Wie funktionieren religiöse Selbstmordattentäter?

… religiös motivierte Selbstmordattentäter, meine ich natürlich, aber 1. fehlte für das Wort „motivierte“ der Platz und 2. klingt es ohne das Wort „motivierte“ reißerischer. Kleiner Tribut von mir an unsere Mediengesellschaft…

In den USA gibt es auf shma.com eine Diskussion über die Möglichkeit einer Legitimität von Kollektivrepressalien gegen die Angehörigen von Selbstmordattentätern.

Ich halte dieses Frage für eine, die der Erörterung nicht wert ist, weil der Nutzen, den ihre Bejahung verspricht, aus Gründen, die nach meiner Meinnug in den Natur religiöser Motiviertheit von Selbstmordattentätern liegen, nicht erwartet werden kann.

Meinen Eindruck von der Natur der religiösen Motiviertheit von Selbstmordattentätern möchte ich hier zur Diskussion stellen.

Im übrigen halte ich die Debatte auf shma.com für wertvoll und spannend, weil man dort in der Lage ist, Fragestellungen auch weiter zu entwickeln.

Doch nun, liebe Gemeinde, in medias res:

  1. Zur politisch-materiellen Ausgangslage des Selbstmordattentäterwesens im allgemeinen

Menschen, die gerne ein Selbstmordattentat begehen möchten, sind Menschen, die gerne einen militärischen Beitrag zum Fortkommen einer politischen Sache leisten möchten ohne sich hierzu in der üblichen Weise im Stande zu sehen. Unterschiedsloses Töten ist etwas, auf was Selbstmordattentäter wegen widriger Kräfteverhältnisse verfallen. „Zu ihren Gunsten ist anzunehmen“, dass hätten ,sie die Möglichkeit dazu, sie sich viel lieber „heldenhaft“ in eine wogende Schlacht von edlen Recken werfen würden und sich dort, im Falle eines Zusammentreffens einer rechtfertigenden Gelegenheit mit einer gebieterischen Befindlichkeit auf ein Befestigungswerk zu werfen, wie weiland ein tief verehrter Preußenfeldwebel bei den dänischen Düppeler Schanzen als es galt, Holstein dem kommenden Reich hinzuzufügen.

  1. moderne Selbstmordattentäter auf der Seite von Konfliktparteien mit schlechten Karten …

Der gewöhnliche tamilische oder palästinensische Selbstmordattentäter ist nun jedoch weit entfernt von den legitimierenden und Erfolg versprechenden Handlungsmöglichkeiten, auf welche einschlägige Aktivisten in den preußischen Streitkräften von 1864 noch zurückgreifen konnten. Weil das alles so ungünstig ist, wollen viele Selbstmordattentäter jedoch dennoch nicht untätig bleiben und panschen sich in ihrer Küche einen Sprengstoffcocktail für einen letzten Spaziergang zusammen. Dieser führt sie wegen der bereits erwähnten ungünstigen Kräfteverhältnisse i.d.R. nicht etwa in die Nähe satisfaktionsfähiger Strukturen wie Armeestützpunkte oder Polizeikasernen (die selbstredend hervorragend abgesichert sind) sondern in die nächst Disko, an die nächste Bushaltestelle oder in den Supermarkt. Dort lässt der Selbstmordattentäter ein Gemetzel mit unterschiedslosen (Fachwort: indiscriminate) Opfern stattfinden, für die es nur die Gewissheit gibt, dass deren sterbliche Überreste von denen des Selbstmordattentäters sich hernach kaum noch unterscheiden lassen werden.

  1. … aber „gutem“ Glauben.

Nach allem, was wir wissen, leben und sterben palästinensische Selbstmordattentäter in der Erwartung bestimmter persönlicher göttlicher Belohnungen (was auf mich als Atheisten das ganze u.a. auch als ein Religionsproblem schlechthin wirken lässt; Motto: Ohne kalkulierende Nach-Toderwatung keine solche Lebensverachtung) Was die verbleibenden Verhältnisse auf dieser Welt betrifft, so leben und sterben palästinensische Selbstmordattentäter in berechtigter Erwartung posthumer familiärer, clan- dorf- nationaler und religiöser Ehrungen.

Diese Ruhmeserwartungen gehen mit der recht berechtigten Aussicht auf erhebliche finanzielle Zuwendungen an die engere Verwandtschaft aus religiösen und weltlichen arabischen Quellen einher. 30- 50.000 $ sollen schon drin sein in der Portokasse von Saddam und anderen.

  1. Jetzt: die eigentliche „Idee“ …

Letzterer Umstand ist dem amerikanischen Rechtsanwalt Nathan Lewin Gelegenheit, doch einen Ansatz zum fehlenden Thema „Abschreckbarkeit“ im Dasein des gewöhnlichen Selbstmordattentäters zu identifizieren. Mr. Lewin stellt zur Diskussion, der Attentätersippe nicht nur das postmortale Wohlleben durchkreuzen, sondern deren „parents, brothers and sisters“ überhaupt einfach exekutivseitig dasjenige Schicksal zu bereiten, welches ihnen am Ort der Explosion widerfahren wäre.

Hiervon verspricht Mr. Lewin sich eine Abschreckung der meißten Selbstmordattentäter. Diese Anregung hat eine lebhafte Diskussion über westliche, amerikanische und jüdische Grundwerte entfacht in deren Zusammenhang sogar das (aus atheistischer Sicht) beklagenswerte Schicksal der alttestamentarischen Kanaaniter und ihres Chefs, Amalek) strittig diskutiert wird.

Ich habe mir erlaubt, in dieser US-Diskussion auszuführen, warum nicht damit gerechnet werden kann, dass durch Androhung und Ausführung einer solche kollektiven genealogischen Repressalienpraxis eine attentatsabschreckende Wirkung zustande gebracht werden kann. Im Unterschied zu Mr. Lewin halte ich das Wohlleben der öffentliche Attentätersippen für eine Sorte von Anstößigkeit, die noch eine religiöse „Fundamentalisierungsreserve“ in sich birgt.

… und 5. warum sie nicht halten wird, was sie verspricht:

Aus religiös fanatischer Sicht ist das Sippschaftswohlleben einer „Märtyrerfamilie“ durchaus verzichtbar und sogar im Sinne einer thematischen Aufladung einer nächsten religiösen Fundamentalisierungswelle als ein „abzuwickelndes Thema“ brauchbar.

Der Selbstmordattentäter muss sich „opfern“ als Preis seiner militärischen Machtlosigkeit gegen einen „satanischen“ Feind. Sein Opfer ist eine Fürbitte bei Gott, sich der Erbärmlichkeit der Lage seiner Sache (hier seines Volkes, oder was er dafür hält) zu erbarmen. Sein Opfer ist nicht etwa ein Preis, den er für einen wertschätzbaren (politischen oder militärischen) Erfolg zahlt, sondern eben eine „Gabe“, die er darreicht.

Den Unterschied zwischen „Preis“ und „Opfer“ verdanken wir den Religionen und den haben wir kulturell auf dem Buckel. Also müssen wir, ihn bitte schön, auch mitdenken, auch wenn wir religiös „besser“ sein wollen als „die“ und meinen, mit deren ganzen Unfug nichts am Hut zu haben. Wir haben, liebe Gemeinde, das haben wir sehr wohl; und das meine ich - als Atheist.

  1. Warum die Idee nicht nur unwirksam bleiben wird, sondern sogar ein eigenes Esklationpotential in sich brigt:

Eine Liquidationsdrohung gegen seine Familie kann sogar seine Selbsteinschätzung seiner Fähigkeit, seinem Gott eine Gabe (durch die Hand des tötenden Satans) darzubringen, erweitern.

Ein wirklich tief religiös motivierter Attentäter wird sogar durch eine reflexartige Ausweitung seiner „Opfergabe“ durch ein entsprechendes „Satanshandeln“ zusätzlich religiös „stimuliert“ werden. (Woher ich das weiss? Ich „spüre“ es, ich würde so reagieren, glaubt es mir.)

Selbst sogar schwachgläubigen Familienangehörigen mag durch „Satans mordende Hand“ eine Aussicht auf Gottes Erbarmen in den Augen einer, sagen wir mal, robusten Religiösitätsverfassung zuwachsen. Für einen schwer bestimmbaren Anteil von Selbstmordsattentatsgeneigten befürchte ich eine Extrastimulation im Resultat einer kollektiven Repressalienpraxis.

Diejenigen Selbstmordsattentatsgeneigten, denen eher am irdischen Weiterleben ihrer Verwandten gelegen ist, werden Wege finden, anonym zu handeln.

„Abschreckung“ wird nicht zustande kommen. Die Anbieter von Selbstmordattentatsleistungen werden sich vielmehr lediglich geschmacklich etwas differenzierter verhalten. Der eine mag seine eigene Sippe schonen wollen, ein anderer sie gerade schädigen wollen, der nächste mag sie auslöschen wollen aus Kummer, Gram oder Eifersucht; ein kapitalkrimineller Dritter mag einen Selbstmordattentäter heuern, um dessen Sippe aus einem mafiösen Antrieb heraus von Israel abstrafen zu lassen.

Wenn ich Saddam wäre, ich würde die Märtyrerwitwen vielleicht etwas diskreter bezahlen; bezahlen lassen würde ich mich von palästinensischen Clans dafür, von einer Rekrutierung von Selbstmordattentätern für die Dauer befriedigender Zahlungseingänge in ihren Reihen freundlicherweise in ihren Reihen abzusehen. Motto „hoffentlich attentatsversichert“ – sonst kommt Satan mit der F 16 von der israelischen Luftwaffe.

  1. Was man als religionskundiger Mensch doch wissen sollte …

Mr. Lewin begeht den wirklich religionsgeschichtlich doch unkundigen Fehler, Selbstmordattentäter für Leute zu halten, denn an einem barocken Martyrerkult gelegen sein müsste. Haben nicht die Christen bewiesen, dass es sich auch in stillster Askese als Märtyrer in Heilserwartung sterben lässt?

Liebe Gläubigen und Glaubensinteressierten, oder was meint ihr, wie (auch) religiös motivierte Selbstmordattentäter „funktionieren“ und wie man sie vielleicht auf andere Gedanken bringen kann? Ohne transzendente Heilserwartung keine (selbst)möderische Diesseitsverachtung! Im Sinne eines cult accountability-claims (unübersetzbar) bitte ich um Auskünfte!

Einen schönen Sonntag wünscht euer ein an dieser Welt auch leidender und manchmal nur mit diesem Jargon fertig werdender

Thomas

P. S. Für die im klassischen Sinne „falsch gestellte Frage“ nach einer Abschreckungsmöglichkeit für Selbstmordattentäter ist mir gestern eine kreative Antwort eingefallen. Auf englisch schon mal nachlesbar unter
http://www.shma.com/phorum//read.php3?num=7&id=439&l…

Hallo Thomas,

zunächst einmal gehe ich davon aus, dass sich in diesem Forum wahrscheinlich niemand finden lässt, der das Abschlachten der Familien von Selbstmordattentäter befürwortet.

Kollektivstrafen werden von Israel schon angewendet. Die Häuser in denen die Familien von Selbstmördern leben werden eingerissen. Nach jeden Attentat eines Palistenensers macht die israelische Armee irgend etwas im palistensichen Gebieten kaputt.
Eine abschreckende Wirkung ist nicht erkennbar.
Rechtmäßig sind diese Repressionen keinenfalls, da es hier um die Bestrafung von Unschuldigen geht. Selbst die Thora/das alte Testament lehnt die Kollektivstrafe ab.

Selbstmord-Attentaten fundieren auf zwei Dingen:

  • Eine felsenfeste Überzeugung mit „höheren“ Werten (Religion, Nationalismus, Politische Überz., usw.)
  • Die Überzeugung das Richtige zu tun

Eine Belohnung nach dem Tod in irgendeinem Paradies ist nicht zwingend notwendig. Im Westen kennen wir auch Selbstmordmissionen, bei denen ein fanatisierter Soldat für Volk und Nation in den Tod geht.

Je tiefer die Überzeugung, desto größer ist die Bereitschaft dafür in den Tod zu gehen.

Ich stimme dir zu, dass die Bereitschaft für Selbstmordattentate steigt, wenn den potentielle Attentätern die anderen Möglichkeiten ausgehen. Das dritte Reich hat seine bemannten Torpedos und das japanische Kaiserreich seine Kamikazeflieger erst dann ausgesendet, als die Niederlage erkennbar wurde.

Meiner Meinung nach gibt es folgende Ansätze gegen Selbstmordattentate:

1.) Ungerechtigkeit bekämpfen und Überheblichkeit abbauen.
Selbstmordattentäter sind der Überzeugung, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Wenn sie ihn elenden Verhältnissen aufgewachsen sind und die Verachtung anderer Kulturen spüren, steigt die Bereitschaft zum Kampf mit jedem Mittel.

2.) Alternativen zu Machtlosigkeit bieten.
Man muss den potentiellen Selbstmordattentäter andere Mittel geben, etwas gegen möglich Ungerechtigkeiten zu tun, z.B. politische Mitbestimmung.

3.) In Fragestellung der Überzeugung.
Wenn man in den Koran oder Bibel reinschaut, wird man keine Aufforderung zum Selbstmordattentat finden. Man muss die Kulturkreise aus denen potentiellen Selbstmordattentäter kommen darüber aufklären, dass ihre Überzeugungen einen Abfall vom „wahren“ Glauben darstellen. Gerade zukünftige Selbstmordattentäter werden nicht zu gründlich in religiösen Fragen geschult.

4.) Beseitigung „höherer“ Werte
Im säkularen Westen ist es durch die größflächige Beseitigung „höherer“ Werte und der Verbreitung des „EGO-Kults“ gelungen, Menschen ranzuziehen, die für Nichts und Niemand in den Tod gehen. Dies ist die effektivste Methode, wenn auch mit einigen Nebenwirkungen.

Letztendlich werden sich immer Kanditaten für einen Selbstmord finden. deswegen wird das Ziel die Reduzierung des gewaltigen Potentials sein, wie es zur Zeit im islamischen Raum vorliegt.

Gruß
Carlos

P. S. Auf
englisch schon mal nachlesbar unter
http://www.shma.com/phorum//read.php3?num=7&id=439&l…

Dein deutscher Text war mir schon ein wenig zu lang. Vielleicht kannst du deine Idee in einem knackigen Dreizeiler zusammenfassen.

Hallo Thomas

Menschen, die gerne ein Selbstmordattentat begehen möchten,
sind Menschen, die gerne einen militärischen Beitrag zum
Fortkommen einer politischen Sache leisten möchten ohne sich
hierzu in der üblichen Weise im Stande zu sehen.

Das glaube ich nicht, die Kritikfähigkeit und Kenntnis ist bei solchen Leuten sicher nicht gefragt, eher im Gegenteil, man wird sie auf Emotionen einschwören, wie bei den Nazis.
Da gehörte die verschworene Gemeinschaft auch dazu, selbst ein Underdog fühlte sich wertvoll und geachtet, so funktioniert das auch bei den Palästinensern.

Unterschiedsloses Töten ist etwas, auf was
Selbstmordattentäter wegen widriger Kräfteverhältnisse
verfallen. „Zu ihren Gunsten ist anzunehmen“, dass hätten ,sie
die Möglichkeit dazu, sie sich viel lieber „heldenhaft“ in
eine wogende Schlacht von edlen Recken werfen würden und sich
dort, im Falle eines Zusammentreffens einer rechtfertigenden
Gelegenheit mit einer gebieterischen Befindlichkeit auf ein
Befestigungswerk zu werfen, wie weiland ein tief verehrter
Preußenfeldwebel bei den dänischen Düppeler Schanzen als es
galt, Holstein dem kommenden Reich hinzuzufügen.

Das halte ich für eine Überschätzung, die meisten der Leute sind Analphabeten, von heldenhafter Schlacht haben die noch nie was gehört, außer durch PLO-Propaganda.
Aber ein Paradies mit allzeit bereiten Jungfrauen ist sicher ein starker Anreiz, jetzt lach nicht, es gibt wirklich Leute, die glauben das.
Uns kommt das befremdlich vor, das Paradies als Luxuspuff, aber bei bei armen und ungebildeten, aber geilen Leuten ist es das Ziel aller Wünsche.

Nach allem, was wir wissen, leben und sterben palästinensische
Selbstmordattentäter in der Erwartung bestimmter persönlicher
göttlicher Belohnungen (was auf mich als Atheisten das ganze
u.a. auch als ein Religionsproblem schlechthin wirken lässt;
Motto: Ohne kalkulierende Nach-Toderwatung keine solche
Lebensverachtung) Was die verbleibenden Verhältnisse auf
dieser Welt betrifft, so leben und sterben palästinensische
Selbstmordattentäter in berechtigter Erwartung posthumer
familiärer, clan- dorf- nationaler und religiöser Ehrungen.

Diese Ruhmeserwartungen gehen mit der recht berechtigten
Aussicht auf erhebliche finanzielle Zuwendungen an die engere
Verwandtschaft aus religiösen und weltlichen arabischen
Quellen einher. 30- 50.000 $ sollen schon drin sein in der
Portokasse von Saddam und anderen.

Das ist ein starkes Argument, damit wird auch die Opferbereitschaft der Attentäter erpresst: Du mußt das für Deine Familie tun!
Ausgesprochen perfide.
Sadaam, wie man ihn kennt.

Liebe Gläubigen und Glaubensinteressierten, oder was meint
ihr, wie (auch) religiös motivierte Selbstmordattentäter
„funktionieren“ und wie man sie vielleicht auf andere Gedanken
bringen kann? Ohne transzendente Heilserwartung keine
(selbst)möderische Diesseitsverachtung! Im Sinne eines cult
accountability-claims (unübersetzbar) bitte ich um Auskünfte!

Eine Patentlösung kann ich nicht anbieten, sicher wäre es sinnvoll, die Millionen, die Arafat bekommt, zu streichen, dafür lieber Schulen und Kindergärten für Palästinenser zu finanzieren.
Bildung macht resistent gegen Ideologie.
Gruß
Rainer

Mal eine ganz andere Frage

Hallo Thomas,

Braucht man denn spezielle Erklärungen für Selbstmorattentate? Auch in Deutschland gibt es jährlich mehrere 1000 Selbstmorde. Bei jungen Männern unter 20 soll Selbstmord die zweithäufigste Todesursache sein. Siehe z.B. http://www.buchegger.de/selbstmord.html

Da stellt sich doch sofort die Frage, ob Selbstmordattentäter mühsam angeworben und überzeugt werden müssen, oder ob die potenziellen Selbstmörder nur in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Selbstmorde von Idolen und Jugendvorbildern spielen auch in unserer Kultur eine Rolle und führen zu Nachahmern. Geplante „Amokläufe“ (ich weiß, ein Widerspruch in sich) haben wir auch schon ab und an gehabt, d.h., auch das Bestreben, möglichst viele Unbeteiligte mitzunehmen ist leider nicht so ganz außergewöhnlich.

Ich frage mich also zunehmend, ob komplizierte Erklärungsmodelle überhaupt notwendig sind. Vielelicht ist es viel einfacher. Einige Geistliche oder politische Führer predigen Heldentum und Märtyrertum und die Jugendlichen, die für Suizid sowieso empfänglich sind, springen auf den Zug auf und haben so sogar noch eine angesehene Möglichkeit dazu.

viele Grüße, Stefanie

Hi Stefanie

Braucht man denn spezielle Erklärungen für Selbstmorattentate?
Auch in Deutschland gibt es jährlich mehrere 1000 Selbstmorde.
Bei jungen Männern unter 20 soll Selbstmord die zweithäufigste
Todesursache sein. Siehe z.B.
http://www.buchegger.de/selbstmord.html

na ja… ist doch logisch.
Die infektionskrankheiten kannst Vergessen, Kindersterbichkeit ist minimal, Alterserkrankungen haben die noch nicht…
was bleibt ist Selbsttötung und Unfall als die häufigsten Todesursachen.

Die Absolute Zahl der Selbsttötungen nimmt aber mit steigendem Alter ZU… nur nehmen die anderen Todesursachen eben noch schneller zu.

Da stellt sich doch sofort die Frage, ob Selbstmordattentäter
mühsam angeworben und überzeugt werden müssen, oder ob die
potenziellen Selbstmörder nur in eine bestimmte Richtung
gelenkt werden.

Das kommt nun auf das Motiv des Selbstmörders an.
Es dürften nur wenige bereit sein, andere, Unschuldige und Unbekannte mit in den Tod zu nehmen.

Von den vielen tausend Selbstmorden sind wohl nur eine minimale Anzahl zum „Amoklauf“ und dem „erweiterten Selbstmord“ zu rechen, wobei der erweiterte Selbstmord hauptsächlich nahe Angehörige berifft.

Sowohl bei einem Amoklauf als auch bei einem erweiterten selbstmord muß von einer mehr oder weniger schweren Persönlichkeitsstörung ausgegangen werden.
Dies scheint beim typischen Selbstmordattentäter nicht in dem Sinne der Fall zu sein.

Ein ganz intressanter Artikel zum Thema:
http://www.presse.uni-augsburg.de/unipress/up199802/…

Die „Selbstmordattentäter“ begehen nicht in erster Linie Selbstmord… Sie sterben für ein höheres Ziel als Helden…
Es gibt nun mal Leute, die dafür sehr empfänglich sind… die in einer subjektiv aussichtslosen Situation bereit sind, sich für die Anderen zu opfern… (Deshalb werden einige Tapferkeitsblechauszeichnungen auch posthum verliehen…)

Mit der „richtigen“ Indoktrination sind sie dann dafür auch bereit.
Erleichtert wird das natürlich durch beschissene und perspektivlose Lebensverhältnisse. Man wird zwar Terroristen auch in einer Wohlstandsgesellschaft haben, aber sie bekommen nicht den Zulauf und vor allem nicht die Symphatien weiterer Teile der Bevölkerung.

Gruß
Mike

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Hallo Stefanie,

Braucht man denn spezielle Erklärungen für Selbstmorattentate?
Auch in Deutschland gibt es jährlich mehrere 1000 Selbstmorde.

Nun ja, im Nahostkonflikt scheinen ja Selbstmordattentate das Ihrige dazu beizutragen, den Konflikt weiter zu zu vertiefen.
Insofern gibt es einen speziellen Grund, sich etwas einfallen zu lassen, wie die betreffenden „Gefährdeten“ davon abgebracht werden können. Und zwar etwas, was möglichst nicht seinerseits den Konflikt nach weiter befeuern würde.

Da stellt sich doch sofort die Frage, ob Selbstmordattentäter
mühsam angeworben und überzeugt werden müssen, oder ob die
potenziellen Selbstmörder nur in eine bestimmte Richtung
gelenkt werden.

Das wäre wohl mal durchzurechnen. Nur, ich meine ein wichtiger Unterschied ist doch, dass sich „normalerweise“ die Betreffenden ohne weitere Fremdgefährdung umbringen und nur manche eine „persönliche Rechnung“ amokmässig begleichen wollen.

auch das Bestreben, möglichst
viele Unbeteiligte mitzunehmen ist leider nicht so ganz
außergewöhnlich.

Während doch das makabere in Nahost ist, dass es nicht ganz unwichtig ist, in welcher Weise die Opfer unbeteiligt sind. Wenn Lehrer umgebracht werden, redet man hinter mehr oder weniger über Bildungspolitik, was ja nicht schlecht ist, sondern nur einen besseren Anlass bräuchte. Wenn aber eine ganze „Jugendsuizidgeneration“ gegen einen äußeren Feind zum Einsatz gebracht werden kann (und darüber hinaus natürlich auch noch viele speziell konfliktmässig Motivierte) dann vertieft das einen Konflikt, der sowieso schon die halbe Welt verrückt macht.

Ich frage mich also zunehmend, ob komplizierte
Erklärungsmodelle überhaupt notwendig sind. Vielelicht ist es
viel einfacher.

„Die Gründe“ sich in die Luft zu sprengen, mögen banal sein, (Siehe Bericht im neuen Spiegel) aber wie bringt man die Leute davon ab? (ohne selbst noch Öl ins Feuer zu giessen) Nur diese Frage soll die „Kompliziertheit“ meiner und anderer Überlegungen rechtfertigen.

Einige Geistliche oder politische Führer
predigen Heldentum und Märtyrertum und die Jugendlichen, die
für Suizid sowieso empfänglich sind, springen auf den Zug auf
und haben so sogar noch eine angesehene Möglichkeit dazu.

Und wie bringt man sie davon ab, auch wenn sie verzeifelt sind, auch wenn sie sterben wollen, auch wenn sie töten wollen?

In meinem englischen Text schlage ich vor, für diese Leute moderne Gladiatorenduelle zu erfinden und sie zu Kämpfen auf Leben und Tod nach Regeln und ohen Gefährdung Unbeteiligter einzuladen. Dort könnten sie töten und sterben (mit geht es wirklich um die, die aus Verzweiflung nichts anderes mehr wollen!) aber mit Freiwilligen von der anderen Seite und nicht mit wahllosen Opfern, deren Tod zu solchen Ideen führt, wie dem Grenzzaun oder der repressalienmässigen „Liquidierung“ von Familienangehörigen. Mir geht es noch nicht einmal um die Senkung der Selbstmordquote, mit geht es darum, wie eine Konfliktspirale ausgehebelt werden kann. Schon Dutzende von Verhandlungsanläufen sich an einzelnen neuen Attentaten gescheitert (bzw. deren Scheitern wurde aufgrund einees neuen Attentats erklärt)

Ich suche nach einer Alternative zum „politisch verheerenden“ Selbstmord, nach einer Möglichkeit zu einem „politsch unschädlichen“ Selbstmord. zugegeben, ein nicht alltäglicher gedanklicher Ansatz, so wie es sowie schon so kaum alltäglich ist, über Alternativen nachzudenken.

Es ist kommunikationstechnisch bemerkenswert, dass dieses spezielle Anliegen bisher kaum verstanden worden ist. Mal sehen, vielleicht folge ich der Empfehlung eines Schreibers, das ganze mal in einem knackigen Dreizeiler zusammenzufassen.

Gruß
Thomas

Hallo Thomas,

In meinem englischen Text schlage ich vor, für diese Leute
moderne Gladiatorenduelle zu erfinden und sie zu Kämpfen auf
Leben und Tod nach Regeln und ohen Gefährdung Unbeteiligter
einzuladen. … Mir geht es noch nicht einmal um die
Senkung der Selbstmordquote, mit geht es darum, wie eine
Konfliktspirale ausgehebelt werden kann. Schon Dutzende von
Verhandlungsanläufen sich an einzelnen neuen Attentaten
gescheitert.

Ich glaube, dass dieser Ansatz nichts bringt. Das Ziel von Selbstmordattentätern ist der Kampf für eine „gerechte“ Sache. Die Terroranschläge im Nahen Osten haben unter anderem den Sinn den Gegner durch Terror zu zermürben. Der Selbstmordattentäter differenziert hier nicht sonderlich zwischen Militärs, Sicherheitskräften und Zivilbevölkerung. Das gesamte Volk ist der Feind.
Die Führungskräfte werden sich nicht auf Gladiatorenspiele einlassen. Sie bringen ihnen keinen politischen Vorteil. Im Gegenteil, die Eskalierung, bzw. die Weiterführung des Kampfes ist gewünscht, bis man sein politisches oder weltanschaulisches Ziel erreicht hat.
Alle Menschen wollen Frieden,… aber manche nur zu ihren Bedingungen.

Ich suche nach einer Alternative zum „politisch verheerenden“
Selbstmord, nach einer Möglichkeit zu einem „politsch
unschädlichen“ Selbstmord. zugegeben, ein nicht alltäglicher
gedanklicher Ansatz, so wie es sowie schon so kaum alltäglich
ist, über Alternativen nachzudenken.

Nochmals, das Ziel der Selbstmordattentäter ist nicht der Tod, sondern der Kampf für ihren „hehren“ Ziele. Es gibt Alternativen:

  • politische Mitbestimmung
  • materieller und sozialer Wohlstand (Menschen mit Familie, Haus, und gutbezahlten Job neigen weniger zum Selbstmordattentat)
  • Bildung
  • Propagierung andere Wertesysteme
  • Stärkung des Selbsbewustseins
  • ein Klima, in dem radikale Gruppierungen kein Zulauf haben
  • usw.

Es ist kommunikationstechnisch bemerkenswert, dass dieses
spezielle Anliegen bisher kaum verstanden worden ist. Mal
sehen, vielleicht folge ich der Empfehlung eines Schreibers,
das ganze mal in einem knackigen Dreizeiler zusammenzufassen.

Dein erster Artikel war etwas langatmig und ein wenig kompliziert geschrieben. Je einfacher und kürzer du schreibst, desto besser wirst du verstanden. (das mit dem Dreizeiler war ich)

Gruß
Carlos

Hallo Carlos,

In meinem englischen Text schlage ich vor, für diese Leute
moderne Gladiatorenduelle zu erfinden und sie zu Kämpfen auf
Leben und Tod nach Regeln und ohen Gefährdung Unbeteiligter
einzuladen.

Ich glaube, dass dieser Ansatz nichts bringt. Das Ziel von
Selbstmordattentätern ist der Kampf für eine „gerechte“ Sache.

Ja, zu Satz zwei. Und zwar unter der Bedingung auch subjektiv erkannter militärischer Ohnmacht.

Die Terroranschläge im Nahen Osten haben unter anderem den
Sinn den Gegner durch Terror zu zermürben.

Diesen „Sinn“ kann man seiner Wirkung analytitsch, und d.h. auch „im nachhinein“ zuerkennen. Zermürbung als subjektive Handlungsabsicht dagegen, finde ich so „unmärtyrerhaft“, dass ein besseres Angebot Aussicht auf Erfolg haben könnte.

Der Selbstmordattentäter differenziert hier nicht sonderlich
zwischen Militärs, Sicherheitskräften und Zivilbevölkerung.

De facto nicht. Die Frage ist, ob er es nicht tun würde, wenn er es könnte. Wie gasagt: Die „normale Idee“ wäre, Krieg zu führen; das geht nicht, wegen der Kräfteverhältnisse. Daher Plan B: „sacrifice“ bombing, Selbstmordbomben.

Das gesamte Volk ist der Feind.

Der Hass mag dem ganzen Feindvolk gelten. Die Frage ist, ob daraus auch ein Wunsch nach Beibringung „unterschiedsloser Verluste“ beim Feind als „bestmöglicher Wunsch“ auch dann Bestand hat, wenn zu etwas „ehrenvollerem“ eingeladen, bzw. besser „herausgefordert“ wird.

Die Führungskräfte werden sich nicht auf Gladiatorenspiele
einlassen. Sie bringen ihnen keinen politischen Vorteil.

Vollkommen deiner Meinung.

Im Gegenteil, die Eskalierung, bzw. die Weiterführung des
Kampfes ist gewünscht, bis man sein politisches oder
weltanschaulisches Ziel erreicht hat.

Absolut richtig beobachtet. Die Führungskräfte wollen einfach nur weiter die Oberzampanos von Dauerverlierern bleiben. Aber die Leute, die sich in die Luft sprengen wollen, wollen etwas tun. Und zu deren Projekt sollen die Gladiatorenspiele eine weniger destruktiv katastrophale Alternative sein, die gleichwohl ihrem Bedürfnis nachkommt, das zu tun, was sie tun wollen und das allerdings „ehrenhafter“.

Alle Menschen wollen Frieden,… aber manche nur zu ihren
Bedingungen.

Im Prinzip ja. Manche finden allerdings noch nicht einmal zu einem Willen zum Freiden, sondern wollen nur töten und sterben; und selbst darin macht es noch einen Unterschied (für den Gesamtkonflikt) auf welcher „Angebotsgrundlage“ sie ihre Wahl treffen.

Ich suche nach einer Alternative zum „politisch verheerenden“
Selbstmord, nach einer Möglichkeit zu einem „politsch
unschädlichen“ Selbstmord. zugegeben, ein nicht alltäglicher
gedanklicher Ansatz, so wie es sowie schon so kaum alltäglich
ist, über Alternativen nachzudenken.

Nochmals, das Ziel der Selbstmordattentäter ist nicht der Tod,
sondern der Kampf für ihren „hehren“ Ziele.

Kampf unter dem Eindruck militärischer Aussichtslosigkeit. Der eigene Tod bekommt dabei einen (religiös aufgeladenen) Opferrang. Nicht er, der eigene Tod ist „der Preis“ sondern der kümmerliche Heldenhaftigkeitswert der Opfer (gerade für die Augen Gottes, dem das Ganze ja gefallen soll) ist das, was in Kauf genommen wird. Das eigene Leben wird „gerne gegeben“. (Bzw. das lässt sich von aussen trotztechnisch kaum in Frage stellen); während ich bei der „achievement-quality“ der „Märtyrer“ einen Ansatzpunkt sehe.

Es gibt Alternativen:

  • politische Mitbestimmung
  • materieller und sozialer Wohlstand (Menschen mit Familie,
    Haus, und gutbezahlten Job neigen weniger zum
    Selbstmordattentat)
  • Bildung
  • Propagierung andere Wertesysteme
  • Stärkung des Selbsbewustseins
  • ein Klima, in dem radikale Gruppierungen kein Zulauf haben
  • usw.

Völlig d’accord. Bleiben nur zwei Probleme. Alles was du aufzählst, braucht etwas mehr Zeit, als sie zur Lösung des Problems der Selbstmordbomber verfügbar ist. Denn umgekehrt, solange für dieses Problem keine lösung in Sicht ist, bleibt auch der Rest blockiert.

Es ist kommunikationstechnisch bemerkenswert, dass dieses
spezielle Anliegen bisher kaum verstanden worden ist. Mal
sehen, vielleicht folge ich der Empfehlung eines Schreibers,
das ganze mal in einem knackigen Dreizeiler zusammenzufassen.

Dein erster Artikel war etwas langatmig und ein wenig
kompliziert geschrieben. Je einfacher und kürzer du schreibst,
desto besser wirst du verstanden. (das mit dem Dreizeiler war
ich)

Bin auf dem Wege der Besserung (hoffe ich).

Gruß
Thomas

Hallo Thomas,

ich bin wieder da.

Bleiben nur zwei Probleme. Alles was du
aufzählst, braucht etwas mehr Zeit, als sie zur Lösung des
Problems der Selbstmordbomber verfügbar ist. Denn umgekehrt,
solange für dieses Problem keine lösung in Sicht ist, bleibt
auch der Rest blockiert.

Eine schnelle politisch-soziale gibt es nicht. Dazu gibt es zu viele gegensätzliche Interessen und zu wenig Kompromissbereitschaft.
Für deinen Vorschlag mit den Gladiatorenkämpfen sehe ich auch keine Realisierungsmöglichkeit. Und ich denke, er geht am Kern des Problems vorbei.

Es gibt sicherlich einen Haufen erfolgversprechender Ansätze. Das Problem ist aber, das es hier um Politik geht. Eine riesige Zahl von Gruppierungen versucht ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die israelische und palistinensische Bevölkerung sind keine geschlossenen Blöcke mit einheitlichen Interessen. Deswegen laufen alle Reformänderungen im Schneckentempo.
Sowas kann man sich auch in der deutschen Innenpolitik ansehen, z.B. die Gesundheitspolitik. Wo viele gegensätzliche Interessengruppen mitmischen gibt es keinen großen revolutionären Lössungen, sondern nur Klein-Klein und faule Kompromisse.

Um auf das Thema Religion zurückzukommen. Das Nah-Ost-Problem wird eines Tages gelöst werden. Aber dies wird durch die Errichtung des Reich Gottes hier auf der Erde erfolgen

Dein erster Artikel war etwas langatmig und ein wenig
kompliziert geschrieben. Je einfacher und kürzer du schreibst,
desto besser wirst du verstanden.

Bin auf dem Wege der Besserung (hoffe ich).

Denke ich auch :wink:

Gruß
Carlos

Druckebenen Werteinversion Aktionsebenenkonsistez
Man sollte die hierfür nötigen Randbedingungen und Faktoren mal technisch modellieren.

Fast immer wird ein geringes Selbstwertgefühl des lebenden Attentäters eine entscheidende Rolle spielen. Gerade dies wird ja gerade durch religiösen Gemeinschaftskult mit Kollektivismusdrill ja auch immer wieder gefördert, um große und sehr spezifizierte Kräfte zu mobilisieren, wozu sich sonst keiner durchringen würde.

Auch gibt es immer wiede Wertesysteme und sozialordnungen, wo wie in einer Blase etwas willkürlich und mit wenig weiterreichender Konsistenz sehr starke und oft wenig kontrollierbare Gewaltpotenzialverzerrungen wie auch Staus von Missständen vorkommen, so dass der Wunsch wächst, diese möglichst wirkungsvoll und weitgehend platzen zu lassen.

Die Attentäter sind meist auch in vieler Hinsicht geistig verarmt und höchst inkompetent, allein für sich etwas aus ihrem Leben zu machen, besonders bei ausgeprägten Teufelskreisen der Verdammung, wo jemand, der aus gewissen Rastern fällt, auch nur noch sehr unfaire marginale Chancen hat, wieder an Wert zu gewinnen. So wird der Drang groß, die Bedeutung anderer Konsistenzebenen zu intensivieren.

Dies ist in der Regel schwierig, da die eingefahrenen Mechanismen gerade hier eine Ausflucht auf zuverlässige Weise verbauen. Aber ähnlich wie bei technischen Neuerungen gelingt es auch hier immer wieder, eine Lücke zu finden, ein System nachhaltig aus dem Gleichgewicht zu bringen, es zu deformieren oder gar aus den Angeln zu heben.

Die Aspekte und Überlegungen sind hier oft sehr in ihrer Relevanz nur zerstreut oder es gibt Mechanismen der Diversion, die sicherstellen, dass sich zu einer Spannung keine scharf brechende Gegenmacht formiert. So ist es auch üblich, dass die meisten Attentate als Kurzschlusshandlung nur mit viel Leid verpuffen bis hin zu einer verbreiteten Kultur des Martyrertums, wenn soziale Destruktionskräfte sich in solchen Teufelskreisen kanalisieren. Nur in wenigen Fällen wird dabei ein Volltreffer gelingen, so dass auch die Lösung eines Problems damit nachhaltig vorangebracht werden kann.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist dabei die Tendenz, zu versuchen, über abgestumpfte ineffektive Strukturen hinweg durch konzentrierte forcierte Kräfte einen entscheidenden Impuls zu setzen. Wenn etwa jemand jede soziale Kreditwürdigkeit verloren hat und sich nur noch als Tier seiner Peiniger und Schlächter fühlt, könnte dies einem letzten Schnappen nach konstruktiver Rehabilitierung gleichkommen, auch wenn dieses verzweifelte Versuchen, einen fahrenden Zug aufzuhalten, fast immer so plump ist wie der Zug selbst mit nur sehr unkalkulierbaren Streuwirkungen und chaotischem Selbstkontrollverlust.

Ich hoffe, dass diese knapp ausgeführten Überlegungen etwas zum Verständnis des Attentatswesens beitragen.

Gruß
Gerald