… religiös motivierte Selbstmordattentäter, meine ich natürlich, aber 1. fehlte für das Wort „motivierte“ der Platz und 2. klingt es ohne das Wort „motivierte“ reißerischer. Kleiner Tribut von mir an unsere Mediengesellschaft…
In den USA gibt es auf shma.com eine Diskussion über die Möglichkeit einer Legitimität von Kollektivrepressalien gegen die Angehörigen von Selbstmordattentätern.
Ich halte dieses Frage für eine, die der Erörterung nicht wert ist, weil der Nutzen, den ihre Bejahung verspricht, aus Gründen, die nach meiner Meinnug in den Natur religiöser Motiviertheit von Selbstmordattentätern liegen, nicht erwartet werden kann.
Meinen Eindruck von der Natur der religiösen Motiviertheit von Selbstmordattentätern möchte ich hier zur Diskussion stellen.
Im übrigen halte ich die Debatte auf shma.com für wertvoll und spannend, weil man dort in der Lage ist, Fragestellungen auch weiter zu entwickeln.
Doch nun, liebe Gemeinde, in medias res:
- Zur politisch-materiellen Ausgangslage des Selbstmordattentäterwesens im allgemeinen
Menschen, die gerne ein Selbstmordattentat begehen möchten, sind Menschen, die gerne einen militärischen Beitrag zum Fortkommen einer politischen Sache leisten möchten ohne sich hierzu in der üblichen Weise im Stande zu sehen. Unterschiedsloses Töten ist etwas, auf was Selbstmordattentäter wegen widriger Kräfteverhältnisse verfallen. „Zu ihren Gunsten ist anzunehmen“, dass hätten ,sie die Möglichkeit dazu, sie sich viel lieber „heldenhaft“ in eine wogende Schlacht von edlen Recken werfen würden und sich dort, im Falle eines Zusammentreffens einer rechtfertigenden Gelegenheit mit einer gebieterischen Befindlichkeit auf ein Befestigungswerk zu werfen, wie weiland ein tief verehrter Preußenfeldwebel bei den dänischen Düppeler Schanzen als es galt, Holstein dem kommenden Reich hinzuzufügen.
- moderne Selbstmordattentäter auf der Seite von Konfliktparteien mit schlechten Karten …
Der gewöhnliche tamilische oder palästinensische Selbstmordattentäter ist nun jedoch weit entfernt von den legitimierenden und Erfolg versprechenden Handlungsmöglichkeiten, auf welche einschlägige Aktivisten in den preußischen Streitkräften von 1864 noch zurückgreifen konnten. Weil das alles so ungünstig ist, wollen viele Selbstmordattentäter jedoch dennoch nicht untätig bleiben und panschen sich in ihrer Küche einen Sprengstoffcocktail für einen letzten Spaziergang zusammen. Dieser führt sie wegen der bereits erwähnten ungünstigen Kräfteverhältnisse i.d.R. nicht etwa in die Nähe satisfaktionsfähiger Strukturen wie Armeestützpunkte oder Polizeikasernen (die selbstredend hervorragend abgesichert sind) sondern in die nächst Disko, an die nächste Bushaltestelle oder in den Supermarkt. Dort lässt der Selbstmordattentäter ein Gemetzel mit unterschiedslosen (Fachwort: indiscriminate) Opfern stattfinden, für die es nur die Gewissheit gibt, dass deren sterbliche Überreste von denen des Selbstmordattentäters sich hernach kaum noch unterscheiden lassen werden.
- … aber „gutem“ Glauben.
Nach allem, was wir wissen, leben und sterben palästinensische Selbstmordattentäter in der Erwartung bestimmter persönlicher göttlicher Belohnungen (was auf mich als Atheisten das ganze u.a. auch als ein Religionsproblem schlechthin wirken lässt; Motto: Ohne kalkulierende Nach-Toderwatung keine solche Lebensverachtung) Was die verbleibenden Verhältnisse auf dieser Welt betrifft, so leben und sterben palästinensische Selbstmordattentäter in berechtigter Erwartung posthumer familiärer, clan- dorf- nationaler und religiöser Ehrungen.
Diese Ruhmeserwartungen gehen mit der recht berechtigten Aussicht auf erhebliche finanzielle Zuwendungen an die engere Verwandtschaft aus religiösen und weltlichen arabischen Quellen einher. 30- 50.000 $ sollen schon drin sein in der Portokasse von Saddam und anderen.
- Jetzt: die eigentliche „Idee“ …
Letzterer Umstand ist dem amerikanischen Rechtsanwalt Nathan Lewin Gelegenheit, doch einen Ansatz zum fehlenden Thema „Abschreckbarkeit“ im Dasein des gewöhnlichen Selbstmordattentäters zu identifizieren. Mr. Lewin stellt zur Diskussion, der Attentätersippe nicht nur das postmortale Wohlleben durchkreuzen, sondern deren „parents, brothers and sisters“ überhaupt einfach exekutivseitig dasjenige Schicksal zu bereiten, welches ihnen am Ort der Explosion widerfahren wäre.
Hiervon verspricht Mr. Lewin sich eine Abschreckung der meißten Selbstmordattentäter. Diese Anregung hat eine lebhafte Diskussion über westliche, amerikanische und jüdische Grundwerte entfacht in deren Zusammenhang sogar das (aus atheistischer Sicht) beklagenswerte Schicksal der alttestamentarischen Kanaaniter und ihres Chefs, Amalek) strittig diskutiert wird.
Ich habe mir erlaubt, in dieser US-Diskussion auszuführen, warum nicht damit gerechnet werden kann, dass durch Androhung und Ausführung einer solche kollektiven genealogischen Repressalienpraxis eine attentatsabschreckende Wirkung zustande gebracht werden kann. Im Unterschied zu Mr. Lewin halte ich das Wohlleben der öffentliche Attentätersippen für eine Sorte von Anstößigkeit, die noch eine religiöse „Fundamentalisierungsreserve“ in sich birgt.
… und 5. warum sie nicht halten wird, was sie verspricht:
Aus religiös fanatischer Sicht ist das Sippschaftswohlleben einer „Märtyrerfamilie“ durchaus verzichtbar und sogar im Sinne einer thematischen Aufladung einer nächsten religiösen Fundamentalisierungswelle als ein „abzuwickelndes Thema“ brauchbar.
Der Selbstmordattentäter muss sich „opfern“ als Preis seiner militärischen Machtlosigkeit gegen einen „satanischen“ Feind. Sein Opfer ist eine Fürbitte bei Gott, sich der Erbärmlichkeit der Lage seiner Sache (hier seines Volkes, oder was er dafür hält) zu erbarmen. Sein Opfer ist nicht etwa ein Preis, den er für einen wertschätzbaren (politischen oder militärischen) Erfolg zahlt, sondern eben eine „Gabe“, die er darreicht.
Den Unterschied zwischen „Preis“ und „Opfer“ verdanken wir den Religionen und den haben wir kulturell auf dem Buckel. Also müssen wir, ihn bitte schön, auch mitdenken, auch wenn wir religiös „besser“ sein wollen als „die“ und meinen, mit deren ganzen Unfug nichts am Hut zu haben. Wir haben, liebe Gemeinde, das haben wir sehr wohl; und das meine ich - als Atheist.
- Warum die Idee nicht nur unwirksam bleiben wird, sondern sogar ein eigenes Esklationpotential in sich brigt:
Eine Liquidationsdrohung gegen seine Familie kann sogar seine Selbsteinschätzung seiner Fähigkeit, seinem Gott eine Gabe (durch die Hand des tötenden Satans) darzubringen, erweitern.
Ein wirklich tief religiös motivierter Attentäter wird sogar durch eine reflexartige Ausweitung seiner „Opfergabe“ durch ein entsprechendes „Satanshandeln“ zusätzlich religiös „stimuliert“ werden. (Woher ich das weiss? Ich „spüre“ es, ich würde so reagieren, glaubt es mir.)
Selbst sogar schwachgläubigen Familienangehörigen mag durch „Satans mordende Hand“ eine Aussicht auf Gottes Erbarmen in den Augen einer, sagen wir mal, robusten Religiösitätsverfassung zuwachsen. Für einen schwer bestimmbaren Anteil von Selbstmordsattentatsgeneigten befürchte ich eine Extrastimulation im Resultat einer kollektiven Repressalienpraxis.
Diejenigen Selbstmordsattentatsgeneigten, denen eher am irdischen Weiterleben ihrer Verwandten gelegen ist, werden Wege finden, anonym zu handeln.
„Abschreckung“ wird nicht zustande kommen. Die Anbieter von Selbstmordattentatsleistungen werden sich vielmehr lediglich geschmacklich etwas differenzierter verhalten. Der eine mag seine eigene Sippe schonen wollen, ein anderer sie gerade schädigen wollen, der nächste mag sie auslöschen wollen aus Kummer, Gram oder Eifersucht; ein kapitalkrimineller Dritter mag einen Selbstmordattentäter heuern, um dessen Sippe aus einem mafiösen Antrieb heraus von Israel abstrafen zu lassen.
Wenn ich Saddam wäre, ich würde die Märtyrerwitwen vielleicht etwas diskreter bezahlen; bezahlen lassen würde ich mich von palästinensischen Clans dafür, von einer Rekrutierung von Selbstmordattentätern für die Dauer befriedigender Zahlungseingänge in ihren Reihen freundlicherweise in ihren Reihen abzusehen. Motto „hoffentlich attentatsversichert“ – sonst kommt Satan mit der F 16 von der israelischen Luftwaffe.
- Was man als religionskundiger Mensch doch wissen sollte …
Mr. Lewin begeht den wirklich religionsgeschichtlich doch unkundigen Fehler, Selbstmordattentäter für Leute zu halten, denn an einem barocken Martyrerkult gelegen sein müsste. Haben nicht die Christen bewiesen, dass es sich auch in stillster Askese als Märtyrer in Heilserwartung sterben lässt?
Liebe Gläubigen und Glaubensinteressierten, oder was meint ihr, wie (auch) religiös motivierte Selbstmordattentäter „funktionieren“ und wie man sie vielleicht auf andere Gedanken bringen kann? Ohne transzendente Heilserwartung keine (selbst)möderische Diesseitsverachtung! Im Sinne eines cult accountability-claims (unübersetzbar) bitte ich um Auskünfte!
Einen schönen Sonntag wünscht euer ein an dieser Welt auch leidender und manchmal nur mit diesem Jargon fertig werdender
Thomas
P. S. Für die im klassischen Sinne „falsch gestellte Frage“ nach einer Abschreckungsmöglichkeit für Selbstmordattentäter ist mir gestern eine kreative Antwort eingefallen. Auf englisch schon mal nachlesbar unter
http://www.shma.com/phorum//read.php3?num=7&id=439&l…
