die meisten Briten, Amerikaner, Australier usw. sagen, dass sie grundsätzlich ein und dieselbe Sprache sprechen. Ähnliches gilt auch für andere Sprachen wie das amerikanisch vs. europäische Französische, Spanische oder Portugiesische.
Als Gegenbeispiel kann man z.B. die (untereinander praktisch einwandfrei verständlichen) festlandskandinavischen Sprachen oder, als sehr viel neueres Beispiel, die Sprachen des ehemaligen Jugoslawiens nennen: Bis 1990 sprach man (offiziell) in Jugoslawien hauptsächlich „Serbokroatisch“ (daneben Slowenisch, Mazedonisch, Albanisch und Ungarisch). Aber durch den Zusammenbruch des Landes zerfiel auch die Sprache „Serbokroatisch“; zuerst in die immer schon ein wenig unterschiedlichen Varietäten Serbisch und Kroatisch. Dann kam (spätestens) mit der Unabhängigkeit Bosniens auch eine „bosnische“ Sprache auf, und mittlerweile eine „montenegrinische“. De facto sind das weiterhin Varietäten einer gemeinsamen Makrosprache, deren Sprecher sich untereinander vermutlich besser verständigen können als z.B. ein Schotte, ein Texaner und ein Aussie aus dem Outback, obwohl erstere offiziell unterschiedliche, letztere offiziell ein und dieselbe Sprache sprechen.
Ich habe mich seinerzeit in meiner Bachelorarbeit mit solchen Prozessen im Jiddischen, Luxemburgischen und Pennsylvaniadeutschen auseinandergesetzt. Das Ergebnis lautete (in der Kurzfassung): Beim Jiddischen waren es sowohl die Isolation vom deutschen Sprachraum als auch eine gesellschaftspolitisch motivierte Emanzipationsbewegung, die dazu führten, dass es eine eigenständige Sprache wurde. Beim Luxemburgischen war es an sich nur die Emanzipationsbewegung, da es die Isolationssituation nicht gab. Das Pennsylvaniadeutsche wiederum wurde trotz der klaren Isolation vom deutschen Sprachraum nie zur eigenständigen Sprache, weil sich die wenigen Versuche, eine eigenständige Grammatik, Rechtschreibung usw. einzuführen, nie bei der Masse der Sprecher durchsetzen konnten; die meisten von ihnen sehen ihre Sprache/Mundart bis heute als „Deutsch“ an (bzw. unterscheiden zwischen Hochdeutsch und ihrer Mundart).
Klar, diese (gesellschafts-)politische Emanzipationsgeschichte allein ist auch nicht die Erklärung. Denn z.B. die moldawische Verfassung kann noch so viel von einer „moldawischen“ Sprache sprechen – für Sprachwissenschaftler bleibt es (vorerst) Rumänisch. Und auch die zum Teil extrem konstruiert wirkenden Voneinander-weg-Entwicklungen zwischen Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch werden zurecht sehr kritisch beäugt.
Ergo: Es gibt eine Vielzahl von Kriterien und Faktoren (sowohl rein sprachlich als auch politisch motiviert), die dazu führen können, dass aus einer Sprache bzw. einer Sprachvarietät eine neue, eigenständige Sprache entsteht. Aber einen klaren Automatismus nach dem Schema „Wenn A (und B), dann C.“ gibt es nicht. Letztlich bleibt die beste Erklärung dafür, wann eine Varietät zur eigenen Sprache wird, wohl immer noch die von Max Weinreich (bzw. die, die ihm zugeschrieben wird): אַ שפּראַך איז אַ דיאַלעקט מיט אַן אַרמיי און פֿלאָט – Eine Sprache ist ein Dialekt mit Armee und Flotte. 
Gruß,
Stefan