Hi Matze,
da ich selbst „Betroffene“ (was für ein Wort!) bin, erlaube ich mir, Dir meine Ansicht über die von dir beschriebene Situation zu beschreiben:
Der Artikel hat glaube ich primär weniger mit der Sucht an
sich zu tun;
das möchte ich bezweifeln… siehe weiter unten
deswegen stelle ich ihn mal hier rein. Ich bin
ziemlich überfordert was das Thema angeht, und da ich hier
schon sehr viel kompetente Hilfe bekommen habe, schildere ich
mal das Problem eines guten Freundes von mir.
Der „Kenner“ argwöhnt natürlich sofort: ist es vielleicht Dein Problem?
Ich hatte gerade ein Gespräch mit meinem Kumpel denen ich nun
seit Jahren kenne. Er hat mit mir das kiffen angefangen als
wir ungefähr 14 Jahre alt waren. Ich habe es nun mittlerweile
aufgehört, nur bei Ihm ist das Aufhören noch nicht wirklich in
Sicht. Wir hatten zwischendurch ein Jahr keinen Kontakt und in
dieser Zeit hat er angefangen extrem zu kiffen.
Spätestens hier, nachdem die „Experimentierphase“, die ich für „normal“ halte, wohl vergangen und so etwas wie „Normalität“ im Sinne zwingender Gewohnheit eintritt, würde ich von Sucht sprechen.
Er raucht nun
mittlerweile seit ca 2-3 Jahren *täglich einiges* an Zeug weg.
Dosissteigerung gehört zu jedweder Sucht, ob Alk, Shit, Heroin, Kokain
Da ich auch zwischendurch meine Ansichten über das kiffen
geändert habe, habe ich ihm auch schon öfters meine eindeutige
Meinung dazu geäussert.
Dann hast DU etwas gelernt…
Nun hatten wir dieses Gespräch:
Er wolle aufhören nur könne er es nicht [ihm fehlt die
Überzeugung]. Er sei dankbar für die aussergewöhnlichen klaren
Moment des kiffens: Er sehe die ‚Zusammenhänge‘ klarer.
Das ist der Trugschluss, dem jeder Süchtige als Erklärungsmuster verfällt…
Zudem
meinte er sei schizophren geworden [verwechselte das wohl mit
einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung];
In den 70er Jahren war es „schick“, „schiz“ zu sein. Das war Protest gegen die Normen, der Wunsch, außergewöhnlich zu sein - wenn auch um den Preis der Selbstzerstörung…
es ist halt so:
(was auch seine Freundin bestätigte) er sei ein komplett
anderer Mensch, wenn er bekifft sei,
Das bewirkt der Einfluss der Droge…
ja, er sei nicht-bekifft sogar ein richtiger Arsch.
Damit legitimiert er seinen Konsum. Nach dem Motto: „klar“/„clean“ bin ich ein Arsch, dann habt doch bitte Verständnis dafür, dass ich rauche, um ein „angenehmer“ Mensch, also kein Arsch zu sein…
Er meinte auch weiterhin, er
beobachte sein Leben, er schaue einfach zu (so als 3. Person
ungefähr).
Das muss er auch, schließlich ist er nicht mehr „bei sich“
Er schafft den Absprung nicht, da er vom ‚normalen‘
Leben förmlich angewidert ist.
Muss er ja auch, denn ein Kiffer, der „voll drauf“ ist, kann ja auch im „normalen“ Leben nicht mehr bestehen, also muss er sich abgenzen, um wenigstens vor sich zu bestehen…
Er ist im normalen Ungang mit Menschen ziemlich oberflächlich,
Weil er ja selbst nichts mehr zu bieten hat…
verurteilt gern Menschen zu unrecht.
Weil er sich „erheben“ muss, um noch den letzten Rest an selbst definierter Selbstachtung zu bewahren…
Ich habe ihm gesagt er solle doch versuchen mit dem Kiffen
aufzuhören; das normale Leben hätte ja auch was zu bieten.
Was schlägst Du ihm denn vor? s. unten
Ich
muss aber dazusagen das ich ihm da nicht gerade das beste
Beispiel bin (worüber er auch etwas witzelt, er fragt mich oft
was ich in letzter Zeit denn so gemacht hätte, wo ich meistens
dann doch etwas ‚sprachlos‘ bin).
Genau das ist es ja, Sinn und Inhalte sind subjektiv. Was Dein Inhalt ist muss noch lange nicht sein Inhalt sein, deshalb ist es müßig, darüber zu debattieren.
Ich versuchte zu argumentieren das andere Menschen auch ihren
Spass hätten; er könne doch zum Beispiel anfangen Sport zu
treiben oder Bücher zu lesen.
Habe noch nie einen Bekifften beim Joggen gesehen. Das sind zwei möglche Beispiele aus einem nüchternen Leben, ja, aber es gibt doch noch sehr viel mehr, das es zu Entdecken gilt…
Das lehnte er aber mehr oder
weniger ab. Kiffen sei nunmal sein Alltag
Das reicht ja auch. Mit Kiffen ist man (wie mit jeder anderen Sucht auch) rund um die Uhr beschäftigt, warum dann noch Bücher lesen oder Sport treiben???
- und man muss auch
zugeben er schafft es seine Pflichten zu erledigen.
Auch das ist ein keineswegs abwegiges Symptom der Sucht. Süchtige Menschen haben oft ein überproportional ausgeprägtes Kontrollbedürfnis (aus gutem Grund: nicht aufzufallen).
Ich meinte
auch, wenn er denke er sei schizophren
Ich behaupte (auch wenn Ferndiagnosen per w-w-w absolut indiskutabel sind): er ist nicht schizophren…
wäre es wahrscheinlich
das Beste zum Psychologen zu gehen; vielleicht Therapie
Erst einmal clean werden, dann weitersehen…
oder
Medikamente -
so weit ich weiss, gibt es bei Kiffern keinen medikamentösen Entzug - aber da bin ich nicht kompetent
Was der Psychologe da schon machen könne??
S.o.: bevor er nicht clean ist, kann kein Psychologe, kein Therapeut irgend etwas erreichen…
dann stünde er doch nur wieder am Anfang.
Das ist seine Chance: Am Anfang stehen, neu beginnen, den ganzen alten Müll abladen, grausame Leere empfinden und die Anstrengung, diese Leere füllen zu müssen, durchzustehen.
Das Problem ist auch noch das wir nun ziemlich getrennte Wege
gehen
Er hat ein Problem, Du hast damit primär nichts zu tun…
im Zuge der ‚weiteren persönlichen Lebensplanung‘ (er
macht ne Ausbildung ein paar hundert Kilometer weit weg). Wir
sehen uns auch zu selten,
Er ist doch nur ein „guter Freund“? (siehe meine Anfangsbemerkung)
als das ich ihm irgendwie effektiv
den ‚Rücken stärken‘ könnte.
„Ansprechbarkeit“ ist doch heute auch über weite Entfernungen möglich (Tel./SMS/E-Mails)
Ich glaube er ist ziemlich
depressiv geworden.
Folge der Sucht
Seine Beziehungen sind nicht die
stabilsten.
Folge der Sucht
Er stürzt sich sehr in seine Arbeit.
Ablenkung in Folge der Sucht
Er hatte
seiner Meinung nach auch kein zu tolles Leben bisher,
kommt immer gut für die Rechtfertigung
es muss vielleicht auch etwas geben das er verschweigt (meiner Meinung
nach).
Möglich, aber nicht zwingend. Es gibt Menschen mit schweren Schicksalsschlägen, Traumata etc. und die werden trotzdem nicht süchtig…
Er ist normalerweise auch sehr introvertiert,
Drogen sind immerhin den Versuch wert, „aus sich raus“ zu kommen…
versucht seinen Kopf durchzusetzen;
Rechtfertigung in Folge der Sucht
das er so offen mit mir gesprochen hat ist
nochmal ein Punkt ist, der mich nachdenklich stimmt (Sorgen
macht); das tut er normalerweise nie.
DAS ist der erste positive Ansatzpunkt. Er merkt, dass er nicht mehr weiter kommt, er merkt, dass er was ändern muss, hier beginnt der Genesungsprozess…
Das Kiffen scheint
glaube ich nur die Spitze des Eisbergs zu sein.
Symptom vielleicht, aber im Falle von Sucht gilt es, zunächst die Symptome abzuschaffen, um dann mit klarem Kopf den Dingen des Herzens auf den Grund zu gehen.
Er hat auch zugegeben das er kifft, um der Wirklichkeit zu
‚entfliehen‘.
Ja, was sonst, weiter oben klang das noch ganz anders, weniger einsichtig…
Das es nichts ‚bringt‘ sagt er ja selbst.
Dto.: immerhin ein Ansatz
Er ist einfach nur gelangweilt.
Kein Wunder. Der Kick hält nicht ewig vor, auch Dosissteigerung bringt auf Dauer nichts. Neue Werte gibt es unter Einfluss der Droge irgendwann nicht mehr zu entdecken. Die eigentlichen Werte (wieder) zu finden ist Schwerstarbeit (s.o.).
Er hat auch gemerkt das man sich auf
Kiffer"freunde" nicht verlassen kann.
Das ist „normal“. Die haben doch auch keine Werte mehr. Warum sollte man sie einhalten, verteidigen?
Ich stelle mir nur die Frage (auch für mich selber) wie man
aus so einer Situation - dieses ‚gelangweilt sein‘ - wieder
herauskommt.
Aussteigen aus der Sucht.
Für mich selber habe ich die Antwort gefunden
(Faq Stichwort: soziale Kompetenz); also: andere Menschen (ist
aber auch nicht so leicht). Ich weiss aber nicht wie ich es
ihm näher bringen könnte, da er doch ziemlich dogmatisch ist.
Er ist „sucht-dogmatisch“, zur Selbstverteidigung, wenn er dann ein paar Monate clean ist, wird sich ein neuer Dogmatismus entwickeln, der ist aber relativierbar…
Ich brauche Hilfe für ihn (und ein bisschen wohl auch für
mich)
Wie eingangs gesagt, ich bin etwas misstrauisch, was den „guten Freund“ betrifft. Aber wie dem auch sei, es geht mich nichts an, ich beschreibe nur meine Sicht der Dinge - und das aus gutem Grund…
Nur Mut zur Veränderung,
Anja